Stowaway – Blinder Passagier

WAS IM WELTRAUM INS GEWICHT FÄLLT

6/10


stowaway© 2021 Wild Bunch


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, USA 2021

BUCH / REGIE: JOE PENNA

CAST: ANNA KENDRICK, TONI COLLETTE, DANIEL DAE KIM, SHAMIER ANDERSON

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Im Weltraum hört dich niemand schreien. Natürlich nicht. Es gibt ja nichts, das den Schall weiterträgt. Überhaupt: weswegen sollte man auch herumbrüllen, in der Raumfahrt wird ja sowieso nichts dem Zufall überlassen. Es sei denn, Faktoren, die im Weltraum ins Gewicht fallen, glänzen durch Abwesenheit. Besonders wichtig wäre in Sachen Gewährleistung menschlichen Überlebens mal der Sauerstoff, der Luftdruck, natürlich die Schwerkraft, denn neuen Studien zufolge ist 0g ein Umstand, der das menschliche Gehirn in Mitleidenschaft zieht, sosehr wir uns auch ärgern, wenn Dinge irgendwo hinunterfallen. Wir brauchen soziale Interaktion, Wärme, körperliche Ertüchtigung und ausreichend Schutz vor Strahlung. Man sieht wieder: der Mensch hat im Weltraum nichts verloren. Als zu akzeptierendes Schicksal wollen wir intelligente Zweibeiner diese Ultimo Ratio aber nicht hinnehmen. Wir rüsten auf, natürlich technisch. Genetisch verändern ließe sich der Mensch (rein theoretisch) schließlich auch – so gesehen im Streifen Titan mit Sam Worthington. Aber bleiben wir lieber bei der sogenannten Hard Science-Fiction, für die zum Beispiel jemand wie Andy Weir dank seines von Ridley Scott verfilmten Bestsellers Der Marsianer weltberühmt geworden ist. Matt Damon schlägt sich dort auf dem Mars mit all diesen eingangs erwähnten Faktoren herum, und das ist richtig spannend.

Nun nimmt Joe Penna eine ähnliche Richtung. Und das ist wenig verwunderlich, denn Penna ist einer, den nicht nur die Kunst des Überlebens angesichts widriger Umstände fasziniert – zu sehen in seinem Schneedrama Arctic sondern auch die Tatsache, das im Falle höchster Not die Selbstlosigkeit zur Rettung anderer der Menschen höchstes Gut ist. Altruismus in Extremsituationen. Gut, Matt Damon war am Mars so ziemlich allein – auf diesem rotierenden Raumschiff, das sich ebenfalls Richtung Mars bewegt und in 5 Monaten dort ankommen soll, haben wir drei Astronautinnen und Astronauten, natürlich alles Wissenschaftler, die ihrer streng festgelegten Agenda folgen und sich schon so sehr auf den roten Planeten freuen wie Kinder auf Heiligabend. Es wäre eben kein Film von Joe Penna, würde hier nicht ein Präzedenzfall eintreten, mit dem natürlich niemand rechnen würde: Die Crew entdeckt einen bewusstlosen Ingenieur vom Bodenpersonal – 12 Stunden von der Erde entfernt. Er wird verarztet, gepflegt, psychologisch betreut, im Kreise der drei herzlich willkommen geheißen. Einziger Wermutstropfen bei diesem Come together: der CO2-Filter ist durch den Unfall irreparabel beschädigt worden. Will heißen: zu wenig Sauerstoff für 4 Passagiere. Was also tun?

Nun eröffnen, gemäß der utopisch-technischen Science-Fiction, die Science Busters ganz ohne rosa Nippelhemd und Physikerwitze eine zutiefst ernste Lektion in Sachen Sauerstoff, Schwerkraft, Vakuum und Sonnenwinde, alles als Kammerspiel auf engem (und grenzenlosem) Raum, bis ins kleinste Detail liebevoll ausgestaltet. Und alles auf einem verständlichen Niveau auch für jene, die nicht zwingend mit Astrophysik auf du und du sind. Penna will natürlich mehr als eine Chronik der Lösungsfindung durchschleusen, er will das soziale, und vor allem für jeden individuell zum Ausdruck kommende Drama beobachten, das diese verzwickte, panikmachende Situation mit sich bringt. Mission oder Menschenleben? Was ist ein solches angesichts einer höheren, wissenschaftlichen Bestimmung für die ganze Menschheit? Ist es da legitim, Opfer zu bringen? Stowaway – Blinder Passagier einigt sich auf ein durch Zufälle bestimmtes Schicksal, auf einen sich selbst lösenden gordischen Knoten. Das ist nicht so effektiv wie zum Beispiel in Gravity, der ganz anders mit inneren Wahrnehmungen spielt als dieser Film hier. Und der ist zum Glück aber auch nicht so pathetisch wie Ad Astra. Stowaway konzentriert sich auf seine Fakten und sichtbaren Emotionen, bleibt natürlich akkurat, mitunter aber nüchtern und trocken. Viel Bindung zur Situation entsteht nicht, da fehlt das subjektive, verspielte Element. Interessant natürlich, so eine pragmatische Science-Fiction durchstarten zu lassen, und interessant auch, was daraus wird. Mehr als das wird es jedoch nicht.

Stowaway – Blinder Passagier

The Aeronauts

LUFT NACH OBEN

6,5/10

 

aeronauts© 2019 Amazon

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: TOM HARPER

CAST: FELICITY JONES, EDDIE REDMAYNE, TOM COURTENAY, VINCENT PEREZ U. A. 

 

Der Online-Riese amazon hat seinen ersten direct to stream-Blockbuster geradewegs zur Weihnachtszeit in seinen bunten Bauchladen getan, zwischen all den unzähligen Serien, mit denen der Konzern uns Abonnenten längst schon verwöhnt. Weiß man es nicht im Vorfeld aus einschlägigen Medien, müsste man genau hinsehen, um The Areonauts zu entdecken. Es ist ein Film, der zur richtigen Zeit kommt – zu jener der Eventfilme und knappen Mehrteiler, die über Historisches berichten und die ordentlich pathetisch sind, ins vorige Jahrhundert eintauchen oder auf anderen Kontinenten weilen. The Aeronauts bleibt zwar in Europa (um genau zu sein in Großbritannien), aber Regisseur Tom Harper dreht die Zeit zurück ins 19. Jahrhundert. Dort treffen wir den Meteorologen James Glaisher, gespielt von Eddie Redmayne. Glashier ist eine historische Figur, und war tatsächlich ein Wissenschaftler, der im Gasballon die sagenhafte, noch nie zuvor von Menschen erreichte Höhe von 8.8oom erreicht hat. Die fiktive Komponente der abenteuerlichen Biografie ist die Rolle von Amelia Wren. Die Ballonpilotin hat es nie gegeben, Felicity Jones Rolle ist komplett frei erfunden. In Wahrheit befand sich ein gewisser Henry Coxwell an Glashiers Seite – aber warum nicht Tatsache mit Fiktion zu einer griffigeren Geschichte verbinden. In Zeiten von Female Empowerment ein notwendiger narrativer Kniff.. Pilotin Wren hat obendrein noch ein sattes Trauma zu verarbeiten, welches die Ballonfahrt obendrein auch noch psychologisch zur Zerreißprobe macht – und tatsächlich liefert The Aeronauts vor allem in der zweiten Hälfte atemberaubend gefilmte Sequenzen, die an das Astronauten-Meisterwerk Gravity erinnern. Felicity Jones erlebt hier Ähnliches wie Sandra Bullock, nur nicht im Orbit. Aber das macht nichts. Auch in knapp 9000 Metern gibt’s so allerlei, was der Physis des Menschen nicht ganz so zuträglich ist. Mangelnder Sauerstoff, Kälte, Sonne, Geschwindigkeit und die Tücke des Materials, das dann auch nicht mehr so will, wie es sollte. Interessant, dass der Film mit zwei Kameraformaten gefilmt wurde. Während die Geschehnisse auf der Erde in gewohntem Cinemascope arrangiert sind, bekommen die Luftaufnahmen mehr Raum. Mag sein, dass der Wechsel manchen gar nicht bewusst wird, aber die Panoramaaufnahmen der Wolkendecke und die Weite des Himmels erreichen hier selbst auf Fernsehformat eine greifbare Tiefe.

Greifbar gut agiert auch Felicity Jones. Die Rolle hat ihr sichtlich Spaß gemacht, und das Herumhantieren am Ballon und der Kampf gegen die Physik des Himmels lässt sie mal so ordentlich aus sich herausgehen. Dabei war, so wie es scheint, nicht alles nur gespielt – anstrengend war es vermutlich tatsächlich. Die Balance zwischen CGI und analoger Spielszenen in einem tatsächlich fahrenden Ballon gelingt. Fragwürdig bleibt allerdings angesichts der Tatsache, dass es sich hier um eine erfahrene Pilotin und einen sattelfesten Experten auf dem Gebiet der Meteorologie handelt, dass das Equipment der dargestellten Expedition zu wünschen übrig lässt. Keine Handschuhe, kein Kälteschutz? Als Pilotin und verantwortlich für die Fahrt müsste jene Ausrüstung vorhanden sein, die einen Erfolg garantiert. Warum dies nicht der Fall war, erschließt sich mir nicht. Und macht manche Not in luftiger Höhe seltsam unnötig.

So richtig viel Vorfahrt hat The Aeronauts im Genre der Abenteuer- und Survivalfilme zwar nicht, dafür aber ist Harper eine liebevoll ausgestattete Jules Verne-Hommage mit staunenswerter Optik gelungen, die im Kampf mit den Witterungen Größe zeigt. Könnte sein, dass Felicity Jones, die Eddie Redmayne mit Leichtigkeit an die Korbwand spielt, mit diesem Film Abenteuerluft geschnuppert hat – und vielleicht bald in einem nächsten Nature-Fight zu sehen ist. Zu wünschen wäre es uns, denn der Wille zur Verausgabung, der steht ihr.

The Aeronauts

Crawl

MIT ECHSEN UM DIE WETTE

5/10

 

null© 2019 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: KAYA SCODELARIO, BARRY PEPPER U. A.

 

Fährt man den Tamiami-Trail von Osten nach Westen, also schneidet die Halbinsel Florida der Breite nach durch, lässt sich, eigentlich ganz egal, wo man Halt macht, ein Blick auf einen der Panzerechsen riskieren, die in den Sümpfen der Everglades im knöchelhohen Wasser träge vor sich hinschlummern oder in tapsendem Watschelschritt in tieferen Tümpeln das Weite suchen. Meistens liegen sie sogar übereinander, manchmal hat man Glück und ein wirklich ausgewachsener Brocken sonnt sich mit aufgerissenem Maul in der tropischen Sonne. Die Chance, mal auszuprobieren, wie schwer Jungtiere sind, lässt sich an so manchen Gator-Farmen ebenfalls ergreifen. Kurzum: Florida ist Echsenland, sie sind das Salz in der Suppe und neben den Manatees an der Westküste wohl der touristische Bringer schlechthin. Wo sonst lässt sich so dermaßen bequem die ungestüme Wildnis erhaschen. So richtig aufregend wird’s dann erst, wenn das ganze Land unter Wasser steht, und die Panzerechsen fröhliche Urständ feiern. Wo es für Räuber wie diese keine Grenzen mehr gibt und jeder Zweibeiner zu Fast Food vom Feinsten wird. Solche Katastrophen gehen meistens mit den obligaten Wirbelstürmen einher, die jährlich über den Süden der USA hereinbrechen. Die Alligatoren stört das nicht, ganz im Gegenteil. Die sind gepanzert und zäh, und wo tierische Narrenfreiheit herrscht, wird wohl selten im Sinne des Anstands auch nur auf irgendetwas verzichtet.

Dieses Szenario schreit danach, als Survivalhorror verbraten zu werden. Horrorspezialist Alexandre Aja (u.a. The Hills have Eyes) nimmt sich dieser Spannungsgranate letztendlich an und reduziert seinen Cast erstmal auf das Wesentliche, nämlich auf zwei Leading Acts und einen Hund, ein Haus mit Keller und jede Menge Wasser. Eine Handvoll Opfer nicht zu vergessen, denn Blut soll auch genug fließen. So ein knackiger Instant-Modus kann schon mal gut und gerne das Zeug zu einem Überraschungshit haben, da braucht man gar nicht viel, nur das Spiel mit dem Unerwarteten. Etwas, das Aja allerdings, zur großen Ernüchterung, nicht so ganz beherrscht.

Abenteuerthriller wie dieser, die sich bewusst und ganz stark auf die physikalischen Gesetze der Natur beziehen und daraus die Spannung aus dem Menschenmöglichen und Unmöglichen gewinnen wollen, haben es schwer, ihre Handlung wirklich so folgen zu lassen, dass sie zumindest in der Theorie des Zusehers völlig plausibel erscheint. Crawl krallt sich diese Konsequenz anfangs mit reptilienhafter Sturheit, bald aber weicht er dieses Dogma zugunsten blutiger Unfälle so weit auf, dass ein Effekt eintritt, den Filme wie dieser einfach und schon allein wegen des Nervenkitzels nicht haben sollten: Vorhersehbarkeit. Ajas Reißer ist ein Prachtexemplar an Vorhersehbarkeit, so gut wie nichts wird dem Zufall überlassen. Das Drehbuch der Brüder Rasmussen hält jede Menge dramaturgische Kompromisse parat, lässt Menschen kaum nachvollziehbar handeln  offene Wunden scheinbar heldenhaft verschmerzt werden und bedient sich sonst auch einem bereits sehr zerlesenen Handbuch zur Konzipierung filmischen Tierhorrors, der gerade in diesem Fall so phänomenal gelungen wäre, würde die Erwartungshaltung des Zusehers doch etwas öfter durchkreuzt werden. Dafür durchkreuzen fette Viecher das einmal trübe, einmal glasklare Wasser, formschön in Szene gesetzt, mit peitschenden Schwänzen und Zähnezeigen auf Urzeitniveau. Der Hurrikan aber, der ist kaum der Rede wert, und die Vater-Tochter-Story reduziert sich auf entbehrliche Wortmuster. Wichtig ist, dass Kaya Scodelario richtig gut schwimmen kann und der Hund in der Küche bleibt. Somit ist Crawl ein knapper, kleiner, durchaus hemdsärmeliger Tierslasher geworden, der sich die Elemente aber so dreht, wie er sie gerade braucht und viel zu selten gewillt ist, gegen den Strom zu schwimmen.

Crawl

Der Junge, der den Wind einfing

MACGYVER IM MAISFELD

7/10

 

The Boy Who Harnessed the Wind© 2019 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: CHIWETEL EJIOFOR

CAST: MAXWELL SIMBA, CHIWETEL EJIOFOR, AÏSSA MAÏGA, JOSEPH MARCELL U. A.

 

„Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!“ Und wen das nicht als Kind zum restlosen Vertilgen unliebsamer Speisen bewogen hat, musste mit dem Apell ans eigene Gewissen klarkommen: „Denk doch an die Kinder in Afrika“. Abgesehen davon, dass der Nachwuchs dort nichts davon gehabt hätte, hätten wir unser Essen wirklich aufgegessen (was das eine oder andere Mal sicher passiert ist), sensibilisiert die Relation zum eigenen Wohlstand erst dann, wenn die Konfrontation mit der Armut aus erster Hand passiert. Meist ist das weit weg von daheim. Während eines Individualurlaubs in Dritte-Welt-Länder, wenn der eigene Horizont erweitert werden will, wenn sich das Leben der anderen zur exotischen Erlebniswelt entfaltet. Wie verkennend, denn so erlebenswert ist sie nicht. Vielmehr ein Grenzgang, dessen skandalöser Umstand es ist, ihm überhaupt begegnen zu müssen. Die Welt ist, wie einem dann klar wird, eine ungerechte, in der Ressourcen ungleich verteilt worden sind. Plötzlich wird die Sicht auf das eigene kleine Leben zumindest für kurze Zeit nachhaltig globaler, Zusammenhänge verständlicher, der Unmut gegen das Establishment größer. Denen, die am Ende unserer Reisen zurückbleiben, könnte mit dieser Erkenntnis ja zumindest aus einem gewissenhaften Good Will heraus geholfen werden. Allen anderen müssen, so wie es aussieht, selber klarkommen. Und improvisieren. Oder mal anfangen, die Welt, in der sie leben, besser zu verstehen. Um sie besser zu nutzen. Ganz so wie seit Anbeginn der Menschheit.

Malawi, 2001: Der 13jährige William hat genau das vor. Denn das Wetter, das ist den Bewohnern des kleinen Dorfes Masitala und Umgebung nicht wirklich gewogen. Langanhaltender Regen überschwemmt das Land, und in der Trockenzeit wird wieder kaum ein Tropfen Feuchtigkeit für die Maisfelder verfügbar sein, die aber bares Geld wert sind. Und wer Geld hat, kann sich Essen kaufen und den Sohnemann in die Schule schicken, wissbegierig genug ist er ja. Und zum Glück für alle an der Nahrungsknappheit mitleidenden ist William jemand, der Zusammenhänge versteht, der sich inspirieren lässt und seines und das Schicksal der anderen selbst in die Hand nehmen wird. Anfänglich noch zum Missfallen des Vaters, welcher denkt, das Wunder einer guten Ernte noch mit Muskelarbeit herbeizuschwitzen. William gehört da schon einer anderen Generation an. Und ein schlaues Ingenieursköpfchen wie das eines MacGyver, das gibt es längst nicht nur im Fernsehen. Auf diese Ressourcen könnte ein jeder zurückgreifen, zumindest jeder, der eine gewisse Neugier besitzt und den Glauben, dass eigentlich alles möglich sein kann, dass der erste Schritt zu einem besseren Leben überall sein kann, auch unter der Erde. Das klingt jetzt makaber, stimmt allerdings. Denn William baut eine Pumpe für den Brunnen, angetrieben vom Wind, der unablässig weht, hier in den weiten Ebenen Südostafrikas.

Der Junge, der den Wind einfing ist die erste Regiearbeit des oscarnominierten Schauspielers Chwijetel Eijofor (12 Years a Slave) und gleichzeitig einer der geradlinigsten und erhellendsten Antworten auf die Frage, wie der Hunger in die Welt kommt – und wie man ihn schmälern kann. Nach dem Buch des echten William Kumbawake ist ein Film gelungen, der von Anfang an die Mechanismen und Umstände, die Hunger und Armut nach sich ziehen, konzentriert beobachtet, ohne aber in reißerische Betroffenheitsromantik abzugleiten. Ejofors Film ist sowohl emotional als auch nüchtern, edukativ, aber niemals belehrend. Firlefanz in Sachen Regie gibt es keinen, die Innovation steckt in der Geschichte. Der Regisseur hat hier kein statussymbolisches Ego-Werk gewollt, sondern ein herausposaunendes Anliegen verwirklicht, dass in seiner dramaturgischen Klarheit wirklich wert ist, gesehen zu werden. Vor allem auch, weil es letzten Endes keine Bad News sind, die uns erreichen, sondern Zuversicht, die ohnehin selten ins Kino findet. Vieles, was verfilmt wird, äußert seine Kritik an aktuellen Umständen mit der Vision eines Worst Case. Manifestiert sich das Gute aber als Tatsache, als die gute Nachricht, als einen Triumph menschlicher Anpassung, Improvisation und nachhaltiger Energie, erreicht es beim Publikum deutlich mehr und sollte nicht verschwiegen werden. Noch dazu könnte Der Junge, der den Wind einfing eine gewisse Begeisterung für Physik im Alltag wecken – wie seinerzeit MacGyver, allerdings mit dem bisschen mehr an globaler Relevanz.

Der Junge, der den Wind einfing