Ready or Not

BRAUT UND SPIELE

7/10

 

readyornot© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: TYLER GILLETT, MATT BETTINELLI-OLPIN

CAST: SAMARA WEAVING, ADAM BRODY, HENRY CZERNY, ANDIE MCDOWELL, MARK O´BRIEN U. A. 

 

Komm lieber Mai und mache – der Monat der Vermählungen ist da! Im Mai besiegeln verliebte Paare gerne die Zweisamkeit vor Gott und Gemeinde, doch den Paaren sei ans Herz gelegt: mit der Partnerin oder dem Partner heiratet man die Verwandtschaft auch gleich mit. Die sind ungefähr so wie das Kleingedruckte bei einem Mobilfunkvertrag, die sippenhaftenden AGB sind mit dabei, aber so genau will man’s eh nicht wissen, denn die heiligen Zeiten, an denen man zusammentrifft, die sind verkraftbar. Ein genaueres Auge aufs Gegenüber des Sprösslings werfen die Schwiegereltern, daher zeigt man sich von seiner besten Seite und macht mal bei jedem Blödsinn mit, auch wenn man ihn nicht für sinnvoll erachtet. In Ready Or Not will zumindest mal die Dame nicht der Spielverderber sein. Nachher aber bitte Flitterwochen, und zwar nur zu zweit. Falsch gedacht, aus dem Spiel wird ernst. Zumindest für manche. Andere, die haben nach wie vor Spaß dran, denn es geht darum, die Braut zu finden und um die Ecke zu bringen. Search and Destroy, wie es so schön heißt. Was zur Hölle ist mit dieser Sippschaft nur los? Die werden doch wohl nicht mit Mr. Livingstone aus Jumanji abstammen, der in Joe Johnstons Original genauso Jagd auf Zweibeiner macht wie es hier die ganze Familie tut – bewaffnet mit altertümlichem Killergerät von Armbrust bis Henkersbeil. Wenn die Braut also bis Sonnenaufgang überlebt, hat sie gewonnen. Nur – sie darf das aus keinen Umständen. Warum, bleibt hier ein Geheimnis.

Das alte, holzgetäfelte, mit Antiquitäten vollgestopfte Gemäuer ist ein wunderbarer Schauplatz für einen blutigen Krimi wie diesen. Erinnert ein bisschen an Knives Out, und könnte somit auch das Ambiente für einen Agatha Christie-Krimi sein. Ein bisschen so wie ihr Werk Und dann gabs keines mehr, nur dass hier alles am Kopf steht. Eine ernste Angelegenheit ist Ready or Not zum Glück nicht. Diesen Umstand verschuldet großteils eine umwerfende Samara Weaving – als die Braut, die ums Überleben kämpft, lädt sie ihr Publikum ein zum Mitfiebern, und keine Sekunde lang würde man wollen, dass dem unschuldig zum Handkuss gekommenen Freiwild etwas zustößt. Die Braut, die hat die Pole Position. Und alle anderen sind fast schon übliche Verdächtige, die auf eine gewisse Weise auch nur Opfer sind, in einer verfahrenen, äußerst pikanten Situation, die höheren Mächten unterliegt. Wer kein Blut sehen kann, muss des Öfteren – und am Ende sehr oft – kurz mal wegsehen. Kreativ gestorben wird obendrein, allerdings ist das Ganze sehr überzeichnet und amüsiert sich über ein gewisses erbschaftssteuerfreies Establishment, dass seine Langeweile mit prestigeträchtigen Sinnlosigkeiten verplempert, wie zum Beispiel die Jagd auf Großwild, um nicht in Verruf zu geraten. Der Großpapa hat´s vorgemacht. Das obligate Foto mit erlegtem Wild ist da nicht weit.

Solche Menschenjagden hat das Kino prinzipiell schon des Öfteren gesehen. Und auch demnächst soll der ungesichtete Vorab-Skandalfilm The Hunt auch zum On-Demand-Abrufen sein. Van Damme oder Ice-T sind bereits vor einer ähnlichen The Rich Kill-Gesellschaft geflohen, dieses Machtspiel zwischen den Klassen bringt jetzt nicht erst seit Parasite auch Familien an den Rand ihrer althergebrachten Existenz. Ready or Not kokettiert verhalten mit alten Mythen, mit dem gesellschaftlichem Horror freundlich erzwungener Zerstreuungsabende auf dem Spielbrett, trägt natürlich immens dick auf und ist wenig zimperlich, taugt aber für eine perfid-spannende Scherzpartie, die an ausklingenden Polterabenden auf der Fernsehcouch des Trauzeugen vielleicht ein bisschen sauer aufstoßen könnte.

Ready or Not

Hard Powder

RACHE, AM BESTEN KALT SERVIERT

3/10

 

HARD POWDER© 2019 Constantin Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, NORWEGEN, USA, KANADA 2019

REGIE: HANS PETTER MOLAND

CAST: LIAM NEESON, LAURA DERN, TOM BATEMAN, TOM JACKSON U. A.

 

Winter is coming. Zumindest in Hans Petter Molards Zweitverfilmung eines Thrillers, der im Original Kraftidioten heißt und mit Stellan Skarsgard damals einen Schauspieler gefunden hat, der in scheinbar stoischer Wut Rache übt. Einer nach dem anderen, so in der deutschsprachigen Übersetzung, ist ein Film nicht zwingend für kalte Wintertage. Vielleicht sogar mehr für den Sommer, um sich zumindest filmtechnisch abzukühlen. Was da an Schneemassen gepflügt werden, geht auf keine Skipiste. Gut, dass es eben Männer wie Filmvater Nils gibt, der sich durch die Unpassierbarkeiten des hohen Nordens kämpft. Und der von einem Tag auf den anderen seinen ermordeten Sohn beerdigen muss, der wiederum von Handlangern eines Drogenkartells aufgeknüpft wurde. Wer diese Killer waren, und was das Ganze mit dem toten Filius zu tun hat, das sind Fragen, die Nils nicht lösen kann. Also plant er den Suizid – bis sich fünf vor zwölf das Schicksal plötzlich wendet. Und der trauernde Papa zu den Waffen greifen kann.

Diese skandinavische Krimifarce konnte 2014 sogar noch den großen Bruno Ganz dafür gewinnen. Ein grimmiger Auszählreim voller Sarkasmus, ein blutiger Reigen sich aneinanderreihender Todesfälle, die allesamt nicht zufällig passieren, sondern im Strudel einer Vergeltungsspirale nach dem Domino-Prinzip einfach passieren. Keine Ahnung allerdings, warum Hans Petter Moland 5 Jahre später seinen recht gelungenen Film nochmal verfilmen muss. Womöglich, weil Übersee vom Original wenig weiß. Filme aus Europa sind dort nicht so der Bringer. Nicht, weil sie vielleicht nicht gerne gesehen werden wollen, sondern weil dort keiner Untertitel mag. Synchro-Studios gibt es auch keine, auf die Idee würde die USA niemals kommen, Fremdfilme zu übersetzen. Das britische Kino hat es da besser, die knapp 7000km Luftlinie über den Atlantik fällt da kaum ins Gewicht. Englisch ist Englisch, das wird in einen Topf geworfen. Das ist schon ein gewisser Kulturpatriotismus, eine Arroganz gegenüber einer vielfältigen Filmwelt, die mehr zu bieten hat als gewohnten Lokalkolorit. Die einzige Lösung: Zweitfilme. Mit selbem Inhalt, aber mit anderen Schauspielern, und an anderem Ort. Vorzugsweise gleich in Amerika. Und in amerikanischem Englisch. Weil um den Plot, um den ist es viel zu schade, war doch der Film hierzulande ein Erfolg.

Cold Pursuit heißt also die Kopie, und aus völlig unerfindlichen Gründen musste der Titel hierzulande in Hard Powder umgetextet werden. Wie jetzt? Vom Englischen ins Englische? Das ergibt keinen Sinn. Von solchen fragwürdigen Beispielen gibt es einige. ich sage nur: 96 Hours statt Taken. Womit wir schon bei Liam Neeson wären. Der kämpft sich in diesem Convenience-Aufguss mehr schlecht als recht, und vor allem schauspielerisch, durch eine scheinbar unüberwindbare Witterung. Neeson hat schon genug Rache geübt, das sieht man ihm an. So, wie er sich hier bis in die Chefetage durchmordet, hätte das Steven Seagal auch getan. So weit sind wir also schon gekommen. Schauspielerischen Ehrgeiz gibt es hier keinen mehr. Verheizt wird aber nicht nur Neeson, auch Laura Dern weiß in keiner Szene, was sie in diesem Film eigentlich macht – und zieht recht früh von dannen. Überzeugt also schon nicht das Staraufgebot in diesem Film, bleibt der Rest auch hinter den Erwartungen zurück. Hard Powder ist ein liebloses Thrillervehikel, fahrig inszeniert, grob abgespult, bleibt überhaupt nicht im Fluss. Chancen auf Neuverwertung eines Erfolges lässt man natürlich nicht ungenutzt, schon gar nicht als geschäftstüchtiger Filmemacher wie Molard einer ist. Aber sich selbst zu rebooten, wie es seinerzeit schon Ole Bornedal mit Nachtwache getan hat, um den Erfolg zu vermehren, hat für mich stets den Beigeschmack eines Ausverkaufs. Da ist das skandinavische Kino mit all seinen einzigartigen Ideen quer durch alle Genres ganz vorne mit dabei. Klar, aus diesem kreativen Füllhorn will jeder einen Becher voll. Wobei sich hier die Frage stellt: wer wen dazu genötigt hat, meist dem Original hinterherhinkende Kopien zu erstellen: der Künstler selbst, so wie unlängst Til Schweiger mit Honig im Kopf – oder das Studio? Eigentlich egal, wer Profit riecht und das Geld hat, schafft an.

Hard Powder