DJ Ahmet (2025)

VON WEGEN SCHWARZES SCHAF

7/10



© 2025 Neue Visionen


LAND / JAHR: NORDMAZEDONIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: GEORGI M. UNKOVSKI

KAMERA: NAUM DOKSEVSKI

CAST: ARIF JAKUP, DORA AKAN ZLATANOVA, AGUSH AGUSHEV, AKSEL MEHMET, ATILA KLINCE, SELPIN KERIM, METIN IBRAHIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Nordmazedonien und der Rest der Welt – ja, auch dort lebt man auf dem selben Planeten wie die übrige Menschheit auch, nur etwas provinzieller. Was letztlich kein Grund dafür sein soll, nicht auch die Vorteile des Fortschritts zu genießen. Doch in der Provinz, das wissen wir, haben Traditionen das Vorrecht darauf, alles andere, was da so an Einfluss aus dem Osten oder den Westen herüberschwappt, durchzulassen, damit es sich in einem jahrhundertelang gleichen Alltag integriert, oder abzuschmettern. Beim Abschmettern ist man dort vor allem dann gut, wenn es um die Rechte der Frauen geht. Das mag bei den Alten vielleicht etwas zu spät kommen, denn die scheinen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben – nicht aber bei den jungen, die man heutzutage ungern noch als heiratsfähig bezeichnet. Eine dieser jungen Frauen ist Aya. Und die hat die Nase voll vom Patriarchat.

Fremdbestimmt leben

Wie es der Zufall im Film gerne will – und dieser hier mag durchaus mit dem Genre der RomCom liebäugeln, auch wenn der Schauplatz dafür ein gänzlich ungewohnter ist – trifft Aya auf den etwas schusseligen, aber musikverliebten Ahmet. Er und der Rest seiner Familie muss ein tragisches Schicksal verarbeiten, nämlich den Tod der Mutter. Bruder Naim spricht seitdem kein Wort mehr und sucht Schritt auf Tritt die Nähe Ahmets. Der Vater: verdrossen, störrisch und trauernd. Kann man verstehen, muss man aber nicht auf jene übertragen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Vielleicht streben genau die etwas ganz anderes an als am hauseigenen Hof die Schafe zu hüten statt in die Schule zu gehen, um sich der eigenen Peer-Group anzuschließen. Immerhin bleibt Ahmet noch Aya – denn die übt für eine Tanzperformance im Rahmen des kommenden Dorffestes, mit der sie ihrem dominanten Vater in seinen vorgestrigen Ansichten vor den Kopf stoßen will.

Retro-Revolution als RomCom

Wie Ahmet dabei zum DJ wird, ist eine versponnene, launig verfilmte Tragikomödie, die nicht nur von der Energie der beiden jungen Leute lebt, die sich in kleinen Schritten, zaghaft und mit sehr viel Neugier im Gepäck, einander annähern. Dabei strahlt Dora Akan Zlatanova eine Grazie, einen Esprit und eine Persönlichkeit aus, die dieser mitunter turbulenten kleinen Geschichte dMelodie verleiht. Schon die erste Szene ihres Auftretens hat Magie: Man sieht nur Ayas Turnschuhe, wie sie durchs Feld gleiten, dann wandert die Kamera höher, wir sehen ein Mädchen in traditionellem Gewand und mit geschnürtem, gelbem Kopftuch – eine blonde Haarsträhne fällt keck über ihre Stirn. Ihr Blick sagt alles – und findet den von Ahmet. So freudvoll traditionell diese Art und Weise ist, eine Romanze zu beginnen, während sie an die entzückenden Liebesfilme der 50er erinnert, so progressiv mag dann auch die Geisteshaltung sein, welche die beiden Revoluzzer dazu bringt, nicht nur aus den Mechanismen einer obsoleten Gesellschaftsstruktur auszubrechen, sondern auch aus der Enge einer auferlegten Trauer.

Jugend ändert sich überall

Die knarzende Stille der Traditionen vertreibt so mancher Techno-Beat mit Lust an der Aufmüpfigkeit, ohne aber die Geduld dabei zu verlieren, wenn es darum geht, den Traditionen von Verliebtheit und Zuneigung Raum und Zeit zu lassen. Beides passt gut zusammen, nichts davon wirkt aufgesetzt. Progressives Highlight ist zweifelsohne seine für manch konservativen Muslim provokative, für manch Taliban wohl schockierende musikalische Alternative zum Muezzin. Was Autorenfilmer Georgi M. Unkovski aber am allerbesten gelingt, und wofür man ihn regelrecht loben muss, ist, dass er aus seinem erfrischend selbstironischen DJ Ahmet kein kitschiges Märchen macht, sondern auf faire Weise das mögliches Szenario eines zwar nicht in jeder Hinsicht guten, aber auch nicht hoffnungslosen Endes durchspielt. Genau das hätte man dem Film vielleicht gar nicht so zugetraut. Genauso wenig, wie das Durchsetzungsvermögen einer nordmazedonische Next Generation, die den Wind of Change bringt.

DJ Ahmet (2025)

Tanna

LIEBE AUF DEM VULKAN

7/10

 

tanna© 2017 Kairos Filmverleih

 

LAND: AUSTRALIEN, VANUATU 2016

REGIE: BENTLEY DEAN, MARTIN BUTLER

MIT MARIE WAWA, MUNGAU DAIN, MARCELINE ROFIT, CHARLIE KAHLA U. A.

 

Globetrotter und Atlas-Junkies können sich entspannt zurücklehnen, wenn es um die Frage geht: Wo liegt Vanuatu? Und was ist Vanuatu überhaupt? Die Antwort: ein Archipel, nordöstlich von Australien. Zählt zur Inselgruppe Melanesien und wurde erstmals von den Portugiesen gesichtet, die die dicht bewaldeten Eilande am Feuergürtel als Teil der Terra Australis vermutet hatten. Das hat der französische Seefahrer Louis Antoine de Bougainville dann widerlegen können, und im Zuge der zweiten Weltreise von James Cook kamen auch weiße Siedler in diese Gegend. Das wissen die Insulaner der kleinen Insel Tanna natürlich alles. Und sie wissen auch alles über das britische Königshaus. Prinz Philipp ist da ein ganz wichtiges Vorbild in Sachen Loyalität und Tradition.

Mit der Tradition, da nimmt es das Volk der Yakel sehr genau. Allen westlichen Einflüssen zum Trotz sind die Einwohner Tannas ihrer Geschichte treu geblieben, verschmähen Veränderungen und den verlockenden Fortschritt. Leben also, wie vor hunderten von Jahren. Mich erinnert dieser Zustand an Eindrücke, die ich während meiner Reise durch das Baliem-Tal im Hochland West Papuas selbst sammeln konnte. Auch dort bin ich neben Gemeinden, die den Zivilisationseinflüssen der westlichen Welt aufgeschlossen waren, auch auf wenig beeinflusste Dörfer gestoßen, die teilweise immer noch in traditioneller Tracht – mit Penisfutteral und Kopfschmuck, sonst gänzlich ohne Kleidung – durch den feuchtkühlen Bergregenwald wandern. Nachzulesen ist mein Bericht über das Volk der Dani auf meiner Reportage-Website biodiversity. Besonders interessant war ein bewusst traditionell gehaltenes Dorf, dass vor allem Touristen einen Einblick in das Kulturgut der Papua geben sollte. Natürlich, die scheinbar unverfälschte Demonstration von Traditionen, die noch nicht von außen verzerrt wurden, ist eine Inszenierung. Aber eine, die sehr authentisch wirkt, ganz so wie ein Film.

Genau das ist Tanna auch. Eine Inszenierung von etwas unmittelbar Verlorenem. Im Grunde unterscheiden sich beide Völker, die Dani und die Yakel, zumindest nach außen hin nicht sehr voneinander. Gesellschaftspolitisch mag es natürlich Differenzen geben. Ob die Zwangsheirat dazugehört, müsste ich selbst noch recherchieren. Jedenfalls aber ist das große Problem die politische Verheiratung. Wie die Caldera eines Vulkans, die zu bröckeln beginnt. Auf ihr tanzen die Häuptlingstochter Wawa und der stattliche Dain einen Liebesreigen der ganz bezaubernden Art. Es sind Bilder wie aus den Büchern des österreichischen Ethnografen Hugo Bernatzik, der unter anderem auch die Völker der Südsee besucht hat. Paradiesisch, wie und wo es nur geht. Da sehnt man sich in die Schwüle des Dschungels, schwärmt von der Farbenpracht der Korallen. Das ist weder Kitsch noch Schönfärberei – die Tropen sind tatsächlich so. Zu schön, um wahr zu sein. Doch die dunkle Seite liegt unter den Auflagen der Menschen, die dort leben. Diese sind zwar auch im Einklang mit ihrer Natur, die beseelt ist von Geistern aller Art, aber blind und taub für die Bedürfnisse des einzelnen. Viel zu viel steht auf dem Spiel, um scheinbar triviale Wünsche zu erfüllen.

Gerne wird Tanna in seiner Bewerbung mit Romeo und Julia in der Südsee verglichen. Da ist was Wahres dran. Die beiden unglücklich Verliebten versuchen dem Unausweichlichen, nämlich die Verheiratung Wawas mit einem Mitglied des verfeindeten Stammes der Imedin, zu entgehen. Und stürzen beinahe zwei ganze Völker in den brodelnden Kessel aus Stein, der über Tanna aufragt wie eine Art Olymp, ein Thron für den Geist aller Geister, für die stärkste metaphysische Macht im ganzen Land. Nebel- und wolkenverhangen, aus grauem Sand wie der Krakatau, die rotglühenden Funken, die aus dem Krater des Vulkans stoben und die Macht von Mutter Erde demonstrieren. Wenn die beiden verlorenen Seelen dann da oben stehen, Hand in Hand, mit traurigen, aber entschlossenen Blicken, lädt das exotische Kino von der anderen Seite der Welt zum Staunen und im wahrsten Sinne des Wortes zum Horizonterweitern ein. Was Disney mit Vaiana versucht hat, nämlich das ferne Elsewhere, die Philosophie der Polynesier,  medienverwöhnten Familien stark vereinfacht näherzubringen, ergänzt Tanna mit der Erzählung eines zugrundeliegenden wahren Ereignisses, der die Stämme Vanuatus folglich dazu bewogen hat, Zwangsheiraten abzuschaffen. Womöglich waren Wawa und Dain nicht die einzigen Romeo und Julias der Südsee.

Tanna ist eine pittoreske Fernreise in die Mythen fremder Völker, delegiert mit Laiendarstellern der jeweiligen Stämme. Ein einfach erzähltes, faszinierendes Lehrstück über Frieden, Selbstbestimmung und die fragwürdige Sinnhaftigkeit alteingesessener Traditionen.

Tanna