Hysteria (2025)

DIE EITELKEIT DER PROVOKATION

7/10


Devrim Lingnau im Psychothriller Hysteria
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: MEHMET AKIF BÜYÜKATALAY

KAMERA: CHRISTIAN KOCHMANN

CAST: DEVRIM LINGNAU, MEHDI MESKAR, SERKAN KAYA, NICOLETTE KREBITZ, AZIZ ÇAPKURT, NAZMI KIRIK U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Filmemachen ist so eine Sache. Sie steht und fällt mit dem nötigen Kleingeld. Subventioniert wird, was gesellschaftlich Relevantes zu sagen hat. Für die Allgemeinheit muss dabei zumindest ein gewisser edukativer Effekt entstehen, den sich die Gesellschaft von morgen vielleicht mitnehmen kann, um daraus zu lernen. In Deutschland gibt es da den immanenten krankhaften Umstand der gelebten Fremdenfeindlichkeit. Bestes und erschütterndes Beispiel dafür: Der Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Solingen Anfang der Neunziger. Der türkischstämmige Filmemacher Yigit hat da eine Idee, die ihm mehr einbringt als nur Betroffenheit, sondern vielleicht auch einen handfesten Skandal, der ihm jene Aufmerksamkeit bescheren soll, die jeder noch so ehrgeizige Filmschaffende gerne für sich beanspruchen würde. In diesem film soll nicht nur eine Wohnung brennen, sondern auch gewisse Objekte, die sich im Inneren befinden. Wie zum Beispiel die Heilige Schrift des Islam – den Koran.

Es brennen die Gemüter

So ein Buch zu verbrennen verstört all jene Komparsen, die für diese Szene engagiert und selbst von einem Flüchtlingsheim weg gecastet wurden. Diese Provokation will keiner der Muslime, die ihre Religion nicht mehr wertgeschätzt, sondern gelästert sehen, auf sich beruhen lassen, also legen sie Beschwerde ein. Mittendrin in diesem bewusst gesetzten Fauxpas: Regieassistentin Elif (Devrim Lingnau, Die Kaiserin), die in der Wohnung des Regisseurs übernachtet und beiläufig Zeugin einer Intrige wird, die vielleicht mehr ist als das: Eine Verschwörung, die womöglich eine ganz andere Ursache birgt als nur den Willen zur Provokation. Vielleicht ist es etwas ganz Banales und gar nicht mal der Idealismus eines Künstlers, der seine Botschaft nicht verwässern, sondern für Aufsehen sorgen will. Vielleicht aber ist Eilif selbst nur der fremdgesteuerte Teil einer Machenschaft, von der keiner weiß, welche Kreise sie ziehen wird.

Effekthascherei in der Filmbranche

Zumindest sollte sich niemand dazu verleiten lassen, hysterisch zu werden. Ein schwieriges Unterfangen, angesichts der Pikanterie der Umstände. Autorenfilmer und Filmproduzent Mehmet Akif Büyükatalay machte letztjährig mit diesem seinem ersten abendfüllenden Spielfilm auf der Berlinale auf sich aufmerksam – und bewies mit Hysteria ein Händchen für intellektuellen, szenenweise geradezu spukhaften Suspense, der sich aber nicht seiner eigenen Effektivität hingibt, sondern trotz der mysteriösen Umstände einen Tacheles redenden Diskurs sucht, der die Sinnhaftigkeiten künstlerischer Provokationen in Frage stellt, die außer des zu erwartenden Effekts keinerlei inhaltlichen Mehrwert bieten. Meist geht das Hand in Hand mit eitler Egozentrik und dem arroganten Empfinden, über allem zu stehen.

Zwischen Hitchcock und ethischem Konflikt

So einfach macht es Hysteria aber niemanden, schließlich handelt es sich hierbei um ein zwar nüchtern gefilmtes, aber irrlichterndes Bedrohungsszenario, in dessen undurchdringlichem Indiziennebel keiner mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann – schon gar nicht Protagonistin Lingnau, aus deren Sicht de Film sich darstellt. Sie ist wie eine in einem zeitrelevanten Hitchcock-Vexierspiel verhedderte Doris Day, die mit aller Kraft den offenen Dialog sucht, in einer von Impulsivität und Kränkung durchsetzten Gesellschaft – fast schon ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Misstrauen geht nie mehr ganz weg

Hysteria zeigt einem einerseits die kalte Schulter und gib sich unversöhnlich, andererseits brummt unter dieser Oberfläche ein Vulkan, der verheerendes anrichten kann. Unterschwellig, subversiv und Indizien legend, bleibt einem letztlich nichts anders übrig, als überhaupt keine Meinung zu haben, weil sich keine finden lässt. Hysteria strebt keine Lösung an, sondern lässt nur die Zerfahrenheit einer Situation bestaunen, die in einem unvermeidlichen Crescendo ihr Ventil findet, um all den aufgestauten Emotionen eines Landes den Druck zu nehmen.

Hysteria (2025)

How to Make a Killing (2024)

FARGO IM WEIHNACHTSPULLI

6/10


© 2025 Gaumont


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: FRANCK DUBOSC

DREHBUCH: FRANCK DUBOSC, SARAH KAMINSKY

KAMERA: LUDOVIC COLBEAU-JUSTIN, DOMINIQUE FAUSSET

CAST: FRANCK DUBOSC, LAURE CALAMY, BENOÎT POELVOORDE, JOSÉPHINE DE MEAUX, MEHDI MESKAR, KIM HIGELIN, TIMÉO MAHAUT, EMMANUELLE DEVOS, ANNE LE NY, LOUKA MELIAVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Ruhe, bitte!

Wieder einmal kam ich in den zweifelhaften Genuss einer Kinovorstellung, die durch einen weiteren Gast so konsequent gestört wurde, dass es letztlich unmöglich war, in How to Make a Killing auch emotional einzutauchen. Wie man also jemanden umbringt, war mir letzten Endes klar – mitgerissen hat mich die schwarze Thrillerkomödie aber leider kein bisschen. Das wäre anders gewesen, wäre die schwer alkoholisierte oder aber auch mit andren Substanzen zugedröhnte Dame hinter mir, die irgendwann dann doch noch den Saal verließ auf Bitten ihrer Begleitung, nicht wiedergekommen. In solchen Momenten wünscht man sich vom Kinosaal ins Heimkino – oder aber sein Geld zurück.

Ein Bärendienst fürs Weihnachtsgeld

Wie dem auch sei – und ja, ich habe versucht, den permanenten Off-Kommentar aus dem Publikum auszublenden: Mit diesem französischen Knaller könnte man sogar von einem Weihnachtsfilm der anderen Art sprechen, abseits von RomCom, Kitsch und Weihnachtsmann. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend wird die die tief verschneite Landstraße zum Laufsteg für einen Braunbären, den es, wie mehrmals betont wird, in diesen Breiten ja eigentlich gar nicht geben soll. Doch Meister Petz, der vorher noch eine Truppe Drogenkuriere im unwegsamen Tann verschreckt hat, stellt sich nun dem Auto von Christbaumverkäufer Michel in den Weg. Der weicht aus – und rammt am Straßenrand ein parkendes Auto, was zur Folge hat, dass die Dame im Wagen ungefähr ähnlich lädiert ist wie die Karosserie und sich davon auch nicht mehr erholen wird. Der andere, ihr Partner, fällt vor Schreck ins Gehölz und segnet ebenfalls das Zeitliche. Im Kofferraum der Schrottkarre finden Michel und seine Frau jede Menge Kohle, die sie natürlich einheimsen, braucht das Xmas-Unternehmen doch ohnehin längst eine Finanzspritze. Somit hat die kauzige, liebevolle Kleinfamilie einerseits ein leises schlechtes Gewissen, andererseits ein nettes Weihnachtsgeld und es ist ja nicht so, dass die beiden Leichen so ganz plötzlich verschwinden müssen. Sie werden verlagert, an einen ganz anderen Ort – womit die Karten neu gemischt werden.

Groteske ohne viel Charakter

Franck Dubosc (Die Rumba-Therapie, Liebe bringt alles ins Rollen) hat sich von der französischen Romantikkomödie zwischenzeitlich verabschiedet und, wie es scheint, dem großen Vorbild der Coen-Brüder, nämlich Fargo, nachgeeifert. So staubtrocken und subversiv ist How To Make a Killing allerdings nicht geworden, denn schließlich lässt es sich drehen und wenden wie man will, den französischen Stil zwischen Chanson-Charme und kecker Louis de Funes-Komödie wird man in diesen Breiten einfach nicht los. Passt das denn überhaupt so zusammen, wenn der Tod auf skurrile Weise seinen Tribut fordert und das organisierte Verbrechen auch noch im wahrsten Sinne des Wortes hereinschneit, um Chaos zu stiften? Vielleicht mag das die Krux gewesen sein, die dazu geführt hat, dass das Duo Franck Dubosc und Laure Calamy (Julie – Eine Frau gibt nicht auf) als pseudokriminelle Improvisateure nicht so recht überzeugen. Einzig Benoît Poelvoorde, der schon in Quentin Dupieux surrealer Krimisatire Die Wache als Polizeiermittler glänzen konnte, trifft mit seinem Gespür für Situationskomik so ziemlich ins Schwarze. Und zugegeben: die verbalen Verwechslungen und schrägen Interpretationen zünden tatsächlich. Gerade der Wortwitz hat so seine Momente, wohingegen der wohldosiert blutige Kriminalreigen zu gefällig und boulevardesk wirkt, um anders oder gar besser zu sein als andere Komödien dieser Art. Franzosen können vieles: Tragikomödien, Krimikomödien, Krimis ohne Komödie und selten auch Horror. Den lakonischen Dorfthriller im bizarren Weihnachtspulli-Look, das bekommen sie dann doch nicht so hin. Was hauptsächlich an den austauschbaren Charakteren liegt, die viel lieber Beziehungen erörtern als die Frage, wohin mit dem nächsten Toten.

Fürs Ende macht die Dame hinter mir endlich wieder den Abgang, in den letzten Minuten finde ich mich also wieder rein in dieses französische Winterwonderland mit Blut an der Baggerschaufel und denke darüber nach, das Ganze vielleicht nochmal im Heimkino nachzuholen. Während einer stillen Nacht.

How to Make a Killing (2024)