Rebecca (2020)

IM DUNSTKREIS EINER TOTEN

5/10


rebecca© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: BEN WHEATLEY

CAST: LILY JAMES, ARMIE HAMMER, KRISTIN SCOTT THOMAS, SAM RILEY, KEELEY HAWES, ANN DOWD, BILL PATERSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Ben Wheatley schafft es einfach nicht, mich zu überzeugen. Eine Tatsache, die Ben Wheatley ziemlich egal sein kann. Der Brite kann sich auf seine Zielgruppe schon verlassen, da bin ich mir sicher. Denn einfach so, aus heiterem Himmel, wäre dieser nicht dafür verpflichtet worden, einen Klassiker neu zu verfilmen, der bereits 1940, zwei Jahre nach Veröffentlichung von Daphne Du Mauriers Roman, vom kultigsten Profil der Filmgeschichte, nämlich Alfred Hitchcock, fürs Kino adaptiert wurde. Star des Mysterydramas, das mehr andeutet, als präzise zu werden, war damals Laurence Olivier, an seiner Seite Joan Fontaine. Klarer Fall von Suspense für Hitchcock. Klarer Fall von gediegener Langeweile für Ben Wheatley.

Dabei gibt es hier im Gegensatz zu Wheatleys eher misslungenen Filmen High Rise oder Free Fire nicht wirklich etwas auszusetzen. Wirklich zu bewundern gibt es aber genauso wenig. Berauschend schön ist jedenfalls die Landschaft an der französischen Mittelmeerküste. Es ist, als befände man sich in einem Krimigemälde von Agatha Christie oder Patricia Highsmith. Jeden Moment könnte der talentierte Mr. Ripley um die Ecke flanieren. Nein, in diesem Fall ist es der geschniegelte und äußerst distinguierte Dandy Armie Hammer. Ein beachtlicher Schauspieler, das hat er in Call Me by Your Name so richtig bewiesen. Gefallen findet dieser edle Herr an der jungen, etwas unbeholfenen, aber liebreizenden Gesellschafterin ohne Namen, die später die Zweitbesetzung der legendären Mrs. De Winter werden soll. Kenner von Hitchcocks Klassiker und der Buchvorlage wissen: Rebecca, Maxime de Winters verstorbene erste Frau, kann durch nichts und niemanden ersetzt werden. Das wiederum findet Haushälterin Mrs. Danvers, die, sobald das frisch getraute Ehepaar im Herrschaftssitz Manderlay ankommt, keine Gelegenheit verstreichen lässt, diese Tatsache der jungen, impulsiven neuen Liebschaft unter die Nase zu reiben. Interessant, dass dieses romantisch-morbide Drama seine titelspendende Hauptfigur maximal in flüchtigen Tagträumen präsentiert. Rebecca ist ein Schatten der Vergangenheit, der über allem liegt. Mal zerstörerische Furie, mal eine vom Schicksal gebeutelte, arme Seele. Lily James bleibt nichts anderes übrig, als inmitten all der Rätsel und unausgesprochenen Begebenheiten neugierige Nase zu spielen. Zum Missfallen manch alteingesessener Belegschaft.

Rebecca, die siebte Verfilmung (einschließlich aller Miniserien) ist Ausstattungskino in schönen Bildern, schenkt der bezaubernden Lily James massenhaft Bühne und steckt Kristin Scott Thomas, stets mit versteinertem Antlitz, in dunkle, eng geschnürte Gewänder. Warum nicht, ist alles sehr ansprechend. Doch das Problem dabei: Rebecca ist, zumindest in adaptierter Drehbuchform (denn das Buch selbst kenne ich nicht), ein müßiges Stück salonfähiger Depression. Düstere Romantik, sturmgepeitschte Küste, mit dunklem Holz getäfelte Räume, schickes Interieur. Wirklich aufregend ist das ganze Szenario aber beileibe nicht. Vielleicht hatte Hitchcock einfach das bessere Händchen, um abstrakte Bedrohungen auch wirkungsvoll im Raum stehen zu lassen. Wheatley erstickt diese zu sehr in akkurater, farbintensiver Edeloptik, gerät dabei sehr glatt und schnörkellos wie ein Straßenmaler, der in gelerntem Manierismus täglich seine Kathedrale aufs Papier pinselt. Immer wieder. So gekonnt generisch ist diese Superreichen-Melancholie dann auch geworden.

Rebecca (2020)

Yesterday

MUSIK VON GESTERN FÜR MORGEN

5/10

 

Yesterday© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: DANNY BOYLE

CAST: HIMESH PATEL, LILY JAMES, KATE MCKINNON, ED SHEERAN, ROBERT CARLYLE U. A.

 

Danny Boyle ist vielseitig, zweifelsohne. Vor allem in der Wahl seiner Filmthemen. Die reichen vom Zombiehorror über Drogenkonsum bis hin zum fiktiven Märchen über einen Inder, der die Millionenfrage knackt. Im Vorhinein lässt sich seine nächste Wahl wohl schwer prognostizieren, das muss etwas sein, dass dem Briten einfach in die Hände fällt – und fasziniert. Oder etwas, das ihm während einer künstlerischen Pause in den Sinn kommt. Vielleicht sind es aber auch schlaflose Nächte, in der so Ideen wie zum Beispiel für einen Film wie Yesterday reifen können. Und zugegeben – dieser Einfall ist nicht irgendeiner, der hat schon wirklich seinen Reiz, vor allem die Sache mit dem Weglassen popkultureller Institutionen, ganz einfach von heute auf Morgen. Schuld daran: ein globaler Stromausfall. Zeitgleich damit kommt der Engländer Jack Malick mit seinem Fahrrad einem Bus in die Quere. Seltsame Zufälle, die sich da ereignen, und seltsam auch, dass die Welt von nun an nicht mehr weiß, wer The Beatles sind. Ist das alles? Nein, sie wissen auch sonst so einiges nicht mehr. Was genau, bleibt hier geheim. Lässt sich diese Raum-Zeit-Anomalie aber irgendwie erklären? Nicht wirklich, Drehbuchautor Richard Curtis, der für Filme wie Tatsächlich… Liebe und Alles eine Frage der Zeit (übrigens großartig!) verantwortlich zeichnet, hat das auch nicht vor. Was, wenn sich zwei Universen überlappt haben, so wie in Another Earth oder sogar in Avengers: Endgame, ganz im Sinne der Multiversum-Theorie? Hat Jack Malick die Dimensionen gewechselt? Halt, Stop! Yesterday ist kein Science-Fiction Film, ist keine Fantasy, es geht Danny Boyle um etwas ganz anderes. Dazu dienen nun mal die absurden Fakten, so wie sie sind. Boyle geht es um die Frage: Was, wenn kulturelle Werte verschwinden? Wenn die eine oder andere Musik nicht mehr erklingt? Wenn nicht mal Wikipedia dafür garantiert, das wohlklingende Erbe einer Beat-Boyband zu erhalten? Wenn es nur mehr einen Menschen auf dieser Erde gibt, der weiß, was gestern noch war? Hat er die Pflicht, das Wissen zu teilen? Ein Kassandra-Komplex, nur in die andere Richtung. In ein Yesterday, das es, wie es scheint, eigentlich nie gegeben hat.

Himesh Patel spielt also diesen Jack Malick, der zu seinem eigenen Glück all die Lyrics der Beatles noch im Oberstübchen hat, mit einigen Abstrichen wohlgemerkt. Eleanor Rigby zum Beispiel will ihm einfach nicht in den Sinn kommen. Patel aber tut sich sichtlich schwer, mit seiner Rolle des erfolglosen Musikers warm zu werden. Und so schwer, wie er sich damit tut, tue ich mir auch mit ihm. Lily James hingegen ist so bezaubernd wie immer; gut, dass sie die zweite Hauptrolle hat, denn ohne den Spirit einer Mathelehrerin, die nebenbei ihren besten Freund managt, wäre das Beatles-Sprachrohr in seiner phlegmatischen Resignation dem Leben gegenüber nicht halb so interessant wie Oscar Isaac seinerzeit in der Loser-Komödie Inside Llewyn Davis. Llewyn Davis hatte dazu noch nicht mal die Beatles. Und wer das Œuvre einer der besten Bands aller Zeiten in petto weiß, darf Gott einen guten Mann sein lassen, sofern die Musik der Pilzköpfe die Jahrzehnte überdauert hat und nicht etwa aus der Zeit gefallen klingt. Das tut sie nicht. Die Beatles, das steht fest, sind zeitlos, ihre Musik kann man in 200 Jahren noch hören, ihre Songs lassen sich unterschiedlich interpretieren, weil die Melodien einfach unkaputtbar sind. Da kann drübersingen, wer will. Noch dazu sind es positive Vibes, die sich in Zeiten wie diesen rar machen und umso wertvoller sind, wenn man sie verspürt.

Diese Vibes, die hat Yesterday neben Lily Collins und der komödiantisch hochbegabten Kate McKinnon selbstredend auch in Sachen Soundtrack zu bieten. Wenn Help! oder Here comes the Sun erklingen, ist das natürlich toll, und der Kinosessel wippt vor allem bei Nummern wie A Hard Days Night. Doch funktioniert Yesterday auch ohne all der Noten? Nur bedingt. Was eine augenzwinkernd gesellschaftskritische Parabel auf das popkulturelle Erbe der Menschheit hätte sein können, verspielt seine Chance, etwas wirklich Außergewöhnliches zu erzählen. Etwas, das mit dem Musikbiz abrechnen, das kollektive Gedächtnis hinterfragen und der Bedeutung von Musik als Welterbe nachgehen hätte können. Stattdessen flüchtet sich die joviale Komödie scheinbar ratlos in eine allzu gewollte Romanze, die ich natürlich schon in Ansätzen, aber nicht hauptsächlich sehen will – in einem Film, in dem es eigentlich um etwas ganz anderes gehen sollte. Boyle huldigt natürlich den Beatles auf direkt rührende, um nicht zu sagen transzendente Art, fast wie bei einem Fanfilm. Sonst aber tendiert der überlange Streifen, der zwischendurch ordentlichen Leerlauf hat, zu einem Du-gehörst-zu-mir-Kitsch der redundanten Art, die dem ideenreichen Spirit eines Songwritings, wie ihn McCartney, Lennon und Co hatten, oft nicht gerecht wird. Und Ed Sheeran? Wir können froh sein, dass er Musiker ist. Schauspieler muss – und kann er gottlob nicht auch noch sein, auch wenn er mit diesem Film sein neues Album promotet.

Yesterday

Die dunkelste Stunde

CHURCHILL SPIELT CHURCHILL

7,5/10

 

DARKEST HOUR© 2017 Universal Pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: JOE WRIGHT

MIT GARY OLDMAN, LILY JAMES, KRISTIN SCOTT THOMAS, BEN MENDELSOHN U. A.

 

Das macht Europas größter Insel kein anderes Land nach: das Schicksal Großbritanniens inmitten des zweiten Weltkriegs ist eine Epoche voller Facetten, die wie kein anderer Schwerpunkt so sehr im Mittelpunkt der Kinogeschichte gestanden hat – und jetzt auch wieder stehen darf. Dabei lassen sich all diese fast schon nahtlos aneinander gereihten, zeitgleich passierenden Episoden als Gesamtpaket betrachten, wenn nicht gleich als Trilogie oder Quadrilogie. Da hätten wir The King´s Speech mit Colin Firth, der als stotternder Monarch Albert alles versucht, seine Rede zur Lage der Nation so flüssig wie möglich ans Volk zu bringen. Da hätten wir in The Imitation Game das Superhirn Alan Turing, gespielt von Benedict Cumberbatch, der es geschafft hat, ebenfalls zur selben Zeit den Code der Nazis zu knacken. Und da hätten wir jüngst Christopher Nolans schwer beeindruckendes Meisterwerk Dunkirk. Gerade die atemberaubend unorthodox erzählte Chronik des Wunders am Ärmelkanal ist mit Joe Wrights Politdrama Die dunkelste Stunde, am engsten verknüpft. Hat man Dunkirk gesehen, sollte man unbedingt auch Die dunkelste Stunde sehen. Hat man Die dunkelste Stunde gesehen, empfiehlt es sich, gleich unmittelbar hineindran Dunkirk auf die Watchlist zu setzen. Beide sind zweifellos völlig eigenständige Werke. Doch gemeinsam bilden sie eine vollkommene Einheit. Eine Schicksalssymphonie aus einem Guss. Und tatsächlich wäre es sogar denkbar, Dunkirk und Die dunkelste Stunde dramaturgisch ineinander zu verzahnen. Der eine Film, ergänzt den anderen. Zusammen lassen sie Geschichte erleben. Und das so packend, plastisch und fühlbar wie selten zuvor.

Die dunkelste Stunde funktioniert aber auch im Alleingang ganz ausgezeichnet. Und das Besondere daran: nicht trotz, sondern vor allem aufgrund all seiner Bescheidenheit, seiner Lust am Zitieren protokollierter Reden und den vielen Herren in dunklen Anzügen, denen das politische Gewissen ins verkniffene Gesicht geschrieben steht. Als Zaungast im britischen Parlament blickt man auf ein denkwürdiges Szenario hinunter und hört Worte wie „Weder Weichen noch Wanken“ oder „Sieg um jeden Preis“, die sich in die Eckpfeiler europäischer Geschichte gebrannt haben. Polternd in die dunklen, dunstigen Hallen gerufen hat das niemand geringerer als der legendäre Polittitan Winston Churchill. Denkt man an Churchill, denkt man zuallererst an Zigarre, alkoholische Getränke, womöglich Melone und Kleidergröße XXL. Und dann erst an seine donnernde, volksorientierte, heldengleiche Politik. Leicht kann es passieren und Filme über Jahrhundertpolitiker, wie Churchill durchaus einer war, expandieren zu Apotheosen gottgleicher Übermenschen. Nicht so Joe Wrights Film. Und darin liegt seine überzeugende Qualität. Churchill erhält trotz all dem effektiven, erzählerischen Pathos durch Die dunkelste Stunde die Chance, sich als Mensch zu erklären. Und nicht als Ikone einer Krisenpolitik. Der übergewichtige Exzentriker voller extrovertierter Intelligenz, voller eigentümlicher Ticks und leichtem Anflug von Cholerik zeigt sich gern im Schlafrock, unfrisiert und barfüßig. Es ist, als würde man ihn kennen. Vielleicht sogar schon lange bevor der Film überhaupt erst begonnen hat. Ein Gefühl der Vertrautheit stellt sich ein. Und dann begegnet man Churchill sogar noch in Momenten des Zweifelns und Bangens. Momente, wo der wuchtige, laute Riese ganz klein wird, wie ein Kind.

Wirkliche Größe erlangt Wright´s politisches Psychogramm in den fragilen, feinen, kleinen Szenen. Wenn der Premierminister schweigend seine Sekretärin mustert, wenn beide wortlos in der Schreibkammer sitzen, zwischen ihnen die ganze unaussprechliche Stille des prekären Ist-Zustandes der Nation. Wenn Churchill Präsident Franklin anruft, zu später Stunde, irgendwo abseits und ganz auf sich alleine gestellt. Wenn sein Blick ins Leere gleitet – dann spiegelt sich die Schwere der Verantwortung in jeder Requisite des Films. Und graben neue Furchen in die hängenden Wangen des alten Mannes, der genauso aussieht wie die Person von damals. Dass dahinter Gary Oldman versteckt sein soll, kann ich kaum glauben. Es ist auch schwer nachzuvollziehen, wieso die Macher gerade Gary Oldman wollten. Bislang war es doch meist so, dass es vollauf genügt hat, historische Persönlichkeiten mit zumindest ansatzweise ähnlichen Schauspielern zu besetzen. Mittlerweile reicht das aber nicht mehr. Schon Anthony Hopkins wurde dem Konterfei von Alfred Hitchcock angeglichen. Und Leo Di Caprio durfte sich als J.Edgar Hoover maskieren. Maskenhaft waren sie, diese Gesichter. Aber auch da hat sich die Technik verändert. Obwohl in Die dunkelste Stunde sehr oft Close Ups von Gary Oldmans verwandeltem Profil zu sehen sind, weiß die physische Echtheit des wiederauferstandenen Politikers zu verblüffen. Gary Oldman ist verschwunden – an seine Stelle tritt der Mensch Churchill, der die schlimmsten Stunden seiner Regierungszeit nochmal Revue passieren lässt. Es ist, als würde Churchill Churchill spielen. Den verdienst hat die Maske natürlich nicht alleine – Oldman gelingt es, nach mit Sicherheit intensivstem Studium der historischen Figur nicht nur Churchill zu spielen – er ist zu ihm geworden. Und zwar nicht als plakative Erinnerung eingangs erwähnter Heldenskulptur, sondern als Mensch. Als verletzlicher und gleichzeitig ungemein starker Mensch. Daniel Day Lewis, der selbst zu Lincoln geworden ist, hätte den impulsiven Giganten nicht besser verkörpert.

Die dunkelste Stunde ist eine fesselnde Episode europäischer Geschichte im Erzählstil von Thirteen Days und das sensible, zutiefst humane Psychogramm eines großen Briten. In gleißend hellem Tageslicht und im Licht der Zigarrenflamme, auf offener Straße und barfuß an der Bettkante – bei diesem Poker mit dem Teufel haben sehr viele Profis sehr viel richtiggemacht. Vor allem Churchill, der sich selbst am besten spielt.

Die dunkelste Stunde

Baby Driver

MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER

7,5/10

 

babydriver© 2017 Sony Pictures / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: Grossbritannien, USA 2017

REGIE: EDGAR WRIGHT

MIT ANSEL ELGORT, LILY JAMES, KEVIN SPACEY, JAMIE FOXX, JON HAMM U. A.

 

James Dean hat, bevor ihn das Schicksal ereilte, nur drei Filme gedreht. Das weiß mittlerweile nicht nur jeder Filmfan, das ist längst Allgemeinbildung. Der lakonische Lonely Boy wurde über Nacht zum Star und zur Ikone – zum Mythos wurde er nach seinem Tod. Seine Leidenschaft für den fahrbaren Untersatz wurde ihm letzten Endes zum Verhängnis. Ganz so wie in Denn sie wissen nicht, was sie tun. Ein Rebell ohne Grund. Und wäre dieser Rebell nicht so schnell so unsterblich geworden, hätte es womöglich noch viele Filme mit ihm gegeben. Zum Beispiel Baby Driver. Dean in dem gewieften Fluchtwagenthriller  besetzt zu sehen erfordert meinerseits nicht viel Fantasie. Für den jungen Eigenbrötler aus Indiana wäre Baby Driver vielleicht sogar zur Herzensangelegenheit geworden. Dabei hätte er eigentlich nur sich selbst spielen müssen. Wortkarg bis zur Arroganz, stets mit Sonnenbrille, und permanent Kopfhörer in den Ohren. Denn mit Musik geht für den kindlichen Autonarr und Boliden-Klarmacher einfach alles besser. Das hat natürlich seinen Grund, den ich hier nicht verraten werde. Ansel Elgort verkörpert diesen Baby, wie er sich selbst nennt, auf eine überhebliche, ignorante, aber auch pragmatische und fürsorgliche Art und Weise. Ob das reine Coolness ist, oder reine Berechnung, oder ob etwas ganz anderes dahinter steckt, wagt man anfangs nicht so genau zu wissen. Baby ist jedenfalls jemand, so scheint es, den nichts erschüttern kann. Weder gehässige Bankräuber, noch einen fordernden und kompromisslosen Unterweltler, dem Baby noch einiges schuldig zu sein scheint. Also fährt er für ihn. Und macht die Drecksarbeit. Dieser Unterweltler ist übrigens Kevin Spacey, herrlich schmierig, profitorientiert und oberlehrerhaft. Und diese Bankräuber, das sind Typen wie „Motherfucker“ Jamie Foxx, der nach seiner Rolle in Kill the Boss wieder mal den anlassigen Oberstrizzi mit lockerer Lippe geben darf.

Hot Fuzz-Regisseur Edgar Wright, Co-Schöpfer der Cornetto-Trilogie mit Nick Frost & Simon Pegg, erzählt in seinem rasanten, aufgeweckten Actionfilm eine locker-flockige Romanze zwischen American Graffiti und Drive. Und ja, sowohl Gosling als auch Elgort sind beide von der Sorte, die eher andere reden lassen. Was anhand des Trailers im Kino längst nicht so verführerisch ausgesehen hat, und man vermuten hätte können, dass es sich bei Baby Driver doch eher um ein Need for Speed aus der Schema F-Schublade handelt, ist in Wahrheit tatsächlich einer der sehenswertesten Genrebeiträge dieses Jahres. Elgort ist eine Entdeckung, allerdings erst auf dem zweiten Blick. Und diese reizvolle, mit fetzigen Vibes unterlegte Mixtur aus Natürlichkeit und augenzwinkernder, leicht märchenhafter Spannung lässt Langeweile außen vor. Baby Driver hat sogar mehr Drive als Drive, weil es keinen affektierten Ego-Stil eines Nicolas Winding Refn vor sich herträgt, sondern die groovige Räuberpistole nicht mehr sein lässt, als sie ist – cooles Gaunerkino mit dem gewissen Etwas eines James Dean, rasant und kurzweilig bis zum Gehtnichtmehr und extraordinär besetzt. True Romance für die Generation What!

Baby Driver