Knives Out

DEM ERBE AN DIE GURGEL

7/10

 

knivesout© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: RIAN JOHNSON

CAST: DANIEL CRAIG, ANA DES ARMAS, MICHAEL SHANNON, CHRISTOPHER PLUMMER, DON JOHNSON, CHRIS EVANS, TONI COLETTE, JAMIE LEE CURTIS U. A. 

 

Wenn die Messer gewetzt werden, beginnt das neue Kinojahr mit einem guten Einstand. Und bevor der letzte Vorhang für Daniel Craigs James Bond fallen wird, hat sich der blauäugige Brite dank eines gewieften Agenten bereits mit einer ganz andere Rolle angefreundet, nämlich mit einer, die gut und gerne aus Agatha Christies Feder erstanden wäre, hätte sie nicht schon Hercule Poirot zum Leben erweckt. Natürlich, Daniel Craig hat als gewissenhaft nachbohrender Detektiv längst nicht die Extravaganz des bartbewussten Belgiers, aber möglich wäre es durchaus, dass Knives Out mit Benoit Blanc (der frankophone Name alleine ist schon eine kleine Hommage an den distinguierten Meister der Kombinationsgabe) ein neues Franchise begründet. Neben dieser Neuorientierung hat sich mittlerweile auch Rian Johnson vom erdrückenden und maßlos übertriebenen Dauerfeuer erboster Star Wars-Fans erholt. Gut schlafen hat ihn das sicher nicht lassen, obwohl meiner Meinung nach das von ihm verfasste Drehbuch zur Episode VIII eines der besten der ganzen Filmserie war. Ich mochte Star Wars – The Last Jedi, sogar sehr. Und ich mag auch das Drehbuch zu Knives Out, das ebenfalls auf Johnsons Kappe geht. Und da sieht man wieder, das dieser kreative Kopf Szenarien ersinnen kann, die nicht unbedingt die Masse zufriedenstellen, dafür aber zwischendurch das Unerwartete heraufbeschwören und mitunter auch vor den Kopf stoßen.

In Knives Out passiert das auch. Zutiefst begeistert von den Werken der 1976 verstorbenen Krimigöttin Christie, hat sich Johnson vor allem ihr Werk Das krumme Haus zur Brust genommen. Darin verstirbt der vermögende Patriarch einer weitläufigen Familie, und womöglich nicht an Altersschwäche. Ein Detektiv kommt ins Spiel, um zu ermitteln. Manche sagen, dieses Werk sei Christies bestes Buch. Die Verfilmung aus dem Vorjahr kann sich entsprechend sehen lassen. Gillian Anderson, Glenn Close und Terence Stamp machten hier gute Miene zu verdächtigem Spiel. Ein Genuss für Krimifreunde. Wer da noch nicht genug hat, und eben eine Schwäche für Wachsblumensträuße oder dem Bösen unter der Sonne, der bekommt mit Knives Out zwar eine Art Dacapo an samstäglichem Suspense präsentiert, aber längst nicht mit gewohntem Plot. Denn Johnson variiert das wohlbekannte Setting und verschiebt dramaturgische Prioritäten so, wie er will. Und das Beste: man ahnt lange nicht, was als nächstes kommt. Dieses Unberechenbare ist Johnsons Stilelement. Dieses Vorziehen später zu erwartender Höhepunkte, die sich plötzlich Bahn brechen, können gerne auch irritieren. Weil manches gelüftet wird, was man vielleicht noch gar nicht wissen will. Doch hinter diesem Eigen-Spoiler stecken noch weitere Geheimnisse, um die es letzten Endes gehen soll. Und nichts ist, wie es bekanntlich scheint.

Für dieses Kammerspiel haben die Set-Designer und Ausstatter alle Stückchen spielen lassen. Das Herrenhaus ist so krumm wie noch nie. Holzgetäfelte Düsternis, eine üppige Schwäche für Antiquitäten, knarzende Treppen und versteckte Türen. Gut und gerne ließe sich das Haus vor dem Ausschlachten der Requisiten zu einem Fun-Park hinüberretten, so sehr ist hier der unbequeme Verdacht zuhause. Doch keine Sorge, von beklemmendem Grusel sind diese vier Wände weit entfernt – dafür aber umso näher an sarkastischer Süffisanz, die das Ensemble mit heller Spielfreude an den stimmungsvoll vernebelten  Tag legt. Die Runde kann sich sehen lassen – fast so schillernd wie in Kenneth Branaghs Mord im Orient-Express. Don Johnson lässt sich sehen, aber auch Toni Colette, Blade Runner 2049-Beauty Ana des Armas, ein herrlich pseudodevoter Michael Shannon und ein völlig gegen den Captain America-Gutmensch gebürsteter Chris Evans, der dank eines gewieften Agenten ebenfalls versucht, bitte zukünftig nicht mehr mit Marvel in Verbindung gebracht zu werden. Sie alle haben ihre Momente, und sie schleichen, wie Erben eben schleichen, um einen Tatort herum, der mehrere plausible Szenarien erzählt, die Craig mit nüchternem Columbo-Charme gegeneinander abwägt. Dabei fehlt ihm der letzte Schliff, etwas mehr unverwechselbar Persönliches. Doch das, was Knives Out ganz alleine gehört, das ist die lückenlose Brillanz eines zerschnipselten Drehbuchs, das als gute alte Whodunit-Hommage genauso gut funktioniert wie als quergebürstete Erbschleicherkomödie, gänzlich ohne Pflichtanteil.

Knives Out

Logan Lucky

DEN GLÜCKLICHEN GEHÖRT DAS GELD

7,5/10

 

loganlucky
© 2017 StudioCanal / Quelle: indiewire.com

 

LAND: USA 2017

REGIE: STEVEN SODERBERGH

MIT CHANNING TATUM, ADAM DRIVER, DANIEL CRAIG, RILEY KEOUGH U.A.

 

John Denver hat´s einfach drauf. Wenn ein Film schon mit den Klängen des guten alten Country-Titanen beginnt, kann er ja fast nicht schlecht sein. Und wenn dann noch dazu Country Roads blechern aus dem Autoradio scheppert und von einer blutjungen Schönheitskönigin geträllert wird, dann bleibt ja fast kein Auge trocken. West Virgina, Mountain Mama…

Steven Soderbergh´s Rückkehr auf die Leinwand spielt tatsächlich in West Virginia. Seine Familie Logan, die er hier liebevoll ins Rennen um gebunkerte Millionen schickt, ist anfangs mal so was von überhaupt nicht glücklich. Ein Fluch liegt auf dieser Familie. Vom Pech verfolgt, hat der eine Bruder bei einem Militäreinsatz im Irak seinen linken Unterarm verloren, der andere wird aufgrund von Kniebeschwerden fristlos entlassen. Und die Schwester – die macht als Friseuse älteren und jüngeren Damen die Haare schick. Was sie noch dazu alle nicht haben, ist natürlich der schnöde Mammon. Und wie es der Zufall so will, macht Gelegenheit Diebe.

Logan Lucky ist ein waschechter Soderbergh. Seine Dramaturgie, die Art seiner Szenenfolgen, die Kamera. Vor allem die Diskrepanz zwischen einem Regisseur, der weiß was passieren wird und einem Publikum, dass die Dinge erst viel später kombiniert, als ihm lieb ist. Das hatten wir schon bei Ocean´s 11 so. Und das ist hier nicht anders. Nur seine Figuren – die sind diesmal wirklich schräger. Und liebevoller. Was sich so anfühlt wie eine Mischung aus Little Miss Sunshine und einem Heist-Movie, das aus der Feder der Coen-Brüder hätte stammen können, ist wahrlich ein schelmischer Leckerbissen mit ganz viel Understatement. Und vielen kleinen Seitenhieben auf Moral, Mittelstand und Game of Thrones. Was sich die Jungs und Mädels hier einfallen haben lassen, um an das große Geld zu kommen, und auf welche Art und Weise der Knacki Daniel Craig alias Joe Bang hier genötigt wird, mitzuwirken, ist Gaunerkino der wortgewandten, situationskomischen Art. Wobei vor allem Daniel Craig mit sichtlicher Spielfreude wohl eine seiner besten Performances liefert. Mit wasserstoffblondem Bürstenschnitt und ein Faible für Chemie darf er in tiefer Dankbarkeit seine Lizenz zum Töten in die Schublade räumen und mal so richtig ungeniert aufspielen. Dass der Mann mehr kann als nur geschüttelten Martini schlürfen, lässt sich spätestens in Logan Lucky beweisen. Sein auftritt amüsiert, und auch „Kylo Ren“ Adam Driver als etwas einsilbiger Barkeeper hat nicht weniger skurrile Momente.

Ocean´s 11 ist was für die Großen und Reichen. Logan Lucky für den Underdog in uns. Zwar wird der Film erst in der zweiten Spielzeit so richtig gut, nachdem er einige entbehrliche und für die Handlung nicht wirklich notwendigen Szenen hinter sich gelassen hat, doch im Ganzen betrachtet ist der unverwechselbare Cineast Soderbergh erfolgreich zurück im Leinwandbusiness.

Logan Lucky