Twisters (2024)

WIRBEL UMS WETTER

7/10


twisters© 2024 Warner Bros. / Amblin Entertainment


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: LEE ISAAC CHUNG

DREHBUCH: MARK L. SMITH

CAST: DAISY EDGAR-JONES, GLEN POWELL, ANTHONY RAMOS, BRANDON PEREA, DARYL MCCORMACK, MAURA TIERNEY, HARRY HADDEN-PATON, DAVID CORENSWET, KATY O’BRIAN, JAMES PAXTON U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Schönes Wetter ist langweilig. Blauer Himmel, Sonnenschein von früh bis spät – da kommt zumindest mir das große Gähnen. Wetter ist dann interessant, wenn es sich in Szene setzt. Das beginnt bereits mit einer Wolkenbank, die sich über den Horizont schiebt, mit schwerem dunkelgrauen Regen im Schlepptau. Am schönsten ist es, wenn es gewittert. Wenn dann noch der Sturm bläst, wird’s theatralisch. Zugegeben, das sagt einer, der, wohnhaft im Wiener Becken, von den Konsequenzen eines Unwetters stets verschont bleibt. In der Provinz sieht das schon anders aus. Überflutungen, Murenabgänge, entwurzelte Bäume – Sommer in Österreich.

In den USA hingegen treiben Tornados ihr Unwesen, vorwiegend und alljährlich in den zentralen Ebenen des nordamerikanischen Kontinents, von Texas über Oklahoma bis nach Kansas, diese Spur der Verwüstung nennt sich Tornado Alley. Erst kürzlich gab’s gar im österreichischen Bundesland Steiermark einen kleinen Tornado, doch diese Kapriolen sind nichts im Vergleich zu den Ungetümen, die dort in Übersee aus ganzen Dörfern und Städten Kleinholz machen. Eine Katastrophe, der man im Grunde nichts Erbauliches abgewinnen kann. Doch da gibt es die andere Seite – jene, auf der die sogenannten Tornadojäger zu finden sind – weniger Wissenschaftler als vielmehr Abenteurer, die den Kick suchen. In Twisters, der sagen wir mal Neuauflage von Jan de Bonts stürmischem Klassiker Twister aus dem Jahre 1996, kommen beide Seiten zu Wort – einschließlich jene der Opfer, die Regisseur Lee Isaac Chung (Minari – Wo wir Wurzeln schlagen) gewissenhaft nicht außer Acht lassen will.

In diesem Dreieck der Interessen und Befindlichkeiten lässt Chung das Wetter einem wild gewordenen Rodeo-Büffel gleich aus dem Zwinger. Und präsentiert seinem staunenden Kinopublikum Bilder voller Schönheit und Bedrohlichkeit: Die Natur von ihrer dunklen Seite – so steht es zumindest auf den Filmplakaten. Was aber kann Twisters einem Film wie Twister als Mehrwert verkaufen? Was hat der neue Film, was der alte nicht hatte? Ich erinnere mich noch, dass die Darstellung der Unwetter damals das Beste war, was man auf die Leinwand bringen konnte. Die Story: nun ja, klassisches Hollywood-Katastrophenkino mit Trial und Error, Enttäuschung, Hoffnung, Läuterung und persönlichem Sieg. Den Aufbau der Geschichte hat Chung und Drehbuchautor Mark. L. Smith beibehalten – somit ist Twisters ungefähr so vorhersehbar wie das Wetter der nächsten Tage.

Im Zentrum steht Kate (Daisy Edgar-Jones, Der Gesang der Flusskrebse), die sich nach einer Tornado-Tragödie, während welcher auch ihr Freund ums Leben kam, auch nach fünf Jahren immer noch nicht ganz erholt hat. Javi (Anthony Ramos) der Einzige, der damals noch überlebt hat, will Kate und ihre Fähigkeit, Tornados nachzuspüren, für ein eigenes Projekt gewinnen. Widerwillig kommt sie an Bord, jagt erneut Tornados hinterher und lernt den Youtube-Tornadojäger Tyler Owens kennen, dargestellt von Feschak Glen Powell (A Killer Romance, Top Gun: Maverick), den sie anfangs nicht ausstehen kann.

Was intensiv nach Screwball-Romanze vor dunklen Wolken klingt, in welcher es nicht wirklich viel zu holen gibt, geht unterm Strich als leidenschaftlicher Beweis dafür durch, dass traditionelles Katastrophenkino in uneitler Hemdsärmeligkeit immer noch bestens funktioniert. Twisters, unter der Obhut von Steven Spielberg produziert, entwickelt trotz seiner konventionellen Plot-Struktur unerhört packende Momente, die sich in knappen Intervallen aneinanderreihen. Auch wenn man ziemlich treffsicher ahnt, wer aus der beeindruckenden Himmelhölle geläutert, verändert und soziomoralisch integriert hervortreten wird – auch wenn man weiß, wer welche Beweggründe für sein Tun überdenken wird: es liegt an der straffen Kunst der dramatischen Inszenierung, wie wann welche Emotionen getriggert werden, um die Spannungsschraube zu spüren. Chung und Spielberg schaffen gemeinsam ein sehr menschelndes und menschliches Wetterabenteuer und einen Naturthriller, in welchem Edgar-Jones und Powell mit ihrer Sympathie das Interesse des Publikums gewinnen. Beide sind nicht irgendwer, sondern Identifikationsfiguren, die im Laufe von zwei Stunden viel über sich selbst lernen und sich dementsprechend auch weiterentwickeln. So sehr wie das Wetter in Twisters im Wandel ist, so sehr wandeln sich die Charaktere. Ein Film, der konsequent in Bewegung bleibt.

Twisters (2024)

The Aeronauts

LUFT NACH OBEN

6,5/10

 

aeronauts© 2019 Amazon

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: TOM HARPER

CAST: FELICITY JONES, EDDIE REDMAYNE, TOM COURTENAY, VINCENT PEREZ U. A. 

 

Der Online-Riese amazon hat seinen ersten direct to stream-Blockbuster geradewegs zur Weihnachtszeit in seinen bunten Bauchladen getan, zwischen all den unzähligen Serien, mit denen der Konzern uns Abonnenten längst schon verwöhnt. Weiß man es nicht im Vorfeld aus einschlägigen Medien, müsste man genau hinsehen, um The Areonauts zu entdecken. Es ist ein Film, der zur richtigen Zeit kommt – zu jener der Eventfilme und knappen Mehrteiler, die über Historisches berichten und die ordentlich pathetisch sind, ins vorige Jahrhundert eintauchen oder auf anderen Kontinenten weilen. The Aeronauts bleibt zwar in Europa (um genau zu sein in Großbritannien), aber Regisseur Tom Harper dreht die Zeit zurück ins 19. Jahrhundert. Dort treffen wir den Meteorologen James Glaisher, gespielt von Eddie Redmayne. Glashier ist eine historische Figur, und war tatsächlich ein Wissenschaftler, der im Gasballon die sagenhafte, noch nie zuvor von Menschen erreichte Höhe von 8.8oom erreicht hat. Die fiktive Komponente der abenteuerlichen Biografie ist die Rolle von Amelia Wren. Die Ballonpilotin hat es nie gegeben, Felicity Jones Rolle ist komplett frei erfunden. In Wahrheit befand sich ein gewisser Henry Coxwell an Glashiers Seite – aber warum nicht Tatsache mit Fiktion zu einer griffigeren Geschichte verbinden. In Zeiten von Female Empowerment ein notwendiger narrativer Kniff.. Pilotin Wren hat obendrein noch ein sattes Trauma zu verarbeiten, welches die Ballonfahrt obendrein auch noch psychologisch zur Zerreißprobe macht – und tatsächlich liefert The Aeronauts vor allem in der zweiten Hälfte atemberaubend gefilmte Sequenzen, die an das Astronauten-Meisterwerk Gravity erinnern. Felicity Jones erlebt hier Ähnliches wie Sandra Bullock, nur nicht im Orbit. Aber das macht nichts. Auch in knapp 9000 Metern gibt’s so allerlei, was der Physis des Menschen nicht ganz so zuträglich ist. Mangelnder Sauerstoff, Kälte, Sonne, Geschwindigkeit und die Tücke des Materials, das dann auch nicht mehr so will, wie es sollte. Interessant, dass der Film mit zwei Kameraformaten gefilmt wurde. Während die Geschehnisse auf der Erde in gewohntem Cinemascope arrangiert sind, bekommen die Luftaufnahmen mehr Raum. Mag sein, dass der Wechsel manchen gar nicht bewusst wird, aber die Panoramaaufnahmen der Wolkendecke und die Weite des Himmels erreichen hier selbst auf Fernsehformat eine greifbare Tiefe.

Greifbar gut agiert auch Felicity Jones. Die Rolle hat ihr sichtlich Spaß gemacht, und das Herumhantieren am Ballon und der Kampf gegen die Physik des Himmels lässt sie mal so ordentlich aus sich herausgehen. Dabei war, so wie es scheint, nicht alles nur gespielt – anstrengend war es vermutlich tatsächlich. Die Balance zwischen CGI und analoger Spielszenen in einem tatsächlich fahrenden Ballon gelingt. Fragwürdig bleibt allerdings angesichts der Tatsache, dass es sich hier um eine erfahrene Pilotin und einen sattelfesten Experten auf dem Gebiet der Meteorologie handelt, dass das Equipment der dargestellten Expedition zu wünschen übrig lässt. Keine Handschuhe, kein Kälteschutz? Als Pilotin und verantwortlich für die Fahrt müsste jene Ausrüstung vorhanden sein, die einen Erfolg garantiert. Warum dies nicht der Fall war, erschließt sich mir nicht. Und macht manche Not in luftiger Höhe seltsam unnötig.

So richtig viel Vorfahrt hat The Aeronauts im Genre der Abenteuer- und Survivalfilme zwar nicht, dafür aber ist Harper eine liebevoll ausgestattete Jules Verne-Hommage mit staunenswerter Optik gelungen, die im Kampf mit den Witterungen Größe zeigt. Könnte sein, dass Felicity Jones, die Eddie Redmayne mit Leichtigkeit an die Korbwand spielt, mit diesem Film Abenteuerluft geschnuppert hat – und vielleicht bald in einem nächsten Nature-Fight zu sehen ist. Zu wünschen wäre es uns, denn der Wille zur Verausgabung, der steht ihr.

The Aeronauts

Geostorm

…UND NUN ZUM WETTER

3/10

 

GEOSTORM© 2017 Warner Bros.

 

LAND: USA 2017

REGIE: DEAN DEVLIN

MIT GERARD BUTLER, JIM STURGESS, ABBIE CORNISH, ED HARRIS, ALEXANDRA MARIA LARA U. A.

 

Da hilft nicht mal mehr warm anziehen: Möchte ich dem mir hier vorliegenden Katastrophenszenario Glauben schenken, kann es in wenigen Jahren tatsächlich schon so weit sein – der Zusammenbruch des globalen Wetters. Moderatorinnen und Moderatoren desselbigen wären entweder arbeitslos oder unter Dauerstress. Vorhersagen ließen sich keine mehr machen. Und die aufgrund des viel zitierten, vom Menschen verschuldeten Klimawandels zubereitete Suppe müssten wir angesichts dieser verheerenden Wetterküche dann folglich auch im Alleingang auslöffeln. Helfen wird uns da niemand – wer denn auch? Aliens haben uns bis heute nicht unter die Arme gegriffen. Also was tun? Ein Zusammenschluss vieler Staaten hat die Steißgeburt einer Idee geboren, die in ihrem finalen Look im wahrsten Sinne des Wortes irgendwie beklemmend wirkt: Ein den Planeten umspannendes Netz aus Wettersatelliten sollen Ordnungshütern gleich radaumachende Wetterkapriolen im Keim ersticken. Wie das gehen soll, erfahren wir aus dieser Geschichte nicht wirklich. Was bewirken Satelliten, die im Orbit stationiert sind, wenn der Hurrikan Dutzende Kilometer weiter unten zu toben beginnt? Aber sei´s drum, die Idee ist weit hergeholt, aber es ist zumindest eine Idee. Oder ein Anfang. Mit dem kann man noch ganz gut leben. Auch mit der Tatsache, dass die USA und China hier als Masterminds hervorgehen. Zum Glück nicht Nordkorea. Es gibt also immer noch Schlimmeres.

Das denkt sich Gerard Butler auch, wenn er auf Du und Du mit der überraschend für diesen Film besetzten Alexandra Maria Lara an Bord der generalüberholten ISS eine Verschwörung aufzudecken hat, die jedes noch so wüste James Bond-Abenteuer als realitätsnahen Tatsachenbericht in den Schatten stellt. Moonraker ist im Vergleich zu Geostorm tatsächlich schon als seriös zu bezeichnen. Und Roland Emmerich sieht angesichts dieses fast schon an den schütteren Nasenhaaren herbeigezogenen Unding von High-Tech-Wetterthriller sein Desaster-Movie 2012 in wohlwollenderem Licht. Was ich zugegebenermaßen auch bestätigen kann. 2012 ist Spaß an der Filmstars verschonenden Zerstörung. Geostorm ist weder virtuos getrickster Weltuntergang noch ernstzunehmende Hard-SciFi. Das wäre der Film wohl gerne, man sieht es ihm an. Vor allem in den Szenen, die so sein wollen wie Interstellar oder Gravity. Das sind sie aber nicht. Was wiederum am durchwachsenen Spiel der Darsteller liegt, die im Grunde nichts für ihre Rolle übrighaben. Alexandra Maria Lara weiß sich in all dem Chaos überhaupt nicht zu helfen, und womöglich wird sie es sich zweimal überlegen, nochmal in so einem kalkulierten Blockbuster mitzuspielen. Und Butler genauso wie der sonst famose Ed Harris haben ihren Rollen nichts hinzuzufügen. Es sind Rollen, die Geld bringen. Das weiß die Zunft seit Flammendes Inferno. Und ist niemals wieder so bewusstgeworden wie bei The Core oder Armageddon. Filme ähnlichen Fahrwassers, wofür sich Hollywood wirklich nicht zu rühmen braucht.

Ohne viel verraten zu wollen – was aber in diesem Fall ohnehin schon egal ist – kann sich der aufopferungsvolle Zuseher letzten Endes einerseits ziemlich ärgern, andererseits aber auch ziemlich wundern. Denn niemals zuvor sind die wenig überraschend entlarvten bösen Buben so dermaßen sinnlos mit der Kirche ums Kreuz gezogen, um ihre Ziele zu erreichen. Sowas schafft nicht mal Blofeld. Kann man nur sagen: Hut aber oder Hut drauf. Je nach Wetterlage.

Geostorm