Der Moment der Wahrheit

EIN KNÜLLER UM JEDEN PREIS

7,5/10

 

momentderwahrheit© 2015 SquareOne/Universum Film

 

LAND: USA, AUSTRALIEN 2015

REGIE: JAMES VANDERBILT

CAST: CATE BLANCHETT, ROBERT REDFORD, STACY KEACH, DENNIS QUAID, TOPHER GRACE, BRUCE GREENWOOD U. A.

 

Was ist Wahrheit? Das hat schon vor mehr als 2000 Jahren ein römischer Statthalter gefragt. Und das fragen sich Journalisten seit Anbeginn ihrer Zunft: Wem oder was genau jage ich nach? Die Wahrheit – das ist etwas, das ans Licht kommen muss, wie auch immer. Der Nazarener ist die Antwort auf die Frage schuldig geblieben. Jene, die gegenwärtig für Aufklärung unter uns Otto Normalverbrauchern sorgen, bemühen sich aber, sie zu beantworten. Und beschaffen sich diese mit teils unlauteren Mitteln, verheimlichen Quellen, um diese zu schützen. Kommen dann mit der Wahrheit ans Licht, wenn die Umstände es verlangen. Jüngstes Beispiel: Ibiza. Die Art und Weise, wie Gesagtes in kürzester Zeit zum meinungspolitischen Zitatenschatz wurde, ist selbstredend eine zweifelhafte. Wenn aber das prognostizierte öffentliche Interesse größer ist als das Vergehen bei der Wahl der Mittel, tritt letzteres in den Hintergrund. Vorausgesetzt, das, was diese Mittel ans Tageslicht befördern, ist authentisch genug, um keine Zweifel an der Wahrheit zu schüren. Das scheint den Pseudo-Oligarchen wohl gelungen zu sein, denn jene Medien, die Mitte Mai die Bombe haben platzen lassen, konnten sich, nach sorgfältiger Prüfung, auch beruhigt zurücklehnen, um die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Anderen wiederum war das heiße Eisen wohl zu heiß. Nicht dass sie es nicht angepackt hätten. Doch heißes Eisen kühlt rasch aus, brennt in der Hand, hinterlässt Wunden. Zu früh fallengelassen ist jedenfalls nicht probiert. Allerdings aber auch nicht zu Ende gedacht.

Diese anderen, das waren die Journalistinnen und Journalisten einer renommierten Nachrichtensendung bei CBS. Für die investigative Reporterin Mary Mapes, die mit ihrem Bericht über die Foltermethoden im irakischen Gefängnis Abu Grab 2004 für Aufsehen sorgte, nahmen mutmaßliche Hinweise schön langsam Gestalt an. Und: sie könnten Einfluss haben auf die bevorstehende Wiederwahl von Präsident Goerge W. Bush. Diese Hinweise deuten an, dass der politisch stets mit der Tür ins Haus fallende Texaner Anfang der 70er Jahre gezielt vom Militäreinsatz in Vietnam abgezogen wurde. Besser noch – Bush wurde der Nationalgarde unterstellt, unter Protektion wohlgemerkt. Konsequentes Nichtwahrnehmen seiner Pflicht wurde unter den Teppich gekehrt. einer wie Bush, der musste, wie es aussieht, schon damals so gut wie gar nichts. Die Frage: stimmt das? Ist das die Wahrheit? Zwei Memos belegen das – sofern sie echt sind. Eigentlich egal, raus damit, wenn die Quellen sich schon sicher sind, was braucht es da noch für Überprüfungen. Ein fahrlässiger Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Und ein Skandal, der plötzlich weite Kreise zieht, sogar alteingesessene Hasen wie Dan Rather (eine Art US-Armin Wolf) mit sich reißt und die berufliche Existenz so mancher gutmeinender Journalisten zerstört.

Der Moment der Wahrheit ist mit Robert Redford, Cate Blanchett und „Mike Hammer“ Stacy Keach schon mal prominent besetzt. James Vanderbilt hat ein Journalismus- und Mediendrama inszeniert, dass die Qualitäten eines Adam McKay erreicht. Wohl überlegt, nicht überhastet und geduldig rollt der Film eine Chronik der Tatsachen auf, die zwar jedweden Sarkasmus vermissen lassen, aber mit den Fakten alleine schon, und wenn sie auch noch so detailliert in die dramatisierte Version eines Skandals gestreut sind, zu fesseln weiß. Mag es nur ein hochgestelltes th sein, über das sich kritische Stimmen äußern. Mag es nur die Möglichkeit sein, die im Raum steht, dass besagte Beweislast politisch schöngefärbt ist – in diesem klugen Drama bekommt der Ehrenkodex des Journalismus fundamentzerstörerische Risse. Was darf man, was soll man, und wofür – stellt sich die Frage. Schlampigkeit ist fehl am Platz, Meinungsmache auch – und politische Mission sowieso. Aber wo ist die Grenze gezogen? Was ist richtig und was falsch? Zurückkommend auf Ibiza: in einem Moment der polemischen Euphorie bezeichnet unser Ex-Vizekanzler „Journalisten als die größten Huren unseres Planeten“. Mary Mapes und ihr Team wurden ähnlich beschimpft. In Der Moment der Wahrheit ist die Suche nah selbiger das Ziehen der Arschkarte, ist der Übereifer, dem Rest der Welt keine Tatsachen schuldig zu bleiben, das anscheinend Niederträchtigste, was es gibt. Allerdings – der Wille zum nächsten Knüller trägt die rosarote Brille des medialen Jagdinstinkts. Vanderbilt erzählt anhand dieses Beispiels von schwerwiegenden Fehlern, Gesichtsverlust und dem Ringen um Anstand. Blanchett gibt die verzweifelte, leidenschaftliche und unter Hochspannung stehende Reporterin gewohnt glaubwürdig, Redford an ihrer Seite gibt den letzten Schliff. In brisanten Zeiten wie diesen, wo Beeinflussung, (Neu)wahlkampf und politische Grabenkämpfe alles sind, ist die moralische Frage des journalistischen Auftrags dringender denn je. Dieser Film stellt sie, ohne Antworten finden zu wollen. Ohne ein Resümee zu ziehen. Dieses bleibt nämlich uns Sehern – und Wählern überlassen.

Der Moment der Wahrheit

Sweet Country

TRISTESSE IM BUSCH

6/10

 

sweetcountry© Grandfilm 2017

 

LAND: AUSTRALIEN 2017

REGIE: WARWICK THORNTON

CAST: HAMILTON MORRIS, SAM NEILL, BRYAN BROWN, EWAN LESLIE U. A.

 

Wenn vom Weltuntergang die Rede ist, dann ist das für viele sicherlich irgendeine kataklysmische Einwirkung aus dem Weltall. Dass die Vernichtungen ganzer Kulturkreise, die ihre eigenen Welten hatten, bereits stattgefunden haben, wird mangels globaler Relevanz gerne vergessen. Das Schwarzbuch der Menschheit kann hier Abhilfe schaffen. Oder eben Filme. Wie zum Beispiel Sweet Country. Dieser sagen wir mal Western aus Down Under ist ein Drama, das eine reale postapokalpytische Welt beschreibt, und zwar für jene, die uns allen als das Volk der Aborigines geläufig ist. Das Urvolk Australiens braucht eigentlich nicht mehr auf Armageddon zu warten. Genauso wenig die Ureinwohner Tasmaniens, wurden die doch komplett ausgelöscht. Diese historische Tendenz zur Volksvernichtung und ein spätes (Unter)bewusstsein für Verantwortung könnte womöglich auch der Grund sein, warum australische Filmschaffende gerne auf postapokalyptische Szenarien zurückgreifen. Mad Max zum Beispiel, die Kult-Endzeit schlechthin. Oder das Netflix-Zombiedrama Cargo. Gerne als Geheimtipp gehandelt: The Rover von David Michôd mit Robert Pattinson. Düster, düsterer – australische Zukunft. Sweet Country spielt zwar nicht in der Zukunft, fühlt sich aber genauso an. Was genau denn, so fragen kritische Stimmen, soll man gesellschaftlich Erbauliches aus der Terra incognita eigentlich berichten? Die Fauna und Flora, ja, die ist einzigartig, keine Frage. Die Wüsten, das Outback und vor allem die Küsten im Westen, vorzugsweise menschenleer.

In Warwick Thorntons grimmigem Anti-Heimatfilm sind viele der Ureinwohner devote Helfer der Weißen, nur ein Hungerlohn unterscheidet sie vom Dasein als Sklaven. Die Weißen – die sind bis auf wenige Ausnahmen hässliche, raue Männer, die keine Liebe kennen, keine Achtung und keinen Respekt. Thorntons weiße Männer sind Monster, quälen den Unterdrückten, berauben ihn der Freiheit und keifen ihn zu einem Häufchen Elend zusammen wie einen Hund, der vom Napf des Herrchens kostet. Szenenweise erinnert Sweet Country an 12 Years a Slave – vor allem in seiner Schilderung der zeternden Tyrannen, die niemandem Rechenschaft schulden und die in ihrem Glauben an das Faustrecht des Stärkeren denken, alle Rechte der Welt zu besitzen, auch die für Mord und Missbrauch. Das ist gesetzlose Anarchie nach dem Zusammenbruch einer staatlichen Ordnung. Oder dort, wo gar keine hinkommt, ähnlich wie im wilden Westen, wo der Arm des Gesetzes kurz ist. Nur – in Australien ist die Weite nur bedingt erschließbar, der Busch undurchdringlich, und das, was erschließbar ist, radikaler gesäubert oder assimiliert. Jenseits davon – das Niemandsland für das letzte Häufchen Einwohner, die dem Faustrecht ohnmächtig gegenüberstehen.

Sam Neill als eremitischer Farmer ist in Sweet Country aber einer der Guten. Allerdings der einzige. Bei ihm haben die Aborigines Sam, dessen Frau und beider Nichte ein gutes Auskommen als manch ein Indigener anderswo. Doch die Revierherren angrenzender Territorien ticken da ganz anders, schnorren Farmer Neill für ein paar Tage das Personal ab und behandeln dieses natürlich wie den letzten Dreck. Als die drei zurückkehren, hetzt einer der herrischen Unmenschen ihnen nach, um sie wegen dem Verschwinden eines anderen Knechts zu belangen – und eröffnet das Feuer. In dieser brenzligen Situation greift Sam selbst zur Waffe – und knallt den Weißen ab. Folglich ist dieser Freiwild, und das Gesetz, oder das, was von ihm übrig ist, folgt dem Flüchtenden hinterher. Allerdings wohl mehr aus einem rassistisch geprägten Impuls und aus Rache als aus einem Bewusstsein für Recht und Ordnung. Tief ins Outback hinein führt die Suche nach jemandem, der nur aus Notwehr gehandelt hat.

Die Aussichten für den indigenen Australier Sam sehen schlecht aus, das spürt man als Zuseher in jeder Sekunde. Der Hass auf jene, denen das Land gehört, verflucht den Boden unter deren Füßen. Was daraus wuchert, ist körperliches wie seelisches Leid. Der Australier John Hillcoat hat 2005 einen nicht weniger zermürbenden Hexenkessel zwischen bröckelnder Zivilisation und Wildnis geschaffen – The Proposition mit Guy Pearce lässt das Blut zwar noch mehr in den staubtrockenen Boden sickern als Sweet Country – der nihilistische Grundtonus ist bei beiden Filmen aber ähnlich. Ein Spaziergang ist diese Art des Western Noir wirklich nicht, schon gar nicht, wenn es letzten Endes nicht mal mehr Hoffnung gibt. Hillcoat sowie in diesem Fall Thornton zeichnen ein hoffnungsloses Bild jenseits von Känguru, Uluru und Bumerang, auch wenn die menschenfeindliche Natur als dramaturgischer Joker in die Karten der verfeindeten Parteien gemischt wird. Die Tristesse dieses ethnischen Schicksals legt sich in bleierner Resignation wie ein grauer Schleier über den Film, der jegliche Zuversicht filtert – selbst das Abendrot birgt bereits die Bürde des kommenden Morgens. Der wird für einige nicht mehr anbrechen, was angesichts dieser kaputten Koexistenz zwischen Whitefellas und Blackfellas vielleicht sogar das geringere Übel ist.

Sweet Country

Peter Hase

WICKEL MIT KARNICKEL

5/10

 

Peter Rabbit (James Corden) in Columbia Pictures' PETER RABBIT.© 2018 Sony Pictures GmbH

 

ORIGINAL: PETER RABBIT

LAND: AUSTRALIEN, GROSSBRITANNIEN, USA 2018

REGIE: WILL GLUCK

MIT DOMNHALL GLEESON, ROSE BYRNE, SAM NEILL, MARGOT ROBBIE (STIMME), DAISY RIDLEY (STIMME), U. A.

 

Mein Name ist Hase, und ich weiß von nichts. – Stimmt, dieser Hase weiß wirklich von nichts. Er weiß nicht mal, dass er gar kein Hase, sondern ein Kaninchen ist. Hasen haben eine ganz andere Physiognomie und sind obendrein Einzelgänger. Kaninchen natürlich nicht. Und an dieser Verwirrung ist womöglich einzig und allein die Übersetzung schuld, denn Peter Rabbit im Original bezieht sich eigentlich auf ein Kaninchen, während Hasen als Bunny bezeichnet werden. Peter Kaninchen klingt aber nicht so gut, schon gar nicht zu Ostern – denn da ist der Film in den Kinos erschienen. Also Hase, obwohl alle lieber ein Kaninchen hätten, weil sie einfach kuscheliger, gesellschaftsfähiger und so herzzerreissend süß herumhopsen. Wenn das dicke, blumenbewährte Hinterteil über die Wiese koffert, will jedes Kind so ein Tierchen haben. Aber was heisst da jedes Kind – ich liebe Nager, hatte sogar ein dreifärbiges Kaninchen, dessen hasenschartiges Konterfei sogar mal in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde. Man sieht, ich kann mich für Meister Schlappohr so richtig begeistern. Für den martialischen Gemüsekrieg zwischen Wald, Wiese und Flur, den der Film Peter Hase verspricht,  allerdings weniger.

Dabei ist Peter Hase die Verfilmung eines Kinderbuchklassikers, der von Beatrix Potter kurz nach der Wende zum 20sten Jahrhundert verfasst und illustriert wurde. Letztere kennt womöglich jeder, der sie sieht. Eingekleidete Tiere des Waldes, detailverliebt gezeichnet. War nur eine Frage der Zeit, wann hier die Tricktechnik zuschlagen würde – und den Charme der Vorlage ziemlich aussen vor lässt. Kein Zweifel, die dicken Dinger sind großartig animiert, das ist State of the Art. Am Liebsten ist mir dieser Frosch im Frack, der am Weiher sitzt und angelt – das ist so ein schönes, altes Fabel-Motiv aus der Spätromantik. Was wäre, wenn ein ganzer Film eine solche Fabel wäre – so in richtig nostalgischer Montur, zwischen Hase und Igel, mit Reineke Fuchs, Isegrim und Adebar? Leider ist es das nicht geworden, und Regisseur Will Gluck hat auf Basis der kauzig-idyllischen Anekdote Potters ein Provinzmärchen für die ganze Familie in den Vorgarten gepflanzt, die, auf Spielfilmlänge aufgeblasen, eine völlig uninspirierte Geschichte zum Besten gibt. Die literarische Vorlage reicht gerade bis zum Ableben des griesgrämigen Mr. McGregor (herrlich bis zur Unkenntlichkeit wutverzerrt und backenbärtig: Sam Neill), und danach ist es auch schon vorbei mit der heimeligen Ungemütlichkeit. Irgendwann verschlägt es Neffe McGregor aus London ins britische Outback, der nämlich das Anwesen vor der Nase unserer kleinen Kaninchenfamilie erbt und von allem, was jenseits seines Lattenzaunes kreucht und fleucht, genauso wenig Näheres wissen will als sein verblichener Onkel.

Die Ursache für den ausgelebten Hass des versnobten Rotschopfs gegenüber befellten Vierbeinern bleibt ein Rätsel, auch das ausartende Hin und Her verkommt zur Mäusejagd, die wir in nämlichen Film aus den 90ern bereits schon kennengelernt haben. Irgendwann, und so ziemlich bald, verlieren Geschosstomaten, Stromzäune und Dynamit seinen ohnehin geringen Reiz, die Autorin der kecken Kurzgeschichte über den Nager im blauen Hemd würde sich ziemlich wundern, was aus ihren Ideen geworden ist. Mit Ausnahme der liebevoll animierten Tiere bleibt ausser einer herumeiernden Romanze und den brachialen Krieg Mensch gegen Tier nicht viel über. Da hat der Trailer deutlich mehr versprochen, mehr Witz und eben auch Charme, den man mit dem Potenzial von sprechenden Tieren locker ausbauen kann. Domnhall Gleeson ist völlig nebenbesetzt, dafür ehrt Rose Byrne Künstlerin Beatrix Potter mit einer kleinen Hommage und den Illustrationen von einst.

Peter Hase hätte richtiges gutes Familienkino werden können. Liebevoll, aufrichtig und mit augenzwinkerndem Witz. Leider nur in wenigen hellen Momenten, doch wer sich an pummeligem Streichelzoo erfreuen kann, ohne sonst viel nebenher einzufordern, hat womögich die Glückseligkeit eines Hasens, der von nichts etwas weiß.

Peter Hase

Cargo

DA IST WAS IM BUSCH

6/10

 

cargo© 2018 Netflix

 

LAND: AUSTRALIEN 2018

REGIE: BEN HOWLING, YOLANDA RAMKE

MIT MARTIN FREEMAN, ANTHONY HAYES, CARMEN PISTORIUS U. A. 

 

Auch wenn Zombies im Grunde ihres Un-wesens wandelnde Tote sind – für Verblichene haben sie in der Welt von Film und Fernsehen wirklich einen langen Atem. Dabei ist nicht der Zombie an sich das Faszinierende für den Mainstream, sondern das Aushebeln gesellschaftlicher Ordnung – sprich das gesetz- und anstandslose Vakuum, das den Menschen umgibt, der doch so sehr so viele Regeln braucht, um überhaupt geradeaus existieren zu können. Survival of the Fittest ist dann meistens nur mehr eine Frage der Zeit, denn fit sind die wenigsten. Und die Unfittesten schlagen sich als geifernde Kannibalen durch den Großstadtdschungel. Allerdings muss es nicht immer der Großstadtdschungel sein, auch wenn die Gier nach Blut und Menschenfleisch das Non Plus Ultra einer pervertierten Weltordnung darstellt. Ohne Kannibalismus geht es gar nicht – ohne urbane Orientierungspunkte schon. Das beweist die neueste Produktion, die derzeit in den (noch) nicht vorhandenen Lichtspielhäusern von Netflix vom LED-Bildschirm flimmert.

Cargo nennt sich das apokalyptische Szenario aus Australien, und ja, auch hier trinken Zombies Blut. Wer glaubt, dass Cargo die Tendenz zur kolonialkritischen Abhandlung aufweist, der irrt: Dieses Virus trifft sowohl Aborigines als auch die weiße Herrenrasse. Woher diese Krankheit kommt, wird nicht näher erläutert. Wohin sie geht und ob man ihr Herr werden kann, ebenso wenig. Cargo ist eine Episode aus der Endzeit, die vielleicht nur Australien betrifft – wie es in Übersee aussieht, bleibt ein Geheimnis. In dieser Episode rennt der grundsympathische Familienvater Martin Freeman ums Überleben, in der Buckelkarre seine Tochter. So hetzt er durch den Busch. Immer wieder mal tauchen die Untoten auf, aus ihren Augen quillt Sekret, dass an Marmelade erinnert. Und wo Marmelade klebt, da können die torkelnden Kranken nicht weit sein. Selten ist es einem Zombie-Film so sehr gelungen, die instinktgesteuerten Mutanten als einen Haufen bemitleidenswerter Opfer darzustellen. Wenn die grobmotorischen Marmeladinger ihren Kopf in den Sand stecken, oder im Tunnel rastend an der Wand lehnen, wirken sie in ihrer symptomatischen Berechenbarkeit fast ein bisschen harmlos – und sehr, sehr armselig. Der Mensch ist in Cargo so wirklich ziemlich am Sand. Da würde sich empfehlen, auf dem Wasser zu bleiben. Und keinesfalls in vermeintlich verlassenen Booten herumzustöbern. Natürlich ist die Nahrung knapp. Aber die Neugier ist ein Hund, und die ist letzten Endes bissig. Also ist Freeman irgendwann ein lettes Überbleibsel – und wer weiß, vielleicht sogar selbst bald einer dieser traurigen Gestalten.

Das Zombie-Genre hat zwar, wie eingangs erwähnt, einen langen Atem, tendiert aber gleichermaßen dazu, langatmig zu werden. Angesichts des Bulks an thematisch ähnlich gelagerten Endzeit-Visionen laufen Film-Frischlinge dieser Art sehr leicht Gefahr, auszuleiern und kaum mehr Neues zu erzählen. Der Plot zu Cargo verheddert sich gelegentlich im dornigen Gestrüpp des Outbacks. Vieles, was der Film erzählt, ist vorhersehbar und allerlei Vorahnungen finden sich bestätigt. Dennoch liegt über dem Buschland, in dem einst Crocodile Dundee seine Abenteuer erlebt haben möchte, eine schicksalsversöhnte Melancholie, als wäre das Ende der Zivilisation nur willkommen. Und als würde die Zukunft des Menschen im Reboot seiner gesellschaftlichen Entwicklung liegen. Trotz der Anspannung herrscht resignativer Friede, ein Aftermath im Gelände, ein Ausatmen abgestandener Atemluft. In dieses schaumgebremste Aufbegehren der biedermännische Hobbit von früher  – voll väterlicher Verantwortung und panischer Suche nach einer Normalität, die niemals wiederkehren wird. Insofern ist das langsam erzählte Footmovie durchaus stimmig, wenn auch viel zu schnell mit sich selbst zufrieden.

Cargo

Tanna

LIEBE AUF DEM VULKAN

7/10

 

tanna© 2017 Kairos Filmverleih

 

LAND: AUSTRALIEN, VANUATU 2016

REGIE: BENTLEY DEAN, MARTIN BUTLER

MIT MARIE WAWA, MUNGAU DAIN, MARCELINE ROFIT, CHARLIE KAHLA U. A.

 

Globetrotter und Atlas-Junkies können sich entspannt zurücklehnen, wenn es um die Frage geht: Wo liegt Vanuatu? Und was ist Vanuatu überhaupt? Die Antwort: ein Archipel, nordöstlich von Australien. Zählt zur Inselgruppe Melanesien und wurde erstmals von den Portugiesen gesichtet, die die dicht bewaldeten Eilande am Feuergürtel als Teil der Terra Australis vermutet hatten. Das hat der französische Seefahrer Louis Antoine de Bougainville dann widerlegen können, und im Zuge der zweiten Weltreise von James Cook kamen auch weiße Siedler in diese Gegend. Das wissen die Insulaner der kleinen Insel Tanna natürlich alles. Und sie wissen auch alles über das britische Königshaus. Prinz Philipp ist da ein ganz wichtiges Vorbild in Sachen Loyalität und Tradition.

Mit der Tradition, da nimmt es das Volk der Yakel sehr genau. Allen westlichen Einflüssen zum Trotz sind die Einwohner Tannas ihrer Geschichte treu geblieben, verschmähen Veränderungen und den verlockenden Fortschritt. Leben also, wie vor hunderten von Jahren. Mich erinnert dieser Zustand an Eindrücke, die ich während meiner Reise durch das Baliem-Tal im Hochland West Papuas selbst sammeln konnte. Auch dort bin ich neben Gemeinden, die den Zivilisationseinflüssen der westlichen Welt aufgeschlossen waren, auch auf wenig beeinflusste Dörfer gestoßen, die teilweise immer noch in traditioneller Tracht – mit Penisfutteral und Kopfschmuck, sonst gänzlich ohne Kleidung – durch den feuchtkühlen Bergregenwald wandern. Nachzulesen ist mein Bericht über das Volk der Dani auf meiner Reportage-Website biodiversity. Besonders interessant war ein bewusst traditionell gehaltenes Dorf, dass vor allem Touristen einen Einblick in das Kulturgut der Papua geben sollte. Natürlich, die scheinbar unverfälschte Demonstration von Traditionen, die noch nicht von außen verzerrt wurden, ist eine Inszenierung. Aber eine, die sehr authentisch wirkt, ganz so wie ein Film.

Genau das ist Tanna auch. Eine Inszenierung von etwas unmittelbar Verlorenem. Im Grunde unterscheiden sich beide Völker, die Dani und die Yakel, zumindest nach außen hin nicht sehr voneinander. Gesellschaftspolitisch mag es natürlich Differenzen geben. Ob die Zwangsheirat dazugehört, müsste ich selbst noch recherchieren. Jedenfalls aber ist das große Problem die politische Verheiratung. Wie die Caldera eines Vulkans, die zu bröckeln beginnt. Auf ihr tanzen die Häuptlingstochter Wawa und der stattliche Dain einen Liebesreigen der ganz bezaubernden Art. Es sind Bilder wie aus den Büchern des österreichischen Ethnografen Hugo Bernatzik, der unter anderem auch die Völker der Südsee besucht hat. Paradiesisch, wie und wo es nur geht. Da sehnt man sich in die Schwüle des Dschungels, schwärmt von der Farbenpracht der Korallen. Das ist weder Kitsch noch Schönfärberei – die Tropen sind tatsächlich so. Zu schön, um wahr zu sein. Doch die dunkle Seite liegt unter den Auflagen der Menschen, die dort leben. Diese sind zwar auch im Einklang mit ihrer Natur, die beseelt ist von Geistern aller Art, aber blind und taub für die Bedürfnisse des einzelnen. Viel zu viel steht auf dem Spiel, um scheinbar triviale Wünsche zu erfüllen.

Gerne wird Tanna in seiner Bewerbung mit Romeo und Julia in der Südsee verglichen. Da ist was Wahres dran. Die beiden unglücklich Verliebten versuchen dem Unausweichlichen, nämlich die Verheiratung Wawas mit einem Mitglied des verfeindeten Stammes der Imedin, zu entgehen. Und stürzen beinahe zwei ganze Völker in den brodelnden Kessel aus Stein, der über Tanna aufragt wie eine Art Olymp, ein Thron für den Geist aller Geister, für die stärkste metaphysische Macht im ganzen Land. Nebel- und wolkenverhangen, aus grauem Sand wie der Krakatau, die rotglühenden Funken, die aus dem Krater des Vulkans stoben und die Macht von Mutter Erde demonstrieren. Wenn die beiden verlorenen Seelen dann da oben stehen, Hand in Hand, mit traurigen, aber entschlossenen Blicken, lädt das exotische Kino von der anderen Seite der Welt zum Staunen und im wahrsten Sinne des Wortes zum Horizonterweitern ein. Was Disney mit Vaiana versucht hat, nämlich das ferne Elsewhere, die Philosophie der Polynesier,  medienverwöhnten Familien stark vereinfacht näherzubringen, ergänzt Tanna mit der Erzählung eines zugrundeliegenden wahren Ereignisses, der die Stämme Vanuatus folglich dazu bewogen hat, Zwangsheiraten abzuschaffen. Womöglich waren Wawa und Dain nicht die einzigen Romeo und Julias der Südsee.

Tanna ist eine pittoreske Fernreise in die Mythen fremder Völker, delegiert mit Laiendarstellern der jeweiligen Stämme. Ein einfach erzähltes, faszinierendes Lehrstück über Frieden, Selbstbestimmung und die fragwürdige Sinnhaftigkeit alteingesessener Traditionen.

Tanna

The Light Between Oceans

SO FIES KANN SCHICKSAL SEIN

7/10

 

oceans© 2016 Constantin Film

 

LAND: USA, NEUSEELAND, GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: DEREK GIANFRANCE

MIT MICHAEL FASSBENDER, ALICIA VIKANDER, RACHEL WEISZ U. A.

 

Niemand ist eine Insel – oder doch? Zumindest wirkt der von Michael Fassbender verkörperte Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg so, als wäre er es. Nach Gewalt, Blut und Tod klingt nichts verführerischer als auf einer selbigen sein Trauma zu verarbeiten. Bestenfalls auf einer Insel, auf der sich sonst niemand befindet. Eine Insel mit Leuchtturm vor der australischen Küste. Da hat Mann genug zu tun, und Zeit, seinen inneren Seelenfrieden wieder zu finden. Zu dem wortkargen Neo-Eremiten dazugesellen möchte sich nun wirklich keiner, es sei denn, die Liebe ist im Spiel. Und die ist ein seltsames Spiel, denn als junge Dame betuchten Hauses ist sogar ein Leben auf einem Steinhaufen zwischen zwei Ozeanen – so der Titel – vorstellbar. Sofern sich Nachwuchs einstellt. Und da schlägt das Schicksal dann erbarmungslos zu. Denn der Kindersegen kommt nicht. Beim ersten Mal nicht, und später nimmt das Verhängnis abermals seinen Lauf.

Die reizende Alicia Vikander alias Lucy fällt in der Einschicht in tiefe Depression. Da kann ihr selbst der geliebte Gemahl nicht helfen, hat der doch selbst mit seiner Vergangenheit genug zu tun. Doch die Liebe ist stark, das erwartet man sich in diesem Film. Die Liebe, die nutzt das alsbald hereinbrechende Schicksal zur Rettung des Familienglücks. Dass es das Schicksal in Gestalt eines fast schon göttlich anmutenden Winks nur scheinbar gut meint, in Wahrheit aber ein mieser Verräter ist, erscheint von vornherein klar. Weil Babys, die werden nicht so einfach angespült, ohne von irgendwem vermisst zu werden. Es sei denn, es handelt sich um Moses, da war das ganze gewollt. Umso schmerzlicher zu ertragen ist die zweite Hälfte des Filmes, in der wir mehr wissen als das unglücklich glückliche Paar und jede Minute erwarten, dass das Damoklesschwert mit erschütternder Wucht zuschlägt.

Wie bei Derek Cianfrance tut es das dann auch, so sehr man sich auch wünscht, dass der Kelch an den beiden vorübergeht. Auch dass Tom so handelt, wie er handelt, lässt sich nachvollziehen. Gefühle spielen eine große Rolle, das Begreifen der eigenen endlichen Existenz und der unbedingte Wille zum Neuanfang, das Einfordern von Gerechtigkeit und die Möglichkeit momentaner Erlösung, ganz ohne Blick nach vorn. Cianfrance spielt gerne mit dem Schicksal, lässt Menschen aufeinander treffen, die einander vergeben müssen und sich trotz aller Abscheu verstehen wollen. Weil sie sonst selbst nicht weitermachen können. In The Place Beyond the Pines war das Schicksal ebenso mächtig, auch in Blue Valentine hat der Filmemacher die Philosophie des Fatalismus zu einer über allem stehenden Macht verklärt.

The Light Between Oceans ist erlesen besetztes, schwelgerisches Liebesdrama und romantische Tragödie im Licht des Sonnenauf- und untergangs. Vom Winde verweht, und mit dem Geschmack vom Meersalz auf den Lippen. Kino für anspruchsvolle Genießer im Stile epischer Romantik.

The Light Between Oceans

Lion

EINER VON 800 MILLIONEN

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Lion

Die diesjährigen Oscar-Anwärter für den besten Film des Jahres 2017 sind, soweit von mir bereits gesichtet, durch die Bank sehenswerte Werke. Das wohl thematisch riskanteste und am schwierigsten umzusetzende Projekt ist allerdings mit einigem Abstand die True Story rund um den fünfjährigen indischen Jungen Soree, der in den 80er Jahren im unendlich scheinenden Nirwana indischer Großstädte verloren gegangen war. An so einem Stoff kann man sich die Finger verbrennen. Mit einer derart emotional aufgeladenen Real Life-Story muss ein Filmemacher erst mal umgehen können. Leicht kann es passieren, dass der kleine verzweifelte Junge zum Oliver Twist-Abziehbild mutiert oder die Wiederkehr nach Indien geschlagene 25 Jahre später zum kalkulierten Reality Soap Rührstück verkommt. Das alles kann passieren. Und sehr schnell und sehr leicht sogar. Doch nicht umsonst durfte der Australier Garth Davis mit seinem unmittelbar distanzlosen und grundehrlichen Drama vor der Academy und eben auch beim Publikum und der Presse punkten.

Seine Regieführung ist getrost als großer Wurf zu bezeichnen. Die Art und Weise, wie Davis seine Schauspieler führt, ist zwischen distanziertem Blick auf die Chronik der Geschehnisse und aufrichtigen Emotionen ein gelungener Balanceakt auf dünnem Eis. Angefangen vom fünfjährigen Sunny Pawar, der für sein Alter wirklich Erstaunliches leistet, bis zu Nicole Kidman, die auch mal wieder zeigt, was sie eigentlich kann, ist der Cast von Lion nicht nur ein aufeinander eingespieltes Ensemble – die Interpretation der Figuren ist, und das macht den Film wirklich sehenswert, von angenehm unpathetischer Art. Das Spektrum des Empfindens und Erfahrens auf der Leinwand hat keinerlei Schwierigkeiten, das Publikum für sich einzunehmen. Das Schöne dabei ist – der Film macht dies nicht unter Aufgebot von reißerischer Klastchspalten-Plakativität, sondern schenkt seinen Zusehern Empfindungen, die man derart problemlos nachvollziehen kann, als hätte man all das irgendwo und irgendwann tatsächlich schon mal selbst erlebt. Man versteht, wie sich der kleine Soree gefühlt haben muss. Und man scheint zu wissen, mit welchem Gefühlschaos der nunmehr selbstbewusste Adoptivaustralier mehr als zweieinhalb Dekade später zu kämpfen hatte. So unmittelbar, als wäre man es selbst gewesen.

Dass solche Filme auch ohne Kitsch funktionieren und erzählt werden können, liegt vielleicht auch daran, dass Lion ein zutiefst unamerikanischer Film geworden ist, obwohl von den Weinstein-Brothers finanziert. Geschickt gliedert Garth Davis seine dramatische Reportage in zwei Teile. Den Anfang macht die Chronik des Verschwindens inmitten der Wirrnis des indischen Subkontinents. In seiner semidokumentarischen Art erinnert der Film an Mira Nair´s 1988 entstandenen Kinderdrama Salaam Bombay!. Die exotischen, aber auch ungeschminkt realistischen Bilder prägen bei einigen vielleicht ein ganz neues Bild Indiens. Oder geben verblassten Assoziationen wieder neue Farbe. Inmitten der ohnmachtseinflössenden urbanen Wildnis dieser dritten Welt läuft der kleine Sunny Pawar – leider nicht oscarnominiert – wie seinerzeit der Waisenjunge Oliver Twist – vor Kindesentführern um sein Leben. Der etwas in die Länge gezogene zweite Teil des Filmes erzählt mehr von der Psychologie seiner Hauptfigur Dev Patel und seiner Beziehung zu seiner „unechten“ Familie und ist längst nicht so packend wie die erste Stunde. Dafür ruhiger und getragener, dafür aber manchmal auch gefährlich nah am Pathos. Das kann schon mal den einen oder anderen Geduldsfaden kosten, doch bevor es zu spät ist, versöhnt uns das australische Kino mit einem aufregend bebilderten und famos geschnittenen Finale, das weitaus wirksamer ist als all die grellbunten Bilder, die Danny Boyles filmisches Holi-Fest Slumdog Millionaire verziert haben.

Lion ist eine dieser unglaublichen wahren Geschichten, denen man gerne und mit heruntergeklappter Kinnlade zuhört. Umso mehr, wenn man dem, der erzählt, das Ganze noch dazu abkaufen kann. Der Inder Soree war damals einer von knapp 800 Millionen, heute wäre er einer von 1,3 Milliarden. Das bewegende Einzelschicksal spricht für tausende verlorene Kinder, die dieses unerwartete Glück, wie es dem Löwen widerfahren ist, nie haben werden. Dennoch – Good News sind auch manchmal einfach nur Good News.

 

Lion