Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (2025)

DIE GEMEINDE LÄSST BITTEN

6,5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: RIAN JOHNSON

KAMERA: STEVE YEDLIN

CAST: DANIEL CRAIG, JOSH O’CONNOR, JOSH BROLIN, GLENN CLOSE, MILA KUNIS, JEREMY RENNER, KERRY WASHINGTON, ANDREW SCOTT, CAILEE SPAENY, DARYL MCCORMACK, THOMAS HADEN CHURCH, JEFFREY WRIGHT,  JAMES FAULKNER U. A.

LÄNGE: 2 STD 20 MIN



Schön ist das, wenn man als Regisseur freie Hand bei einem Franchise hat und sowohl für Skript als auch für die Umsetzung verantwortlich sein darf. Und das, obwohl Star Wars VIII: Die letzten Jedi (für mich aus völlig unerfindlichen Gründen) kaum auf Gegenliebe stieß. Dennoch: Bei Knives Out hat Rian Johnson für beide Seiten alles richtig gemacht. Also lässt er schon zum dritten Mal seinen bunten Haufen an Verdächtigen im Upstate New York zusammenkommen, irgendwo zwischen New York und Long Island, einem tristen Pflaster, wenn man obendrein noch voller Reue im christlichen Glauben die Absolution sucht. In dieser Gegend lassen sich Geheimnisse gut verstecken und Mordfälle nur schwer aufklären. Und wenn dann doch einer passiert, dann vorzugsweise in heiligen Hallen, wenn geht während des Gottesdienstes, und während Monsignor Jefferson Wicks (Josh Brolin mit dichter, grauer Haarpracht) wie üblich seine Gardinenpredigt hält. Der Verdacht fällt auf den strafversetzten Priester Jud (Josh O’Connor, The Mastermind), der mit den Methoden des Gemeindepfarrers überhaupt nicht zurechtkommt. Er nimmt diesem zwar die Beichte ab, doch stellt er selbst Nachforschungen an, um herauszufinden, was es mitunter auf sich hat, dass in der Apsis der Kirche kein Kreuz mehr hängt. Dabei stößt er auf eine zurückliegende, düstere Familientragödie rund um Vermögen, Erbe und einem versteckten Schatz. Als sich der Disput zwischen den Geistlichen zuspitzt, lässt sich der durchaus aggressive Jud zu Morddrohungen hinreissen – die folglich gegen ihn verwendet werden. Und gerade dann, wenn alles aussichtslos und der Mord an Jefferson Wicks unlösbar scheint, tritt Benoit Blanc auf den Plan. Ein Schnüffler in edlem Zwirn und herrlich distinguiert, der frappant an Peter Ustinovs Darstellung des Hercule Poirot erinnert, gemixt mit Dreitagebart und blonder Mähne, die seinem Alter anachronistisch zuwiderläuft und obendrein an Oscar Wilde erinnert. Dieser Benoit Blanc steht ebenfalls auf der Leitung, was den Fall betrifft. Jeder könnte wie üblich verdächtig sein und für jeden gilt es, Indizien zu sammeln. Währenddessen ereignen sich weitere mysteriöse Dinge, sogar eine Auferstehung von den Toten erfüllt den Filmtitel geradezu wortwörtlich.

Der Schnüffler als Nebenrolle

Rian Johnson hat diesmal, nach trautem Familienheim und einsamer Insel, den heiligen Ort der Kirche erwählt – und zugegeben, das Setting ist für einen Whodunit zwar nicht neu, hat aber noch jede Menge Potenzial. Hinzu kommt, dass man mit dem Entdecken bekannter Gesichter fast nicht nachkommt. In Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery sammelt sich wieder mal erlesene Schauspielzunft, um in diesem Ensemblestück etwas oder auch gar nichts im Schilde zu führen oder nur so zu tun, als ob. Die Stimmung, das neogotische Gewölbe, die dunklen Gänge, der labyrinthartige Garten – alles klassische Versatzstücke, die funktionieren. Nur diesmal steht Benoit Blanc vollends im Schatten all der anderen. Die Conclusio lautet gar: Daniel Craig in seiner zweiten Paraderolle nach James Bond – man hätte ihn nicht gebraucht. Denn O’Connor und Brolin, die beiden Joshs, geigen auf, da verkommt der Rest des Ensembles sowieso nur zur Staffage, und auch Benoit Blanc fehlt komplett die Durchsetzungskraft eines charismatischen Privatermittlers.

Schließlich ist es auch so, dass Blanc den Fall gar nicht mal richtig lösen muss. Die Challenge der Beweisführung zeigt überraschend früh Ermüdungserscheinungen, da Rian Johnson in seinem Skript so sehr darauf aus ist, einen unmöglich entschlüsselbaren Tatbestand zu ersinnen, dass die prickelnde Dynamik seines Filmes bis zum großen Paukenschlag an Kraft verliert. Mit anderen Worten: Die Lust an der kriminologischen Genialität steht sich selbst im Weg und hemmt die Ermittlungen. Am Ende öffnet Johnson das einzig mögliche Ventil, um den Kopf freizubekommen.
Was man danach mitnehmen kann, ist das feine Spiel des Ensembles und das ans Paranormale grenzende Mysteriöse – die Mörderjagd selbst ist, statt von Ehrgeiz gekrönt, kein Gipfelstürmer.

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (2025)

Four Good Days

ENDSTATION MAMA

6/10


fourgooddays© 2021 Indigenious Media


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: RODRIGO GARCIA

CAST: GLENN CLOSE, MILA KUNIS, STEPHEN ROOT, JOSHUA LEONARD, CHAD LINDBERG, REBECCA FIELD U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wo Glenn Close draufsteht, würde ich nicht zögern, hineinzusehen. Denn Glenn Close, die ist eine Klasse für sich. Und zwar so sehr, dass sie für ihre Performance in Ron Howards Drama Hillbilly-Elegie sowohl für den Oscar als auch für die Goldene Himbeere nominiert wurde. Wie kann das sein? Nun, Geschmäcker sind verschieden, in der Kunst sind Lob und Spott subjektive Messlatten. Dennoch: aus meiner Sicht grenzt die Himbeere an Beleidigung.

Glenn Close kann sich nämlich auch in diesem gänzlich durch den Radar gefallenen Mutter-Tochter-Drama Four Good Days auf ihre Erfahrungen verlassen. Ihr zur Seite finden wir Black Swan-Konkurrentin Mila Kunis, die sich, so wie es aussieht, für die Rolle eines schwer drogensüchtigen Sozialfalls einiges an körperlichen Defiziten antrainiert hat. Kann aber auch sein, dass hier digital nachgeholfen wurde. Wäre das zu verhehlen? Wohl eher nicht, denn radikale Abmagerungskuren für einen Dreh sind dann doch ein bisschen zu viel verlangt. Aber fragen wir lieber nicht Christian Bale, dem Jo-Jo unter den Body-On-Demand-Kandidaten.

Mila Kunis zeigt sich also abgemagert, ausgemergelt, hat gigantische Augenringe und Flecken am ganzen Körper, darüber hinaus faulige Zähne und kein Obdach. Die Mutter – eben Glenn Close – scheint den guten Glauben an ein besseres Leben für ihre Tochter bereits verloren zu haben. Immer dieselbe Leier, immer das selbe Flehen, um dann mit gestohlenen Wertsachen wieder abzurauschen, um neue Drogen zu kaufen. Ein Kreislauf, aus dem Tochter Molly nicht entfliehen kann. Doch Mama Deb kann naturgemäß ihren Nachwuchs nicht im Stich lassen und zieht mit ihr das Ganze nochmal durch. Diesmal aber muss Molly vier Tage lang clean bleiben, um ein suchthemmendes Medikament verabreicht zu bekommen. Ob sie das schafft?

Es wäre ihr zu wünschen. Denn anders als bei Timotheé Chalamet in Felix Van Groenigens Vater-Sohn-Drama Beautiful Boy ist Kunis zumindest mal bereit dazu. Es ist nie zu spät für einen Neuanfang, sagt uns Rodrigo Garcia (u. a. 40 Tage in der Wüste und Albert Nobbs, ebenfalls mit Glenn Close). Dabei ist, schließt man auf die Tonalität des Films, der Ausgang des Dramas kaum vorhersehbar. Es kann und könnte alles passieren, das Schicksal steht hier in ständiger Wechselwirkung mit richtigen oder falschen Entscheidungen, die nur Sekunden dauern. Die Intensität eines Films wie Ben is Back schafft Four Good Days aber nicht. Julia Roberts und Lucas Hedges erzeugen in diesem Drama eine Kraft, die schwer zu wiederholen ist. Glenn Close und Mila Kunis haben diese nicht, da spürt man Distanz. Zwar elterliche Liebe, aber Distanz. Viel mehr Pragmatismus, die Sehnsucht nach dem eigenen Wohl und das Wegwünschen verpflichtender Strapazen. Dadurch fällt Garcias Film etwas nüchtern und weniger berührend aus, und trotz dem ausgezehrten Äußeren von Mila Kunis, die den Schrecken einer Sucht verkörpert, bleibt Four Good Days mehr Plattform für ein gutes Schauspiel und folgt auch nicht der wirklichen Intention, sich mit einem Thema wie diesen auseinanderzusetzen.

Four Good Days