Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

DAS HERZ AUF DER ZUNGE

6/10


rabiyekurnaz© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2022

REGIE: ANDREAS DRESEN

SCRIPT: LAILA STIELER

CAST: MELTEM KAPTAN, ALEXANDER SCHEER, CHARLY HÜBNER, NAZMI KIRIK, SEVDA POLAT, RAMIN YAZDANI, JEANETTE SPASSOVA, ABDULLAH EMRE ÖZTÜRK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Wenn es nach der simplen Logik amerikanischer Sicherheitspolitik geht, dann lautete nach dem Terror in New York die Prophezeiung: Bald wird jeder Muslim einen Muslim kennen, der jemanden kennt, der mit einem Terrornetzwerk sympathisiert. Sowas erzeugt natürlich Panik, und Angriff ist die beste Verteidigung. Dabei verrieten die Staaten all jene Werte, die in ihrer oft hochgelobten Verfassung manifestiert sind. Scheußlichstes Beispiel: Guantánamo – nach 9/11 das Niemandsland für alle Verdächtigen rund um den Erdball. In diesem Vakuum landet Anfang 2002 der volljährige Sohn von Rabiye Kurnaz, einer türkischstämmigen Hausfrau aus Bremen und Mutter dreier Söhne. Die fällt erstmal aus allen Wolken, telefoniert herum und wassert nach und muss letztendlich akzeptieren, dass ihrem Sohn nichtmal kurzer, sondern gar kein Prozess gemacht wurde, bevor er in Gefangenschaft geriet. Dagegen kann jemand wie Rabiye, die das Herz auf der Zunge trägt und eine positive Energie ausstrahlt, als gäbe es nichts Schlechtes auf der Welt, kaum etwas ausrichten – außer vielleicht mithilfe eines Anwalts. Bernhard Docke heißt dieser und erscheint so grau und bürokratisch, als würde er aus der tiefsten DDR kommen, ist aber in Wahrheit ebenfalls einer von den Engagierten und nimmt sich der Sache unentgeltlich an – weil‘s ja schließlich um Gerechtigkeit geht. Was für ein Glück, dass Rabiye auf einen Idealisten trifft, der das Allgemeinwohl im Sinn hat und nicht seinen Kontostand.

Unter der Regie von Andreas Dresen (Sommer vorm Balkon, Gundermann) bestreitet Comedienne Meltem Kaptan über eine Zeitspanne von fünf Jahren ihren Alltag zwischen Muttersorgen, politischem Aktivismus und dem Backen von Apfelkuchen. Wenig überzeugend bleibt dabei der Wechsel vom Kummer zur zufriedenen Gelassenheit. Das sprunghafte Drama, das sich nicht wirklich entscheiden kann, ob es sich ernsthaft dem Thema der Rechtsstaatlichkeit widmen oder eigentlich nur die psychosoziale Widerstandsfähigkeit einer resoluten Mutterfigur analysieren will, mutet jedoch an wie die überlange Folge einer alternativen Lindenstraße. Aus der Sicht von Rabiye Kurnaz erzählt, die wiederholt nicht wirklich wusste, was um sie herum eigentlich geschieht und warum, bleibt dem mit zwei silbernen Bären ausgezeichneten Film (darunter für Meltem Kaptan) nur die Möglichkeit, sich an dem zu orientieren, was Alexander Scheer als schnauzbärtiger Anwalt seine Mandantin wissen lassen will. Sprich: die Supersimplifizierung eines Politdramas, dass sich mehr für das skurrile, aber weltoffene Verhalten seiner Protagonistin interessiert als für das multinationale Netzwerk, das womöglich dahintergestanden hat, um Murat aus den Fängen Guantánamos zu befreien. Vielleicht haben wir so etwas schon zur Genüge gesehen, zum Beispiel im Film: Der Mauretanier – im Grunde eine ähnliche Geschichte, nur diese setzt den Fokus deutlich schärfer.

Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush erfindet eine Art Marianne Sägebrecht mit Migrationshintergrund, deren sprachliche Defizite vieles beim Namen nennt und auch für Schmunzeln sorgt. Als hätte Trude Herr die Dreistigkeit eines Borat nachimprovisiert, sieht sich die Sympathieträgerin mit dem Unbekannten auf der Welt konfrontiert und handelt nach Gefühl – das Ungerechte interessiert sie aber nur so weit, wie die Liebe einer Mutter reicht. Kann man verstehen, denn das eigene Leben birgt Sorgen genug.

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

Fresh

ROTKÄPPCHEN UND DAS WOLFSRUDEL

8/10


fresh© 2022 20th Century Studios All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: MIMI CAVE

SCRIPT: LAURYN KAHN

CAST: DAISY EDGAR-JONES, SEBASTIAN STAN, JONICA T. GIBBS, CHARLOTTE LE BON, ANDREA BANG, DAYO OKENIYI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Männer wollen doch immer nur das eine! Vermutlich schon, denn wären die Triebe nicht, gäbe es keine Beziehungen. Oder nur wenige, rein platonische. Die Lust am anderen (oder gleichen) Geschlecht ist stets der Anfang von viel mehr. Oder bleibt in den niederen Gefilden von Sex und körperlicher Liebe verhaftet, weil so manche Männer einfach nur genau das wollen und Frauen auf ihre äußerlichen Reize reduzieren. Gegen die aufblasbare Gummipuppe aus dem Beate Uhse-Versandkatalog scheinen „echte“ Frauen aber stets die Nase vorn zu haben, nichts kann die natürliche Physis ersetzen. Um das zu bekommen, was Mann will, gibt’s Dating-Apps wie Tinder. Passen die Matches, ist noch längst nicht gesagt, ob‘s Auge in Auge dann auch noch hinhaut. Meist nicht, meist ist es nach einem One-Night-Stand nicht nur beziehungstechnisch vorbei, sondern auch die Würde dahin. Doch Mann hat bekommen, was er wollte und zieht weiter. Wie ein Jäger auf der Pirsch nach Freiwild. Oder – wie wir seit EAV’s Märchenprinzen wissen: Zu viele Jäger sind der Hasen Tod.

Dazwischen jedoch, und um einiges weiter abseits, bleibt das Patriarchat nicht unkreativ, um mehr zu bekommen als möglich ist. Diese Erfahrung muss die junge Noa alsbald machen, als sie, entnervt und enttäuscht nach so einigen Blind Dates, im Supermarkt Bekanntschaft mit dem äußerst attraktiven Steve macht. Wen haben wir da vor uns: „Winter Soldier“ Sebastian Stan, sehr schick, sehr distinguiert und charmant. Ein Mann, den Frau sich nur erträumen kann, weil es diesen in natura einfach nicht gibt. Kurz danach folgt das Grand Opening einer leidenschaftlichen Liaison, wie wir sie schon aus diversen anderen RomComs oder erotischen Krimis kennen. Das dann alsbald ein unangenehmes Erwachen folgt, liegt auf der Hand. Der Punkt in dieser Sache ist nur: Welcher Art ist dieser Wermutstropfen auf die rosarote Glückseligkeit, der so bitter schmeckt wie ein roher Satanspilz?

Die Erkenntnis sickert wie der Schmerz beim Anstoßen der kleinen Zehe mit einiger Verzögerung sortenrein ins Hirn – und ist umso verstörender, je länger man darüber nachdenkt. Die Frau als Objekt der Begierde findet in Mimi Caves haarsträubender Groteske Fresh ihre destruktivste Bestimmung, der Horror macht sich in den Köpfen breit und in der sprachlosen Empörung, zu welchen niederträchtigen Marktlücken das starke Geschlecht sich hinzureißen gedenkt. Carey Mulligan aus Promising Young Woman, die mit der stumpfen Schwanzsteuerung von Männern Schlitten fährt, hätte selbst hier wohl einige Zeit gebraucht, um ihren vor Erstaunen geöffneten Mund zu schließen. Doch es ist, wie es hier ist, und bedurfte zumindest bei mir eines zweiten Anlaufs, nach so vielen Tabubrüchen dennoch dranzubleiben.

Fazit: Es lohnt sich. Denn das Ganze erzeugt einen Topspin, dem man sich ungern entziehen will. Fresh ist eine so abstoßende wie faszinierende, zutiefst makabre Satire auf Körperwahn und männliche Dominanz, Missbrauch und sexueller Versklavung. Themen, die in einem 70er Jahre Grindhouse-Slasher als billig-perverse Blutoper für Magenverstimmungen gesorgt hätten. Mimi Cave und Drehbuchautorin Lauryn Kahn sind dieser Phase aber erhaben. Ihr Film hat Stil und trotz all der Verrohung enormen Anstand. Bei wohl kaum einem anderen Film der letzten Zeit trifft die Bezeichnung fancy wohl am ehesten zu wie auf diesen: das Grauen ist schick gekleidet, die Ausstattung akkurat und so penibel wie in American Psycho. Das Intellektuelle bringt das aalglatte Böse erst hervor, dass in einer beunruhigenden Selbstverständlichkeit agiert. Sebastian Stan ist dafür wie geschaffen – er übertreibt nicht, und er gibt sich keinem charakterlichen Wandel hin wie in so manchen Thrillern, die dadurch enorm viel Plausibilität einbüßen. Das Juwel des Films ist aber die wirklich bezaubernde Daisy Edgar-Jones (Krieg der Welten), die hier ihr Spielfilmdebüt hinlegt und dabei – einer jungen Sissy Spacek ähnlich – in einer Mischung aus Furcht, Trotz und Esprit Mulligans Femme Fatale den Rang abläuft und die Herzen ihres gesamten Publikums gewinnen wird.

Mit ihrer Performance – und der innovativen, filmischen Erzählweise, die mit symbolhaften, kurios geschnittenen Bildcollagen die kluge Metaebene offenbart, schafft es Fresh, die Grenze des guten Geschmacks zu verschieben und mit genug spottender Coolness beängstigende männliche Vorlieben so zu konterkarieren, dass sie einem nichts mehr anhaben können.

Fresh

A Taxi Driver

ZUM FIXPREIS MITTEN INS GEMETZEL

7/10


ATaxiDriver© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2017

REGIE: JANG HUN

CAST: SONG KANG-HO, THOMAS KRETSCHMANN, YOO HAE-JIN, RYU JUN-YEOL U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Es waren Politdramen wie Salvador von Oliver Stone, The Killing Fields über die Roten Khmer in Kambodscha oder Under Fire mit Nick Nolte, die während des Kalten Krieges im Kino ganz vorne mit dabei waren. Der Kommunismus beeinflusste alle möglichen politischen Herrschaftsstrukturen und war ein buchstäblich rotes Tuch in den Augen der Amerikaner. Überall da, wo totalitäre wie linksextreme Einflüsse zu spüren waren, hat nicht nur die Politik, sondern auch die Filmwelt ihr Interesse kundgetan, insbesondere im benachbarten Mittelamerika. Dann war es lange Zeit ruhig – wenig Politik im Kino, hauptsächlich innerpolitisch Amerikanisches oder der Zweite Weltkrieg mit all seinen Aus- und Nebenwirkungen. Ganz vergessen wurde dabei Südkorea. Mit dem bereits 1917 erschienenen Politdrama A Taxi Driver wird nun den Opfern des Widerstandes gegen die in den Achtzigern mit eiserner Faust agierende Militärdiktatur ein Denkmal gesetzt. Und nicht nur diesen, sondern auch dem ARD-Reporter Jürgen Hinzpeter und einem Taxifahrer, über dessen Geschichte man eigentlich nichts weiß und der nach seinen mutigen Taten auch nach mehrmaligen Versuchen Hinzpeters niemals wieder gefunden werden konnte.

Dabei hat Taxifahrer Kim, dargestellt von Parasite-Star und mittlerweile Jurymitglied in Cannes, Song Kang-Ho, irgendwie wenig Ahnung davon, was in seiner Heimat politisch gerade so abgeht. Wir schreiben das Jahr 1980, und Präsident Chun Do-Hwan hat sich, mit dem Militär im Rücken, längst erfolgreich an die Macht geputscht. Was bedeutet: Meinungsfreiheit und das Fordern demokratischer Rechte werden mit Gewalt erstickt. Leidtragende sind da in erster Linie Studenten, die allein schon aufgrund ihrer Bildung über das, was da faul im Staat ist, ausreichend nachgedacht haben. In einigen Städten kommt es daher im Mai des Jahres zu gewaltigen, bürgerkriegsähnlichen Unruhen, die, zum Beispiel in Gwangju, in ein blutiges Massaker münden werden. Was der Taxifahrer dort macht? Sowieso schon knapp bei Kasse, gelingt dem improvisationsfähigen Kim, eingangs erwähnten Auslandsreporter Jürgen Hinzpeter mit seinem Taxi abseits der Straßensperren ins Krisengebiet zu schmuggeln, damit dieser die Revolten filmisch dokumentieren kann. Dieses verheerende Ausmaß war dem alleinerziehenden Vater einer Tochter allerdings nicht bewusst. Er und sein deutscher Fahrgast müssen bald um ihr Leben laufen.

Sang Kang-Ho ist in dieser teils erschütternden True Story sogar noch besser als in Parasite: die sonst so unbekümmerte Art seiner Figur erinnert an Roberto Benigni in Ist das Leben nicht schön. Und genau wie der Italiener gelingt dem koreanischen Alltagshelden irgendwann auch nicht mehr, alles auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Darstellungen des Volksmords sind den Dokumenten Hinzpeters genau nachempfunden, beschönigt wird nichts. Mitunter werden auch die tatsächlichen Aufnahmen herangezogen, um die Authentizität noch zusätzlich zu steigern. Doch das wäre gar nicht nötig gewesen: A Taxi Driver ist Tragikomödie, packender Politthriller und Zeitdokument in einem – wieder mal ein für Südkorea typischer, vorzüglicher Mix durch mehrere Genres, wobei die ganz eigene koreanische Mentalität den Rhythmus des Films bestimmt. Da findet sich einer wie Thomas Kretschmann, der den deutschen Reporter mimt, nicht so leicht zurecht. Durch sein vergleichsweise ungelenkes Gehabe wirkt er wie ein Fremdkörper. Das wiederum scheint gewollt, denn Ausländer wie dieser sind dem Regime ein Dorn im Auge und fallen auf wie ein Würfel im Bällchenbad.

Dieser Höllenritt ist kaum zu glauben, wird aber, bis auf die Biographie Kims, tatsächlich so gewesen sein. Man kann Jang Huns Film als manifestiertes Loblied auf die Branche der Taxifahrer sehen – oder überhaupt auf die ganz normalen Menschen, die sich gegenseitig zur gemeinsamen Zivilcourage mobilisieren. Rebellen für die gute Sache also – und wie sie das Leben schreibt.

A Taxi Driver

7 Gefangene

MIT FAUSTRECHT ZUM TRAUMJOB

8/10


7Gefangene© 2021Aline Arruda/Netflix


LAND / JAHR: BRASILIEN 2021

REGIE: ALEXANDRE MORATTO

CAST: CHRISTIAN MALHEIROS, RODRIGO SANTORO, JOSIAS DUARTE, VITOR JULIAN, LUCAS ORANMIAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Wie seht ihr das? Arbeiten, um zu leben? Oder leben, um zu arbeiten? Ich wähle ersteres, obwohl der hier verwendete Begriff von Leben in unseren Breiten ganz anders aufzufassen ist als zum Beispiel in Afrika oder Südamerika. Dort ist egal, wie man es angeht, es kommt immer aufs dasselbe raus. Nehmen wir mal Brasilien unter Bolsonaro. Dort ist Arbeit eine Gewalt, die über Leben und Tod entscheidet. Vom Leben selbst, von einem guten Leben wie wir es kennen, ist keine Spur zu sehen. Einen solchen ernüchternden Blick auf die Sklaverei des 21. Jahrhunderts und ihre perfiden Mechanismen gewährt sozialpolitisch interessierten Zusehern die heuer wohl größte Überraschung auf Netflix: 7 Gefangene von Alexandre Moratto, der seine Premiere bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig feierte.

Der südamerikanische Film schafft es auf Netflix immer wieder, wahre Perlen zwischen dem üblichen Einheitsbrei zu verstecken. Man muss die Augen nur offenhalten, dann gibt’s Erlebnisse jenseits des Mainstreams wie Nobody Knows I’m Here oder Tragic Jungle, die auch jede Menge Lokal- und Zeitkolorit mitbringen. 7 Gefangene, ein schonungsloser Sozialthriller, sieht sich auf Augenhöhe mit den nicht weniger düsteren Dramen City of God oder Tropa de Elite, nur bewegt sich Morattos Film in einem Dunstkreis, der auch in Europa zu finden sein kann, dem menschenrechtlichen Radar aber weitgehend verborgen bleibt. In solche, von Leuteschindern ausstreckten Fänge gerät der kluge und motivierte Mateus, als er mit drei Freunden nach Sao Paolo reist, um dort auf einem Schrottplatz seine Arbeit zu beginnen. Dort lässt sich gutes Geld verdienen – meint er. Bis allen langsam sickert, dass Betriebschef Luca (intensiv und ambivalent dargeboten von Rodrigo Santoro) nichts anders im Sinn hat als seine Gefangenen zur Akkordarbeit zu zwingen, ohne auch nur ein Real dafür springen zu lassen. Aufbegehren bringt alles nichts, denn die, die das Sagen haben, sind obendrein bewaffnet. Was bleibt einem wie Mateus also anderes übrig, als eine ganz andere Taktik anzuwenden, um in einer brutalen Welt wie dieser dennoch erfolgreich zu sein.

Ramin Bahrani, der mit dem ebenfalls auf Netflix erschienenen Der weiße Tiger eine ähnliche, aber parabelhaftere Geschichte erzählt, hat – niemanden wundert’s – 7 Gefangene mitproduziert. Es ist ein Film, der von Anfang an harte gesellschaftliche oder moralische Kontraste vermeidet. In diesem Brasilien, zwischen glänzenden Hochhausfassaden, Korruption und Tequila, herrscht wirtschaftliche Anarchie. The Purge für den Arbeitsmarkt: Menschenhandel, Missbrauch, Gewalt und der Sieg des Gewiefteren, der sich auf den Schultern der anderen aus der Stagnation kämpft und das moralische Bewusstsein auf das Machbare reduziert. Dieses Streben gestaltet sich als Kampf in einer Arena jenseits von Kollektivvertrag und sozialem Arbeitsrecht. Hier sagt an, wer den Dreh raushat. Die eigene Moral funkt hier dazwischen und zeigt sich so lange entrüstet, bis die Sympathie für den Gewinner diesen zur Identifikationsfigur macht, auch wenn die Welt mit unseren Idealen nicht mehr zu retten ist. Alternativen gibt es aber dennoch – und die stellt Moratto, ohne sie zu beurteilen, auf packende und atemlose Weise zur Auswahl.

7 Gefangene

Der Mauretanier

KUBAKRISE 2.0

6,5/10


mauretanier© 2021 TOBIS Film GmbH.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: KEVIN MACDONALD

CAST: TAHAR RAHIM, JODIE FOSTER, SHAILENE WOODLEY, BENEDICT CUMBERBATCH, ZACHARY LEVI, COREY JOHNSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Es kommt immer darauf an, wie Message Control ihre Arbeit leistet: Außen hui, innen pfui. Nach Filmen wie Judas and the Black Messiah oder eben Der Mauretanier ist das Bild von den (ehemals) selbsternannten Wächtern der Welt das eines durchtriebenen Heuchlers, der westliche Werte predigt, und selbst aber zu Mitteln greift, die schon in der spanischen Inquisition irgendwann später als überholt galten. Die Rede ist vom Foltern, bis das Geständnis kommt. Statt Streckbank und Daumenschrauben gibt’s in Guantanamo Waterboarding, Schlafentzug und sonstige Abscheulichkeiten, die den Gefangenen brechen sollen. Mit diesen Methoden ist es ein Leichtes, alle möglichen Geständnisse zu erzwingen, und seien es auch jene, die zugeben, mit sowas Abstraktem wie dem Teufel im Bunde zu sein oder den Hexensabbat zu tanzen. Unterzeichnete Wahrheiten, die nichts wert sind. Doch zumindest befriedigt es die Wähler, denn die wollen einen Sündenbock für das 9/11-Verbrechen, und da ist einer, der über mehrere Ecken mit Bin Laden zu tun hatte, gut genug.

Dieser Jemand ist Muhamedou Ould Slahi, eben ein Mauretanier, der früher mal auf Seiten der Amerikaner und der Al Kaida gegen die kommunistischen Invasoren in Afghanistan gekämpft hat. Der wird eines Nachts, kurz nach dem 11. September, ganz einfach einkassiert, zuerst in den Nahen Osten verschleppt, dann in Guantanamo inhaftiert – und folglich immer wieder verhört. Zuerst noch auf humane Weise, später dann auf die harte Tour. Klar sieht man das in diesem Film, manche Szenen wirken so, als wären sie aus der Horrorreihe The Purge oder aus einem anderen perfiden Psycho-Murks. Tatsächlich waren das Methoden des US-Militärs. Von dieser Schande erfuhr die Öffentlichkeit erst einige Zeit später, und das dank einer liberalen, sozial engagierten Anwältin, die sich Slahi annimmt, einfach, um einen fairen Prozess auf Schiene zu bekommen – und den Verdächtigen mangels Beweisen freizubekommen. Das gebärdet sich natürlich schwieriger als gedacht.

Das Beeindruckende an diesem Politdrama von Kevin McDonald, der in Sachen Menschenrecht und Politik schon mit Der letzte König von Schottland verstört hat, sind die im Abspann zu sehenden, echten Aufnahmen des ehemals Gefangenen. Slahi wirkt wie eine unerschütterliche, lebensbejahende und enorm sympathische Person. Wie einer, der es geschafft hat, dank seines Glaubens an Gott diese 14 gestohlenen Jahre zu überstehen. Tahar Rahim versucht, diesem Gemüt ebenfalls zu entsprechen – und bekommt das szenenweise wirklich gut hin. Dieses Verschmitzte, Zuversichtliche, diese direkte Art, aber auch dieses Unbeugsame: eine stilsichere Performance. Dagegen bleibt Jodie Foster angespannt und blass, der Golden Globe für diese Rolle wurde womöglich aus reiner Sympathie vergeben. Der Fokus liegt also eindeutig auf Rahim, der übrige illustre Cast bleibt nicht mehr als solide, was man von der eigentlichen Inszenierung allerdings auch sagen kann. Schwierig, so einem brisanten Thema gleichzeitig den Schrecken zu lassen und andererseits aber ein chronologisch akkurates Geschichtskino zu bieten. Sehr wohl gelingt das, und auch schafft MacDonald den Schulterschluss mit vergeltungsaffinen, skeptischen und humanitär veranlagten Parteien. Dadurch bekommt Der Mauretanier eine überlegte Nüchternheit – doch was nebenbei den stärksten Effekt erzielt, ist die erfolgreiche Nutzbarkeit eines festen, inneren Glaubens, in diesem Fall dem des Islam, der in seiner reinen, von kulturellen Geboten entkoppelten Beschaffenheit genauso wie das Christentum Geist und Seele schützen kann.

Der Mauretanier

Osama

DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT

7,5/10


osama© 2003 Polyfilm 

LAND / JAHR: AFGHANISTAN, JAPAN, IRLAND 2003

BUCH / REGIE: SIDDIQ BARMAK

CAST: MARINA GOLBAHARI, ARIF HERATI, ZUBAIDA SAHAR U. A. 

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Es ist, was viele nicht für möglich hielten, tatsächlich nochmal passiert: Afghanistan ist seit dem 15. August des Jahres wieder in den Händen der Taliban, die, im Eiltempo und einem Virus gleich, das ganze Landüberzogen hat. So leicht lässt sich diese Krankheit wohl nicht mehr abschütteln, denn was nun fehlt, ist das US-Militär. Die ganze Welt harrt an den Grenzen und sieht zu. Fürchtet, auch bald wieder erfahren zu müssen, wie Frauen und ihre Rechte mit Füßen getreten werden. Dieses mal allerdings wollen die Taliban laut Medienberichten moderater auftreten. Angst braucht niemand mehr zu haben. Alles nur ein Lippenbekenntnis? Nach dem von den USA gewaltsam herbeigeführten Ende des Taliban-Regimes anno 2001 hat sich der afghanische Autorenfilmer Siddiq Barmak dieser für Frauen so entsetzlichen, aber überwunden geglaubten Zeit angenommen – und ein so nüchternes wie ernüchterndes Zeitdokument geschaffen. Nach 12 Years a Slave kann ich dieses Werk wohl zu den hoffnungslosesten und deprimierendsten Filmen zählen, die ich jemals gesehen habe.

Wie denn auch etwas anderes erzählen? Alles andere wäre eine Verharmlosung der Tatsachen. Im Film allerdings lassen sich zuversichtliche Alternativen gegen tatsächliche Geschichtsschreibung austauschen. Tarantino hat zum Beispiel Hitlers Schicksal umgeschrieben – oder die Ermordung von Sharon Tate. Warum nicht auch dem Schicksal afghanischer Frauen einen helleren Anstrich verleihen? Warum nicht dort Hoffnung setzen, wo keine ist? Womöglich, weil es Siddiq Barmak viel zu schwer fallen würde, den Ernst des Erlittenen zu übergehen. So lässt der Filmemacher seine 13jährige Hauptdarstellerin Marina Golbahari (ein bemerkenswertes Naturtalent) sprichwörtlich durch einen Dornwald gehen, der nie endet. Ein Leidensweg steht dem Mädchen bevor, das jeden Tag aufs Neue zusehen muss, wie es für sich und ihre Familie an Nahrung kommt. Da der Vater verstorben ist und sich auch sonst niemand findet, um Mutter und Tochter durch Kabul zu geleiten, muss sich letztere kurzerhand als Junge ausgeben. Der Plan geht nach hinten los, als Osama ganz plötzlich zwangsrekrutiert und in die Koranschule gesteckt wird.

Das ist erst der Anfang – vom Ende eines Lebens, das gerade erst begonnen hat. Die Hoffnung, heißt es, stirbt zuletzt. Und zwar tatsächlich, denn Barmak lässt sie sterben, ohne Wenn und Aber, im Gegensatz zum weitaus zuversichtlicheren Animationsdrama Der Brotverdiener, der ebenfalls, und natürlich in erster Linie, von der Verleugnung der Weiblichkeit handelt. Dabei gibt sich der Stil von Osama jedoch keinem nackten Realismus hin, sondern wendet sehr wohl klassische und gut erlernte Methoden einer Bildsprache an, die vieles versinnbildlicht und die weit davon entfernt ist, aus der physischen wie psychischen Gewalt einen marktschreierischen Nutzen zu ziehen. Das tut aber der Intensität dieses fatalen Schicksals keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Die Resignation der einzelnen Menschen ist erschütternder als jeder Aufschrei.

Osama ist ein Film, der zu gegebenem Anlass kaum besser passen würde. Der zeigt, wie sehr das Gewaltregime der Taliban humanistische Fortschritte um Jahrhunderte zurückgeworfen hat. Mal sehen, ob die neue Macht im Land gemäßigter vorgeht. Zu hoffen wäre es. Doch wenn diese Hoffnung stirbt, wissen wir’s.

Osama

Der Brotverdiener

WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10


breadwinner© 2018 Netflix


LAND / JAHR: KANADA, IRLAND, LUXEMBURG 2017

REGIE: NORA TWOMEY

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): SAARA CHAUDRY, SOMA BHATIA, ALI KAZMI, LAARA SADIQ, ALI RIZVI BADSHAH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Was macht Angelina Jolie eigentlich, wenn sie nicht gerade als Maleficent im Märchenland für Chaos sorgt? Sie produziert und finanziert Werke humanitären Inhalts, wie zum Beispiel diesen Animationsfilm der Kanadierin Nora Twomey (Das Geheimnis von Kells), der sich mit dem Kindsein in Afghanistan der Gegenwart beschäftigt und auf dem Roman Die Sonne im Gesicht von Deborah Ellis basiert, die eine Zeit lang in den Flüchtlingslagern der Region tätig war und so einiges an persönlichen Begegnungen in diese Geschichte einfließen hat lassen. Gäbe es Netflix nicht, hätte ich Der Brotverdiener damals unter den Oscarnominierten 2018 in der Sparte Animationsfilm gar nicht erst wahrgenommen. Zu stark war die Konkurrenz durch Coco – Lebendiger als das Leben. Der Brotverdiener war aber nicht einfach so unter den besten fünf. Wenn es in einem Film um so grundlegende Themen wie Frauenrecht, Gefährdung menschlicher Grundrechte und Fanatismus geht, um verhinderte Kindheiten und politische Willkür, kann sowas ja gar nicht unbeachtet bleiben. Schon gar nicht, wenn so zermürbende Themen so aufbereitet werden, dass auch der Grundschulgeneration sonnenklar einleuchtet, wie man als Mensch leben soll und wie nicht, was man als Mensch dürfen soll und was nicht. So, wie Twomley den Stoff erzählt, kann ein Problemfilm wie dieser familiengerechte Zerstreuung durchaus einmal ablösen, um Umstände auf dieser Welt in den Fokus zu nehmen, die Kinder freilich wissen dürfen. Dazu gehört die Tatsache, dass eben das Glück einer unbeschwerten Kindheit nichts Selbstverständliches ist.

2003 hat der afghanische Filmemacher Siddiq Barmak mit dem Streifen Osama bereits ähnliches erzählt: unter der Besetzung der Taliban dürfen Frauen nicht alleine auf die Straße, da reicht nicht mal die Burka. Das Mädchen Parvana muss eines Tages zusehen, wie ihr ohnehin schon kriegsversehrter Vater von wütenden Taliban-Aufpassern verhaftet wird – wochenlang bleibt dieser verschollen. Das Essen wird knapp, die insgesamt vierköpfige Restfamilie beginnt zu darben. Da hat Parvana eine Idee: sie wird einfach zum Jungen, um zumindest mal das Notwendigste heranschaffen zu können. Und Papa muss auch noch gefunden werden.

Der Zeichenstil dieses Films ist bewusst schlicht gehalten, dennoch haben die Bilder eine ansprechende Tiefe, was natürlich auch an den vorgezeichneten, statischen Hintergrundbildern liegt – ganz so wie Disney das immer schon gemacht hat. Zwischen all dieser eigentlich durchaus dramatischen und berührenden Geschichte öffnet sich eine zweite Erzählebene – illustriert wird hier auf gänzlich andere Art ein Märchen, dass sich Parvana ausdenkt – und im Grunde ihr eigenes Streben widerspiegelt. Mit finsteren Elefanten, Raubtieren und magischen leuchtenden Spiegeln.  Durch diese märchenhafte Komponente fällt es jüngeren Zusehern noch viel leichter, anzudocken. Denn Märchen sind ja von Grund auf nichts für Zartbesaitete, das wissen die Kids. Und entsprechend erträglich werden auch Szenen, die keiner von uns jemals erleben möchte.

Der Brotverdiener hinterlässt einem am Ende mit einem wohligen Gefühl der Zuversicht. Das eine Kindheit wie diese noch nicht ganz verloren ist. Denn die Welt ist groß, und zum Glück eben nicht nur Afghanistan.

Der Brotverdiener

Captive State

TERROR FÜR DEN GUTEN ZWECK

5/10


captivestate© 2019 eOne Germany


LAND: USA 2018

REGIE: RUPERT WYATT

CAST: JOHN GOODMAN, ASTHON SANDERS, JONATHAN MAJORS, VERA FARMIGA, KEVIN DUNN, KIKI LANE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Was wäre gewesen, wenn die fiesen Aliens in Emmerichs Independence Day die Schlacht um den Planeten gewonnen hätten? Genau genommen nichts mehr, denn die Invasoren hätten uns ausradiert. Aber was, wenn diese Aliens letzten Endes doch hätten Milde walten lassen. Was dann? Dann wäre womöglich das passiert, was in Captive State schon seit neun Jahren den Alltag der Menschheit prägt: ein Leben unter der Fuchtel einer fremdartigen Rasse, einer Übermacht, die nur mit dem Finger (sofern sie welche hätte) zu schnippen braucht, schon wären wir ausgelöscht. Ein Leben unter solchen Bedingungen wird irgendwann zur Normalität, wenn doch die im Polit-Sprech verharmlosten Legislatoren auf Harmonie, Wohlstand, Gleichberechtigung und Frieden setzen. Das ist natürlich keine Kunst, diese Werte durchzuboxen, wenn jeder eine Wanze unter seinem Schlüsselbein trägt, die jeden Handgriff registriert. Zum Glück sind noch die Gedanken zollfrei, also wäre es nicht die unterjochte Spezies Mensch, würde sich nicht irgendwo Widerstand regen. Ganz so wie in Star Wars. Dieser Widerstand ist wie ein Funken, der das Streichholz… ja ganz genau, das hat schon Poe Dameron in The Last Jedi gesagt, das sagen nun auch die Rebellen hier, die als Terrorzelle den im Untergrund lebenden gesichtslosen IIgelwesen das Wilde runterräumen wollen.

Terror im Namen der Menschheit. Nichts anderes beschreibt Rupert Wyatts (Planet der Affen: Prevolution) dystopischer Rebellenthriller, der allerdings stark mit Reizen geizt. Seinen Fokus legt Captive State weniger auf die Konfrontation der Aliens, die man nur sehr selten bis gar nicht zu Gesicht bekommt, sondern viel mehr auf die Aufdröselung der Mechanik einer terroristischen Zelle, die sich gegen einen unsichtbaren Unterdrücker formiert, der den Mensch als Exekutive benutzt. Wovon sich der Zuseher ebenfalls kein Bild machen kann, ist die Beschaffenheit der Invasionsmacht. Anscheinend haben die so einiges im Orbit des Planeten in petto. Was genau, weiß keiner. Man erfährt also überhaupt nichts. Da stellt sich die Frage: was wollte Rupert Wyatt mit seinem Film tatsächlich herausarbeiten? Dass Terror, dass Rebellion die einzigen Möglichkeiten sind, Zustände wie diese zu ändern? Captive State legitimiert diese Methode. Ein Glück für den Film, nicht als Verherrlicher zerstörerischer Umtriebe herzuhalten, ist doch das, was bekämpft werden soll, offensichtlich und rein objektiv etwas Falsches. Wie das Imperium eben. Und da muss man gar nicht so weit ausholen, um im Phantastischen zu fischen: da reicht das Herumkramen in der Geschichte des Kolonialismus. Britische, holländische, spanische Invasoren – die waren aus der Sicht der Indigenen auch nichts anderes als Aliens. So gesehen muss Terror ebenfalls zwei Seiten haben, eine legitime und eine verbrecherische.

Neben seinem gesellschaftspolitischen Statement funktioniert Captive State jedoch nur halb so gut. Als Science-Fiction-Film lässt das Drehbuch einfach zu viele Komponenten unerwähnt. Befriedigend ist das nicht. Dazu mengen sich auch gehörige Längen, einzelne Figuren, deren Notwendigkeit sich mir bis zum Ende nicht erschlossen haben und ein nicht ganz schlüssig erklärtes Kräfteverhältnis zwischen Menschen und Unterdrücker. Wäre spannend gewesen, auch die Seite der „anderen“ zu hören. Wäre spannend gewesen, den Film von Neill Blomkamp nochmal überarbeiten zu lassen, der mit District 9 ein etwas ähnliches aber viel realistischeres Szenario entworfen hat. Bei Captive State, so scheint’s, bleibt vieles seltsam ahnungslos.

Captive State

Ein ganz gewöhnlicher Held

EINMAL GANDHI ZUM MITNEHMEN

7/10


ganzgewoehnlicherheld© 2019 Koch Films


LAND: USA 2018

BUCH & REGIE: EMILIO ESTEVEZ

CAST: EMILIO ESTEVEZ, ALEC BALDWIN, JEFFREY WRIGHT, CHRISTIAN SLATER, TAYLOR SCHILLING, JENA MALONE, MICHAEL K. WILLIAMS, GABRIELLE UNION U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Die Zeit des karitativen Bewusstseins hat längst wieder Einzug gehalten bei denen, die es sich leisten können, anderen zumindest kurzfristig die Existenznot zu nehmen. Kick-off dieses Bewusstseins: der 11. November, Martinstag. Besagter Martin hat ja bekanntlich seinen Mantel geteilt, um einem armen Schlucker vor dem Erfrieren zu bewahren. Nun, so lange das Geben und Teilen nicht den Vorschriften widerspricht, ist ja alles schön und gut. Sobald aber Zeichen gesetzt werden, die Verordnungen zuwiderlaufen, haben Menschenrechte das Nachsehen. So gesehen in vorliegendem Film von Emilio Estevez, der auch schon lange Zeit nichts mehr von sich hören ließ. Sein letzter Film war glaube ich jener über den Jakobsweg, in der Hauptrolle sein eigener Altvorderer Martin Sheen. Jetzt hockt der ehemalige Breakfast-Clubber zwischen den vollbeschlichteten Buchregalen einer städtischen Bibliothek, gemeinsam mit einer ganzen Schar Obdachloser, die vor einer Forstnacht Zuflucht suchen. Das ist der Stoff, aus dem besinnliche Filme über Nächstenliebe gemacht sind. Ich könnte mir ganz gut Jimmy Stewart in dem ganzen Szenario vorstellen. Aber Estevez in seiner Rolle als einer, der, selbst mal ohne Dach über dem Kopf, nun die Nöte der zusammengewürfelten Gruppe wohl am besten versteht, weiß die Begrifflichkeit der Menschenwürde nicht zu einem pathetischem Gloria zu überhöhen.

Worum es also geht: Estevez gibt den Bibliothekar Stuart, der in winterlichen Zeiten wie diesen wärmesuchenden Obdachlosen zu den Geschäftszeiten Tür und Tor öffnet. Das ändert sich bald, als es nämlich noch kälter wird und so gut wie alle karitativen Einrichtungen bereits zum Bersten voll sind. Wohin also mit den Bedürftigen? Natürlich hierbleiben, egal ob die Pforten schließen. Das ist gegen das Gesetz, und sogleich rückt die Polizei und auch die lokale Politik an, um diese Aktion zu unterbinden. Denn wie eine Aktion scheint das Ganze zu sein. Völlig gewaltfrei entschließen sich Stuart und die anderen zu einem Sit-in, zu einem gewaltfreien Protest, auch wenn diese verrückte, aber zutiefst menschliche Idee manchen den Job kosten wird.

Ein ganz gewöhnlicher Held, im Original nur schlicht und einfach The Public, hat zwar anfangs so seine Schwierigkeiten, all die angefangenen Erzählstränge effizient miteinander zu verknüpfen, doch sobald allesamt an einem Ort versammelt sind, kann die simple und demonstrative Mär eigentlich losgehen. Das dauert zwar, aber bis dahin erfreut man sich selten gesehener Gesichter wie jenes von Christian Slater, der allerdings einen recht schablonenhaften Kotzbrocken von Möchtegern-Bürgermeister gibt. Alec Baldwin als Chef-Verhandler bei Geiselnahmen sucht seinen ebenfalls obdachlosen Sohn und Jeffrey Wright gibt sich vorerst ganz zugeknöpft, bevor er langsam auftaut. Kein Wunder bei so einem herzerwärmenden Film wie diesen. Da geht’s um astreinen Altruismus, da würde der Heilige Martin wohlwollend nicken. Wäre hier nicht der Song I can see clearly now von Jimmy Cliff im Rahmen einer wirklich beeindruckenden und berührenden Schlussszene zu hören, könnte man auch gut und gerne das Weihnachtslied von König Wenzel dazu summen. Doch ein Weihnachtsfilm ist Ein ganz gewöhnlicher Held nicht. Eher ein zeitloses Statement für ein Miteinander, für das man sich erst mal durchringen muss. Doch dann, dann sieht man klarer.

Ein ganz gewöhnlicher Held

Warten auf die Barbaren

HARTE KONTRASTE IM WÜSTENSAND

4,5/10


barbaren© 2019 Constantin Film Verleih


LAND: USA, ITALIEN 2019

REGIE: CIRO GUERRA

CAST: MARK RYLANCE, JOHNNY DEPP, ROBERT PATTINSON, GRETA SCACCHI, HARRY MELLING, GANA BAYARSAIKHAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Irgendwo im Nirgendwo: eine Festung der Fremdenlegion, thronend wie eine Kreuzritterburg über wüstenhaftem Ödland. Wo genau und wann genau diese Geschichte spielt, bleibt unklar. Womöglich handelt es sich um einen Grenzposten irgendwo in Asien, zumindest das wird bald konkreter, nachdem die sogenannten Barbaren einzeln verortet werden. Und die sind eine Gefahr für das ebenfalls nicht näher genannte Imperium, das aber auf britisch macht, sich Land und Volk mit harter Hand unterwirft und aus einer inneren Unruhe heraus all die Fremden, die das Grenzenziehen der Kolonialherren längst nicht gutheißen, bekämpfen und vernichten wollen. Mittendrin in dieser Kreuzritterburg: der sogenannte Magistrat, der ganz gut mit den Einheimischen zurechtkommt und der wenig erfreut darüber ist, als sein Rayon von einem eiskalten Colonel unter dessen Fittiche genommen wird. Die Methoden des militärisch zugestutzten Dämons stoßen dem Magistraten für alle ersichtlich sauer auf, obwohl er sich im Angesicht der brutalen Exekutive mit seinen humanistischen Anwandlungen noch weniger Freunde macht, als er ohnehin schon hatte.

Der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra hat in seiner bisherigen, noch relativ kurzen filmischen Laufbahn zwei beachtliche Filme geschaffen. Zum einen den in Schwarzweiß gehaltenen, durchaus auch streng komponierten Dschungelstreifen Der Schamane und die Schlange, zum anderen – in Co-Regie mit Cristina Gallego – die Anfänge des kolumbianischen Drogenhandels unter dem Titel Birds of Passage. In Warten auf die Barbaren, der Verfilmung eines Romans von J. M. Coetzee, merkt man sofort, dass die Thematik des Filmes vorrangig nicht die ist, die Guerra zumindest geographisch mit seiner eigenen Heimat verbindet. Auch emotional sprühen hier keine Funken. Dieses Warten auf die Barbaren wird zum Warten für alle Anwesenden und womöglich auch am Film Beteiligten, denn Guerra, der weiß nicht so recht, wie er dieses teils abstrakte, mit groben Scherenschnittcharakteren besetzte Sinnspiel auf reibungslose Weise voranbringen soll. Der Film kauert gut die Hälfte seines Films in harrender Hocke, die Sonne brennt vom Himmel, die Mattigkeit der Umgebung sickert in den Durchschuss seiner Drehbuchzeilen. Überall dieser ganze Sand, vielleicht bringt der das Getriebe zum Stocken, jedenfalls entsteht in diesem plakativen Schwarzweißbild in Farbe eine enorm simple Welt, die aus den Guten und den Bösen besteht. Der Kontrast ist hart, schwer verdaulich auch die Methoden der Imperialisten, um die heillos unterlegenen Barbaren zu quälen.

Mark Rylance als Mann des Gewissens, als Höriger seiner eigenen Wertordnung und Opfer seiner Prinzipien, ist ein Don Quichote in einem Land voller Windmühlen, eine clowneske, tragische Gestalt, die man sonst in den Theaterstücken eines Max Frisch wiederfindet. Um ihn herum die flachen Pappkameraden der Unterjochung – Johnny Depp mit Sonnenbrille und steinharter Mine, eine Figur ohne Tiefe und Charakter, ein Jedermann, eine Projektion, stellvertretend für irgendetwas dahinter. Genauso geht es Robert Pattinson. Eine kleine Rolle zwar, doch genauso starr und emotional verkümmert wie alle anderen um Mark Rylance herum. Im Alleingang kann dieser das filmische Gleichnis nicht stemmen, zu viel hängt von seinem Tun fast die gesamte Laufzeit des Films ab. Daher bricht sich lähmendes Verharren Bahn, weil alles darauf wartet, was Rylance als nächstes tut. Das wird träge und dösend, eingeteilt in vier Jahreszeiten. Man hat das Gefühl, man erlebt sie in Echtzeit. Bis Rylances große Stunde schlägt, und die Konzentration auf seine Figur Legitimität erfährt.

Wenn es denn so einfach wäre, die Welt in all diese Schubladen einzuteilen, wie sie Ciro Guerra hier visualisiert, in einem scheinbaren Abenteuer, das schon unter Erschöpfung leidet alleine aufgrund des Betrachtens seiner eigenen Agenda, wäre die Welt vielleichte eine bessere. Coetzees Roman mag die akkurate Machtordnung mit dem geschriebenen Wort wohl überlegter interpretiert haben als in diesem Fall das Medium Film.

Warten auf die Barbaren