The Little Things

DER TÖDLICHE EIFER

7,5/10


the-little-things© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. / Nicola Goode


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JOHN LEE HANCOCK

CAST: DENZEL WASHINGTON, RAMI MALEK, JARED LETO, SOFIA VASSILIEVA, NATALIE MORALES, MICHAEL HYATT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Auf die kleinen Dinge kommt es an, auf die kleinen Dinge. Denzel Washington als schwerfälliger und desillusionierter Deputy Deke Craven wird nicht müde, diesen Umstand immer wieder zu betonen. Er weiß, wovon er spricht, er war mal Ermittler, so wie jetzt eben der geschniegelte Jung-Detective Baxter, gespielt von Ex-Freddy Mercury Rami Malek, der sich angesichts seiner Verantwortung noch nicht wirklich sicher im Sattel fühlt. Da kommt es wie gerufen, dass der andere, der längst erfahrene alte Knacker, bei einem Mordfall, der nach der Aufklärung eines lange gesuchten Serienkillers schreit, beratend zur Seite stehen könnte. Natürlich inoffiziell, denn Craven ist nur noch Botenjunge, der Beweisstücke von A nach B bringen soll. Dieser Mordfall allerdings – der hat auch was mit Cravens Vergangenheit zu tun. Und das nicht wenig. So nimmt sich der existenzmüde Beamte Urlaub, um nach eigenem Gutdünken vielleicht etwas aufzuklären, dass seit damals wie ein Mühlrad um seinen Hals hängt.

Serienkillerfilme gibt es viele. Auch so schön düster, depressiv und defätistisch wie dieser. Doch Regisseur und Drehbuchautor John Lee Hancock, der diesen seinen Film auch selbst geschrieben hat und mit Saving Mr. Banks schon so das richtige Gespür für Zwischenmenschliches mit sich bringt, bläst hier nicht zwingend ermittlerische Trübsal. Hancock will ein bisschen etwas anderes. Und genau dieses bisschen andere macht The Little Things zu etwas mehr oder weniger Besonderem. Weil es auf die kleinen Dinge ankommt, auf die kleinen Dinge. Unübersehbar aber ist hier natürlich der prominente Cast, dessen eingangs erwähntes Duo noch durch die bizarre Präsenz von Jared Leto ergänzt wird, der einen schwer verdächtigen Handwerker mimt, der verdammt noch mal so aussieht, als könnte er jedes Verbrechen begehen. Und irgendwie, wie es scheint, mit den vergangenen und gegenwärtigen Todesfällen in Verbindung steht. Die drei sind die Eckpunkte einer unheilvollen Dreiecksgeschichte aus Verdacht, Wahrheit und einer übergroßen Portion an selbstvergessenem Eifer. Dieser Eifer, diese verbissene Entschlossenheit, diese verstörende Beharrlichkeit, ist oft natürlich lobenswert – wer hätte nicht gern so einen langen Atem für sein Herzensprojekt. Doch irgendwann ist das Maß voll, und dann läuft es über. Und so bescheren sich Washington, Malek und Leto einen Reigen aus Aktion und Reaktion, der am eigentlichen Ziel weit vorbeitanzt.

Wer Denzel Washington kennt, weiß, dass er als gebeutelter und von seinen Geistern verfolgter Grübler einfach eine verdammt gute, wenn auch vom Schicksal gekrümmte Figur macht. Das ist expressives Schauspielkino, so wie Jared Letos mit Herzblut gemimte, gleichsam finstere wie kecke Figur, die in ihrem Erscheinungsbild einem offenen Buch gleich das potenzielle Verbrechen wie einen Bauchladen vor sich herträgt. Trotz dieser pessimistischen Färbung bleibt The Little Things nicht ortientierungslos in nihilistischem Blues hängen, sondern plant eben jene von Hancock gesetzte Wendung ein, die den ruhig erzählten, in sich gekehrten Film letzten Endes von Genrevorbildern unterscheidet. Relevant ist dann nicht mehr das Verbrechen, sondern der verhängnisvolle Eifer, was auch immer aufzuklären.

The Little Things

Memories of Murder

JAGD AUF EINEN UNSICHTBAREN

8/10

 

memories-of-a-murder© 2003 WVG Medien GmbH

 

LAND: SÜDKOREA 2003

REGIE: BONG JOON-HO

CAST: SONG KANG-HO, KIM SANG-KYUNG, HIE-BONG BYEON, JAE-HO SONG U. A. 

LÄNGE: 2 STD 10 MIN

 

Was genau haben all die uns bekannten und so verehrten Meister des Filmschaffens eigentlich so berühmt gemacht? Steven Spielberg, Roman Polanski, Jean Pierre Jeunet oder Quentin Tarantino – sie alle konnten mit ihren ersten Arbeiten ihr außerordentliches Talent unter Beweis stellen, ihren Stil aus der Taufe heben oder zeigen, in welchen Kategorien sie bestimmt keinen Meister mehr bräuchten. Eines dieser sogenannten Lehrstücke oder Anfangswerke hat auch Oscarpreisträger Bong Joon-Ho vorzuweisen. Ein Werk, schon 17 Jahre alt, erstaunt mit einer narrativen Selbstsicherheit, hinter der ein wahres Naturtalent stecken muss. Ich bin sogar versucht zu sagen, dass das Kriminaldrama Memories of Murder zu den besten Arbeiten zählt, die der Koreaner jemals aufs Kinopublikum losgelassen hat. Dabei ist mein persönlicher Favorit immer noch die postapokalyptische Parabel Snowpiercer, unmittelbar gefolgt von einem Film, der stark an das Vokabular eines David Fincher erinnert, insbesondere an dessen True Crime Drama Zodiac.

Auch Memories of Murder beruht vage auf wahren Begebenheiten, oder sagen wir: hat sich davon inspirieren lassen. Schauplatz ist natürlich Korea, allerdings das Korea der 80er Jahre, das noch unter der Fuchtel des Militärs stand. Ein Frauenmörder treibt zu dieser Zeit sein Unwesen. Und zwar einer, der nirgendwo Spuren hinterlässt, der aber anscheinend immer zu einer bestimmten Wetterlage seine Verbrechen verübt. Darauf angesetzt werden ein Kommissar und seine Entourage, wobei diese alles andere als geeignet dafür scheint, gewissenhaft und fokussiert der Sache nachzugehen. Prestige unter den Kollegen ist immer noch oberstes Gebot. Der Fall will gelöst werden, unter welchen Voraussetzungen auch immer. Da kann es durchaus sein, dass so manch Unschuldiger, der sich nicht wehren kann, zum Handkuss kommen könnte.

Und genau hier schafft das koreanische Kino wieder mal etwas, was selbiges aus anderen Ländern sonst nicht kann – oder auch nicht will, weil die Gefahr vielleicht zu groß wäre, durch konterkarierende Elemente und Stimmungen den eigenen Film zu verhauen: es ist die Sache mit der selbstironischen Überzeichnung. Memories of Murder nährt mitunter den Eindruck, in einer genrebezogenen Parodie zu stecken, die mit grotesken Charakterstudien nur so um sich wirft. Kenner des österreichischen Kottan-Fernsehkults werden sich vielleicht manchmal daran erinnert fühlen, allerdings: sobald sich auch nur die geringste stilistische Tendenz für diesen Film manifestieren will, ist der Eindruck auch schon wieder weg. Joon-Ho kontert mit melodramatischen, teils epischen Versatzstücken. Lässt die Kriminaltragödie wie Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder wirken. Lässt seine imperfekten Figuren in ihrer Verantwortung straucheln wie in Dürrenmatts Krimiszenarien. Dazwischen das in fast schon abstrakten Details eingefangene Verbrechen, wie Panels einer Graphic Novel. Dieser Mix ist aber kein Potpourri roter Fäden, sondern ein wohlkomponiertes Stück großes Krimikino, das berührt, irritiert und sich selbst nicht immer ernst nimmt. Sowas kann leicht in die Hose gehen, sowas kann geschmacklos und fahrig sein. Nicht in Memories of Murder: hier ist die Psyche der Ermittelnden genauso relevant wie die Psyche des Mordenden, hier findet die Ohnmacht vor etwas Unberechenbarem seine Bühne für irrationales Verhalten. Dieses Versagen einer Mission – ob resignativ, schadenfroh oder einfach nur melancholisch traurig – so dermaßen facettenreich herauszuarbeiten, ist beeindruckende Filmkunst, auch wenn man fernab jeglicher Genugtuung ratlos zurückbleibt.

Memories of Murder