Franziskus – Ein Mann seines Wortes

DIE KUNST DES ZUHÖRENS

6,5/10

 

franziskus© 2018 Universal Pictures Germany

 

LAND: ITALIEN, SCHWEIZ, FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: WIM WENDERS

MIT: JORGE MARIO BERGOGLIO alias PAPST FRANZISKUS

 

Durchs Reden kommen d´Leut zamm, so wird gesagt. Da aber mittlerweile in diesem ach so selbstrepräsentativen Zeitalter jeder redet, völlig ungeachtet dessen, ob überhaupt jemand zuhört, ist das besagte Zuhören indessen rar geworden. Das Reden könnte man also mal den anderen überlassen, auffällig sind mittlerweile jene, die nicht so viele Worte verschwenden und hören, was gesagt wird, auch wenn vieles davon heiße Luft ist. Dazwischen aber gibt es jene, die wirklich Wichtiges zu sagen haben. Da muss der Auditor schon genau selektieren und sich denen nähern, die von Katastrophen und Ähnlichem erzählen, von Dingen, die sich unsereins in Abrahams Schoß überhaupt nicht vorstellen können. Einer dieser Zuhörer dürfte der seit 2013 im Amt der katholischen Kirche befindliche Papst Franziskus sein, ein Weglasser und Pompreduzierer unter dem Herrn, der sich mittags in die Kantine zum übrigen Personal des Vatikans kauert oder einfach auf das kugelsichere Papamobil verzichtet, um den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Ja, das tut er, dieser Franziskus, oder eigentlich Jorge Mario Bergoglio, waschechter Argentinier aus Buenos Aires und auffallend natürlich. Aktiv wie ein Außenminister zu Krisenzeiten und irgendwie überall schon mal gewesen. So zumindest zeigt es Wim Wenders in seinem vom Vatikan in Auftrag gegebenen Porträt eines ungewöhnlichen Mannes in Weiß, der Energien an den Tag legt, die mir schon allein beim Zusehen abhandenkommen und der einem Terminplan folgt, der dichter kaum sein kann.

Frühsommer letzten Jahres kam Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes ins Kino, fünf Jahre zuvor begannen die Vorbereitungen zu diesem Film, also eigentlich kurz nach Franziskus´ Antritt zum Pontifikat. Zeitraubend daran war die Sichtung all des Materials an Mitschnitten vergangener und zukünftiger Events, Reden vor versammelten Mengen und Besuche in mitunter auch diverser Brennpunkte. Franziskus, so lässt sich erkennen, gibt sich niemals die Blöße, verunsichert zu wirken, ganz egal, was er tut oder sagt. Sein ideologisches Konzept scheint Hand und Fuß zu haben. Natürlich, und das muss man an dieser Stelle auch sagen, ist Wenders Auftragsarbeit ein Werk, dessen Entstehung der Vatikan klarerweise unterstützt hat. Folglich bleibt Papst Franziskus jeglichen kritischen Beäugungen erhaben, verpackt den wortlastigen, wohlwollenden Steckbrief aber auf eine Art, die sicher nicht als katholischer Werbefilm zu bezeichnen ist. Warum?

Jedenfalls mal, weil Wim Wenders am Regiestuhl sitzt. Weil er mit dem Franzosen David Rosier, der schon bei Das Salz der Erde mit dabei war, all die Fragen ersonnen hat, die dem vielbeschäftigten Papst aufgetischt werden sollen. Weil Wenders ein genauer Hinblicker ist, der sich mit der intellektuellen Abtastung außergewöhnlicher und expositionierter Persönlichkeiten schon ausreichend gut genug beschäftigt hat, um zu wissen, wie er sich Menschen solchen Formats zu nähern hat. Das geschieht auf leisen Sohlen, das geschieht als Zuhörer eines Mannes, der selbst meistens Zuhörer ist. Da beide natürlich nicht zuhören können, würde der Film schweigen, also schöpft Franziskus zu dem einen oder anderen Thema aus seinem Gedankengut und wirkt, natürlich jetzt nicht wider Erwarten aber doch, erstaunlich weise und erstaunlich gütig. Unaufgesetzt, geradeheraus und im übertragenen Sinne ungeschminkt. Nüchtern und klar ist der ganze Film, so nüchtern und klar wie die Einstellung des Pontifex zum materiellen Reichtum des Einzelnen. Hinter den Ambitionen des Mannes steckt wahrlich ein Konzept, das arbeitet Wenders diskret hervor, und ich weiß nicht, inwiefern und inwieweit sich das Vatikan-Fernsehen da eingemischt hat, aber einen Film wie diesen so weit umzutakten, dass er tatsächlich so wirkt, als wäre man mit dem betagten Argentinier bei anregenden Gesprächen in einem gediegenen Kaffee, ist als geglückter Balanceakt zu bezeichnen, der für eine konfessionelle wie konventionelle Macht wie den Vatikan unerwartet unklerikal wirkt, jenseits aller Frömmelei und selbstinszeniertem Gutmenschentum. Es scheint also so, als wäre Papst Franziskus tatsächlich ein Mann seines Wortes. Oder besser: ein Mann seiner Wörter, der Kluges spricht und wo es passieren kann, dass leidenschaftliche Redner wieder zu Zuhörern werden.

Franziskus – Ein Mann seines Wortes

La Grande Belezza – Die große Schönheit

DIE ÄSTHETIK DES NICHTS

7,5/10

 

grandebelezza© Filmladen 2013

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH 2013

REGIE: PAOLO SORRENTINO

CAST: TONI SERVILLO, CARLO VERDONE, SABRINA FERILLI, CARLO BUCCIROSSO, IAIA FORTE U. A.

 

Es ist Sommer, wir haben wieder Saison, und zwar in Salzburg, bei den Festspielen, wo Tobias Moretti die Paraderolle aus Hugo von Hofmannsthals Das Spiel vom Sterben eines reichen Mannes verkörpert – des Jedermann. Eine metaphysische Geschichte rund um das Ringen mit dem Tod, ein Rückblick auf ein Leben voller Ausschweifungen, und ein Besinnen auf das Wesentliche, Gott sei Dank noch letzten Endes. Und der Teufel, der geht wieder mal leer aus. Klaus Maria Brandauer hat das Thema Hofmannsthals, das sich wiederum auf dem Konzept spätmittelalterlicher Mysterienspiele über Schuld, Unschuld und Vergebung orientiert, in dem von Fritz Lehner inszenierten Psychodrama Jedermanns Fest adaptiert und gibt sich dort als sterbenden Modezar, der noch mal die große Party seines Lebens schmeißen will. Der Italiener Paolo Sorrentino, der sich in seinen Werken sowieso grundsätzlich den Fragen über Moral, Sinnhaftigkeit und geborgter Existenz hingibt, hat mit dem oscarprämierten Epos La Grande Belezza etwas ähnliches entworfen, eine visuell überbordende Leinwandshow, die ganz klar ihre Motivation aus den Euvre eines Federico Fellini zieht, insbesondere aus dessen Werk Roma. Was aber nicht heißt, dass der Meister seiner Zunft seinem großen Vorbild im wahrsten Sinne des Wortes die Show stehlen will. Wie für Sorrentino üblich, lässt er seinen reichen Mann, der einen runden Geburtstag feiert und die dekadente Elite zu einem rauschenden Fest mit Blick auf Roms Kolosseum lädt, zwar nicht sterben – dafür aber knapp zweieinhalb Stunden lang durch die ewige Hauptstadt flanieren, immer wieder Feste feiern, eben wie sie fallen, und sein bisheriges Leben Revue passieren lassen, das ihm, wie er es des Öfteren erwähnt, hohl und leer vorkommt. Reichtum ist natürlich keine Schande, soll doch jeder seinem Leben den Sinn geben, den er für richtig hält, und sei es der Sinn des Sinnlosen. Das aber erscheint dem allseits bekannten Journalisten plötzlich zu wenig zu sein. Die Suche nach einer gewissen Ewigkeit beginnt, nach noch mehr Zeit, um sich neu zu orientieren. Dabei spielt der Glaube und die katholische Kirche eine ebenso wichtige Rolle wie die Geschichte der Ewigen Stadt, mit all ihrer atemberaubenden Kunst, Kultur und Geschichte.

Schon in seiner Fernsehserie The Young Pope hat Sorrentino die Institution der Kirche mit all ihrem Pomp von innen heraus skizziert, dabei über religiöse Eckpfeiler wie Wunder, Dogmen und Keuschheit philosophiert. Über päpstliche Moral und dem Konservativismus einer im Bibeltext verhafteten Gemeinschaft, die als obsolet verrufen ihre verlorenen Schäfchen sucht. Die Kirche ist auch in La Grande Belezza nicht wegzudenken. In Gestalt einer uralten, als heilig verehrten Klosterschwester, die von Afrika nach Rom pilgert, mündet die Frage nach dem Wert von Glauben und göttlicher Hingabe in die metaphorische Gestalt eines grotesken Wesens, das selbst in seiner Weisheit letzten Endes nur noch hohlen Riten folgt, deren Sinn jemand anderem gehören. Dieses Leben und Feiern für die anderen, diese selbstlose Selbstsucht nach Anerkennung und das Inszenieren der anderen, in der Erwartung, selbst inszeniert zu werden – diese Weise enttarnt Sorrentino in vielen episodenhaften, traumartigen Sequenzen, serviert auf bühnenhaften Tableaus, kunstvoll beleuchtet, wie sakrale Portale, die zu namenlosen Erkenntnissen führen sollen, die sich als sprachlos entpuppen, aber dennoch wunderschön sind.

Wunderschön ist La Grande Belezza tatsächlich, wenngleich sein Film viel Geduld erfordert. Das assoziative, irrlichternden Visionen erlegene Kaleidoskop in bunten Farben verpuffender Wohlstandswerte portraitiert eine Welt, die in ihrer verlogenen Affektiertheit für den Zuschauer unanknüpfbar scheint. Was hier abgeht, ist kommunikationsloses Theater, dessen Figuren uns Zusehern so gleichgültig gegenüberstehen, dass der Drang aufkommt, sich anderen Dingen zuzuwenden. Dazugehören will man ganz und gar nicht. Verlockend sind eher die installierten Bilder, die bis ins Detail durchkomponierten Arrangements aus Personen und Kulisse, unterlegt mit hypnotischen Klängen, dazwischen so weltfremd surreal wie antikes Maskentheater, das wir zum Beispiel auch in Fellinis Satyricon finden. Doch so ratlos die scheinbar in fremden Floskeln verlorene Seelenmesse auch anfangs macht, so sehr lässt sich die Wandlung des römischen Jedermann später verfolgen. Kann sein, dass Sorrentino zu sehr auf die Wirkung seiner visionären Bildideen setzt, und dabei in seiner Lust am Rätselhaften den Sinn seines Werkes aus den Augen verliert. Immerhin ergibt sich aber am Ende ein Gesamtbild, eine Umkehr zu neuen Werten, und die Möglichkeit eines neuen Aufbruchs. Rom jedenfalls, die ewige Stadt, die hat seit Fellini nicht mehr so intensiv ihren immer wiederkehrenden Frühling erlebt. Der Sinn dieser Metropole steckt nicht nur in, sondern auch zwischen den alten Mauern, nirgendwo lebt Geschichte so wuchtig wie hier, und das schon mehrere Jahrtausende lang. Sich hier mit seiner eigenen Geschichte nicht zurechtzufinden, ist nur verständlich. Und umso erstaunlicher, zuzusehen, wie sich die Art, im elitären Rausch zu leben, um die ewigen Zeiten hinweg gewandelt – oder gar nicht gewandelt hat. Die große Schönheit ist die, die sich eigentlich nicht darstellen lässt. Vielleicht ist es nur die Erinnerung an das Wichtige, wie bei Jedermann, der mit dem Gewissen ringt.

La Grande Belezza – Die große Schönheit

Lady Bird

FLÜGGE WERDEN IST NICHT SCHWER…

7,5/10

 

ladybird© 2017 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2017

DREHBUCH & REGIE: GRETA GERWIG

MIT SAOIRSE RONAN, LAURIE METCALF, TRACY LETTS, TIMOTHÉE CHALAMET, LUCAS HEDGES U. A.

 

Wie hätte doch Greta Gerwig diese Rolle gerne selbst gespielt. Doch die Zeit macht auch vor ihr nicht halt, der smarten Indie-Blondine, die mit dem Coming of Age-Drama Lady Bird auch erstmals ihren selbst verfassten Film inszeniert. Als Mittdreißigerin lässt sich eine 17jährige nur auf Kosten der Plausibilität darstellen. Doch talentierte Jungdarstellerinnen gibt’s in Übersee wie Sand am Meer, da braucht es nicht lange, um das Alter Ego Gerwig´s im Casting-Pool ausfindig zu machen. Die Wahl fiel auf die uns bereits aus vielen Filmen sehr bekannte Saoirse Ronan. Was war dieses Engagement doch für ein Glückstreffer. Die 24 Jahre junge Dame ist zwar auch längst kein Teenager mehr, doch ihr juveniles, zartes Äußeres lässt keine Sekunde lang daran zweifeln, dass wir es hier wirklich mit der moderat rebellischen Lady Bird zu tun haben, die sich um die Burg nicht mit ihrem Taufnamen ansprechen lassen will und ihr schulterlanges Haar in dunkelm Bordeaux-Rot vor sich her trägt. Statements unter der Gürtellinie unterstreichen nur ihren Drang, aus dem Rahmen zu fallen – und das an einer erzkatholischen Schule in Sacramento, wo man zwar als Nonnen- oder Priesterpersonal augenzwinkernd über so manche Kleinigkeit hinwegsieht – zu kurz getragene Röcke aber widerholt tadelt. Lady Bird will aber unbedingt aus dem Zwinger ihrer Geburtsstadt ausbrechen und an der Ostküste studieren. Koste es was es wolle wird es wohl nicht spielen – Papa ist arbeitslos und Mama schuftet in Doppelschichten als Krankenschwester ihre Bandscheiben wund. Der Adoptivbruder mitsamt Freundin macht einen auf Asozial und ist auf sein Schwesterherz erstmal auch nicht gut zu sprechen. Wo starke Charaktere aufeinandertreffen, können gut und gerne die Funken fliegen. So geraten auch Tochter Saoirse Ronan und Mutter Laurie Metcalf aneinander, während der brummige Papa Tracy Letts für Ausgleich sorgt und dabei den Vorwurf auf sich nimmt, als Weichei zu gelten. Und die erste Liebe – natürlich, die kommt klarerweise auch nicht zu kurz. Wie es sich für eine fiktionale Bio übers Erwachsenwerden so gehört.

Für die junge Irin ist die Nominierung als beste Darstellerin für den Oscar 2018 eine Ehre, die sie zu Recht verdient hat. Als quirlige, leicht ausgeflippte und tragikomische Gestalt der Lady Bird, die sowohl in ihrem provozierenden Trotz, ihrer naiven Selbstüberschätzung und ihren melancholisch-nüchternen Phasen der Erkenntnis zu sich und zu ihrem bevorstehenden selbstständigen Leben findet, gibt die erstaunlich expressive Ronan so gut wie alles, wenn nicht mehr. Mag sein, dass sie mit ihren eigenen Erfahrungen improvisiert. Genauso wie Greta Gerwig, die tatsächlich auch aus Sacramento stammt. Womöglich handelt es sich bei ihrem Regiedebüt um eine autobiographische Reise in die eigenen Jugendjahre? Der Verdacht drängt sich förmlich auf, bestätigt sich aber einigen Recherchen im Internet zufolge nicht. Gerwig betont in einem Interview mit der André Wesche von der Freien Presse, Lady Bird sei alles andere als ihr früheres Selbst, eigentlich genau das Gegenteil. Die junge Christine McPherson denkt, tut und entscheidet, wie Greta Gerwig wohl gerne gedacht, getan oder entschieden hätte. Die einzige Gemeinsamkeit sei Sacramento, alles andere fiktional. Aber immerhin ist ihre Protagonistin sehr wohl mit der Autorin verbunden, das erkennt man alleine schon an ihrem Auftreten. Kameramann Sam Levy setzt dabei das leise Erwachen zur jungen Frau in grobkörnige, unprätentiöse, sehr private Bilder. Die begnadete Laurie Metcalf als hin und hergerissene, überarbeitete, aber bedingungslos liebende Mutter verleiht dem Marienkäfer im Funkenflug des Flüggewerdens jene ernüchternde Bodenständigkeit, den eigentlich jeder junge ehrgeizige Mensch benötigt, um nicht orientierungslos durch die Untiefen eines leistungsorientierten Alltags zu mäandern. wenn die beiden, Ronan und Matcalf, ihre gemeinsamen Auftritte haben, genießt Lady Bird seine darstellerischen Höhepunkte. Überhaupt gehen die Szenen Greta Gerwig ungemein natürlich und ungekünstelt von der Hand. Da reiht sich die illustre Runde empathischer Nebendarsteller wie Lucas Hedges und Renaissance-Gesicht Timothée Chalamet (Call be my your Name) im harmonischen Zusammenspiel nahtlos ins Ensemble ein.

Lady Bird ist schon ein bisschen etwas anderes als reines Mumblecore-Kino, in dem es vorwiegend um Befindlichkeiten, Ansichten und Beziehungen gebildeter Lebenskünstler geht. Nicht zu vergessen ist hier der raumfüllende Aspekt der Familie, der im Mumblecore-Genre eher vernachlässigt wird. In Lady Bird sind die familiären Wurzeln enorm wichtig, ungefähr genauso tragend wie der Prozess des Entwurzelns unseres lebenshungrigen und neugierigen Freigeistes. Lady Bird ist erfrischend ungeschminkt, lebensnah und mitreißend, erinnert stellenweise an Richard Linklater´s Kindheits-Epos Boyhood und schenkt dem Kinogeher nicht weniger Einblicke in die Gefühls- und Erlebenswelt einer Episode der Reifung, die wie kaum eine andere Zelte abbricht und woanders neu aufbaut.

Lady Bird

Empörung

AM KUCKUCKSNEST VORBEI

7,5/10

 

empoerung© X-Verleih 2016

 

ORIGINAL: INDIGNATION

LAND: USA 2016

REGIE: JAMES SCHAMUS

MIT LOGAN LERMAN, SARAH GADON, TRACY LETTS, TIJUANA RICKS U. A.

 

Die Bücher von Philip Roth sollte ich wirklich mal lesen. Derweil kenne ich den wohl bekanntesten amerikanischen Romancier der Gegenwart eigentlich nur aus dem Kino – wo er in erster Linie eigentlich nicht hingehört. Roth sollte gelesen werden, keine Frage. Und spätestens nach Sichtung der jüngsten Verfilmung eines seiner Bücher kann das garantiert kein Fehler sein. Alleine 2016 haben sich gleich zwei Celluloid-Künstler den gesellschaftskritischen Stoffen des Literaten angenommen. Niemand geringerer als Ewan McGregor wollte bei seinem Regiedebüt ohne Umschweife gleich ans Eingemachte gehen. Den Roman Amerikanisches Idyll zu verfilmen ist gleich mal eine schauspielerische wie dramaturgische Herausforderung. Spannende Geschichte, aufwühlend und tiefgründig. Und siehe da – für einen Erstling überraschend stilsicher umgesetzt. Dankenderweise auch aufgrund der empathischen Schauspieler.

Die Blöße, mit etwas Gefälligerem als Philip Roth sein Regiedebüt zu zementieren, wollte sich Filmproduzent James Schamus aber dann auch nicht geben. Wenn schon McGregor sich nach Höherem streckt, wäre es blamabel, hier hinten anzustehen. Also welche Bücher haben wir noch, von Philip Roth? Empörung, Originaltitel Indignation. Wie in den meisten Büchern Roth´s – auch wenn ich sie nicht gelesen habe, aber soviel weiß ich – spielt die Handlung auch hier im amerikanischen Osten, wir haben eine in den 50er Jahren etablierte jüdische Familie, die sich im Schweiße ihres Angesichts alles aus eigener Hand aufgebaut hat. Und wir haben, was Philip Roths Werke so aufwühlend dicht gestaltet – die Auflehnung des Nonkonformismus. Die Schwierigkeit des selbstständigen Denkens in einem gesellschaftlichen System der geordneten Gleichheit und Hörigkeit. Empörung erzählt von einer unorthodoxen Liebesbeziehung an einer konservativen Universität im Ohio der Nachkriegszeit. Eine Zeit, in der Agnostizismus undenkbar, psychosoziale Auffälligkeit untragbar war. Sprichwörtliches Ertrinken war die Folge davon, wenn man gegen den Strom schwimmen wollte. Im Angesicht untergeordneten Ehrgeizes und christlich-konservativer Kuratel sind Querdenker und Individualisten die „Judasse“ einer gleichförmigen Gemeinschaft, sie sich im Gruppenzwang zum Erfolg hindurchaalt, dabei aber das eigene, selbstständig denkende Ich verrät. So ein „Judas“ ist der Student Marcus.

Die eremitische Tendenz des Freigeistes und die Ablehnung der Kirchenpflicht wäre ja schon unbequem genug – die Beziehung zur psychisch labilen Olivia, die ihrem Liebhaber nach Monika Lewinski den wohl folgenschwersten Fellatio Amerikas gönnt, setzt der Empörung wohl die Krone der Verschwörung aufs Haupt. Was anders ist, gehört ausgesondert. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wobei die Definition von Schlecht wohl im Auge des alleinherrschenden Rektors liegt. Fast möchte man meinen, der verfilmten Prosa eines Ödön von Horvath zu folgen. In seinem Roman Jugend ohne Gott sind es auch die Andersdenker, die dem Widerstand folgen. Die ausbrechen aus der diktierten Gehirnwäsche. Auch Erich Kästner lässt in seinem Ich-Roman Fabian seine Figur gegen den Sturm breschen. Horvath, sowieso ein Pessimist in Reinkultur, kann seine Querdenker niemals gewinnen lassen. Auch Kästner tut das nicht. Und Philip Roth, der mit Empörung einen Roman wie aus einer anderen Epoche vorlegt, ebenso wenig. Wer hätte da gedacht, dass sich „Percy Jackson“ Logan Lerman mit der tragischen Figur des ideologisch und geistig unterjochten Marcus so sehr identifiziert. Lerman verkörpert das strebsame Genie in unnahbarer, ablehnender Intensität. Fast schon sichtbar, wie diese unbequeme, entnervte, widerspenstige Seele in einem Schraubstock unduldsamer Intoleranz steckt. Und sich letztendlich beugen, verbiegen, brechen muss. Der junge Schauspieler ist beeindruckend. Empörung ist aber durchaus auch abgesehen von seinem Spiel und die von Sarah Gadon verkörperte undurchschaubare Olivia in seiner ganzen erzählerischen Dichte und Schwermut nicht minder sehenswert. Alleine das Psychoduell zwischen dem Universitätsdirektor und dem aufbrausenden Marcus ist das Herzstück des Films – vielleicht auch des Buches – und wird zu einem verstörend fesselnden, analytischen Schlachtfeld von vernichtend manipulativer Polemik. Empörung ist großes Erzählkino, ernüchternd, leidenschaftlich und schmerzhaft.

Empörung