28 Years Later: The Bone Temple (2026)

CHILLOUT MIT DEM ZOMBIE

7,5/10


© 2025 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: NIA DACOSTA

DREHBUCH: ALEX GARLAND

KAMERA: SEAN BOBBITT

CAST: RALPH FIENNES, JACK O’CONNELL, ALFIE WILLIAMS, ERIN KELLYMAN, EMMA LAIRD, MAURA BIRD, ROBERT RHODES, SAM LOCKE, GHAZI AL RUFFAI, CONNOR NEWALL, CHI LEWIS-PARRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Da wurde doch in den sozialen Medien die Vermutung geäußert, 28 Years Later: The Bone Temple würde deswegen so ein mieses Einspielergebnis eingefahren haben, weil mehr als nur einigen potenziellen Besuchern wohl nicht ganz klar gewesen war, dass das Sequel des Sequels des Sequels von 28 Days Later eine völlig neue Episode darstellt, und nicht einfach nur nochmal ins Kino gebracht wurde, weil der letzte Teil erst letzten Sommer über die Leinwände gerauscht war. Ein Fehler der Studios – nämlich zwei Filme ungefähr gleichen Titels im Halbjahresrhythmus ins Kino zu bringen? Tatsächlich könnte das die Ursache sein. Um wirklich als eigenständiges neues Kapitel eines Franchise angesehen zu werden, hätte es eine längere Pause gebraucht, zumindest ein Jahr oder im besten Fall sogar zwei. Bei Kill Bill war zumindest ein Jahr dazwischen, doch bei Quentin Tarantino gibt es wohl deutlich mehr Zuseherinnen und Zuseher, die sich, würden sie es missverstehen, gerne nochmals in jenen Film begeben würden, den sie schon mal gesehen hatten.

Wo die müden Knochen ruhen

Für 28 Years Later: The Bone Temple tut es mir leid, dass es soweit hat kommen müssen, vor allem deswegen, weil dieser brandneue Output eindeutig der bessere Film ist. Weniger zerfahren, weniger unentschlossen, doch nicht weniger spiel- und improvisationsfreudig. Man muss nur Ralph Fiennes beim Tanzen zusehen, auf seinem Hügel, vor seinem Ossarium, einem gewaltigen postapokalyptischen Weltwunder, das garantiert in den postapokalyptischen Reiseführern stehen würde, wäre Gerard Butler in der Endzeit wiedermal unterwegs, um seine Familie zu retten. Dieses Bauwerk dürfte, zumindest sieht es danach aus, wohl kaum mit CGI generiert worden sein, muss der Point of Interest doch so realistisch wie möglich aussehen. So würde selbst ich gerne durch diesen Knochenwald schlendern, doch wen die Sehnsucht nach Verblichenen einfach nicht loslässt und wer 28-Years-Vibes selbst verspüren will, der kann zumindest ins tschechische Sedlec reisen, um dort die Knochenkirche in Kutna Hora zu bewundern, mit 40.000 menschlichen Skeletten. Sogar einen prachtvollen Luster gibt es dort – den hatte sich Ralph Fiennes als Dr. Kelson wohl zu Weihnachten gewünscht.

Dafür muss er den Teufel höchstselbst mimen, für den windigen und psychopathischen Jeremy (Jack O’Connell), der eine Gang anführt, deren Mitglieder alle Jeremy heißen. Und die mit anderen Überlebenden gerne Spielchen treiben, zuungunsten der Beteiligten, denn die verlieren schlimmstenfalls ihre Haut. Im Schlepptau der Satanisten befindet sich notgedrungen Spike, der Jungspund aus 28 Years Later, und Filmsohn von Aaron Taylor-Johnson, der es nicht in die Fortsetzung geschafft hat. In ihren Trainingsanzügen, mit den blonden Perücken, den aus Schuhwerk umgebastelten Masken – wie die Gang des milchtrinkenden Alex aus Uhrwerk Orange ziehen diese Fanatiker, deren Überzeugung steht und fällt mit jener ihres Anführers, durchs verwüstete Land und hinterlassen Tod und Zerstörung. Bis sie auf Dr. Kelson treffen. Und der hat währenddessen auch alle Hände voll zu tun, nur auf deutlich konstruktivere Weise. Ihm zu Seite steht schließlich ein Zombie namens Samson, der mithilfe eines Cocktails an Substanzen tatsächlich wieder so etwas wie ein Ich-Bewusstsein erlangt.

Wie untot ist die Apokalypse?

Friede, Freude, Eierkuchen in Zombieland? Ja tatsächlich, diese Szenen, wenn Ralph Fiennes mit dem an Jason Momoa erinnernden Zombie-Hünen Ringelreier tanzt und beide gemeinsam völlig zugedröhnt so manchen Himmelskörper betrachten; während dazu schmucke Hadern aus den Siebzigern ertönen und die Welt wieder Hoffnung schöpft, weil es hier deutlich mehr Annäherungen gibt als im Kalten Krieg, dann ist das der Sprung ins kalte Wasser an hitzegeplagten Sommertagen, wenn die Energie deutlich nachlässt. Mit dieser Erzählung weigert sich Autor Alex Garland ein weiteres Mal, in der Schablonenkiste zu wühlen, um immer wieder nur dasselbe zu erzählen, was man bei Zombiefilmen erzählen kann. Ich weiß zwar nicht, was es in The Walking Dead alles für Ansätze zur Berichterstattung über die Untotenapokalypse gegeben hat – ich weiß aber, was bislang im Kino so alles dargeboten wurde, und da ist zugegeben wenig dabei, was den Gegebenheiten in diesem Film auch nur irgendwie gleicht. Versöhnung, Hoffnung, Anbahnung an ein lebenswertes Danach, das wird unterwandert vom Verlust an dem Glauben an das Gute, verbunden mit ungestraftem Anarchismus und einem Bewusstsein für die Seelen der Toten.

Neben der Spur ist am richtigen Weg 

Memento Mori, meint Ralph Fiennes immer wieder. Deutlich oranger als Donald Trump, dafür aber um ganze Staatenbünde weiser, personifiziert Ralph Fiennes den Humanismus in Reinkultur. Jack O’Connell hingegen ist das Destruktive, Dunkle. Wieder haben wir die Dualität, die selbst in diesen Zeiten ihre Anhänger finden muss, um eine Balance zu wahren. Mit diesem Tiefgang kann Nia DaCosta einiges anfangen – und versetzt ihre Regiearbeit mit einem verstörenden Härtegrad. Die Gewalt in 28 Years Later: the Bone Temple ist nichts für Zartbesaitete, hier geht es deftiger zu als beim Vorgänger. Gleichzeitig aber spinnt diese Geschichte so viele feine Fäden, dass sich beides ergänzt und nichts davon zum Selbstzweck gerät.

DaCostas Film ist eine beachtenswerte Fortsetzung, dialogbereit und bewusst neben der Spur. Diese Abkehr vom Bewährten, dieses Hinterfragen von Werten in einer Welt ohne selbige bringt effektiv und mitunter auch so spektakulär wie reduktionistisch ihre Ansätze zu möglichen Antworten auf den Punkt.

28 Years Later: The Bone Temple (2026)

28 Years Later (2025)

RABIAT-ANTHROPOLOGIE IM ENDSTADIUM

6/10


© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2025

REGIE: DANNY BOYLE

DREHBUCH: ALEX GARLAND, DANNY BOYLE

KAMERA: ANTHONY DOD MANTLE

CAST: AARON TAYLOR-JOHNSON, ALFIE WILLIAMS, JODIE COMER, RALPH FIENNES, EDVIN RYDING, CHI LEWIS-PARRY, JACK O’CONNELL, ERIN KELLYMAN, EMMA LAIRD U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Wenn der mit Jod getünchte Ralph Fiennes mit Bruce-Willis-Bluse im nächtlichen Schein des Feuers seinen kahlen Kopf senkt und raunend darüber sinniert, dass wir niemals vergessen sollen, sterblich zu sein, erinnert das an die letzten kultverdächtigen Momente aus Coppolas Vietnamkriegs-Wahnsinn Apocalypse Now. Während man dort aber erst im tiefsten Dschungel auf archaischen Absolutismus stieß, werden hier jene, die ihre Stiefel auf den Sandstrand Großbritanniens setzen, unmittelbar mit einem Gesamtzustand konfrontiert, der an die wildesten Auswüchse einer chaotischen Steinzeit erinnert.

Danny Boyle und Alex Garland haben mit ihrer Idee einer lokalen Apokalypse, die sich seltsamerweise immer auf die Zahl 28 fixiert, das Genre des Zombie-Films umgeschrieben und gleichzeitig ergänzt. Damals noch wusste keiner, was los war, nicht mal der junge Cillian Murphy, als er 2002 in einem leerstehenden Krankenhaus erwacht, nur um festzustellen, dass der Rest der Bevölkerung Londons ebenso entschwunden war. Die Endzeit war in 28 Days Later ausgebrochen, ein sogenanntes Wut-Virus hat sich der Gehirne zivilisierter Bürgerinnen und Bürger bemächtigt, um diese in rasender Tobsucht auf die letzten paar Unversehrten losgehen zu lassen, die ihrerseits im Hakenschlag versuchten, eine vom Militär gesicherte Zone zu erreichen. Was bei diesem Film sofort ins Auge fällt, ist Boyles visueller Filmstil, der sich Elementen des Avantgarde-Kinos bedient und im experimentellen Grunge-Look sowohl die Zombiefilm-Schwemme der Bahnhofkinos als auch die Videoclip-Ästhetik britischer Punk-Bands feiert. So rabiat ließ sich das Ende einer Zivilisation lange schon nicht mehr feiern. Juan Carlos Fresnadillo legte mit dem Sequel 28 Weeks Later sogar noch ein Quäntchen mehr an Nihilismus drauf.

Jetzt, keine 28, sondern 18 Jahre später, wollen Danny Boyle und Alex Garland ihr Universum weiterspinnen und mit einer Trilogie in den Kick-Off gehen, dabei aber tunlichst vermeiden, ins bereits gepflügte Fahrwasser von Walking Dead und Co zu geraten. Wie sehr sich 28 Years Later von bereits etablierten anderen Zombie- oder Virus-Apokalypsen in Film und Fernsehen unterscheidet, kann ich in Ermangelung einer Kenntnis über das Walking Dead-Universum nicht hundertprozentig beurteilen. Angesichts unzähliger Staffeln und Spin-Offs dürfte dort schon alles abgearbeitet sein, was sich zu Zombies, Epidemien und gesellschaftlichem Notstand nur sagen lässt. Was ich aber zugeben kann: Anders als The Last of Us ist der Plot des 28-Franchise dann doch. Und das nicht nur, weil Kameramann Anthony Dod Mantle eine virtuose Optik zustande bringt, die tief im körpersaftigen, erdigen Naturalismus wühlt und finale Zombie-Kills auch gerne mal mit Freeze Frames veredelt. Die Schnitttechnik ist genauso wutentbrannt wie all die nackten Infizierten, von denen man manchmal erwartet, dass sie von einer ganzen Kavallerie intelligenter Menschenaffen eingeholt und eingefangen werden. Doch das wird nie passieren, denn in einem Zeitraum von 28 Jahren haben sich selbst bei diesen wilden Humanoiden gewisse Hierarchien entwickelt, die Alphawesen an die Spitze marodierender Clans stellen. Ein Umstand, von dem Aaron Taylor Johnson als Vater Jamie natürlich weiß, der ihn aber nicht davon abhält, auf der Hauptinsel Großbritannien seinen zwölfjährigen Sohn Spike einem Initiationsritus zu unterziehen, der ihn direkt mit den blutrünstigen Horden konfrontieren soll. Die Mutter, Jodie Comer, schwerkrank auf einer vorgelagerten Insel-Enklave im Bett dahinvegetierend, ahnt derweil nichts von dieser Mutprobe – und auch nicht, dass sie sich nur Stunden später selbst, von ihrem Sohn im Schlepptau, auf dem Weg zu einem Arzt befinden wird, der als orange leuchtender, grotesk anmutender Eremit seinen Weg gefunden hat, das ehemalige Königreich und sich selbst ins Reine zu bringen.

Bewusst entfernen Sich Boyle und Garland von der bisherigen wüsten, völlig entfesselten Erzählweise der beiden Vorgängerfilme und legen ihre neue Geschichte weitaus epischer an. Das heisst, dass in der Ouvertüre der geplanten Trilogie zumindest mal die Schienen gelegt werden für das eigentliche Drama, dass hier noch mehr oder weniger auf dezenten, leiseren Sohlen daherkommt und nur als Fragment verfügbar ist. Da fragt man sich: Ist ein halber oder nur das Dittel eines Films wirklich schon die halbe Miete? Ist das genug für einen Standalone-Film, im Falle eines Falles, wenn in Ermangelung des nötigen Einspiels die anderen beiden Teile gar nicht mehr produziert werden? Kümmerliche Filmbausteine wie ein solches gibt es in der Filmhistorie viele, leider eine Sauerei der Studios. Was aber, wenn das auch hier passiert? Dann haben wir den Anfang von etwas, das im Nirgendwo endet, das alles offen lässt und gerade mal einen Epilog erzählt, der von der Sterblichkeit des Menschen handelt. Die ist auch immer noch auf natürlichem Wege vorhanden, dafür muss ein Wut-Zombie nicht gleich einen auf Predator machen.

In 28 Years Later, der natürlich jede Menge Blut, Beuschel und Rückgrat zeigt, geht’s vielmehr um Euthanasie, Respekt vor dem Leben und Pietät vor den Toten. Um das ritualisierte Aufräumen nach einer Schlacht, um einen Aftermath, obwohl der große Sturm vielleicht noch kommen wird. 28 Years Later setzt nicht auf Beschleunigung, sondern bremst sich als humanistischer Roadmap-Horror runter, um die Bausteine der Geschichte zu sondieren. Taktisch klug ist das nicht so, der Film endet, bevor er richtig begonnen hat. Vielleicht wäre das halb so wild gewesen, würde er nicht noch eine Tür öffnen, durch die man nicht treten darf. Gerade dadurch hinterlässt 28 Years Later das unbefriedigende Gefühl, zur Halbzeit aus dem Kino geworfen worden zu sein.

28 Years Later (2025)