Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

VERSCHWURBELTE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART

4/10


Colman Domingo, Emily Blunt und Josh O'Connor in Steven Spielbergs Disclosure Day
© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: STEVEN SPIELBERG

DREHBUCH: DAVID KOEPP (NACH EINER STORY VON STEVEN SPIELBERG)

KAMERA: JANUSZ KAMIŃSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOSH O’CONNOR, COLIN FIRTH, EVE HEWSON, COLMAN DOMINGO, WYATT RUSSELL, HENRY LLOYD-HUGHES, ELIZABETH MARVEL U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Noch weihnachtet es nicht. Noch nicht. In drei Monaten aber beginnt wieder das Keksebacken, zwei Wochen später stehen die auf Nikolo getrimmten Osterhasen wieder im Diskonter, wartend auf rechtzeitige Abnahme. Wer aber jetzt schon in Stimmung kommen will, kann sich an Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit von Steven Spielberg heranwagen. Dort spaziert ein Mädel im Nachthemd, erinnernd an Hans Christian Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern, durch den, wie es sagt, ganz warmen Schnee, begleitet von miserabel animierten Tieren, auf ein von innen heraus leuchtendes Knusperhaus im Walde zu. Wer da nicht bereits an das erste Türchen im Adventkalender denkt, denkt vielleicht darüber nach, im falschen Film zu sitzen.

Tiere sehen dich an

Was einen dazumal wohl kongenialen Filmemacher dazu getrieben hat, neu zusammengewürfelte Bremer Stadtmusikanten aus Hirsch, Fuchs, Waschbär und Rotem Kardinal in seinem brandneuen Alien-Film aufmarschieren zu lassen, als wären sie Outtakes aus der letzten Disney-Realverfilmung, wird genauso ein Rätsel bleiben wie so manches in dieser Variation eines weitaus besseren Werks, das Ende der Siebziger für Furore gesorgt hat – und das zurecht: Die Unheimliche Begegnung der dritten Art, ein Kind seiner Zeit. Atmosphärisch, geheimnisvoll, mitunter spooky. Jene Szenen, in denen Richard Dreyfus ganz verbissen immer wieder diesen Devils Tower aus Wyoming modelliert, der später als Ankunftsstelle weit Gereister herhalten soll – die waren schon großes Kino.

Ein paar Säcke Reis im Kornfeld

Jetzt hat Spielberg aber das Akte X-Fieber gepackt. Er heftet sich „I want to believe“ an die Fahnen, und los geht’s mit den wirklich relevanten Offenbarungen aus den letzten 80 Jahren, gegen die Trumps UFO-Ablenkungsmanöver anmutet wie ein umgefallener Sack Reis. In Spielbergs Erkenntnis-Evangelium spielt natürlich Roswell eine große Rolle, und natürlich auch die Kornkreise, die Spielberg einfach so einstreut, aus Spaß an der Freude oder vielleicht, um M. Night Shyamalan, der mit seiner UFO-Mystery Signs für Unwohlsein gesorgt hat, grüßen zu lassen.

Der UFO-Hype im Smartphone-Test

Erklären kann er dazu nichts. Genau so wenig interessiert ihn, worum es bei den Fremdweltlern wirklich geht, was sie antreibt, was sie erreichen wollen. Gut, das muss man nicht. Alleine die Beweisführung hinsichtlich der Frage , ob wir alleine in diesem Universum sind, sollte reichen, um einen Film daraus zu machen. Die Sache ist: Das hat er schon getan, ich verweise auf das Jahr 1977. Was Spielberg jetzt probiert hat, ist, den Stoff von früher ins Social Media-Zeitalter zu hieven, wo alle Welt nur am Smartphone hängt.

Umso mehr verwundert, dass die visuellen Beweismittel überhaupt irgendjemanden noch vom Hocker reißen, kann doch KI mittlerweile alles simulieren. Beinhalten solche Footages dann auch noch klassische Aliens mit großen Köpfen und obsidianschwarzen Mandelaugen, kostet das die Menschheit einen Lacher. Denn: Auch wenn der Beweis letztlich geliefert wird, dass Außerirdische auf unserem Planeten gelandet sind – keiner wird es glauben.

Perry Rhodan hatte eine ähnliche Idee

Doch Spielberg glaubt fest daran, dass die Menschheit vereint werden kann, wenn eine dritte Macht auftaucht. Das wiederum erinnert mich an die Science-Fiction-Heftreihe Perry Rhodan, die ähnlich beginnt, die sich während des Kalten Krieges abspielt, der bald zum dritten heißen geworden wäre, wäre es da nicht zu einer Begegnung des besagten Weltraumhelden mit der hinter dem Mond lebenden Zivilisation der Arkoniden gekommen.

Tatsächlich folgt Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit einer ähnlichen Prämisse, und es wäre ein recht routinierter Verschwörungs- und Mysterythriller geworden, in der bewährten Optik eines Janusz Kaminski. Um dem entgegenzusteuern, lassen Spielberg und Autor David Koepp (Jurassic Park) den Esoterik-Drachen von der Leine, buttern dort hinein sämtliche Narrative aus der Lebenshilfe-Abteilung vom nächstbesten Buchladen und krönen dieses unausgegorene Konstrukt mit Diskussionsstoff aus der katholischen Jungschar, die nach der Legitimität Gottes fragt, wenn die Menschheit plötzlich nicht mehr dessen krönende Schöpfung bleibt.

Was unterscheidet Telepathie und Empathie?

Man nehme diesen Aspekt, man nehme die Bremer Stadtmusikanten, die Vorweihnachtszeit und Akte X. Man nehme viele schwarze Autos und einige Actionszenen, um das im Kern repetitive Drama rund um einen Whistleblower auch für jene aufzupeppen, die wegen der Action hier sind. Mit all dieser Ambition aber scheint Spielberg mehr als überfordert.

Er schafft es nicht, seine auf mehreren Ebenen abgehende, dem Humanismus und der inneren Resilienz anbiedernde Alien-Wellness halbwegs plausibel zu verankern. Er verwechselt Gedankenlesen mit Empathie und versucht gemeinsam mit Koepp, schnell mal eingestreute Erklärungen zu deponieren, die wie unschlüssige Vermutungen dastehen. Logisches Denken dringt da nicht durch, auch die Tücke des Objekts hält sich fern – ich sage nur: Stromausfall.

Die Wahrheit unter fahlem Deckenlicht

Geglückt sind Spielberg neben seinem Star Colin Firth, der zwischen Pflicht, Sorge und Resignation absolut glaubhaft einen Antagonisten in der Grauzone gibt, die letzten zehn Minuten des Films, wenn der Disclosure Day endlich am Abrisskalender steht. Ungefähr so könnte das Szenario aussehen, wenn in den Nachrichten statt Trump, Hormus, Ukraine und Co plötzlich ein ganz anderer Knüller die Erde stillstehen lässt. Diese Momente sorgen für Gänsehaut – die dann wieder verpufft. Schließlich dürfen wir nie erfahren, was des Aliens Weisheit letzter Schluss ist. Spielberg weiß es womöglich selbst nicht. Colman Domingo meint an einer Stelle: „Irgendwann wird alles klar sein“. Darauf warten wir vergeblich.

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

Eagles of the Republic (2025)

DER PHARAO DARF DIENEN

7/10


Fares Fares im Politthriller Eagles of the Republic von Tarik Saleh© 2025 Yirgit Eken /MFA Film GmbH


LAND / JAHR: SCHWEDEN, FRANKREICH, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: TARIK SALEH

KAMERA: PIERRE AÏM

CAST: FARES FARES, LYNA KHOUDRI, AMR WAKED, ZINEB TRIKI, NAEL, HUSAM CHADAT, SHERWAN HAJI, AHMED KHAIRY, CHERIEN DABIS, DONIA MASSOUD, SUHAIB NASHWAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Man kann einen Schauspieler, einen Star besser gesagt, und zwar von nationalem Weltruhm (wenn das überhaupt geht) nicht einfach so verschwinden lassen, nur weil er nicht mitspielt. Man kann ihn aber so lange würgen, bis er Luft holen muss – und dann atmet er genau das, was die Mächtigen ihm vorgeben, gefälligst zu inhalieren: Den Dunst der Propaganda. Das aber ist nur die eine Seite. Es gibt noch andere, die den Staat Ägypten in Gefahr sehen. Und die alles daransetzen, einen Umsturz zu planen.

Ägypten ist eine Reise wert!

Als Tourist merkt man das alles natürlich nicht, da scheint Ägypten ein fast schon makelloses Land zu sein, mit Ferien-Resorts, Korallenriffen und dem letzten der sieben Weltwunder. Was kann schon schlecht sein an einem Land, das die Pyramiden hat. Und eigentlich aus seiner jahrtausendealten Geschichte längst hätte lernen können, um es hinter dieser Fassade besser zu machen. Doch die Autokratie herrscht auch dort, Präsident Abdel Fattah el-Sisi ist seit 2014 am Steuer, und hat auch nicht vor, die Macht abzugeben.

Nach so einer langen Regierungszeit könnte man ja einen Film in die Kinos bringen, der dessen Werdegang erzählt, selektiv gesehen natürlich und voller Schmeicheleien für einen Mann, der das Volk aber eigentlich an der Kandare nimmt und oppositionelle Stimmen genauso wenig zulässt wie weiter im Nordosten besagter Putin.

Spiel uns den Präsidenten!

George Fahmy, der Star, der irgendwann Luft holen muss, darf also el-Sisi spielen. Obwohl er ihm gar nicht ähnlich sieht. Dort ein gedrungener kleiner Onkel für alle mit freundlichem Blick, hier ein hochgewachsener „Liam Neeson Nordafrikas“ – Fares Fares. Ausgerechnet er, der Medien-Pharao, soll den Chef spielen? Egal, als Star könnte man ihn auch als Eiskönigin besetzen, und die Massen müssen wohl ins Kino strömen, andernfalls ließe sich verweigerndes Verhalten als Widerstand auslegen.

Also macht Fahmy mit, zwängt sich in die khakibraune Uniform, spielt die Revolution nach, wird dabei unentwegt beäugt von el-Sisis Apparatschik. Der mehr Engagement wünscht. Zeitgleich aber sind noch andere Energien am Werk, und so schnell kann Fahmy gar nicht schauen, haben ihn alle Seiten instrumentalisiert, ist er nur noch Marionette, Mittel zum Zweck, eingesponnen wie im Kokon einer Spinne.

Schauplatz einer Trilogie

Tarik Saleh beschließt mit Eagles of the Republic nach Die Nile Hilton Affäre – ein stimmungsmachender, wuchtiger Politthriller – und Die Kairo Verschwörung – ein Studentenkrimi – seine sogenannte Kairo-Trilogie. In jedem dieser Filme ist eine Verschwörung der komplexe Kern, den es freizulegen gilt. Diesmal aber setzt er vermehrt auf Dialog, politische Interessen, die während so manchem Meet and Greet mit der uniformierten Führungsriege geteilt werden – und ergänzend auf eine gefährliche Romanze, die dem leinwandbekannten Schürzenjäger wirklich alles kosten könnte.

Ein austauschbares Szenario

Für einen Old School-Politthriller hat Saleh diesen tatsächlich fein gesponnen – und setzt, um ihn auch wirken zu lassen, politische Vorkenntnisse voraus. Hat man die nicht, könnte es passieren, dass Eagles of the Republic von einem Platzhalter-Regime erzählt, da bis auf den Präsidenten und das Land selbst eine alternative Realität birgt – hat man sich dahingehend aber doch nachgebildet, wähnt man sich auch ohne das Panorama der Pyramiden im wohl beliebtesten nordafrikanischen Land wieder, das mit seinem Antike-Bonus Blicken von außen auf den eigentlich restriktiven Machtapparat die rosarote Brille aufsetzt.

Von Hollywood gelernt

Spannend und auf Zug inszeniert bleibt es bis zum Schluss, und gerade dann wird es richtig dramatisch. Gelernt hat Saleh sicherlich von Genre-Spezialisten wie Alan J. Pakula, Gosta Gavras oder Sydney Pollack. Den Touch of Old Hollywood konvertiert der Filmemacher in den Glamour, den die Kairo-Elite aufwarten kann.

Das mögen zwar Klischees sein und bewusst eingesetzte Versatzstücke, doch den puren, semidokumentarischen Filmrealismus strebt Eagles of the Republic – so wie in den beiden Vorgängerfilme auch – ohnehin nicht an.

Das hier ist Leinwandkino – Autorenkino zwar, aber romantisierend, ohne dabei auf die Kritik an einer Regierung zu verzichten, die mit drastischen Mitteln für Ordnung sorgt. Er kann sich leisten, so auszuteilen, wird ihm doch niemals das passieren, was der Figur von Fares Fares widerfährt. Saleh lebt in Schweden, gedreht wurde in Istanbul.

Eagles of the Republic (2025)

Hysteria (2025)

DIE EITELKEIT DER PROVOKATION

7/10


Devrim Lingnau im Psychothriller Hysteria
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: MEHMET AKIF BÜYÜKATALAY

KAMERA: CHRISTIAN KOCHMANN

CAST: DEVRIM LINGNAU, MEHDI MESKAR, SERKAN KAYA, NICOLETTE KREBITZ, AZIZ ÇAPKURT, NAZMI KIRIK U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Filmemachen ist so eine Sache. Sie steht und fällt mit dem nötigen Kleingeld. Subventioniert wird, was gesellschaftlich Relevantes zu sagen hat. Für die Allgemeinheit muss dabei zumindest ein gewisser edukativer Effekt entstehen, den sich die Gesellschaft von morgen vielleicht mitnehmen kann, um daraus zu lernen. In Deutschland gibt es da den immanenten krankhaften Umstand der gelebten Fremdenfeindlichkeit. Bestes und erschütterndes Beispiel dafür: Der Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Solingen Anfang der Neunziger. Der türkischstämmige Filmemacher Yigit hat da eine Idee, die ihm mehr einbringt als nur Betroffenheit, sondern vielleicht auch einen handfesten Skandal, der ihm jene Aufmerksamkeit bescheren soll, die jeder noch so ehrgeizige Filmschaffende gerne für sich beanspruchen würde. In diesem film soll nicht nur eine Wohnung brennen, sondern auch gewisse Objekte, die sich im Inneren befinden. Wie zum Beispiel die Heilige Schrift des Islam – den Koran.

Es brennen die Gemüter

So ein Buch zu verbrennen verstört all jene Komparsen, die für diese Szene engagiert und selbst von einem Flüchtlingsheim weg gecastet wurden. Diese Provokation will keiner der Muslime, die ihre Religion nicht mehr wertgeschätzt, sondern gelästert sehen, auf sich beruhen lassen, also legen sie Beschwerde ein. Mittendrin in diesem bewusst gesetzten Fauxpas: Regieassistentin Elif (Devrim Lingnau, Die Kaiserin), die in der Wohnung des Regisseurs übernachtet und beiläufig Zeugin einer Intrige wird, die vielleicht mehr ist als das: Eine Verschwörung, die womöglich eine ganz andere Ursache birgt als nur den Willen zur Provokation. Vielleicht ist es etwas ganz Banales und gar nicht mal der Idealismus eines Künstlers, der seine Botschaft nicht verwässern, sondern für Aufsehen sorgen will. Vielleicht aber ist Eilif selbst nur der fremdgesteuerte Teil einer Machenschaft, von der keiner weiß, welche Kreise sie ziehen wird.

Effekthascherei in der Filmbranche

Zumindest sollte sich niemand dazu verleiten lassen, hysterisch zu werden. Ein schwieriges Unterfangen, angesichts der Pikanterie der Umstände. Autorenfilmer und Filmproduzent Mehmet Akif Büyükatalay machte letztjährig mit diesem seinem ersten abendfüllenden Spielfilm auf der Berlinale auf sich aufmerksam – und bewies mit Hysteria ein Händchen für intellektuellen, szenenweise geradezu spukhaften Suspense, der sich aber nicht seiner eigenen Effektivität hingibt, sondern trotz der mysteriösen Umstände einen Tacheles redenden Diskurs sucht, der die Sinnhaftigkeiten künstlerischer Provokationen in Frage stellt, die außer des zu erwartenden Effekts keinerlei inhaltlichen Mehrwert bieten. Meist geht das Hand in Hand mit eitler Egozentrik und dem arroganten Empfinden, über allem zu stehen.

Zwischen Hitchcock und ethischem Konflikt

So einfach macht es Hysteria aber niemanden, schließlich handelt es sich hierbei um ein zwar nüchtern gefilmtes, aber irrlichterndes Bedrohungsszenario, in dessen undurchdringlichem Indiziennebel keiner mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann – schon gar nicht Protagonistin Lingnau, aus deren Sicht de Film sich darstellt. Sie ist wie eine in einem zeitrelevanten Hitchcock-Vexierspiel verhedderte Doris Day, die mit aller Kraft den offenen Dialog sucht, in einer von Impulsivität und Kränkung durchsetzten Gesellschaft – fast schon ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Misstrauen geht nie mehr ganz weg

Hysteria zeigt einem einerseits die kalte Schulter und gib sich unversöhnlich, andererseits brummt unter dieser Oberfläche ein Vulkan, der verheerendes anrichten kann. Unterschwellig, subversiv und Indizien legend, bleibt einem letztlich nichts anders übrig, als überhaupt keine Meinung zu haben, weil sich keine finden lässt. Hysteria strebt keine Lösung an, sondern lässt nur die Zerfahrenheit einer Situation bestaunen, die in einem unvermeidlichen Crescendo ihr Ventil findet, um all den aufgestauten Emotionen eines Landes den Druck zu nehmen.

Hysteria (2025)

Mother’s Baby (2025)

DA IST WAS FAUL IM WINDELSTAAT

7/10


© 2025 Freibeuter Film


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: JOHANNA MODER

DREHBUCH: ARNE KOHLWEYER, JOHANNA MODER

KAMERA: ROBERT OBERRAINER

CAST: MARIE LEUENBERGER, HANS LÖW, CLAES BANG, JULIA FRANZ RICHTER, JUDITH ALTENBERGER, CAROLINE FRANK, NINA FOG, JULIA KOCH, MONA KOSPACH U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Es schreit nicht, es weint nicht, es schläft so still, dass Mutter meinen könnte, der Allmächtige hätte es zu sich genommen: Babys, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Eltern, die, auf das Schlimmste in der frühen Kindschaft vorbereitet, plötzlich völlig entstresst gar eine Verschwörung vermuten. So könnte man Johanne Moders neuen Film synoptisch übers Knie brechen, der sich vom revolutionsmüden Hipster-Parship aus Waren einmal Revoluzzer verabschiedet hat, um mit dem Genrekino anzudocken. Ganz so wie Andreas Prochaska, der diesjährig mit Welcome Home Baby ganz ähnlich, und doch wieder ganz anders, die Themen der Mutterschaft in einen dörflichen Albtraum verpackt. Das österreichische Horrorkino pulsiert mit diesen beiden Filmen durch den Kino-Herbst, wobei Johanna Moder deutlich weniger ihr Heil im Nachinterpretieren bereits etablierter Versatzstücke sucht. Mother’s Baby will sich bewusst nicht zu blankem Horror bekennen – Verdacht, Paranoia und eine postnatal belastete Psyche sind die Hauptingredienzien für einen Suspense voller Indizien, in dem Marie Leuenberger (Verbrannte Erde, und eben auch mit Stiller im Kino) zwischen ratloser Jungmutter und mutiger Hobby-Detektivin in eigener Sache den gesamten Film auf ihren Blickwinkel reduziert. Das macht uns, ob wir wollen oder nicht, zu Verbündeten, und auch wenn wir uns wundern, was Jungmutter Julia alles vermutet – wir können diesem zusammenfabulierten Netz nur schwer entschlüpfen, schon gar nicht, wenn sich die ganze Welt gegen ein einziges Individuum stellt, dem, wie Kassandra aus der Antike, niemand Glauben schenkt. Auszuhalten ist das nicht – dieser Zustand, allein mit der möglichen Wahrheit.

Das Rundum-Sorglos-Baby

Leuenbergers Figur der misstrauischen Mutter ist jedoch keine gebrochene, kümmerliche, vulnerable Seele ohne Resilienz, sondern ihr eigener Fels in der Brandung, wenn schon Gatte Hans Löw nichts von Julias Verdächtigungen wissen will. Diese fußen aber alle auf klar erkennbaren, seltsamen Verhaltensmustern, die Gynäkologe Claes Bang (genial als Dracula in der zweiteiligen Bram Stoker-Interpretation auf Netflix) und Hebamme Gerlinde an den Tag legen. Als Gerlinde ist hier Julia Franz Richter zu sehen, die in Welcome Home Baby ihrerseits eine werdende Mutter verkörpert, die ähnlich wie Mia Farrow in Rosemary’s Baby wie die Jungfrau zum Kind kommt.

Denn zu Beginn, da ist alles noch froher Erwartung, als Dr. Vilfort seiner Patientin verspricht, das es mit dem Mutterglück diesmal auch wirklich klappen wird. Als es dann nach neun Monaten endlich soweit ist, und die Geburt schwieriger wird als gedacht, entschwindet das Baby ganz plötzlich in den Armen des Arztes dem Blickfeld seiner Mutter – bis auf weiteres. Frühgeburt, Atemnot, Sauerstoffgehalt, all das hört Julia sehr viel später als Begründung. Daheim dann sind die Auffälligkeiten, was das Kind selbst betrifft, unübersehbar. Es ist, als würde sich der Spross den Bedürfnissen der Erwachsenen anpassen, wie eingangs erwähnt tut er all das, um den Eltern eben nicht die schwierigste Zeit des Familienlebens zu bescheren – sondern verhält sich unerwartet geräusch- und bedürfnislos. In Julia keimt der Verdacht, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass das Baby vielleicht gar nicht das ihre ist? Die aufdringliche Hebamme und die Sache mit dem Axolotl als ideales Haustier bestärken nur den Horror im Kopf der Mutter, die dann, auf sich allein gestellt, Ermittlungen auf eigene Faust anstellt.

Verdacht alleine hält lange vor

Mother’s Baby ist wohldosierte Mystery, die lange in der Schwebe bleibt, dabei aber nicht schwurbelt oder ich in unheilvollem Indiziensalat verliert wie Andreas Prochaska in seinem Folk-Grusel. Das Unheimliche hier ist wohl eher schleichende Skepsis und Argwohn, Moder spielt mit der Sorge der Vernachlässigung, der Wucht der Verantwortung und der maternalen Identität. Übertragen wird das Ganze aber nicht, so wie in Die My Love probiert und gescheitert, auf die innere Psyche der Mutterfigur, sondern hinterfragt als bröckelnde Rundumwahrnehmung die Sicht auf die Welt und deren Werte nach einem Paradigmenwechsel, den jede werdende Familie erlebt. Moder hätte beim Psycho- und Gesellschaftsdrama bleiben können, doch die Lust am Kleinkind-Horror, den es nicht erst seit Das Omen gibt, ist einfach zu groß, um nicht darin wühlen zu wollen. So bleibt Mother’s Baby stets greifbar und bodenständig, bürdet sich auch nicht zu viel auf, sondern setzt seinen perfiden, leisen Albtraum als zielorientierte Kritik auf eine Optimierungsgesellschaft in Szene, die vor nichts mehr zurückschreckt.

Mother’s Baby (2025)

The Order (2024)

HAKENKREUZE IM BUNDESSTAAT

6/10


© 2024 Vertical Entertainment


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: JUSTIN KURZEL

DREHBUCH: ZACH BAYLIN

CAST: JUDE LAW, NICHOLAS HOULT, JURNEE SMOLLETT, TYE SHERIDAN, MARC MARON, ALISON OLIVER, ODESSA YOUNG, BRADLEY STRYKER, GEORGE TCHORTOV, VICTOR SLEZAK U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Wieder ein Anti-Trump-Film, der diesmal auf vergangene Jahrzehnte zurückgreift, um die Hardliner der republikanischen Wählerschaft in der Provinz zu verorten. Wir schreiben die erste Hälfte der Achtziger, dieser Fall hier beruht auf wahren Ereignissen, und ich kann mir ganz gut vorstellen, dass terroristische Revolutionsgruppen wie The Order einem juckenden Ausschlag gleich die gesamten Vereinigten Staaten seit jeher im Griff haben. Nährboden bekommen diese Vereinigungen von einer Trump’schen Pseudodemokratie genauso wie von marodierenden Größenwahnsinnigen, die unter dem Deckmantel einer Regierungsexekutive gebilligten Terror verbreiten, ganz im Sinne allseits bekannter Hut- und Mantelträger aus der Vergangenheit, die mittlerweile ihr aussagekräftiges Outfit gegen Baseballkappe und Laptop getauscht haben. Der Film von Justin Kurzel basiert auf dem Sachbuch The Silent Brotherhood von Flynn und Gary Gerhardt, kann daher Daumen mal Pi als authentische Rekonstruktion damaliger Ereignisse betrachtet werden – im Zentrum steht dabei ein Rechtsextremist namens Bob Matthews, der hier entgegen sein Image von Nicholas Hoult verkörpert wird, der normalerweise Charaktere wählt, die zwar nicht unbedingt astrein als integer zu bezeichnen sind, aber immer noch einen Funken Positivity beherbergen, die zur Identifikation mit dem Publikum reicht. In dieser Rolle ist nichts davon übrig. Hoult gibt den irren Idealisten mit dem Revoluzzer-Gehabe als erschreckend stabilen gesellschaftlichen Antikörper, der vor nichts zurückschreckt. Grundlage für dieses Tun – und das ist wohl einer der interessantesten Aspekte in diesem Film – ist das Amerikanische Pendant zu Adolf Hitlers Mein Kampf, inklusive Tutorial, wie sich ein demokratisches System stürzen lässt: The Turner Diaries. Wer würde je daran zweifeln, dass dieses Schriftstück nicht auch als motivierende Lektüre für jene hergehalten hat, die Anfang 2021 das Kapitol gestürmt haben?

Inmitten dieses rassistischen Erstarkens findet sich ein antipathischer und schwer zu greifender Protagonist wieder: Jude Law mit einem Schnauzer, der ihm gar nicht so schlecht steht, und einer brummigen Art, da ist selbst so manche Tom Hardy-Rolle im Gegensatz dazu so aufgewecktwie eine Robin Williams-Performance. Law schenkt dem Publikum ebenfalls keinerlei Sympathiepunkte, ist aber zumindest auf der rechtschaffenen Seite beheimatet, das heisst: Was er will, ist auch gut fürs Happy End. In The Order, da es sich auf reale Tatsachen bezieht, gibt es davon leider nichts. Drehbuchautor Zach Baylin (King Richard, Gran Turismo) zeichnet das düstere Bild einer jüngeren amerikanischen Vergangenheit mitsamt ihren schwelenden faschistoiden Metastasen, die es wohl niemals so richtig los wird. Hoffnungslosigkeit und Resignation machen sich breit, aber keine Lethargie. Dafür ist Laws Rolle des Terry Husk viel zu energisch und willentlich, den Umtrieben ein Ende zu setzen. Irgendwann stoßen die beiden Fronten auch in persona aufeinander: Law und Hoult. Beide beharrlich in ihrer Ideologie, beide weit entfernt von Kompromissen. Hass und Abneigung sickern wie offene Wunden in die atemberaubende Landschaft des Bundesstaates Washington. Kurzel würzt diese bedrückende und wenig erbauliche Geschichte mit routinierten Actionsequenzen aus Banküberfällen und Bombenexplosionen, die den steingrauen und kalten Film ein wenig mehr in die Gänge kommen lassen, der aber angesichts dieser unbeirrbaren toxischen Energien rassistischer Ideologien manchmal zu sehr und zu oft selbst in Schockstarre gerät.

The Order (2024)

Gletschergrab (2023)

NAPOLEONS REISE NACH ISLAND

6,5/10


gletschergrab© 2023 Splendid Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ISLAND 2023

REGIE: ÓSKAR THÓR AXELSSON

DREHBUCH: ARNALDUR INDRIÐASON & MARTEINN THORISSON

CAST: VIVIAN ÓLAFSDÓTTIR, JACK FOX, IAIN GLEN, WOTAN WILKE MÖHRING, ÓLAFUR DARRI ÓLAFSSON, ADESUWA ONI, NANNA KRISTIN MAGNÚSDÓTTIR, SABINE CROSSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Diese Insel hoch im Norden steht wohl bei vielen Gutverdienern auf der Reiseliste: Island. Dort lässt sich am besten auf eigene Faust die Gegend erkunden; jede Menge Wasserfälle, Gletscherzungen und Küstenstriche laden als Hot Spots zum Verweilen ein. Die Geldbörse möge bitte prall gefüllt sein, denn kostspielig wird das ganze Abenteuer mit Sicherheit. Der finanzielle Aufwand würde sich noch mehr rentieren, hätte man das Glück, den einen oder anderen verborgenen Schatz zu finden. Nun, nicht zwingend einen, den Zwerge, Trolle oder Brunhild aus den Nibelungen irgendwo versteckt haben – sondern vielleicht einen, dessen Wert und Ursprung wohl eher in der Geschichte Europas liegt, insbesondere in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Dieser Schatz lässt sich zwar nicht in einen Goldesel umwandeln, der das nötige Kleingeld spuckt, sondern vielleicht in mediale Aufmerksamkeit, vielleicht in einen für ein paar Wochen anhaltenden kleinen Zeitungsruhm, verursacht durch Journalisten, die einen selbst peinlich befragen.

Dieser Schatz ist in der Bestseller-Verfilmung Gletschergrab ein Passagierflugzeug aus dem Nazi-Hangar, bruchgelandet gegen Ende des Krieges. Dank der Klimaerwärmung und der damit einhergehenden Gletscherschmelze wird das Dach eines mehrere Dekaden im Eis konservierten Vehikels sichtbar, und zwar über viele Kilometer hinweg, denn alles, was nicht so strahlt wie das drumherum befindliche Eis, zieht selbstredend die Aufmerksamkeit jener spärlichen Besucher des Vatnajökulls auf sich, die hier Sport betreiben. Einer davon ist Jetski-Fahrer Elias, dem es sogar gelingt, in das Flugzeugswrack einzusteigen und alles, was sich darin noch befindet, als Social Media-Reel abzufilmen, darunter die Leichen der Piloten mit US-Wappen an ihren Jacken – ein Umstand, der mit dem Hakenkreuz am Seitenleitwerk nur schwer vereinbar scheint. Ehe sich der Selfmade-Abenteurer versieht, tanzen seltsame Gestalten an, die Böses im Schilde führen – und Elias kurzerhand in ihre Gewalt bringen. Was sie nicht wussten: dieser Junge hat eine Schwester namens Kristin (Vivian Ólafsdóttir), die sich umgehend auf die Suche nach ihrem verschwundenen Bruder macht, und im Zuge dessen so einiges aufdecken wird, was irgendwie mit der supergeheimen Operation Napoleon zu tun hat. Keiner weiß, was das ist, womöglich nicht mal die, die diese Mission initiiert haben. Nur eines ist gewiss: Der US-Geheimdienst hat da ein Wörtchen mitzureden.

Das Beste an Gletschergrab ist nicht nur, dass dieser Verschwörungs- und Geheimdienstthriller deutlich mehr Zunder gibt als so viele überteuerten, stargespickten Eventfilme, die sich am Genre des stuntlastigen Agentenfilms versuchen. Das Beste an diesem Streifen ist auch, dass lange, wirklich erstaunlich lange niemand weiß, wobei es sich um diese ominöse Fracht, die einst mit dem alten Luftbrummer transportiert worden war und dann verschwunden ist, handeln könnte. Bei all dieser Geheimniskrämerei, diesem völlig im Dunklen tappen – angesichts dieser großen Frage, wofür all dieser Ärger, braucht sich niemand krämen und glauben, als einziger dumm sterben zu müssen, haben doch all die Protagonisten das gleiche Fragezeichen über der Stirn, im Gegensatz zu den sinistren Geheimdienstlern, darunter Game of Thrones-Star Iain Glen, der als eine Art verbissener und wenig zimperlicher Anti-James Bond im Roger Moore-Style die Interessen seiner Auftraggeber verfolgt. Durch die multinationale Besetzung verbreitet Gletschergab ähnliche Vibes, wie sie bei staatenübegreifenden Großproduktionen fürs Fernsehen ab und an zu spüren sind – gerade immer dann, wenn für einen besonderen Kriminalfall Expertisen aus aller Herren Länder gefragt sind – insbesondere aus europäischen. So kommt es, dass Óskar Thór Axxelsons Verfilmung des Romans von Arnaldur Indriðason wie ein teures, aber bodenständiges Fernsehspiel wirkt – was aber ausnahmsweise nicht zum Nachteil gereichen sollte. Vielleicht entsteht der Eindruck aufgrund einer mehr auf Dialogen und sozialer Konfrontation, und viel weniger auf kostspielige Schauwerte setzenden Erzählweise. Da reicht das Konstrukt des Fliegers im Eis, da reichen die Landschaften Islands, da braucht es keinen Mission Impossible-Overkill (der zugegeben stets perfekt inszeniert ist).

Mit dem Rätselraten um die Büchse der Pandora, mit der investigativen Suche nach Etwas, wovon keiner so genau weiß, was es ist, sichert sich Gletschergrab die Aufmerksamkeit seines Publikums. Das passiert immer dann, wenn die Charaktere im Film den selben Wissensstand haben wie wir. Das ist schließlich weder arrogant noch ignorant noch allzu gefällige Langeweile – sondern Thrillerkost auf Augenhöhe ohne Eitelkeiten, die kurzweilig bleibt und Spaß macht.

Gletschergrab (2023)

The Belgian Wave (2023)

WENN MAN NUR GLAUBEN KÖNNTE, WAS MAN SIEHT

8/10


thebelgianwave© 2023 Adrien Vidal-Berthaud


LAND / JAHR: BELGIEN 2023

REGIE: JÉRÔME VANDEWATTYNE

DREHBUCH: JÉRÔME DI EGIDIO, KAMAL MESSAOUDI & JÉRÔME VANDEWATTYNE

CAST: KARIM BARRAS, KAREN DE PADUWA, DOMINIQUE RONGVAUX, SÉVERINE CAYRON, VINCENT TAVIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN 


Wisst ihr was, ich denke jetzt auch mal ein bisschen quer und oute mich hier vielleicht als einer, der es durchaus in den Bereich des Möglichen verortet, dass Besucher von außerhalb seit jeher schon unser Radar stören, doch komme ich nicht umhin, folgende Conclusio zu ziehen: Selbst wenn alle Fernsehanstalten live auf Film bannen würden, wie eine fliegende Unterasse zur Landung ansetzt, Aliens da rausmarschieren wie seinerzeit bei Steven Spielberg und völlig von den Socken befindlichen Erdlingen die Hände schütteln – selbst wenn es so wäre, dass es keine Zweifel gäbe angesichts der Beweise, die im Zuge eines solchen offiziellen Besuches angesammelt werden könnten, wird es immer noch eine Fälschung sein. Das sind doch nur Special Effects, sagt selbst der von Karim Barras dargestellte Elzo Durt in vorliegendem Film, weil er einfach nicht glauben kann, was er sieht. Weil es niemand akzeptieren kann. Und niemand jemals akzeptieren will. Weil, frei nach Christian Morgenstern, nicht sein kann, was nicht sein darf. Vielleicht ist dieses Verhalten in der Natur des Menschen verankert, eine natürliche Hemmung oder instinktgetriebene Skepsis.

Die beiden peruanischen Mumien mit einem Alter von schätzungsweise tausend Jahren, die Mitte September dem mexikanischen Parlament präsentiert wurden, sehen als extraterrestrische Humanoide zwar ein bisschen künstlich aus, doch vielleicht täuscht der Eindruck nur und da ist doch mehr dran als uns das ablehnende Feedback des globalen Publikums glauben machen will. Vielleicht ist der Drang zum Fake-Glauben doch nur eine Art Selbsterhaltung zur Unterdrückung einer Panik, die zwangsläufig aufkommt, würde allen klar werden, dass es Lebewesen gibt, die uns hunderte, wenn nicht gar tausende Jahre voraus sind.

Selbst die UFO-Welle rund um die Wende von den Achtzigern in die Neunziger wird von Skeptikern längst als Massenphänomen abgetan, als verstärkter psychologischer Prozess aufgrund der vielen Medienberichte, die von fliegenden Dreiecken berichtet hatten – mit Lichtpunkten an ihren Ecken und in der Mitte ein farblich oszillierender vierter Spot. Unabhängig voneinander gaben tausende Augenzeugen verblüffend Ähnliches wieder. „I want to believe“ heisst es bei Akte X – diesen Leitsatz kann man gut und gerne überall da anwenden, wo man gerne hätte, es wäre eine Art Wahrheit dahinter. Der belgische Filmemacher Jérôme Vandewattyne möchte auch so gerne glauben. Und noch viel mehr. Er möchte glauben, und seine eigene Version des Ganzen dazuerfinden. Er möchte sein ganzes investigatives Abenteuer mit Referenzen und Zitaten, mit Drogen, Schwarzlicht und Found Footage ergänzen. Entstanden ist The Belgian Wave, der vielleicht ungewöhnlichste, vielleicht auch auf unberechenbare Weise verstörendste und absurdeste UFO-Film, den ich bislang gesichtet habe (wenn man die Serie UFO aus den 70ern mal aussen vor lässt). Science-Fiction meets Fear and Loathing in Las Vegas, da man Mysterien vielleicht nur unter dem begleitenden Konsum des richtigen Stoffs auf den Grund gehen kann.

The Belgian Wave beginnt wie eine Doku. Vandeywette pulvert jede Menge Archivmaterial von damals in seinen Film, ergänzt diese auch mit Fake-Berichterstattungen, so genau auseinanderhalten lässt sich das nie. Und dann sind sie unterwegs, dieser Elzo Durt, der den Namen eines belgischen Künstlers trägt, und die Journalistin Karen – ein ungleiches Scully & Mulder-Gespann, jedoch nicht arbeitend fürs FBI, sondern sich selbst verpflichtet. Sie suchen Elzos Patenonkel, Marc Vaerenbergh, der im Zuge seiner UFO-Recherche plötzlich spurlos verschwand. Sie tun das in einem pinkfarbenen Ghostbusters-Vehikel, nur ohne Sirene, mit jeder Menge Mikrodosen Drogen aus der Spritzpistole und einer Liste von potenziellen Zeugen, die vielleicht etwas wissen könnten. Die Sache gerät schnell aus dem Ruder, wie Johnny Depp und Benicio del Toro wissen beide bald nicht mehr, was sie glauben sollen und was nicht, was real ist oder nur Special Effects, die vielleicht im Kopf entstehen, Dank gewisser Substanzen. Dennoch verliert The Belgian Wave bei all des exaltierten Verschwörungswahnsinns niemals die Kontrolle. Das geordnete Chaos beginnt, seinen Zuseher, in diesem Fall mich, mit hineinzuziehen, doch das nur unter dem einzuhaltenden Gebot, nichts und gleichzeitig alles zu erwarten. Es kommt wie es kommen muss und das fantastische Füllhorn an grotesker Überzeichnung und mysteriösem Alien-Thrill ist so, als hätte man M. Night Shyamalan während des Drehs von Signs – Zeichen unentwegt zum Lachen gebracht. Humor trifft auf Schrecken, die Grenzen der Wahrnehmung werden neu arrangiert.

Es ist ein Piratenfilm, das sagt der Regisseur und seine Darstellerin Séverine Cayron, die nach dem Screening noch so einiges Pikantes aus dem Nähkästchen erzählt haben. Ein Film mit kaum Budget, dafür mit jeder Menge Vision. Manches mag dabei vielleicht nicht ganz korrekt abgelaufen sein, doch was tun, wenn die Lust an der Filmkunst alle übermannt. Das Potpourri in The Belgian Wave ist meisterlich getaktet, so unterschiedlich all die Komponenten auch sein mögen. Filme, die überraschen, wie eben dieser, sind selten. Filme, von denen man nicht weiß, was sie sind, das Beste, was einem passieren kann. Wenn man nachher selbst das Gefühl hat, einem Trip ausgesetzt worden zu sein, den andere Mächte steuern, dann ist die Summe seiner bizarren Teile ein überwältigendes Endergebnis. Allerdings muss man es zulassen – und überrascht werden wollen.

The Belgian Wave (2023)

Wir

DIE SCHATTEN IHRER SELBST

6/10


wir© 2019 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: JORDAN PEELE

CAST: LUPITA NYONG’O, WINSTON DUKE, SHAHADI WRIGHT-JOSEPH, EVAN ALEX, ELISABETH MOSS, TIM HEIDECKER, CALI & NOELLE SHELDON, ANNA DIOP U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Der Ex-Comedian und Synchronsprecher Jordan Peele hat schon längst, wie das Kino der Gegenwart bestätigt, frischen Wind um die bereits etwas angestaubten Säulen jener Kunstform wehen lassen, die wir so lieben. Das hat mit Get Out begonnen und mit Nope, der diesen Sommer in den Kinos lief, seinen Höhepunkt erreicht. Nämliche Science-Fiction-Mystery hat mich als kurioses Meisterwerk zwischen Horror, Gesellschaftskritik und rätselhafter Fantasy so richtig überzeugt, nachhaltig beeindruckt und Lust auf mehr von einer Art Film gemacht, die völlig neue Wege geht. Nope ist Jordan Peeles bester und größter Wurf. Was ich nun, nach Sichtung des obskuren Zweitwerks Wir, letzten Endes bestätigen kann. Denn Peeles blutige Doppelgänger-Farce, die mit der beklemmenden Panik einer Home Invasion sein Publikum in eine Ausweglosigkeit manövriert, die nur der tröstende Schoß eines Alles-ist-möglich-Kinos retten kann, errichtet natürlich eine kreative Basis für sein Geschichte, zögert aber, um das Geheimnis hinter dem Horror zu lüften, viel zu lange, um auch nur einige wenige gehaltvolle Brotkrumen zu streuen. Das Hinterherhudeln mit der Aufklärung all der bedrohlichen Ereignisse stößt so manches fein errichtete Detail von seinem Platz, denn man will die Geschichte schließlich so abrunden, damit sie plausibel erscheint. Was nicht ganz gelingt.

Doch der Reihe nach. Anfangs begibt sich eine Familie rund um Ada (stark: Lupita Nyong’o) auf Sommerurlaub an einen vertrauten Ort – ein Bungalow am Wasser, nicht weit vom dicht bevölkerten Strand entfernt, an welchem Papa Winston Duke gerne entspannen würde – Ada allerdings nicht, hat sie doch in Kindheitstagen dort in der Nähe am Fuße eines Rummelplatzes und in einem seltsamen Spiegellabyrinth Dinge erlebt, die sie nachhaltig und bis heute verstört haben. Es war, als hätte sie sich selbst gesehen – was aber auch nur Einbildung gewesen sein könnte. Jedenfalls trägt sie dieses Trauma mit sich herum, und es bricht sich Bahn, nachdem eines Abends eine Familie in der Einfahrt des Hauses steht, die – ebenfalls vier Mann hoch – genauso aussieht wie jene, die in Kürze ihrer Freiheit beraubt werden, da diese Doppelgänger etwas im Schilde führen, was sich dank der krächzenden Stimme von Adas Spiegelidentität nicht wirklich gut nachhören lässt. Aber seis drum: Der grimmige Schlagabtausch zwischen den unheimlichen Besuchern und der ums Leben bangenden Familie möge beginnen. Jordan Peele geht in die Vollen, schickt sein Ensemble in den physischen Kampf, und zwar viel früher als bei Get Out, wo Daniel Kayuula erstmal diplomatisch agiert. Wir wissen: Die Familie muss für etwas bezahlen, wovon niemand etwas weiß. Leider wir als Zuseher auch nicht.

Peele setzt ins Zentrum seines augenzwinkernden und mitunter auch ironischen Albtraums die hitzige Action eines Widerstands gegen psychopathische Gewalt. Fast fühlt es sich an, als wären die Body Snatchers auf Gottes Erden gelandet, oder irgendeine Schattenwelt wie in Stranger Things hätte ihr Portal geöffnet, um sinistre Gegenbilder aufrechter Bürger Zombies gleich auf eine funktionierende Welt loszulassen, die bald ihre Zügel aus der Hand gibt. Die Vermutung einer Verschwörung bestätigt sich, und Jordan Peele beginnt zu schwurbeln.

Was Lupita Nyong’o bereits in der Prologszene als Kind Gruseliges hat erleben müssen! Alles beginnt mit einem Blick in die Vergangenheit, um das Jetzt besser zu platzieren. Dieses scheinbar wie aus einem anderen Film herbeigeführte Extra an Information gibt’s bei Nope genauso. Eine Spezialität bei Peele. Das macht das Ganze aber so richtig interessant. Und dennoch gelingt Peele dieser Spagat zwischen Anfang und dem Moment, in dem er die Katze aus dem Sack lässt, nur mit gerissener Hose. Der seltsamen und an den Haaren herbeigezogenen Wahrheit fehlt ein plausibler Unterbau. Erklären kann Peele diese nicht. Es bleibt wie ein vager Traum, der Elemente einer Was-wäre-wenn-Vision nicht so nutzen kann, als wäre die Wahrheit dahinter wirklich möglich. Das ist sie nicht, darum scheint es Peele auch hinzunehmen, dass die Thriller-Komponente zwischen seinen angedachten Schreckensvisionen wichtiger wird als alles andere. Und ja: diese fährt auch auf Hochtouren – so blutig wie zynisch und mit jeder Menge Galgenhumor. Vielleicht wäre es da sogar besser gewesen, vieles im Vagen zu belassen oder überhaupt nicht zu erklären. Vielleicht auch nur anzudeuten, statt aufzulösen. Bei Nope ist ihm die Balance perfekt gelungen. Bei Wir lässt sich durchaus vermuten, dass die Idee für Peele selbst nicht ganz rund war, dieser aber scheinbar fasziniert davon gewesen zu sein, dass Menschen von sich selbst heimgesucht werden. Demzufolge dürfte das Skript nicht aus einem Guss entstanden, sondern mehrmals ergänzt und überarbeitet worden zu sein, bis es halbwegs hinhaut – was sich auch deutlich erkennen lässt.

Die gesellschaftskritische Ebene wie bei Get Out oder Nope sucht man bei Wir anderswo, dafür ist die Prämisse darin zu bemüht und konstruiert, um den subversiven Angriff auf unsere Zeitgeist-Manieren abzufeiern.

Wir

Beckett

GRIECHENLAND SEHEN… UND STERBEN

7/10


beckett© 2021 Netflix


LAND / JAHR: ITALIEN, BRASILIEN, GRIECHENLAND, USA 2021

BUCH / REGIE: FERDINANDO CITO FILOMARINO, NACH DEM ROMAN VON DENNIS ALLAN

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ALICIA VIKANDER, BOYD HOLBROOK, VICKY KRIEPS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Becketts gibt es viele. Samuel Beckett, der Schriftsteller. Tobias Beckett aus dem Star Wars-Universum. Thomas Becket (nur mit einem t), der ehemalige Erzbischof von Canterbury, verewigt in Jean Anouilhs Klassiker Becket oder die Ehre Gottes. Von Gott scheint in dieser vorliegenden Netflix-Premiere ein ganz neuer, taufrischer Beckett allerdings so ziemlich verlassen zu sein. Denn der ist schlicht und ergreifend zur falschen Zeit am falschen Ort, wobei die Koordinaten gar nicht mal so schlecht gesetzt sind. Schauplatz ist nämlich Griechenland, nicht erst seit STS der Inbegriff von Urlaub und Ausstieg aus der Norm. Wo man gut und gerne mal irgendwann dortbleiben würde, um die Füße in den weißen Sand zu stecken, vorzugsweise mit einer Flasche Rotwein in der Hand (an meine Leser, die den Austropop-Klassiker nicht kennen – Sorry an dieser Stelle). Dieser Beckett, gespielt von John David Washington, ist jedoch weit davon entfernt, sich an den Strand zu setzen. Rund um Athen ist dieser nämlich mit seiner Flamme April (Alicia Vikander) per Auto unterwegs, um in der kühleren Nebensaison eben genau das zu machen, wofür die Griechen nebst Wiege der Antike bekannt sind: Urlaub. Der findet alsbald eine tragische Wendung, als Beckett beim Sekundenschlaf in eine Hauswand kracht. Die Freundin segnet das Zeitliche, Beckett schält sich aus den Trümmern, ruft um Hilfe, sieht Personen im Haus, die eigentlich gar nicht da sein dürften. Als er dies später zu Protokoll gibt, beginnt eigentlich erst der wirkliche Horror – obwohl man meinen könnte, ein Unfall mit Todesfolge bietet schon genug davon. Nein – Beckett soll nämlich, gejagt von Unbekannten, ebenfalls ins Gras beißen. Also ist er auf der Flucht – für den Rest des Films.

Klingt simpel – ist es prinzipiell auch. Ein Mann auf der Flucht ist ein wiederholtes Szenario, birgt aber scheinbar unerschöpfliches Potenzial und endlose Details, mit denen man den eigentlichem Plot ausschmücken kann. Dem Italiener Ferdinando Cito Filomarino waren die Möglichkeiten anscheinend bewusst. Entsprechend rastlos setzt er seinen Star aus Tenet und BlacKkKlansman in Szene, der schließlich auch weiß, dass er als Gehetzter alles geben muss: Blut, Schweiß und Tränen. Und die absolute Erschöpfung. Das macht er dann auch. Er blutet, schwitzt und weint, stets am Rande der Verzweiflung. So desperat haben wir den toughen Amerikaner noch nie gesehen. Und wieder bestätigt sich, was sich bereits bei Tenet offenbart hat: John David Washington wäre der ideale James Bond. Nicht nur, weil er im Anzug und Krawatte das Bild von einem kompetenten Professionisten abgibt, sondern weil er – ob als Flüchtender, Jagender oder Improvisator – einen langen Atem hat. Den braucht man im Geheimdienst ihrer Majestät. Und da sind allerhand Blessuren inbegriffen. Auch die bekommt Washington reichlich. Dennoch schiebt er sich mehr schlecht als recht durch den Karst und durch das Chaos einer von politischen Unruhen heimgesuchten, griechischen Hauptstadt.

Beckett ist ein energischer Europa-Thriller im Stile von Mörderischer Vorsprung mit Sidney Poitier oder den Bourne-Filmen von Paul Greengrass. Die von Mitteleuropäern heißgeliebte Schatzkiste an Inseln und Kultur zeigt uns allerdings bewusst die kalte Schulter. Im Land der Sommersonne ist es stets grau, kalt und voller Wolken. Athen ein Moloch baufälliger Häuser, als wäre man in der dritten Welt. Auch das ist Griechenland, ungefähr so ungeschönt wie in Alexis Sorbas. Da konnte Anthony Quinn zumindest die Stehaufmännchen-Mentalität kreativer heimischer Überlebenskünstler im weltvergessenen Sirtaki-Tanz honorieren. In Beckett tanzt kein Grieche, sondern wettert und protestiert. Der mit der Überlebenskunst ist diesmal ein Amerikaner, der irgendwann mal vom MI6 Post bekommen könnte.

Beckett