Anaconda (2025)

THE SNAKE IS NOT WORKING!

6/10


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LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: TOM GORMICAN

DREHBUCH: TOM GORMICAN, KEVIN ETTEN

KAMERA: NIGEL BLUCK

CAST: JACK BLACK, PAUL RUDD, STEVE ZAHN, THANDIWE NEWTON, SELTON MELLO, DANIELA MELCHIOR, IONE SKYE, ICE CUBE, JENNIFER LOPEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Mit von Kapitel zu Kapitel niemals schwindendem Interesse habe ich mir zuletzt das relativ druckfrische und gut recherchierte Making Of-Sachbuch The Shark is not working von Renatus Töpke zu Gemüte geführt. An alle Filmnerds und die es noch werden wollen: Diese Fachlektüre für Kino-Enthusiasten ist eine klare Empfehlung, liefert sie doch jede Menge erhellende Informationen, wenn es darum geht, Filmprojekte auf die Beine zu stellen, und wenn das mal geklappt hat, sie überhaupt erst zu realisieren. Als fiktionaler Beitrag zu diesem Buch könnte die zu Weihnachten in den Kinos durchgestartete Meta-Blödelei Anaconda als bizarre Desaster-Chronik relativ gut funktionieren – wenn man Filme wie One Cut of the Dead oder Living in Oblivion schon gesehen hat. Oder das mysteriöse Making-Of Shadow of the Vampire, in welchem spekuliert wird, ob Max Schreck in Murnaus Nosferatu nicht doch ein Vampir gewesen war. In Anaconda, keinem Remake des 90er-B-Movies, sondern der wenig schamhaften Verbeugung vor einem Guilty Pleasure damaliger Teenager-Cliquen, steht nicht der Elefant, sondern die Schlange im Raum, deren Monstrosität vielleicht gar keine Erfindung irgendwelcher Drehbuchautoren war, sondern tatsächlich existiert. Jack Black, „Ant Man“ Paul Rudd, Steve Zahn und Thandiwe Newton werden aus erster Hand erfahren, was es heisst, wenn ein Filmprojekt mehr Blut, Schweiß, Schlangenschleim und Pisse abverlangt als vorgesehen.

Abenteuer Filmemachen

Wo Jack Black ist, dürfte auch ein Szenario nicht weit entfernt sein, dass an die Neuauflage von Jumanji erinnert. Nur diesmal stecken nicht Opa und das affektierte It-Girl im falschen Avatar, sondern schräge Normalos, die sich den Traum ihres Lebens erfüllen wollen, müssen mit ihrer originären menschlichen Hülle auskommen, wenn es heisst: Survival-Trip statt Filmdreh. Am Anfang jedoch sieht es noch so aus, als wäre das Abenteuer Filmemachen das Aufregendste, was man sich vorstellen kann. Man braucht doch nur Motivation, Zeit, Ideen – und die richtigen Kontakte. Also finden sich die vier Buddies, die in Jugendjahren selbst schon ihren Super 8-Film gedreht hatten, im Amazonasbecken wieder, mitsamt gebuchter Würgeschlange und einem luxuriös ausgestatteten schwimmbaren Untersatz. Was sie nicht wissen: Goldgräberbanden treiben hier ihr Unwesen, und das mit der Riesenschlange war, wie schon erwähnt, in Wahrheit doch kein CGI.

Sitzpinkler-Survival

Dieses Making-Of-Jumanji-Abenteuervehikel braucht einige Zeit, um seine Startposition für sein tropisches Kalauer-Gewitter einzunehmen. Freunde, die sich finden, neu erfinden und zusammen ein Ding durchziehen, das jeden aus seiner Midlife-Crisis befördern soll – fast könnte man meinen, Anaconda ist nur eine Variable für eine Buddykomödie rund um verpasste Ziele und Chancen. Vorrangig jedoch geht es ums Filmemachen, um Allüren, Klischees und den Faktor der Improvisation, wenn alle Stricke reißen. Kein Film hat das so auf die Spitze getrieben wie One Cut of the Dead, da ist Anaconda noch meilenweit hinten nach, doch diese Crew hier muss sich auch, wie in Jumanji eben, durch den Dschungel kämpfen. Dabei gelingen dem Schenkelklopfer-Pseudotrash einige zündende Pointen. Sitzpinkler-Survival und statt Bären aufgebundene Schweine sind Fremdschäm-Highlights für Klamauk-Liebhaber, die in der Kinogruppe Spaß haben wollen, ohne viel nachzudenken. Natürlich muss man mit Humor wie diesem irgendwie klarkommen. Und man sollte auch Anaconda aus dem Jahre 1997 zumindest vage in Erinnerung behalten haben – was den Cast betrifft.

Bei solchen „Meisterwerken“ ist es dann doch besser, hinter die Kulissen zu blicken. Am Ende fragt man sich, wie im „Reboot“ das ganze Bildmaterial bei all dem Chaos überhaupt zustande kommen konnte. Und doch ist das Unmögliche hier möglich, und das Ganze so wenig ernstzunehmen wie die eine oder andere beliebte Tierhorror-Trashgranate. Filmliebhaber müsste man sein, und auch ein Herz für Niederbudgetiertes haben. Denn darin steckt, neben dem Mut zum Scheitern, oft der meiste Esprit. Weil der Weg das Ziel ist, auch wenn er sich mühsam schlängelt.

Anaconda (2025)

Für immer hier (2024)

LÄCHELN GEGEN DEN TERROR

6,5/10


© 2024 Polyfilm


ORIGINALTITEL: AINDA ESTOU AQUI

LAND / JAHR: BRASILIEN, FRANKREICH 2024

REGIE: WALTER SALLES

DREHBUCH: MURILO HAUSER, HEITOR LOREGA

CAST: FERNANDA TORRES, SELTON MELLO, FERNANDA MONTENEGRO, ANTONIO SABOIA, VALENTINA HERSZAGE, MARIA MANOELLA, LUIZA KOSOVSKI, BÀRBARA LUZ, CORA MORA, GUILHERME SILVEIRA, MARJORE ESTIANO U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


Familie ist wirklich alles, das weiß auch Walter Salles, brasilianischer Filmemacher und seit Central Station längst bekannt als Beobachter eines jüngeren Südamerika zwischen Individualität und biographischen Notizen, zwischen stillem Aufbegehren und der Charakterbildung einer Revolution, wie sie Che Guevara salonfähig machte (Die Reisen des jungen Che), und zwar so weit, bis sie einging in die Popkultur. Weniger bekannt ist aber das Schicksal und Leben der Menschenrechtsaktivistin Eunice Paiva, die, bevor sie sich als Aktivistin eines Namen machte, als fünffache Mutter das Familienglück in Rio de Janeiro am Laufen hielt: Die malerische Bucht inklusive Jesus stets vor Augen, das strahlende, heiße tropische Wetter, der immerwährende Sommer auch in den Gemütern der Kinder und des Ehemannes Rubens (Selton Mello), ehemaliger Kongressabgeordneter und Kritiker des Militärregimes von Brasilien Anfang der 70er Jahre.

So ein Verhalten, das hätte Rubens wissen müssen, weckt irgendwann den Argwohn der Mächtigen. Hinter der Fassade einer glücklichen Familie, deren Zuversicht man kaum fassen kann, brodelt der kleine Widerstand. Es gibt Botengänge unter der Hand, die dem Regime sicher nicht in die Hände spielen. Irgendwann klopfen die Schergen der Regierung an die Tür des trauten Heims und nehmen Papa kurzerhand mit, um ihm „ein paar Fragen zu stellen“. Aus der Zusage, Rubens wäre bald wieder in der Obhut seiner Liebsten, wird nichts. Die Familie aber, sie bricht nicht auseinander. Eunice versucht, alles zusammenzuhalten, wird sogar selbst verschleppt und landet im Verhörgefängnis an einem unbestimmten Ort, muss Qualen erleiden und um ihre Kinder bangen.

Desaparecidos nennt man jene Menschen, die der Staatsapparat verschwinden lässt. Vor dem Hintergrund dieser grauenhaften Ereignisse, die sich scheinbar zur selben Zeit am ganzen Kontinent abspielen, errichtet Walter Salles das sehr intime und subjektive Portrait einer Familiengemeinschaft mit Mutter Eunice als jemand, der erhobenen Hauptes der Tragödie trotzt. Europa ist dabei weit entfernt von der Geschichte eines Kontinents, der nicht mal ansatzweise seinen Weg in die Schulbücher findet und auch sonst und vorallem angesichts der eigenen tragischen Geschichte nicht viel Platz im Bewusstsein der alten Welt einnimmt. Filme wie diese tun da ihre Pflicht und setzen ein künstlerisch definiertes Ausrufezeichen, machen aufmerksam auf etwas, dass passiert sein mag, das man hierzulande aber maximal zur Kenntnis nimmt als etwas, das genauso nicht hätte sein dürfen wie das Nazi-Regime. Hinzu kommt eine Familie, die, so scheint es, gerne unter sich bleiben würde und sein Publikum nur pflichtbewusst ins Innere blicken lässt.

Anfangs fällt Salles fast schon ungefragt mit der Tür ins traute Eigenheim und stiftet Verwirrung inmitten einer Großfamilie samt unzähliger Freunde und Bekannter, die wir alle nicht kennen. Dieses Bildnis des satten Wohlstands tangiert wenig, es wird gefeiert, und das nicht zu kurz. Der Mittagstisch biegt sich, es gibt Soufflé, dann geht es an den Strand, auch dort eine geschlossene Gesellschaft. Für immer hier lässt sich ordentlich Zeit, um sein Publikum mit dieser Familie bekanntzumachen. Statt Effektivität verliert sich Salles Film aber in einem langwierigen Anlauf. Schon klar, die intakte Gemeinschaft darzustellen, dafür benötigt es Zeit und erzählerischen Raum. Die Methode geht vorerst nach hinten los. Nach einer zähen halben Stunde redundanter Alltagsdarstellungen geht das Drama in den Absprung über – und setzt die oscarnominierte Fernanda Torres als erschütterte, aber stets erhobenen Hauptes lächelnde Matriarchin groß in Szene, umringt von ihren Töchtern und Söhnen. Langsam nähert man sich auch emotional dem ganzen Desaster, spürt die Bedrohung, empfindet Verlust und Sehnsucht nach einem geliebten Menschen, der fortan eine große Lücke bei allen Anwesenden hinterlassen wird.

Die Zeit heilt in Für immer hier niemals alle Wunden. Salles konzentriert sich dabei auf den Mikrokosmos, auf das Einzelschicksal und wechselt niemals die Perspektive. Nicht das Regime, das Konstrukt der Familie ist die eigentliche Politik, das eigentliche System, das funktionieren muss. Je stärker sich Salles fokussiert, umso besser wird der Film, bis nur noch Torres übrigbleibt, die die Flucht nach vorn wählt und den Entschluss fasst, sich für jene einzusetzen, die ähnlich gelitten haben wir ihr Ehemann. Dann aber folgt ein großer Zeitsprung – Für immer hier spart den Werdegang von Eunice Paiva ebenfalls aus wie das Dokumentarische hinter dem Psychodrama. Ob sich Salles hier nicht mit den Prioritäten etwas vertan hat, mag man als Frage in den Raum stellen. Klar ist: Gegen Ende sind die Gefühle groß, wächst die Einheit der Familie umso mehr. Das sind die geglückten Szenen eines melodramatischen Films, der nicht zu allem den nachfühlbaren Zugang gewährt. Und vorallem dann punktet, wenn man Parallelen zur eigenen Familiengeschichte entdeckt.

Für immer hier (2024)