Wilder Diamant (2024)

DAS ZEUG ZUM STAR

7,5/10


© 2024 Silex Films

ORIGINALTITEL: DIAMANT BRUT

LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: AGATHE RIEDINGER

KAMERA: NOÉ BACH

CAST: MALOU KHEBIZI, IDIR AZOUGLI, ANDRÉA BESCOND, ASHLEY ROMANO, ALEXIS MANENTI, KILIA FERNANE, LÉA GORLA, ALEXANDRA NOISIER, ANTONIA BURESI U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Vor einigen Jahrzehnten waren die Wege zum Ruhm noch gänzlich andere. Es gab kein Internet, folglich keine sozialen Medien, folglich auch keine Smartphones, die einem den Alltag diktieren und andere mit ihrer Reel- und Beitragsschwemme unterjochen. Berühmt zu werden scheint zumindest rein theoretisch so leicht wie nie zuvor. Man muss dafür nur omnipräsent sein, und zwar auf jenen Plattformen, auf welchen sich die Zielgruppe tummelt. Facebook, einst Vorreiter und nunmehr Plattform für ältere Semester, lässt Instagram und Tiktok die Welt regieren – genau dort will Liane (ein Naturtalent: Malou Khebizi) ganz groß rauskommen. Fragt sich nur, als was. Natürlich als Influencerin, als It-Girl, als Selbstdarstellerin eben, die sich in knappen Klamotten präsentiert. Und noch etwas braucht es, um gefeiert zu werden: Einen Platz im Olymp einer Reality-Show. Nur wer entdeckt sie? Was kann sie tun, um entdeckt zu werden? Und wie weit will und kann sie dafür gehen?

Der Traum, scheint in greifbare Nähe zu rücken, als tatsächlich eine Casting-Agentin bei ihr anruft. Das Glamour-Elysium, das Sprungbrett in märchenhafte Höhen – es erhellt mit ihrer Strahlkraft bereits Lianes Antlitz. Im Schatten liegt dabei noch die Realität: Eine Rabenmutter, eine kleine Schwester, sozialer Missstand irgendwo an der Cote D’Azur, wo das Meer der Möglichkeiten freien Horizont bietet und altersbedingte Teenager-Romantik in einem Umfeld wie diesen vom eigentlichen Ziel (un)willkommener Weise ablenkt.

Autorenfilmerin Agathe Riedinger, die in die inszenatorischen Fußstapfen von Andrea Arnold (zuletzt mit Bird im Kino) treten will, hat ihr Handwerk gelernt – und auch sonst die authentisch-grobkörnige Methodik ihres Vorbildes übernommen. Was ihr dabei hoch anzurechnen ist: Obwohl sie von einem Mädchen erzählt, das sich durch die Gunst ihrer Community definiert, lässt sich Riedinger in ihrem ungeschönten Social-Media-Sozialmärchen von keinem Bias vereinnahmen. Denn schließlich verhält es sich ja so: Influencer, Social Media – auf diese Weise Erfolg zu lukrieren, hat, über den gesellschaftlichen Kamm geschoren, wohl immer einen bitteren Nachgeschmack. Wie leicht sich mit diesen Kanälen Schindluder treiben oder ganze Existenzen zerstören lässt, wissen wir. Dieses Zeug scheint Gift, die Geißel des Informationszeitalters, und gerade weil aber Menschen wie Liane all die Werkzeuge zum Erfolg selbst in der Hand haben können, ist die Versuchung doch größer als jede Warnung, die man zu hören bekommt. Ob dem wirklich so ist, dazu will Riedinger nichts sagen. Nur so viel: Ich könnte ein Star sein, also holt nicht ihr mich heraus, sondern ich mich selber.

Wie Jungstar Malou Khebizi sich in ihre Rolle wirft, ist intensiv und kompromisslos. Schließlich strebt sie in ihrer Rolle bei Weitem nicht an, gefallen zu müssen. Schon ganz zu Beginn des Films, wenn Liane im Zug von einem Jungspund verbal belästigt wird, gibt der Teenie ordentlich kontra. Ihr Aufzug, ihr Sinn für Schönheit, der mag im Auge des Betrachters liegen. Hot Pants, enge Blusen, dahinter eine weitestgehend geglückte Brust-OP, vollzogen dank eigenem Erspartem. Andere mögen dieses Aussehen wohl als billig bezeichnen, anderen wiederum gefällts. Liane zumindest, sie mag, wie sie ist. Doch ist das wirklich so? Oder suggeriert sie sich selbst, so sein zu wollen, weil nur dieser selbstauferlegte Sexismus sie zu ihrem Ziel führt? Im Laufe der Geschichte offenbaren sich so einige Wahrheiten und Hintergedanken. Die anfangs unnahbare, trotzige High-Heels-Adoleszente offenbart dann doch ihr Selbst, ihre innere Befindlichkeit, ihre Rezeptur zu dieser Beharrlichkeit, die zu einem besseren Leben voller Glamour führen soll. Viele werden das nicht verstehen, werden darin keinen Wert finden. Doch was tangiert Liane unsere Meinung? Die Akzeptanz, die Riedinger ihrer Figur zukommen lässt, ist bewundernswert. Frei von Vorbehalten und einem destruktiven Schema, das moralinsauer über die Social-Media-Amoral herziehen könnte, blickt Wilder Diamant völlig objektiv, vorurteilsfrei und liebevoll auf eine hart zu ertragende Existenz, die ihren Kaninchenbau in der Smartphone-Welt verortet. Von dort gelangt Liane in ein Wunderland – oder eben auch nicht.

Zu akzeptieren ist es längst, dass das Zeitalter der Likes und Followers zumindest gegenwärtig den Fuß fest in der Tür zu unserem sozialen Leben hat. Liane will da hindurch. Ob freier Wille oder einzige Chance – Wilder Diamant zeichnet das Portrait einer belastungsfähigen Kämpferin, die nichts anderes in ihrer Hand hat als ihr Smartphone, womit sie sich gegen ihr vielleicht vordefiniertes Schicksal erwehren kann.

Wilder Diamant (2024)

Athena

DIE PLEBEJER PROBEN DEN AUFSTAND

6,5/10


athena© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

REGIE: ROMAIN GAVRAS

BUCH: ROMAIN GAVRAS, LADJ LY

CAST: DALI BENSSALAH, SAMI SLIMANE, ANTHONY BAJON, ALEXIS MANENTI, OUASSINI EMBAREK U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Natürlich beginnt jede Revolution damit, dass einer, der sich vom System unverstanden und ausgenutzt fühlt, nicht auf stilles Kämmerlein macht, sondern diesen Missmut in die Welt hinausposaunt. Dazu braucht es Mumm und den notwendigen Groll. Dazu braucht es einen impulsgesteuerten Antrieb und auf gar keinen Fall Vernunftdenken. Denn würde man das tun, gäbe es Alternativen, die nicht sofort die Anarchie beschwören würden, sondern taktisch vorgehen ließen. Aber so gelingt keine Revolution. Ein Aufstand lässt sich nur mit unkontrollierten Emotionen vom Zaun brechen – der wiederum niederbricht, wenn die Exekutive versucht, dieser Wucht an Wut Herr zu werden, indem sie kühlen Kopf bewahrt. Hitzköpfe haben dabei weniger zu verlieren, geben aber lediglich dem Gefühl ihrer persönlichen Kränkung nach, ohne wirklich ein höheres Ziel zu verfolgen. Dass damit ein ganzes Viertel mit in den Untergang gerissen wird, nehmen Wutbürger in Kauf, die niemals gelernt haben, besonnen zu reagieren. So geht Revolution. Ob das als Auszeichnung für den denkenden Menschen zu werten ist?

Zumindest scheint es nicht so, als würde der halbwüchsige Rabauke Karim nach dem gewaltsamen Tod seines kleinen Bruders Idir durch angeblich zwei Polizisten seinen Denkapparat wirklich nutzen. Für ihn zählt Rache, Gewalt und Anarchie. Und die Befriedung der eigenen Befindlichkeit. Oder viel besser noch: Durch dessen Fähigkeit, das altersgenössische Volk als Anführer um sich zu scharen, wie ein mittelalterlicher Heerführer aus Zeiten, in denen Stärke das einzige Argument einer Gesellschaftspolitik war, fühlt sich Abdel trotz seiner Trauer als ein martialischer Heros, der politische Reformgedanken wie Katapulte vor sich herschiebt. Reform ist etwas, dass sich am einfachsten mit Schwert und Schild durchsetzen lässt. Führung mag zwar Karims Stärke sein, Erfahrung ist es nicht. Und somit haben wir den Salat: Der Mob besetzt die Barrikaden eines Wohnblocks und fordert die Herausgabe der Polizisten, die Idir auf dem Gewissen haben. Das aber wäre als Plot zu simpel: Es gibt da noch Bruder Abdel. Der aber arbeitet für die Polizei, findet sich also auf der anderen Seite wieder und setzt alles daran, Karim vom Weg des Hasses, der Gewalt und der Rache abzubringen. Doch wie verbohrt und stur so ein Junge sein kann, der die Jugend des Viertels um sich schart, zeigt Romain Gavras, Sohn von Constantin Costa-Gavras (Z, Vermisst), in einem postmodernen Schlachtenepos, das trotz seines gegenwärtigen Settings ein Flair wie aus dem Hundertjährigen Krieg vermittelt, fernab jeglichen Fortschritts und gefangen in einer granitharten Rechthaberei, die keiner der Parteien auch nur um Millimeter abrücken lässt.

Athena, der bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig gar eine Einladung zum Wettbewerb um den Goldenen Löwen erhalten hat, erinnert nicht von ungefähr an den Oscar-Anwärter Die Wütenden – Les Misérables von Ladj Ly. Dieser verfasste für Athena mit Romain Gavras gemeinsam das Skript, und diesmal haben seine kaum klar definierbaren Pro- und Antagonisten noch weniger zu verlieren als im Thrillerdrama aus dem Jahr 2019. Diesmal entfesselt Gavras ein in Rage geratene Menge in einem hitzigen Spektakel aus Nacht und Nebel; aus Tränengas, Feuerwerkskörpern und Projektilgeschoßen. Der Krieg in Athena fühlt sich echt an, rabiat und natürlich auch dumm. Wie jeder Krieg. Dabei gestaltet es sich äußerst schwierig, für die zentrale Figur des Karim, und dann später auch für Abdel, der im letzten Dritten des Films eine völlig radikale, aber wenig glaubwürdige Wandlung durchläuft, auch nur ansatzweise irgend so etwas wie Nähe, Sympathie oder Verständnis zu empfinden. Wer so vorgeht, zu dem hält man Distanz. Zumindest mir erging es so. Denn die Gewalt, die führt zu nichts, das sieht man als Zuseher von der ersten Minute an, als der Mob das Polizeirevier stürmt und den Waffenschrank plündert. Da sieht man schon, wie wenig vorausschauend das ist. Da wundert man sich nur, zu welchen Widersprüchen und zu welchem autoaggressiven Egoismus dieses Vorgehen führt. Denn: Auch wenn der Tod des jungen Bruders den Bürgerkrieg entfacht, ist das Unglück der Mutter keinen Cent wert.

Diese groteske Unlogik erschwert den Zugang zu einer ansonsten wuchtigen Tragödie, die, mit brachialen gewalttätigen Exzessen gespickt, den Menschen als ein Wesen erkennt, dass sich wohl bis auf ewig von seinen Impulsen wird steuern lassen.

Athena

Die Wütenden – Les Misérables

HINTER DEN KULISSEN VON PARIS

7/10

 

diewuetenden© 2019 Wild Bunch

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: LADJ LY

CAST: DAMIEN BONNARD, ALEXIS MANENTI, DJIBRIL ZONGA, ISSA PERICA U. A. 

 

Über eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film durfte sich dieses Jahr der Filmemacher Ladj Ly freuen, nebst unzähligen weiteren Auszeichnungen, die sein Werk bereits eingeheimst hatte. Die Wütenden – Les Miserables, bezugnehmend auf Victor Hugos legendären Roman, ist ein wahrlich treffender Titel für diesen Schulterblick beim Polizeieinsatz in der Peripherie von Paris, genauer gesagt in der Satellitengemeinde Montfermeil. Was diesen Stadtteil so besonders macht, sind seine Bewohner: armutsgefährdete Menschen aller möglichen Nationen, und vor allem jener Länder, die Frankreich einst kolonisiert hat. Multikulturell ist fast schon ein Hilfsausdruck, auch Religionen treffen aufeinander, es leben auch Ethnien Tür an Tür, die sich nicht ausstehen können. In diesem Schmelztiegel sind Verbrechen an der Tagesordnung, jeder kocht sein Süppchen und die Kids, die loten ihre Grenzen aus, nämlich dort, wo gar keine sind. Dieses Kräftemessen muss in Zaum gehalten werden, sonst drohen wieder bürgerkriegsähnliche Unruhen wie seinerzeit 2005. Die Lunte ist stets kurz. Diese Gewalt braucht Gegengewalt – denkt so manch ein Polizist, sonst ist die Exekutive nur Staffage. In solch ein Grüppchen Ordnungshüter wird der Ex-Streifencop Stephane versetzt, der neben den vernachlässigbaren Schikanen seines Macho-Kollegen wohl den schlimmsten Tag seines Lebens haben wird.

Ladj Ly kennt dieses freie Spiel der Kräfte. Ein Kenner der Materie. Ly selbst ist dort aufgewachsen. Geprägt hat ihn dieses Leben mit Sicherheit. Dieses andere Paris, das muss verstörend sein. In die Schranken gewiesen werden die Elenden dort mit demonstrativer Gewalt, die auch so mancher Kamera nicht entgeht. Ly hat 2008 so eine Eskapade gefilmt, woraufhin die Cops vor Gericht gestellt wurden. Nach einer Doku rund um diese Gegend fiel 12 Jahre später die erste Klappe zu Die Wütenden. Auch hier ist das beobachtende Auge das Zentrum des Geschehens, denn der perfekt balancierte Flug einer Drohne ist der ruhende Gegensatz zum baldigen Überkochen der Emotionen, die in einem Alltag zwischen Notstand, Ziellosigkeit und Bandenpolitik mit stiernackigem Stolz die Ansprüche der Einzelnen geltend machen. Gehört werden sie von denen da oben ganz wenig, mit zynischer Geringschätzung aber von der Exekutive gezügelt. Von Anfang an herrscht in Die Wütenden hoher Blutdruck, wie Magma unter der Erdkruste. Lys Film erinnert an die früheren Werke von Spike Lee, ganz besonders an seinen Film Do the Right Thing, der ebenfalls an einem siedend heißen Sommermorgen beginnt und die Gewalt so richtig eskalieren lässt. Nebst diesem fliegenden Auge, das den Missstand dokumentiert, steht der exotische Traum für ein besonderes Leben – ein gestohlenes Löwenbaby. All das verschmilzt weit über dem Siedepunkt mit der wütenden Ohnmacht derer, die nicht gehört werden, und das sind sowohl die, die eingeschüchtert werden als auch die, die einschüchtern. Nur einer hört zu, das ist Cop Stephane, der aber auch sehr bald zur Waffe greifen muss.

Die Wütenden – Les Misérables ist so indiskret wie End of Watch und so beobachtend wie Jacques Audiards Dheepan – Dämonen und Wunder. Die Wucht hat er von beiden zusammen, die meist negative Energie, die hier kein Ventil findet, bekommt auch letzten Endes keine Chance, sich in etwas Konstruktives zu wandeln. Was bleibt, ist ein zum Zerplatzen aufgeblähter Konflikt, in dem keiner den anderen wahrnimmt. Vielleicht reicht es, wenn nur einer damit beginnt?

Diese Hoffnung jedoch schnappt uns Ladj Ly vor der Nase weg.

Die Wütenden – Les Misérables