Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

FLÜCHTIGE IM FUMMEL

4/10


outlaws© 2020 Koch Films


LAND: AUSTRALIEN, FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: GEORGE MACKAY, NICHOLAS HOULT, RUSSEL CROWE, ESSIE DAVIS, THOMASIN MCKENZIE, CHARLIE HUNNAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Edward „Ned“ Kelly ist eine Legende in Australien. Die einen sehen ihn als Verbrecher, die anderen als eine Art Down-Under-Robin Hood, stellvertretend für alle zwangsverschleppten Iren, die fernab ihrer Heimat mit den verhassten Briten das Land teilen mussten. Wenn es aber nur das gewesen wäre: die Briten hatten die Staatsgewalt. Die Iren: Menschen zweiter Klasse, mit denen man schließlich machen konnte, was man wollte. Besagter Kelly, aufgewachsen im Nirgendwo, aufgezogen von einer psychisch labilen Mutter und einem Vater als Nichtsnutz, wurde von einem Straßenräuber unter die Fittiche genommen, des Mordversuches an einem Polizisten beschuldigt. Verfolgt, bekämpft, hingerichtet. Er wäre aber keine Legende geworden, hätte sich der gerade mal 25 Jahre alt gewordene Anarchist einfach so mir nichts dir nichts festnehmen lassen. Er schlug sich also als Bushranger, wie Flüchtige dort in der Wildnis bezeichnet werden, in die Botanik, im Schlepptau allerhand schießwütige Anarchisten, auch dessen Bruder Dan, ein Pferdedieb. Kurioses Detail: die Bande kleidete sich bei ihren Überfällen stets in Frauenkleider, was sich womöglich auf den geheimen Fetisch des Vaters bezog. Für den direkten Shootout gab’s dann selbstgeklopfte Rüstungen aus Eisen.

Eine wüste Lebensgeschichte, die dieser Ned Kelly vorzuweisen hat. Justin Kurzel, am besten bekannt durch seine Videospiel-Verfilmung Assassin´s Creed, hat ein entsprechend wüstes Biopic gedreht, dass mit der völligen Fehlbesetzung von George McKay (grandios in 1917) beginnt und mit einer inferioren, völlig entarteten Schlammschlacht endet. Dazwischen ein verheddertes Coming-of-Bandit-Patchwork, das viel zu oft durchhängt, um ein Gefühl für das Thema zu entwickeln. Wobei: George McKay spielt seine Figur sicherlich nicht schlecht, wenngleich er stellenweise dem Overacting verfällt, vorwiegend gegen Ende, beim nachtschwarzen, in Stroboskoplicht getauchten Showdown (warum auch immer), bei dem man gar nicht richtig hinsehen kann. Doch Ned Kelly? Dafür hat er eine zu schöngeistige Attitüde. Weiters ist das Hauptproblem des Films die wenig plausibel dargestellte Entwicklung der Charaktere. Kurzel bekommt die Wende vom sozial rehabilitierten Ned Kelly zum Outlaw einfach nicht hin, dafür verliert sich die eigentliche Schlüsselszene zu sehr in zerfransten Szenen, die wiederum in drei Kapitel unterteilt sind und dessen Dialoge das paraverbale Spiel nicht ergänzen können. Dadurch geht der Trend des Films in Richtung mühsame Seifenoper, die zwischendurch wirklich stark langweilt. Ganz frappant auch Essie Davis als Ned Kellys Mutter – eine der enervierendsten Filmrollen seit langer Zeit. Ihre Figur ist die einer egomanischen Opportunistin mit permanent widersprüchlichem Verhalten. Ob dies so gedacht war? Keine Ahnung, jedenfalls bleibt am Ende Kurzels Sympathie für diese Rolle fragwürdigerweise bestehen. Neben diesen Besetzungen gibt’s noch allerlei namhaften Cast, wie Nicholas Hoult als Strapse tragenden Frank’n‘furter-Polizisten, Thomasin McKenzie – extrem farblos diesmal, und Russel Crowe als bärbeißiger Haudrauf mit Rauschebart – wohl der Lichtblick in dieser ganzen Zwölfton-Schicksalssymphonie.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang empfinde ich als  überzogenes Biopic, das seinen Erzählrhythmus nicht findet. Expressiv hingegen sind die Landschaftsaufnahmen und die Kamera an sich. Das Setting eines toten Baumbestandes, inmitten die Kelly-Ranch, verleiht dem Film schon eine gewisse grundlegende Atmosphäre, auch ganz ohne Aborigines. Wirklich retten kann das den Film aber trotzdem nicht, genauso wenig wie die Geschichte Ned Kelly.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

Rogue – Im falschen Revier

MACH MIR DIE TODESROLLE

5,5/10

 

rogue© 2007 Dimension Films

 

LAND: AUSTRALIEN 2007

REGIE: GREG MCLEAN

CAST: MICHAEL VARTAN, RADHA MITCHELL, SAM WORTHINGTON, MIA WASIKOWSKA, HEATHER MITCHELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN

 

Alligatoren kann man gut aus dem Weg gehen – in „Gatorland“ Florida sind sie Teil der natürlichen Infrastruktur. Für Kaimane weiter im Süden, im Pantanal zum Beispiel, muss man Bittgesuche einreichen, um die einzig verfügbare Straße durch den Sumpf zu nehmen. Auch kein Problem, die machen sich eben fauchend vom Acker, mehr tun sie aber nicht. In Australien sieht das ganze schon anders aus, denn die ums x-fache größeren Salzwasserkrokodile der Northern Territories, die legen schon die eine oder andere Strenge an den Tag. Australien ist tiertechnisch sowieso eine Klasse für sich. Gefühlt alles ist dort giftig oder gefährlich, selbst Känguruhs können boxen – die einzig harmlosen Zeitgenossen dürften Koalas sein. Und Wombats – allerdings durchwühlen die den Mist. Natürlich klar, dass die australische Filmwelt nichts unversucht lässt, Panzerechsen im Rahmen perfider Survival-Thriller zum Star zu machen. Wie zum Beispiel im Film Black Water über zwei Schwestern, die nach dem Kentern ihrer Nussschale im Geäst der Mangroven ums Überleben kämpfen müssen. Ein ordentlicher Reißer. Ein weiterer ist Rogue – Im falschen Revier. Auch hier kommen unbedarfte Touristen, denen stets die Attitüde der peinlichen Verletzlichkeit und der Unschuldsvermutung anhaftet, weil sie doch nur Touristen sind, zum Handkuss, während sie selbige verlieren.

Diesmal ist allerdings nicht der Mangrovensumpf Ort des blutigen Gelages, sondern eine kleine Insel inmitten eines Gezeitenkanals. Dorthin konnte sich nach Leckschlagen des Ausflugbootes eine Handvoll Leute retten. Großer Dank an den Tourguide, der, mit seinen Schützlingen im Schlepptau, einem Hilferuf per Leuchtpistole hat folgen müssen. Die drängende Frage: Warum nicht im Vorfeld all die Touristen an Land bringen und dann solo nach dem Rechten sehen? Keine Ahnung, jedenfalls hätten wir dann keinen Film. Was aber passiert ist, ist passiert. Und die Insel der Havarierten wird bald unter der hereinbrechenden Flut versinken, würden sie es nicht schaffen, ans gegenüberliegende Ufer zu gelangen. Ein Wettlauf mit der Zeit und dem Krokodil beginnt, das eigentlich keinen Hunger hat, das eigentlich nur tierisch nervt, unerwarteten Besuch in seinem Territorium dulden zu müssen.

Rogue – Im falschen Revier ist ein ganz klassischer Wildlife-Slasher. Mit von der Partie sind einige bekannte Gesichter, die später mal in Blockbustern mitspielen werden, damals schrieben wir noch das Jahr 2007: Sam Worthington treibt sich als Motorboot-Macho herum, Mia „Alice“ Wasikowska darf um ihre Eltern bangen und Radha Mitchell weiß damals noch nicht, dass sie nach Silent Hill verschlagen wird. Der wirkliche Star auf dieser gesundheitsgefährdenden Bootsfahrt aber ist das Krokodil selbst: ein Meisterwerk der Mechatronik, aber nicht nur das: Sicherlich eine Kombination an sorgsam eingesetzten CGI-Animationen, echten Aufnahmen und eben einem 7-9 Meter langen Modell, dass so dermaßen echt agiert, als könnte man meinen, es tatsächlich mit einer Sternstunde der Reptiliendressur zu tun zu haben. Black Water also oder Rogue – Im falschen Revier? Erstgenannter ist raffinierter, weniger vorhersehbar, einfach fieser.

Rogue – Im falschen Revier ist immerhin ein kurzweiliges Drown-a-Human mit Todesrolle und subaquatischen Blutwolken, gesponsert vom Tourismusverband Down Under, der mit beeindruckenden Landschaftsaufnahmen die Gefährlichkeit der Fauna fast schon vergessen macht. Allerdings nur fast.

Rogue – Im falschen Revier

Upgrade

EIN KREUZ MIT DER TECHNIK

7/10

 

upgrade© 2018 Universal Pictures Germany

 

LAND: AUSTRALIEN 2018

REGIE: LEIGH WHANNELL

CAST: LOGAN MARSHALL-GREEN, MELANIE VALLEJO, HARRISON GILBERTSON, CHRISTOPHER KIRBY, BENEDICT HARIE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN

 

Meine Bewunderung an alle Experten der IT – mit einer mir nicht aufbringbaren Engelsgeduld leiern diese Unglaubliches aus den digitalen Synapsen eines künstlichen Speichermediums. In Zeiten drängender Entwicklungen ein Know-How mit Jobgarantie. Mir als End-User geht aber bereits schon das Geimpfte auf, wenn sich auf meinem Apple die kunterbunte Semmel des Todes dreht, als würde mich der Rechner persönlich beleidigen. Weil ich diese gefühlte Launenhaftigkeit einfach nicht verstehen kann. Aus diesem Mysterium heraus lässt sich wutentbrannt in die Zukunft fabulieren und philosophieren: Zu welchen Schandtaten Computertechnik denn noch fähig wäre. Kombiniert mit Biomechanik: zu sehr vielen. Allerdings auch für den Zweck einer physischen Assistenz, wie wir seit Paul Verhoevens Robocop wissen. 

In diesem bereits auf Streamingplattformen zum Kultfilm avancierten Science-Fiction-Thriller ist das stählerne Outfit einem Implantat gewichen, das als Zweithirn an der Wirbelsäule sitzt. Medizinisch betrachtet ein Quantensprung: Querschnittgelähmte könnten so wieder all ihre Extremitäten bewegen, da das kleine, insektenartige Teil als Access-Point zwischen Hirn und Bewegungsapparat fungiert. Der mit Analogem sympathisierende Automechaniker Grey (ein Typ wie Tom Hardy: Logan Marshall-Green) bekommt nach einem sabotierten Autounfall mit anschließendem Mordanschlag auf dessen Gattin von einem recht abgehobenen High-Tech-Priester namens Eron Keen die Chance, durch dieses noch unbekannte Implantat wieder ein neues Leben zu beginnen. Der nimmt an, geht´s Grey doch nur darum, den Mord an seiner Frau zu rächen. Bald aber ist unser Held nicht mehr allein – denn der kleine Computer am Kreuz, der scheinbar alles kann, beginnt zu sprechen. Erinnert ein bisschen an Venom? Ja das tut es, vor allem weil Logan Marshall-Green auch so aussieht wie Tom Hardy. Nur statt Venom ist das subkutane Wunderteil kaum sichtbar – und auch nur dann, wenn es die Kontrolle über den menschlichen Körper übernimmt. Bald ist Grey hinter einer ausgemachten Verschwörung her, hinter Grey die Polizei und natürlich der High-Tech-Priester, der gar nicht will, das sein Baby für Rachegelüste zweckentfremdet wird.

Leigh Wannell, der vor Corona die Neuinterpretation vom Unsichtbaren in die Kinos und dann ins Heimkino brachte, hat 2018 einen brachialen Cyberpunk-Reißer inszeniert, der wortwörtlich ans Eingemachte geht. War Robocop schon ein knochenhartes Stück Actionkino, ist Upgrade tatsächlich ein Upgrade dessen, da sieht Peter Weller in der wehrhaften Karosserie eines plumpen Transformers direkt alt aus. Whannells Film macht wenig Gefangene, und wenn, dann ist ihr Dasein befristet. Das Kuriose an der Sache: wenn Grey mit seinem altklugen Zweithirn kommuniziert, bekommt der Film eine ironische Note. Und wenn Grey seinen Technical Support beim Schlagabtausch mit den ganz fiesen Jungs freie Bahn lässt, gehören diese Haudrauf-Szenen zum Bizarrsten, was handgreifliche Action bislang zu bieten hatte. Andererseits aber ist die Technik letzten Endes für Whannell, der auch das Drehbuch schrieb, einfach nur ein Hund: seit Skynet ist klar, dass künstliche Intelligenzen irgendwann zur Macht greifen wollen. Und der Mensch wird zur hilflosen, völlig unzulänglichen Kreatur ohne Aussicht auf nur die geringste Chance. Mit schmerzhaftem, dystopischem Nihilismus lässt Upgrade die Kehrseite der Medaille den strahlenden Benefit sklavischer Technik in Dunkelheit tauchen. Die Unterjochung bricht sich Bahn. So radikal und letzten Endes verstörend war selten ein Film aus diesem Genre.

Upgrade

The Nightingale – Schrei nach Rache

GESCHUNDENES TASMANIEN

7/10

 

The Nightingale© 2020 Koch Films

 

LAND: AUSTRALIEN 2020

DREHBUCH & REGIE: JENNIFER KENT

CAST: AISLING FRANCIOSI, BAYKALI GANAMBARR, SAM CLAFLIN, DAMON HERRIMAN, EWEN LESLIE, CHARLIE SHOTWELL U. A. 

 

Erst vor Kurzem hatte sich das belgische Könighaus für seine Gräuel während der Kolonialzeit im Kongo entschuldigt. Wem nützt das noch? Eine Entschuldigung ist schnell daher gesagt, und nichts mehr wert, nach so vielen Jahrzehnten des Zierens. Besser spät als nie, würden manche behaupten. Wäre es nie so weit gekommen, würde ich sagen. By the way: hat sich Großbritannien eigentlich schon dafür entschuldigt, die Ureinwohner Tasmaniens ausgerottet zu haben? Wahrscheinlich schon, und wahrscheinlich gab’s jede Menge Reparationen, um zumindest das letzte Bisschen ethnisches Erbe zu konservieren und fortleben zu lassen, zumindest in musealen Freilichtenklaven und in der Sprache der Ureinwohner, dessen zeitgerechte Archivierung grundlegend dafür war, das gesprochene Wort in seiner Originalität auch für diesen Film hier zu adaptieren, einem Rape and Revenge-Thriller im erd- und blutverkrusteten Gewand eines historischen Abenteuerfilms aus einer Zeit, in der Tasmanien noch Van Diemens-Land hieß und in welcher der Genozid gegen die schwarze Bevölkerung hoch im Kurs lag. Wie erquickend kann so ein Film nur sein, der von Ausbeutung, Versklavung, Vergewaltigung und Tod erzählt? Gar nicht.

The Nightingale von Jennifer Kent, bekannt geworden durch ihren Psychohorror The Babadook, ist trotz all der Hoffnungslosigkeit ein zutiefst feministisches, aufbrausend rechtefordendes Werk. Im Zentrum steht die Ex-Strafgefangene Clare, die beim britischen Leutnant Hawkins (gnadenlos böse und perfide: Sam Claflin) ihre Restschuld abarbeitet, von diesem aber regelmäßig missbraucht wird und die Freiheit, die ihr längst zugesteht, auch nicht bekommt. Irgendwann aber platzt Clares Ehemann der Kragen – was Hawkins natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann und seinen ganzen Unmut eines Nachts an Clares Familie auslässt. Die Folge: Mann und Kind sind tot, der Leutnant mitsamt seines nicht weniger abscheulichen Sergeants (ekelerregend: Damon Herriman) bereits unterwegs in die Stadt, um sich befördern zu lassen. Doch falsch gedacht, wenn man vermutet, dass Clare sich nach all der Tragödie das Leben nimmt. Nein: Clare wird zur Furie, zum wütenden, keifenden, schreienden Racheengel, der Hawkins hinterherfolgt. Ohne Fährtenleser allerdings geht’s nicht, also gesellt sich unter anfänglichem Widerwillen der Tasmanier Billy an ihre Seite. Beide haben anfangs nichts gemein, doch später mehr, als sie vermutet hätten.

Eine Warnung gleich vorweg: The Nightingale hat nicht zu Unrecht eine FSK-Freigabe von 18. Die dargestellte sexuelle Gewalt an Frauen ist in diesem Film ziemlich unerträglich. Wer hier also zu sensibel auf solche Szenen reagiert, und das auch weiß, sollte den Film möglichst vermeiden. Ich selbst habe kurz überlegt, vorzeitig abzubrechen, denn nachdem man ohnehin schon die Nase voll hat von so will menschlichen Abgründen und irreversiblem Leid, setzt Jennifer Kent noch eins drauf. In The Nightingale ist die Bestie Mensch allgegenwärtig, andererseits aber findet die Kamera für einen ruhenden Gegenpool atemberaubende Aufnahmen der tasmanischen Wälder, in denen die Verlorenen umherirren. Doch der eigentliche Grund, The Nightingale nicht dem Bösen zu überlassen und sich erbaulicheren Themen zu widmen ist die Figur des Fährtenlesers Billy. Der Aborigines Baykali Ganambarr ist in jeder Sekunde seiner Spielzeit eine Entdeckung. Seine pragmatische Sicht auf die Gegenwart vereint sich auf berührende Weise mit seiner Wut über das Übel der britischen Land- und Lebensenteignung. Dann aber ist er wieder kindlich beseelt von den alten Mythen seiner Kultur, und man wünscht sich unentwegt, Billy möge diese Tortur durch die Wildnis gut überstehen. Die Finsternis aber, die legt sich über jedes Bild. Die Schönheit einer fremden Welt leidet – sie bleibt entsättigt, regennass und düster. In manchen Szenen, wenn Clare Alpträume plagen, hat der Streifen auch einigen Horror parat, um dann, nach ihrem Erwachen, in das gutmütige Gesicht des Fährtenlesers zu blicken, der sich ihrer annimmt. The Nightingale ist ein erschütterndes Drama über eines der dunkelsten Episoden der Menschheit, ein tiefschwarzer Film, in seiner Kompromisslosigkeit vergleichbar mit Twelve Years a Slave, allerdings nicht ohne bedingungsloser Liebe zu einem verlorenen Paradies, die letzten Endes über den Tod erhaben sein lässt.

The Nightingale – Schrei nach Rache

Black Water

OH WIE SO TRÜGERISCH

7/10

 

blackwater© 2007 The Australian Film Commission

 

LAND: AUSTRALIEN 2007

REGIE: ANDREW TRAUCKI, DAVID NERLICH

CAST: DIANA GLENN, MAEVE DERMODY, ANDY RODOREDA, BEN OXENBOULD U. A. 

 

Der Urlaub, die Tour, alles fällt ins Wasser. Balkonien liegt heuer zwangsläufig wieder im Trend. Gut, wenn man unlängst vor dem Lockdown noch die eine oder andere Fernreise hinter sich gebracht hat, da lässt sich natürlich noch ein Zeiterl über die Runden kommen. Es gibt aber auch Leute, die erinnern sich nur ungern an ihre Erlebnisse, die, egal wie lange sie womöglich schon zurückliegen, nur noch schlimmer werden. Ich selbst weiß noch nur zu gut, wie mir damals, vor knapp 20 Jahren, ordentlich die Muffe ging, als ich vor der Küste Sansibars fast ertrunken wäre. Andere haben Erlebnisse in petto, die sind so schrecklich, dass sie verfilmt werden müssen. Zum Beispiel jenes Erlebnis junger Urlauber im Norden Australiens, die während einer Boots- und Angeltour in die Sümpfe der Northern Territories Bekanntschaft mit einem Salzwasserkrokodil schließen mussten. Das war garantiert kein freundschaftliches Händeschütteln. Das war ein Fressen- und Gefressen werden, allerdings eher einseitig.

Salzwasserkrokodile, die sind schon ordentliche Kaliber. Da reichen Alligatoren und Kaimane maximal als Mundschenk, obwohl auch die durchaus stattliche Ausmaße erreichen können. Aber so ein Salzwasserkrokodil, sowieso gefährdet und meist auf irgendwelchen Krokfarmen zur Schau gestellt, weiß zumindest in diesem australischen Abenteuer-Slasher nur zu gut, wer es eigentlich auf seine Spezies abgesehen hat. Und beschließt, nicht nur ordentlich zu frühstücken, sondern auch mal ein bisschen den Racheengel zu spielen. Black Water nennt sich dieser knapp 85minütige, bereits schon 13 Jahre alte Reißer aus Down Under. Faustdick hinter den Ohren hat er´s aber immer noch. Drei Urlauber – ein Ehepaar und die Schwägerin – finden sich alsbald auf einer Mangrove wieder, können weder vor noch zurück, unter ihnen Wasser, soweit das Auge reicht, und das Boot, kieloben treibend. Was also tun in so einer Situation, wenn erstens mal kein Trinkwasser vorhanden ist, die Moskitos quälen und Handys zu lange gebadet haben? Beten wäre eine Lösung. Was auch getan wird. Oder einfach allen Mut zusammennehmen und dem Untier trotzen. Was auch getan wird, wobei das Reptil deutlich im Vorteil sein wird – im Heimvorteil sozusagen, weil: My swamp is my castle.

Vergesst Alexandro Ajas Crawl, der vor nicht allzu langer Zeit bei uns im Kino lief. Gegen Black Water ist der Streifen rund um einen Hurrikan in Florida und wild gewordenen Alligatoren, die sich durch Kellerluken zwängen, ein zwar solider, aber vorhersehbarer Versuch, die Bestie bedrohlich genug ins Bild zu rücken. In Black Water, im Gegensatz zu Crawl natürlich ein astreines Low Budget-Movie, geht das Duo Andrew Traucki und David Neulich die Sache etwas anders an: sie verlassen sich auf die allseits bekannte Prämisse mit dem Teufel: einfach mal annehmen, es gäbe ihn gar nicht. Was aber noch sein könnte, wäre filmen nach Vorbild: nämlich Ridley Scott und sein Alien-Original. Das Wesen aus dem All ist nur am Ende des Films so richtig zu sehen. Die Spannung resultiert daraus, eben nicht zu wissen, wo das Monster anfängt und wo es aufhört, und überhaupt, ob und wo es sich befindet. Im Film der beiden Australier haben wir es mit ähnlichen Finten zu tun – die Bedrohung ist gleichzeitig überall und nirgends. Das schwarze, trübe, sich sanft kräuselnde, ungemein lebendige Gewässer lässt die Bestie auf abstrakte Weise jeden Winkel der Botanik einnehmen. Black Water macht auf raffinierte Weise jedes kleine Luftbläschen auf der Wasserfläche zum Feind, das Spiel mit den Lichtreflexen auf den plätschernden Wellen ist besser als jedes CGI. Wie ein Survivalthriller eben alle Stückchen spielen kann, ohne groß budgetiert zu sein, das zeigt diese kleine, garstige Version des Kinderliedes „Affen auf dem Baum“ zwischen Blut, Schlamm, Hitze und trügerischer Ruhe. Wenn einer eine Reise tut, und das noch überlebt, dann hat er was zu erzählen – in diesem Fall am liebsten dem Therapeuten.

Black Water

Little Monsters

ZOMBIES BEIM MORGENKREIS

6,5/10

 

littlemonsters© 2019 Einhorn Film

 

LAND: AUSTRALIEN, GROSSBRITANNIEN, USA 2019

REGIE: ABE FORSYTHE

CAST: LUPITA NYONG’O, ALEXANDER ENGLAND, JOSH GAD, STEPHEN PEACOCKE, KAT STEWART U. A.

 

So eine Zombie-Invasion ist definitiv kein Kindergeburtstag. Aber vielleicht ein Kinderausflug ins Grüne? Auch nicht wirklich, oder? Zumindest gibt es erst kürzlich einen Film, der womöglich beweisen könnte, dass die Begegnung mit infizierten Untoten durchaus mit der gängigen Routine eines pädagogisch motivierten Wandertages durch einen australischen Tierpark vereinbart werden kann. Was für eine krude Genre-Mischung. Zombies sind mittlerweile schon mit ganz anderen Welten kombiniert worden. Jane Austens Stolz und Vorurteil zum Beispiel. Oder Anna und die Apokalypse, ein Weihnachtsmusical – mit Zombies. Zombies passen überall hin. Sie sind generische Platzhalter für alles, was von Menschen erschaffener und errungener Ordnung widerspricht. Sie sind die Variable für den Sturz in ein irreversibles Chaos. Dabei sind es gerade mal eine Handvoll Vorschulkinder, die sich nichtsahnend in einer ziemlich verzwickten Situation widerfinden. Was nicht heißt, dass sie auf sich allein gestellt sind. Ihnen zur Seite: Eine strahlend schöne Lupita Nyong’o in einem strahlend gelben Sommerkleid, die ihren Job als Pädagogin Caroline gewissenhaft erledigt und ihre Schützlinge erstmal vor den Tücken des Alltags beschützt, bevor sich das Level der Bedrohungen einem deutlichen Upgrade unterzieht. Womit sie wiederum auch nicht ganz allein ist, denn der Onkel eines der Kinder, ein Ex-Musiker, der nichts auf die Reihe bekommt und nur in den Augen seines Neffen sowas wie Ansehen genießt, ist mit von der Partie – als Aufpasser, aber in erster Linie natürlich, um an Caroline ranzukommen. Welche Wendung der strahlend schöne Wandertag aber letzten Endes nimmt, darauf kann man sich einfach nicht einstellen, und zum Glück sind es die langsamen, nicht die schnellen Zombies, die aus einem nahegelegenen militärischen Testgelände ausbüchsen.

Die Kinder-Komponente im Film holt wohl auf die ähnliche Art abgemühte Genrefilme aus dem Nachmittagstief wie es manchmal Zombies tun. Nur hier ist das der allgemeinen Müdigkeit anheimfallende Problemkind das der Zombies selbst, das diesmal eine Frischzellenkur benötigt. Ja, und da bleiben eben nur noch die Kinder, die um Gottes Willen nicht mit der blutgetränkten Gier auf alles, was sehr eisen- und eiweißhaltig und gerade mal nicht gekocht ist, in Berührung kommen sollten. Der Glaube daran, dass die Erwachsenen alles im Griff haben, muss gewährleistet bleiben – was gar nicht so einfach ist, vor allem dann nicht, wenn nicht alle, die den Wahnsinn überleben wollen, nicht mitspielen. Josh Gad gibt hier eine wirklich erschreckend ekelhafte Ausgeburt eines Promi-Egomanen, der so manchen Untoten die Horrorshow stiehlt. Die Little Monsters – im Grunde die Monster unterm Bett, die kleinen Kindern schlaflose Nächte bescheren – werden in Grund und Boden gesungen, und so manche imaginäre Magie lässt die Kleinen über sich hinauswachsen. Das ist genussvoll mitanzusehen, und es ist, wie schon seinerzeit im Cornetto-Erstling Shaun of the Dead, ein Heidenspaß, wenn die bemitleidenswerten, torkelnden Fressmaschinen durch den kaltgewordenen Kinderkakao gezogen werden. Gore-Elemente gibt’s trotzdem, das gehört zu Filmen dieser Art dazu, jedoch ist seit Simon Peggs und Nick Frosts Zombie-Widerstand selten wieder aus einer erschreckenden Horror-Vision so ein Feelgood-Movie geworden. Da reicht womöglich wirklich nur Taylor Swifts Shake it off in der Unplugged-Version.

If you happy and you now it clap your hands! Blöd nur, dass die Zombies, die gar nichts mehr wissen, trotzdem klatschen – und das hat was, wenn man sieht, dass in Aby Forsythes Film unser Nachwuchs mit allem fertigwerden kann. Und wir Erwachsenen es in unserer Hand haben, dass den Kleinen das, was sie anpacken, auch gelingt.

Little Monsters

I Am Mother

DIE ZUKUNFT MEINT ES GUT

7/10

 

IAmMother© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: AUSTRALIEN 2019

REGIE: GRANT SPUTORE

CAST: CLARA RUGAARD, HILARY SWANK, LUKE HAWKER, ROSE BYRNE (STIMME) U. A.

 

Was wurde eigentlich aus Neill Blomkamp? Seit Chappie habe ich nichts mehr von ihm gehört, ich weiß nur, dass er mit den Oats Studios so eine Art Talentschmiede betreibt, in der dystopisch-technologische Kurzfilme auf Langfilmtauglichkeit getestet werden. Jetzt gibt es da so einen Film, der bei uns im Gegensatz zu unseren deutschen Nachbarn von den Lichtspielhäusern verschmäht wurde und sich ungefähr so anfühlt, als hätte ihn eben Neill Blomkamp inszeniert oder zumindest produziert. Diese streng komponierte Science Fiction nennt sich I Am Mother, ist aber australischen Ursprungs. Der Android, der da eine wesentliche Rolle spielt, der erinnert schon sehr an diesen Chappie, hat aber eine komplett andere Funktion. Dieser Android hier, der übernimmt die Rolle einer Mutter. Und zwar in Zeiten, die für den Homo sapiens alles andere als rosig sind, in denen Homo sapiens eigentlich gar nicht mehr existiert, weil er sich im Rahmen eines nicht näher beleuchteten Krieges selbst von der Landkarte getilgt hat. Irgendwo in der postapokalyptischen Ödnis gibt es aber sowas ähnliches wie ein Safe House für unzählige menschlicher Embryonen, die quasi als Backup dienen sollen, wenn’s mal wirklich ans humane Reinemachen geht. Entstehen soll mit diesen in Kühlkästen aufbewahrten Menschlingen ein besserer Mensch. Und Mutter, der Roboter, sorgt dafür.

Werbefilmprofi Grant Sputore erwähnt in seinem Regiedebüt jenen Aspekt auf eine technologisierte Zukunft, die das Franchise rund um Skynet und den Terminator nie aufgegriffen hat. In James Camerons finsterer Zukunft sind die Maschinen darauf aus, den Menschen zu unterdrücken. In I Am Mother sind sie darauf aus, dem Menschen ein neues Reset zu verpassen, aber erst, wenn der denkende Organismus perfekt genug ist – aus Sicht der Maschinen. Das weiß aber die namenslose junge Tochter noch längst nicht. Bislang kennt sie nichts anderes, nur die Maschine als ihre Bezugsperson. Für das Graugansküken war Konrad Lorenz schließlich genauso selbstverständlich, und ungefähr so lässt sich das vergleichen. Was den atmosphärischen Thriller dann erst so richtig in Fahrt bringt, ist der Irrtum, dass jenseits dieser trauten Bunker-Wohnung keine Menschenseele mehr existiert. Dem ist natürlich nicht so. Hilary Swank bricht in die idyllische Zweisamkeit aus Lernen, Prüfen und das tägliche Bekenntnis an eine fehlerlose Erziehung mit aggressivem Einfluss auf die pubertierende Tochter, die die Rolle der Mutter und den Sinn des Ganzen dann doch zu hinterfragen beginnt.

Hilary Swank wäre eine souveräne Alternative für die Rolle der Sarah Connor gewesen, zweifelsohne. Sie spielt die nach Überleben ringende Recht- und Gesetzlose mit der fürs Actionkino willkommenen Mischung aus Aufmüpfigkeit und Angst. Mutter, der Roboter, gesprochen von Rose Byrne (!) und bewegt von einem Mann, weckt mit ihrem zyklopenhaften Kameraauge Assoziationen zu Kubricks HAL 2000, wohl auch, weil dem mörderischen Computer mit seiner sanften Diplomatenstimme das Wohl eines höheren Planes näher war als die Zukunft einer technisch-organischen Partnerschaft. Sputore gelingt aber im letzten Drittel ein humanphilosophischer Kniff: er verdreht die wirklichen Ambitionen eines rationalen Computerhirns, wendet vielleicht gar Asimovs Robotergesetze an, spielt sich mit dem Steckbrief generischer Mutterschaft und fragt sich, ob Androiden nicht nur von elektrischen Schafen, sondern auch von einer glücklichen Familie träumen. Die Eckpfeiler des menschlichen Daseins bekommen in I Am Mother Haarrisse im Fundament, letztendlich aber lässt sich ein Mensch durch nichts ersetzen. Oder doch?

I Am Mother

Empire Me

GALLISCHE DÖRFER

6,5/10

 

empireme

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, LUXEMBURG 2011

REGIE: PAUL POET

MIT DEN BEWOHNERN VON SEALAND, HUTT RIVER, DAMANHUR, ZEGG, FREESTATE CHRISTIANIA UND DEN SWIMMING CITIES OF SERENISSIMA

 

Sie leisten keinen Widerstand. Oder, sagen wir, nicht mehr. Sie bleiben für sich, haben nichts am Hut mit den Regelungen der anderen da draußen. Diese Grenzen rundherum sind oft sehr eng gesteckt. Die gallischen Dörfer, egal wie groß sie sind, sind sich aber selbst genug. Wie das möglich ist, dass Mikrostaaten in anerkannten Staatsgebilden existieren dürfen, ohne zertreten zu werden – das ist ein Aspekt, den ich gerne näher erläutert bekommen hätte, dem der österreichische Dokufilmer Paul Poet aber nicht vorrangig nachgeht. Diese autarken Gebiete, von der Größe eines Floßes bis über mehrere Quadratkilometer hinweg, sind die bunte Auswahl eines Streifzuges durch die Absonderlichkeiten menschlicher Verwirklichung. Eine gesellschaftliche Freakshow, ein Lampenstrahl auf groteske Nischen von Selbstbestimmung, Trotz und Traumerfüllung um jeden Preis. Da reicht manch einem schon ein versiffter Flakturm, der im Niemandsland vor der Küste Großbritanniens nicht wirklich zum Urlaubmachen einlädt. Sealand nennt sich dieses Territorium, Bewohner: gerade mal 2, einer davon ein König. Papierkram zur Ein- und Ausreise gibt es genauso wie anderswo. Nur ist Anderswo eben nicht dort. Dort ist ein seltsamer Ort, un- und nicht anerkannt, vielleicht geduldet. Akzeptiert wird das bisschen Anarchie als Ausgleich zu den fugenlosen Gebilden der Nationen vielleicht genau deshalb. Die Narretei, die scheinbar über den Dingen steht, ist an Spinnerei kaum zu überbieten.

Die seltsamsten Orte der Welt, so heißt ein Buch von Alastair Bonnett. Ergänzend dazu ist Paul Poet´s Reise in die Absurdität ein Sammelsurium unnützen Wissens, aber bewusstseinserweiternd, wie das ZeGG – der kommunale Hort der freien Liebe, oder Damanhur, der Nabel aller esoterischen Durcheinandertäler im Norden Italiens. Ein Hereinspaziert für Journalisten, für Besucher, die gefälligst staunen sollen. Ich staune tatsächlich, und muss dort nicht mal hin. Raten würde ich es mir auch nicht, zu sehr wäre ich gezwungen, mich über den naiven Schmarrn der transzendenten Welten lustig zu machen. Metaphysik ist eine Sache, Lebensberatung auch – die krasse Kaltpressung aus kulturellem Erbe, Versatzstücken aus diversen Epochen und wüster Fabulierungskunst kann niemals von mir verlangen, sie ernst nehmen zu müssen. Den Respekt bewahre ich mir als Zuseher vor dem Bildschirm. Pofessionisten wie Poet sind demnach zu bewundern, müssen sie doch als neutrale Beobachter die eigene Meinung zu den Dingen außen vorlassen. Müssen Objektivität bewahren und dokumentieren, statt beurteilen.

Empire Me ist Information aus erster Hand, ein abendfüllendes Am Schauplatz, mitten im Herz aller Seltsamkeiten. Es kommen Menschen zu Wort, die dem Mainstream längst Lebewohl gesagt haben. Die sich einer vorgeschriebenen Ordnung nicht unterwerfen wollen, sondern selbst neue Ordnungen festlegen. Dazu braucht es Beharrlichkeit, eine Vision. Manche dieser Mikrokosmen scheinen allerdings einfach passiert zu sein – auch sie sind einer Wandlung unterworfen, ständig im Begriff, Upgrades zu verarbeiten und vielleicht mal den selben Mustern zu folgen, denen sie eigentlich entkommen wollen.

Wie so oft bei solchen Episoden-Dokus erzeugt nicht jeder Beitrag für die entsprechende Verblüffung. Die Freistadt Christiania, ein Nowhere inmitten von Kopenhagen ist gesetzloses Pflaster, dahinter kein Konzept. Das geringere Übel ist hier die Duldung. Womöglich wie bei allen dieser Enklaven. Visionen verschwinden rasch, meist bleibt als Erkenntnis die Existenzberechtigung einer Seifenblase wie die Löcher im Käse. Heiße Luft, die sich ausbreitet, wie eine Ego-Flatulenz. Unterm Strich zeigt Empire Me drei Aspekte dieser gallischen Dörfer – jenen einer Monokratie, jenen einer Anarchie und jenen der sozialen Utopien, die eine Vision verfolgen, Zielort ungewiss.

Was in Empire Me fehlt, ist, wie schon eingangs erwähnt, die Frage der Duldung, die Reaktion von außen, das Feedback der Staaten auf den Appendix neopatriotischer Laborversuche. Alle sechs Modelle sind grundverschieden, funktionieren anders. Die Auswahl ist gut, Empire Me ist hochinteressant, wenngleich auch jede Menge Fragen offenbleiben. Dennoch – der Aspekt einer Alles-ist-möglich-Welt und die Freiheit, sich seine eigene Freiheit zu machen, macht unseren Planeten der Menschen wieder um eine Spur größer – und transzendenter.

Empire Me

The King

SCHLACHTEN, DIE GESCHICHTE MACHTEN

8/10

 

theking© 2019 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, UNGARN, AUSTRALIEN 2019

REGIE: DAVID MICHÔD

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, JOEL EDGERTON, SEAN HARRIS, BEN MENDELSOHN, LILY-ROSE DEPP, ROBERT PATTINSON U. A.

 

Issos, Actium, Dürnkrut oder Hastings – Wendepunkte der Geschichte, mit Schwert, Schild und Kriegsgerät erzwungen. Hätte die jeweils andere Partei gewonnen, hätten wir eine gänzlich andere Gegenwart und wäre Europa nicht zu dem geworden, was es ist. Kriege also, die waren die Politik der Antike, des Mittelalters und weit darüber hinaus. Statt Wahlduelle im Fernsehen Schlachten, die Geschichte machten. Zu eingangs erwähnten Eckpfeilern aus Tod und Verderben gesellt sich die alles andere als unter ferner Liefen geschlagene, legendäre Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415: England gegen Frankreich, mit der die zweite Phase des bis 1453 andauernden 100jährigen Krieges begann. Unter flatterndem Banner und mit Gottes Segen: Heinrich V. Widerspenstiger Prinzensprössling und später König wider Willen – idealistisch, besonnen und klug, leider aber auch leicht beeinflussbar. Mit der Schlacht bei Azincourt schrieb der junge Mann aufgrund seiner taktischen Asse im Ärmel wie Langbögen und Kriegern in leichten Rüstungen schwarze Zahlen, denn mit dem Gemetzel im herbstlichen Schlamm, das bis heute als strategische Ausnahmeerscheinung zur Schlachtenanalyse gilt, hat sich England zumindest für kurze Zeit den Westen Europas unter den gerissen. Der Australier David Michöd (u. a. The Rover mit Robert Pattinson) hat für seinen Heinrich V. besetzungstechnisch die absolut richtige Wahl getroffen: Timothée Chalamet brilliert mit mediävalem Undercut und verbissenem Trotz als die puristische Version einer shakespeareschen Theatergestalt, frei von Versen und pathetischem Gehabe, was ihn aber nicht davon abhält, Gänsehaut erzeugende Schlachtenreden zu halten. An seiner Seite ein so bäriger wie bärtiger Joel Edgerton, nicht minder originär – und als Antagonist (zumindest aus der Sicht der Briten) der mittlerweile enorm wandelbare Robert Pattinson in wohl einer seiner besten Nebenrollen.

Da der Cast bis in ebensolche hinein eine charakterlich völlig autarke Dramatis Personae um sich geschart hat, bedarf es nur noch eines geharnischten Sprungs von den Schiffsplanken bis zu festgestampftem Boden packenden Geschichtskinos, die Michöd mit The King mehr als gelungen ist. Tatsächlich darf der Streamingriese Netflix stolz sein, mit diesem brandneuen Schlachtenepos endlich mal wieder den fahrig produzierten On-Demand-Einheitsbrei hinter sich gelassen und neben Alfonso Cuarons Roma die bislang beste Produktion in seinen Bauchladen aufgenommen zu haben. Dem fast zweieinhalb Stunden langen Film (dessen Laufzeit man ihm nicht anmerkt) gelingt es, die wuchtige, aufgewühlte, spannende Intensität historischer Meisterwerke wie Elizabeth von Shekhar Kapur mühelos zu erreichen. Und das, weil Michöd sich eigentlich nur auf eines konzentriert – auf die penible Rekonstruktion eines nachhaltigen Kräftemessens, mit dem Anspruch, so detailliert wie möglich auf all die Wägbar- und Unwägbarkeiten der beiden Parteien in dieser Konfrontation einzugehen. Michöd und Edgerton haben da ein ausgezeichnetes, zwischen Vorgeschichte und Höhepunkt perfekt abgestimmtes und ausgewogenes Drehbuch entworfen, dass seinen Charakteren genauso viel Luft lässt wie den Blut- und Boden-Fakten der epochalen Schlacht. Und selten zuvor, nicht mal in Game of Thrones, hat man jemals gesehen, wie sich von Kopf bis Fuß geharnischte Ritter wie hier auf der vom Regen morastigen Wiese bei Azincourt den Rest geben. Das ist ein Blechsalat, den muss man gesehen haben, das ist ein Kampf, der letzten Endes keine Gefangenen macht. Dabei lässt Michöd expliziter Gewalt kaum Spielraum, und wenn, dann nur, wenn unbedingt nötig. Der Film ist zwar brutal, weil mittelalterliche Schlachten eben brutal sind, doch gerät die Gewalt nicht zum Selbstzweck, sondern bleibt archaische Notwendigkeit, wenn es darum geht, dem frechen, überheblichen Dauphin Frankreichs wortwörtlich den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Wer eine Leidenschaft für Geschichte hat, wer das späte Mittelalter in seiner kühnen, kalten, bitteren Rauheit und seinem Kalkül aus Vergeltung, Bestrafung und Barmherzigkeit unter Freunden faszinierend genug findet, der sollte um The King keinen Bogen machen. Sondern lieber den Bogen spannen – um irgendwie dabei zu sein, in einem Gefecht, das mit urtümlichen, gemäldeartigen Bildern und erdigen, kargen Kontrasten in ein Damals lädt, wo Könige noch an vorderster Front waren. Und wir hintendrein.

The King

Der Moment der Wahrheit

EIN KNÜLLER UM JEDEN PREIS

7,5/10

 

momentderwahrheit© 2015 SquareOne/Universum Film

 

LAND: USA, AUSTRALIEN 2015

REGIE: JAMES VANDERBILT

CAST: CATE BLANCHETT, ROBERT REDFORD, STACY KEACH, DENNIS QUAID, TOPHER GRACE, BRUCE GREENWOOD U. A.

 

Was ist Wahrheit? Das hat schon vor mehr als 2000 Jahren ein römischer Statthalter gefragt. Und das fragen sich Journalisten seit Anbeginn ihrer Zunft: Wem oder was genau jage ich nach? Die Wahrheit – das ist etwas, das ans Licht kommen muss, wie auch immer. Der Nazarener ist die Antwort auf die Frage schuldig geblieben. Jene, die gegenwärtig für Aufklärung unter uns Otto Normalverbrauchern sorgen, bemühen sich aber, sie zu beantworten. Und beschaffen sich diese mit teils unlauteren Mitteln, verheimlichen Quellen, um diese zu schützen. Kommen dann mit der Wahrheit ans Licht, wenn die Umstände es verlangen. Jüngstes Beispiel: Ibiza. Die Art und Weise, wie Gesagtes in kürzester Zeit zum meinungspolitischen Zitatenschatz wurde, ist selbstredend eine zweifelhafte. Wenn aber das prognostizierte öffentliche Interesse größer ist als das Vergehen bei der Wahl der Mittel, tritt letzteres in den Hintergrund. Vorausgesetzt, das, was diese Mittel ans Tageslicht befördern, ist authentisch genug, um keine Zweifel an der Wahrheit zu schüren. Das scheint den Pseudo-Oligarchen wohl gelungen zu sein, denn jene Medien, die Mitte Mai die Bombe haben platzen lassen, konnten sich, nach sorgfältiger Prüfung, auch beruhigt zurücklehnen, um die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Anderen wiederum war das heiße Eisen wohl zu heiß. Nicht dass sie es nicht angepackt hätten. Doch heißes Eisen kühlt rasch aus, brennt in der Hand, hinterlässt Wunden. Zu früh fallengelassen ist jedenfalls nicht probiert. Allerdings aber auch nicht zu Ende gedacht.

Diese anderen, das waren die Journalistinnen und Journalisten einer renommierten Nachrichtensendung bei CBS. Für die investigative Reporterin Mary Mapes, die mit ihrem Bericht über die Foltermethoden im irakischen Gefängnis Abu Grab 2004 für Aufsehen sorgte, nahmen mutmaßliche Hinweise schön langsam Gestalt an. Und: sie könnten Einfluss haben auf die bevorstehende Wiederwahl von Präsident Goerge W. Bush. Diese Hinweise deuten an, dass der politisch stets mit der Tür ins Haus fallende Texaner Anfang der 70er Jahre gezielt vom Militäreinsatz in Vietnam abgezogen wurde. Besser noch – Bush wurde der Nationalgarde unterstellt, unter Protektion wohlgemerkt. Konsequentes Nichtwahrnehmen seiner Pflicht wurde unter den Teppich gekehrt. einer wie Bush, der musste, wie es aussieht, schon damals so gut wie gar nichts. Die Frage: stimmt das? Ist das die Wahrheit? Zwei Memos belegen das – sofern sie echt sind. Eigentlich egal, raus damit, wenn die Quellen sich schon sicher sind, was braucht es da noch für Überprüfungen. Ein fahrlässiger Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Und ein Skandal, der plötzlich weite Kreise zieht, sogar alteingesessene Hasen wie Dan Rather (eine Art US-Armin Wolf) mit sich reißt und die berufliche Existenz so mancher gutmeinender Journalisten zerstört.

Der Moment der Wahrheit ist mit Robert Redford, Cate Blanchett und „Mike Hammer“ Stacy Keach schon mal prominent besetzt. James Vanderbilt hat ein Journalismus- und Mediendrama inszeniert, dass die Qualitäten eines Adam McKay erreicht. Wohl überlegt, nicht überhastet und geduldig rollt der Film eine Chronik der Tatsachen auf, die zwar jedweden Sarkasmus vermissen lassen, aber mit den Fakten alleine schon, und wenn sie auch noch so detailliert in die dramatisierte Version eines Skandals gestreut sind, zu fesseln weiß. Mag es nur ein hochgestelltes th sein, über das sich kritische Stimmen äußern. Mag es nur die Möglichkeit sein, die im Raum steht, dass besagte Beweislast politisch schöngefärbt ist – in diesem klugen Drama bekommt der Ehrenkodex des Journalismus fundamentzerstörerische Risse. Was darf man, was soll man, und wofür – stellt sich die Frage. Schlampigkeit ist fehl am Platz, Meinungsmache auch – und politische Mission sowieso. Aber wo ist die Grenze gezogen? Was ist richtig und was falsch? Zurückkommend auf Ibiza: in einem Moment der polemischen Euphorie bezeichnet unser Ex-Vizekanzler „Journalisten als die größten Huren unseres Planeten“. Mary Mapes und ihr Team wurden ähnlich beschimpft. In Der Moment der Wahrheit ist die Suche nah selbiger das Ziehen der Arschkarte, ist der Übereifer, dem Rest der Welt keine Tatsachen schuldig zu bleiben, das anscheinend Niederträchtigste, was es gibt. Allerdings – der Wille zum nächsten Knüller trägt die rosarote Brille des medialen Jagdinstinkts. Vanderbilt erzählt anhand dieses Beispiels von schwerwiegenden Fehlern, Gesichtsverlust und dem Ringen um Anstand. Blanchett gibt die verzweifelte, leidenschaftliche und unter Hochspannung stehende Reporterin gewohnt glaubwürdig, Redford an ihrer Seite gibt den letzten Schliff. In brisanten Zeiten wie diesen, wo Beeinflussung, (Neu)wahlkampf und politische Grabenkämpfe alles sind, ist die moralische Frage des journalistischen Auftrags dringender denn je. Dieser Film stellt sie, ohne Antworten finden zu wollen. Ohne ein Resümee zu ziehen. Dieses bleibt nämlich uns Sehern – und Wählern überlassen.

Der Moment der Wahrheit