Mag Mag (2025)

BITTE NICHT KÜSSEN!

8/10


Mag Mag macht sich bemerkbar bei jenen, in die sie verliebt ist.
© 2026 Slash Filmfestival


ORIGINALTITEL: MAGA MAGA ONNA

LAND / JAHR: JAPAN 2025

REGIE: YURIYAN RETRIEVER

DREHBUCH: EISUKE NAITO

KAMERA: HIDEKI SHIMA

CAST: SARA MINAMI, OSHIRO MAEDEA, AOI YAMADA, ATSUKO HIRAT, TAKUMI SAITO, MARINA MIZUSHIMA U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Wie heißt es so schön beim Slash? Let’s watch some pretty fucked up movies together. Bevor in drei Wochen die Viennale mit durchwegs intellektuellem, aber weniger fantastischem Arthouse die Säle füllen wird, darf beim nicht weniger intellektuellen, aber dafür doppelt rotzfrechen Stelldichein des fantastischen Films noch so richtig der eine oder andere drogenfreie, aber nicht symptomlose Trip genossen werden. Einer davon ist im japanischen Kino zu finden. Zur Freude all jener, die dieses Jahr als ein solches feiern, in dem das Genrekino so richtig aufdreht.

Die neuen Wilden

Will man jetzt schon einen Rückblick auf dieses Jahr wagen, dann stechen zwei Innovationen hervor, die als inspirierende Querschläger gar nicht mal aus der Filmwissenschaft kommen, sondern ihren Ursprung in den sozialen Medien haben. Dort, wo überhaupt alles erlaubt ist, wo die Grauzone groß und wo neben all dem, was uns an diesem Medium nervt, obskure Ideen blitzen. Wie zum Beispiel jene von einer Meta-Welt aus gelben Räumen, kurz genannt Backrooms. Kane Parsons hat sie vor Jahren als Creepypasta ins Leben gerufen. Und dann haben wir noch Curry Barker, einen YouTube-Filmer, der mit Obsession wie kaum ein anderer davor warnt, nicht jede Beziehungskiste gleich zu öffnen, wenn es darin rumpelt.

Eine ganz andere Wilde

Wer sich zu diesen beiden noch dazugesellen könnte, ist Yuriyan Retriever. Hierzulande wohl weniger bekannt, reüssiert sie in Japan als bekannte Comedian, die nebenher noch singt und Hip-Hop macht. Als Einstimmung auf ihren ersten abendfüllenden Spielfilm lässt ihre Videobotschaft in Sachen Absurdität kaum zu wünschen übrig. Das kann ja heiter werden – und wird es auch.

Mag Mag ist zwar immer noch im Grunde seines Wesens ein Beitrag zum J-Horror, der sich mit Ring oder The Grudge durchaus verwandt fühlt, der aber relativ früh ausschert und seine eigenen Wege geht. Vielleicht auch in Richtung Curry Barker. Yuriyan Retriever und Autorin Eisuke Naito variieren das Thema aber so sehr, dass man es gleichsetzen könnte mit einem Puzzle, dessen Katzenmotiv so sehr anders zusammengesetzt wird, dass dem Betrachter ein felliges, freakiges Etwas entgegenschnurrt. In diesem Fall ein überdimensional großer, weiblicher Geist, gekleidet in rosaroten Rüschen, mit strähnigem schwarzem Haar (was denn sonst), roten Lippen und diese stets zu einem Kussmund geschürzt, denn Mag Mag, so der Name der paranormalen Entität, ist verliebt.

Dämon, ich hör dich schmatzen

Ist Mag Mag einmal verliebt, gibt’s kein Entrinnen mehr. Dabei ist verliebt geradezu ein schwaches Adjektiv. Mag Mag ist besessen – womit wir die größte Umkehr im Geisterhorror haben, die es gibt. Dass Geister selbst von etwas besessen sind, ist neu. Obsessionen ziehen sich durch Retrievers ganze Wundertüte, die nicht nur einmal aufpoppt und kunterbunt-grausamen Inhalt über ihr Publikum schüttet. In der Wundertüte steckt nämlich noch eine Wundertüte, und immer wieder.

In diesem nach Blickwinkeln unterteilten Panoptikum ungehemmter Impuls-Ideen erschrickt man von neuem nicht wegen platter Jumpscare-Momente, sondern aufgrund nicht für möglich gehaltener Möglichkeiten, wie diese Groteske noch ausgehen kann.

Der Horror der Ablehnung

Wie in Barkers Obsession handelt Retrievers kleiner Wahnsinn genau davon – und von noch viel mehr. Hinzu kommen Neid, Missgunst und der hier schmerzlich vorgetragene psychologische Terror der böswilligen Ausgrenzung. Dabei hat Retriever auch mit Schauspielerin Sara Minami eine Drama-Queen an Bord, die Inde Navarette zeigt, wie besessen man auch ohne Zauber sein kann. Sara Minami aber ist nicht Mag Mag – wenn es denn so einfach wäre!

Begebenheiten, bei denen Retriever aus eigenen Erfahrungen schöpfen konnte und bei denen auch das Verhalten junger, geschlechtsreifer Machos und Egomanen autobiografisch gefärbt ist, dienen als Inspiration. Mit diesen Erkenntnissen lässt sich rundumschlagen.

In the Mood for Love and Hate

Und Mag Mag tut es auch. Verstört, führt vor, verschreckt und holt sich ihre Lacher. Vieles ist so absurd, dass man währenddessen nicht glauben kann, dass das alles in Wahrheit einem roten, durchdachten Faden folgt. Einer berührenden, metaphysischen Parabel über Verantwortung, Illusion und Wahrheiten, die wir alle zu bestimmten Dingen im Leben oft nicht wissen wollen.

So entfesselt Mag Mag auch ist, und so oft die Horrorkomödie ihren Gemütszustand wechselt wie Figuren im Spiel sind, so sehr hat sie ein Ziel vor Augen. Am Ende wird es dann fast schon märchenhaft, weniger spottend, richtig schön. Mag Mag ist ein ungefälliges Erlebnis, das man mag oder eben nicht. Egal wie man dazu steht, eines ist klar: Mag Mag traut sich was.

Mag Mag (2025)

Good Boys

DIE NEUGIER AUF DEN ERSTEN KUSS 

5/10


goodboys© 2019 Universal Pictures International Germany GmbH


LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: GENE STUPNITSKY

CAST: JACOB TREMBLAY, KEITH L. WILLIAMS, BRADY NOON, MOLLY GORDON, MIDORI FRANCIS, MILLIE DAVIS, WILL FORTE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Gebt den Kindern das Kommando – zumindest für einen Tag. Länger hält das sowieso keiner aus. Vor allem nicht mit Jungs, die gerade mal das präpubertäre Alter erreicht haben und sowas von überhaupt keine Ahnung haben, was a) in ihnen vorgeht, b) welch seltsame fleischliche Neugier plötzlich an die Tür klopft und c) wohin dieses junge Leben eigentlich führen soll. Zumindest mal in Richtung eines Kusses. Ganz so, wie sich der smarte Junge Max (Jacob Trambley, virtuos in Raum) das vorstellt, der dank einer bestandenen Bier-Challenge (ein Schluck ist mehr als genug!) zu einer Party geladen wird, die lippentechnische Annäherungen verspricht. Mit im Schlepptau: natürlich seine besten Buddies Thor und Lucas. Der eine ein Riese von einem Burschen, mit ausgeprägtem Sinn für Regeln. Der andere liebäugelt mehr mit den feinen Künsten, wie zum Beispiel dem Singen. Gar nicht so leicht, dazu zu stehen. Was aber geht, ist, sich mal ein Bild davon zu machen, was Küssen überhaupt sein soll. Ein Schultag ist leicht geschwänzt, also machen sich die drei einen Tag lang auf die Suche nach den schönen und mitunter auch berauschenden Dinge des Lebens.

Der Reiz dieser quirligen Dreikäsehoch-Odyssee liegt in den drei grundverschiedenen Charakteren. Liegt auch im liebevoll detaillierten Defizit des Erwachsenenwortschatzes, im Missverstehen einiger Begriffe und in der Sicht auf Dinge, die Erwachsene (hoffentlich) hinter verschlossenen Schlafzimmertüren tun. Die Eltern werden hier zu frivolen Betthasen, die von übelriechenden Analperlen bis hin zum ledernen Zipp-Gesicht für SM-Intermezzi nichts anderes im Sinn haben. Für die Jungs um die 12 ist das alles seltsames Neuland. Sexualität ist natürlich ein aus biologischer Sicht bereits verstandener Umstand, darüber hinaus allerdings ist die Zeit klarerweise noch nicht reif – von Angebern, die das blaue vom Himmel lügen, mal abgesehen.

Schimpfwörter fallen so einige, geschmacklose Zoten gibt’s natürlich auch, und wen wundert’s, wenn in den Credits Seth Rogen als Produzent auftaucht.  Es waren so Serien wie Wunderbare Jahre, die genau diese körperliche wie seelische Umbruchszeit so zugänglich einfangen konnten. Da braucht es den ganzen, auf dem Wohnzimmertisch ausgegelegten Sexshop nicht, der die staunenden Burschen zum frivolen Dingsda nötigt. Der Reiz liegt also mehr in den stillen Momenten, in der verspielten und blauäugigen Wahrnehmung der Jungs, die aber viel zu selten ihr Potenzial ausspielen können. Stattdessen dominiert eine recht derbe Hysterie zwischen überzeichnetem Slapstick und verzuckertem Erlebnisstress, der die drei zugegeben sympathischen Sechstklässler wohl nächtelang nicht schlafen lassen wird. Das strengt nicht nur die etwas an, sondern auch mich.

Das Abenteuer Sex & Drugs ist als Jugendfilm doch eher für Erwachsene mit Kindern in entsprechendem Alter, die sich spätabends mal Zeit nehmen, in einem Film wie diesen den Erziehungsstress etwas abzubauen. Um vielleicht etwas mehr herauszufinden, was in Jungs diesen Alters eigentlich vorgeht, so kurz vor der Pubertät. Als Beitrag für einen gemeinsamen Filmabend mit dem Nachwuchs taugt Good Boys allerdings reichlich wenig, da muss die Voraussetzung eines recht liberalen Umgangs mit solch pikanten Themen schon gegeben sein. Aber welcher 12jährige will das schon? Es ist das Alter, wo Geheimnisse wie diese einem selbst gehören.

Good Boys