Empörung

AM KUCKUCKSNEST VORBEI

7,5/10

 

empoerung© X-Verleih 2016

 

ORIGINAL: INDIGNATION

LAND: USA 2016

REGIE: JAMES SCHAMUS

MIT LOGAN LERMAN, SARAH GADON, TRACY LETTS, TIJUANA RICKS U. A.

 

Die Bücher von Philip Roth sollte ich wirklich mal lesen. Derweil kenne ich den wohl bekanntesten amerikanischen Romancier der Gegenwart eigentlich nur aus dem Kino – wo er in erster Linie eigentlich nicht hingehört. Roth sollte gelesen werden, keine Frage. Und spätestens nach Sichtung der jüngsten Verfilmung eines seiner Bücher kann das garantiert kein Fehler sein. Alleine 2016 haben sich gleich zwei Celluloid-Künstler den gesellschaftskritischen Stoffen des Literaten angenommen. Niemand geringerer als Ewan McGregor wollte bei seinem Regiedebüt ohne Umschweife gleich ans Eingemachte gehen. Den Roman Amerikanisches Idyll zu verfilmen ist gleich mal eine schauspielerische wie dramaturgische Herausforderung. Spannende Geschichte, aufwühlend und tiefgründig. Und siehe da – für einen Erstling überraschend stilsicher umgesetzt. Dankenderweise auch aufgrund der empathischen Schauspieler.

Die Blöße, mit etwas Gefälligerem als Philip Roth sein Regiedebüt zu zementieren, wollte sich Filmproduzent James Schamus aber dann auch nicht geben. Wenn schon McGregor sich nach Höherem streckt, wäre es blamabel, hier hinten anzustehen. Also welche Bücher haben wir noch, von Philip Roth? Empörung, Originaltitel Indignation. Wie in den meisten Büchern Roth´s – auch wenn ich sie nicht gelesen habe, aber soviel weiß ich – spielt die Handlung auch hier im amerikanischen Osten, wir haben eine in den 50er Jahren etablierte jüdische Familie, die sich im Schweiße ihres Angesichts alles aus eigener Hand aufgebaut hat. Und wir haben, was Philip Roths Werke so aufwühlend dicht gestaltet – die Auflehnung des Nonkonformismus. Die Schwierigkeit des selbstständigen Denkens in einem gesellschaftlichen System der geordneten Gleichheit und Hörigkeit. Empörung erzählt von einer unorthodoxen Liebesbeziehung an einer konservativen Universität im Ohio der Nachkriegszeit. Eine Zeit, in der Agnostizismus undenkbar, psychosoziale Auffälligkeit untragbar war. Sprichwörtliches Ertrinken war die Folge davon, wenn man gegen den Strom schwimmen wollte. Im Angesicht untergeordneten Ehrgeizes und christlich-konservativer Kuratel sind Querdenker und Individualisten die „Judasse“ einer gleichförmigen Gemeinschaft, sie sich im Gruppenzwang zum Erfolg hindurchaalt, dabei aber das eigene, selbstständig denkende Ich verrät. So ein „Judas“ ist der Student Marcus.

Die eremitische Tendenz des Freigeistes und die Ablehnung der Kirchenpflicht wäre ja schon unbequem genug – die Beziehung zur psychisch labilen Olivia, die ihrem Liebhaber nach Monika Lewinski den wohl folgenschwersten Fellatio Amerikas gönnt, setzt der Empörung wohl die Krone der Verschwörung aufs Haupt. Was anders ist, gehört ausgesondert. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wobei die Definition von Schlecht wohl im Auge des alleinherrschenden Rektors liegt. Fast möchte man meinen, der verfilmten Prosa eines Ödön von Horvath zu folgen. In seinem Roman Jugend ohne Gott sind es auch die Andersdenker, die dem Widerstand folgen. Die ausbrechen aus der diktierten Gehirnwäsche. Auch Erich Kästner lässt in seinem Ich-Roman Fabian seine Figur gegen den Sturm breschen. Horvath, sowieso ein Pessimist in Reinkultur, kann seine Querdenker niemals gewinnen lassen. Auch Kästner tut das nicht. Und Philip Roth, der mit Empörung einen Roman wie aus einer anderen Epoche vorlegt, ebenso wenig. Wer hätte da gedacht, dass sich „Percy Jackson“ Logan Lerman mit der tragischen Figur des ideologisch und geistig unterjochten Marcus so sehr identifiziert. Lerman verkörpert das strebsame Genie in unnahbarer, ablehnender Intensität. Fast schon sichtbar, wie diese unbequeme, entnervte, widerspenstige Seele in einem Schraubstock unduldsamer Intoleranz steckt. Und sich letztendlich beugen, verbiegen, brechen muss. Der junge Schauspieler ist beeindruckend. Empörung ist aber durchaus auch abgesehen von seinem Spiel und die von Sarah Gadon verkörperte undurchschaubare Olivia in seiner ganzen erzählerischen Dichte und Schwermut nicht minder sehenswert. Alleine das Psychoduell zwischen dem Universitätsdirektor und dem aufbrausenden Marcus ist das Herzstück des Films – vielleicht auch des Buches – und wird zu einem verstörend fesselnden, analytischen Schlachtfeld von vernichtend manipulativer Polemik. Empörung ist großes Erzählkino, ernüchternd, leidenschaftlich und schmerzhaft.

Empörung

Mein Leben als Zucchini

FENSTER ZUR KINDERSEELE

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zucchini

Ich liebe Stop-Motion. Das hat schon beim ostdeutschen Sandmann begonnen, den ich immer noch gerne gemeinsam mit meinem Sohn als Betthupferl genieße. Stop-Motion steht für Ausdauer, Kreativität und Leidenschaft an der Sache. Wäre dem nicht so, wären diese Unmengen an Stunden, die bei der Herstellung eines solchen Filmes verbraucht werden, sinnlose Zeitvergeudung. Die Ergebnisse allerdings werden meist dem Aufwand gerecht und können sich wirklich sehen lassen. Verständlich auch, dass diese Filme – seien sie nun Puppentrickfilme oder Plastilinabenteuer – jetzt nicht gerade die maximale Dauer eines abendfüllenden Spielfilmes sprengen. Hier ist nämlich jede Minute das Ergebnis tagelanger Arbeit.

Der Schweizer Beitrag zum diesjährigen Oscar für den besten Animationsfilm ist auch so ein kleines Wunder. Anders als die Meisterwerke aus den LAIKA-Studios, die uns vor allem mit Coraline oder ParaNorman Sternstunden der Stop-Motion-Kunst beschert haben, besticht das sensible Kindheitsdrama Mein Leben als Zucchini mit einer verblüffend unschuldigen, schlichten und naiven Bildsprache und erinnert dabei nicht nur ungefähr an die Peanuts von Charles M. Schulz. Die Peanuts, uns allen bekannt als tragikomischer Cartoon rund um eigenbrötlerische, schrullige und leicht neurotische Grundschüler, die sich um den sympathischen Loser Charly Brown scharen, dürften tatsächlich ein Vorbild gewesen sein für den kindlichen Roman Autobiografie einer Pflaume von Gilles Paris und Melanie Walz. Basierend auf diesem erfolgreichen literarischen Werk hat der Schweizer Regisseur Claude Barras einen zarten, verletzlichen, liebevollen Trickfilm gezaubert, der seinen gebrochenen kleinen Seelen auf Augenhöhe begegnet. Die Lebensgeschichte des 9jährigen Jungen Icare, der von seiner alkoholsüchtigen und verwahrlosten Mutter immer Zucchini genannt wurde, ist kein Kinderfilm. Es geht um Wahnsinn, Mord, Missbrauch, Drogen und Abschiebung. Fürchterliche Erlebnisse, die sich in den überdimensionalen, tieftraurigen Augen der kleinen, unbedarften Wesen widerspiegeln – und ihnen jegliche kindliche Geborgenheit genommen haben. Dafür sind sie aber im Heim für elternlose Kinder untereinander eine Familie. Und manch einer hat das Glück, ein neues Leben beginnen zu dürfen.

Das berührende, leise Psychodrama braucht keine Effekte, keine Action und auch sonst kein Pipapo, um zu beeindrucken. Der knapp 60minütige Film legt so viel Gefühl und Empfinden in seine bemitleidenswerten Geschöpfe, dass jegliche Attribute nur stören würden. Claude Barras lässt seine Figuren wissen, dass sie wertvoll sind und noch die Chance auf ein glückliches Leben haben können, trotz all der Widrigkeiten und Traumata des Anfangs. Wie bei den Peanuts bestimmt die Sicht der Kinder das Geschehen, und wird auch unterstützt durch die Einfachheit des Charakterdesigns. Denn je schlichter die visuellen Reize gehalten werden, desto mehr tritt die Geschichte in den Vordergrund, die zwar simpel gestrickt, sich aber auf Gefühlsebene umso stärker mitteilt. Der Kummer, die Sehnsucht, der Hass und die Trauer – sie sind allesamt spürbar, in einem tricktechnisch famosen, stilsicheren Kinderfilm, der nicht nur sein Herz, sondern auch seine aufrichtige Aufmerksamkeit den Kleinen schenkt – ganz so wie der Polizist, der beginnt, für den kleinen Zucchini Verantwortung zu übernehmen.

Kino aus der Schweiz ist selten – und wenn, dann können sich die Werke aus dem Land der Berge sehen lassen. Mein Leben als Zucchini ist eine behutsame Liebeserklärung an die Kinderseele und im wahrsten Sinne des Wortes bewegte wie bewegende Trickfilmkunst.

 

Mein Leben als Zucchini