Sanguine (2026)

STRESS GEBIERT UNGEHEUER

8,5/10


Mara Taquin als Praktikantin Margot im Film Sanguine
© 2026 ARP Sélection / Trésor Films / Windy Production


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2026

REGIE / DREHBUCH: MARION LE CORROLLER

KAMERA: GUILLAUME SCHIFFMAN

CAST: MARA TAQUIN, KARIN VIARD, KIM HIGELIN, SAMI OUTALBALI, STEFAN CREPON, SONIA FAIDI, CLÉMENT BRESSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Die jungen Leute von heute

Oft haben sich die Älteren darüber gewundert. Mittlerweile wundert einen gar nichts mehr, wenn man nach Frankreich, Italien oder Deutschland auf die Straßen blickt. Die jungen Leute von heute sind aber auch nicht über einen Kamm zu scheren, Gott behüte.

Sie teilen sich grob betrachtet in zwei Lager. Die einen streben eine Work-Life-Balance an, wollen den Hedonismus nicht zu kurz kommen lassen und die Selbstfürsorge über alles andere stellen, während sie Arbeitszeiten reduzieren. Die anderen sehen das natürlich anders: Hier gilt die Leistung, sie wollen Karriere machen, sie würden alles dafür geben – und fügen sich dem Druck, der dort oben, in den akademischen Höhen, zum Beispiel eines Medizinstudiums, herrscht. Dort wird man zum Halbgott in Weiß, und ohne Fleiß kein Preis.

Streng dich ein bisschen an!

Weg von dieser platten Floskel hin zu einem Fallbeispiel, das sich die Filmemacherin Marion Le Corroller ausgedacht hat. Sanguine nennt sich dieser Film, der sich mit dem austauschbaren internationalen Titel Species herumschlagen und diesen noch mit Roger Donaldsons Alien-Verschnitt aus den Neunzigern teilen muss. Sanguine sagt deutlich mehr aus – und nimmt auch nicht ganz so viel vorweg.

In dieser Welt der Leistung, der Überstunden und einer Arbeit, die Ego und Existenz definiert, stellt sich Margot als Praktikantin den Herausforderungen einer Notaufnahme. Als wäre das nicht schon stressig genug, steht sie auch noch unter einem ganz anderen Druck, nämlich jenem, den die unerbittliche Oberärztin Helene ausübt. Ganz unten, am erbärmlichen Ende der Erfolgs-Nahrungskette baumelt sie also und schafft es nicht, diesen durchgetakteten Anforderungen gerecht zu werden.

Nicht nur ein Fall für die Dermatologie

Was in dieser Welt, die Le Corroller hier heraufbeschwört, nebenbei noch passiert, ist eine Art Krankheit, die sich ausbreitet, und zwar bei genauso jungen Menschen wie Margot, die den Anforderungen des Alltags, der Gesellschaft und ihren Bedürfnissen gerecht werden müssen. „Leiste oder stirb, geh einen Schritt weiter aus deiner Komfortzone und mach die Extrameter, Extrakilometer, ganze Meilen, damit du es schaffst und nicht zu einem Niemand wirst.“ Und plötzlich passiert etwas.

Plötzlich proben die jungen Leute von heute den Aufstand. Randalieren, laufen Amok, töten. Ein rötlicher Ausschlag (daher der Begriff Sanguine), frappant erinnernd an Masern, Röteln und all den ganzen Pschyrembel-Wahnsinn, macht den Anfang. Was dann passiert, kippt den Film ins Phantastische, aber immerhin in den sozial- und gesellschaftskritischen Pool, in dem schon die Filmemacherinnen Julia Ducournau und Coralie Fargeat schwimmen.

Märchen von den Neuen Menschen

Sanguine gesellt sich zu Werken wie Titane, Alpha (beide von Ducournau) und The Substance (Coralie Fargeat) – mittlerweile haben Filme solcher Art auf dem Subgenre, das der Kanadier David Cronenberg mit seinen Exkursionen über die Entfremdung der menschlichen Physis begründet hat, aufgebaut. Sie machen den sozialökonomischen, gesellschaftskritischen Bodyhorror „fit for the future“, schließlich interpretiert dieser nicht nur aus feministischer Sicht Missstände des aktuellen Lebenswandels neu, sondern denkt mehrere Schritte weiter, mit dem Blick über den Tellerrand. Zu sehen ist ein Worst Case oder das Ende einer Entwicklung, die sich längst angebahnt hat und seltsame Formen annimmt.

Diese Formen sind am Ende monströs, allerdings weniger im Verhalten der Protagonistinnen, sondern in deren genetischen Beschaffenheit. All diese Filme – Titane, Alpha, The Substance und nun auch Sanguine – bringen zivilisatorische Entwicklungen in den Kontext der Evolution, die rascher voranschreitet, als es Darwin je lieb gewesen wäre. Es ist die organische Anpassung an einen künstlich geschaffenen Lebensraum, entweder aus der Technik, aus einer latenten Angstgesellschaft oder aus einer sich immer höherschraubenden Erwartung der anderen.

Unruhe und Ablehnung

Sanguine ist dabei ein Film, der ambivalente Empfindungen hervorruft. Und das ist gut so. Ein Werk, das polarisiert, das man während des Betrachtens vielleicht sogar ablehnt, um dann doch noch länger darüber zu sinnieren, hat seine Sache gut gemacht.

Auch ich musste Sanguine zwischendurch ablehnen, wunderte mich über das Verhalten der Protagonistin, rollte verächtlich die Augen ob der scheinbar nicht ganz durchdachten Handlung und den unreflektierten Verlauf, den das ganze Drama nimmt. Es stimmt schon, Sanguine macht nicht alles richtig, verpasst manchmal den Absprung, strapaziert die Nerven, hängt sich vielleicht an dem einen oder anderen Klischee auf. Doch rückblickend und in der Nachbetrachtung ist dieser Mangel das irrationale menschliche Verhalten in einer Stresssituation, die nicht enden will. Letztlich passt alles zusammen und darf sich insofern verbiegen lassen, da es auf eine radikale Conclusio zusteuert, nicht minder radikal als bei Ducournau, vielleicht sogar noch expliziter und treffender.

Die neuen Wilden des Arbeitsmarkts

Nach dem Abschlussfilm des Slash folgt der eigentliche Abschlussfilm. Sanguine ist das krönende, pompöse und wilde Finale einer ohnehin aufgeweckt kritischen Festivalwoche, die die globalen Zustände auf unterschiedliche, diesmal vorwiegend satirische Weise kommentiert. In Le Corrollers Film fehlt die Satire aber letztlich dann doch, der Horror verselbstständigt sich, vereint sich mit einer dystopischen Social-Fiction, die dem Arbeitsmarkt den Krieg erklärt. Die Schlusspointe sitzt, die Botschaft kommt an.

Sanguine (2026)

Backrooms (2026)

NIMMERLANDS PIRATEN ODER:
VON MAUERN UND IHREM DAHINTER

7,5/10


Chiwetel Ejiofor auf Erkundungstour in den Backrooms
© 2026 Courtesy of A24/Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: KANE PARSONS

DREHBUCH: ROBERTO PATINO, WILL SOODIK

KAMERA: JEREMY COX

CAST: CHIWETEL EJIOFOR, RENATE REINSVE, MARK DUPLASS, FINN BENNETT, LUKITA MAXWELL, AVAN JOGIA, KRISTA KOSONEN, ROBERT BOBROCZKYI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



„Folge dem Kaninchen!“ So heisst in Lewis Carrols psychologischem Sinnbild Alice im Wunderland, einer viktorianischen Coming-of-Age Geschichte, die das Innere eines Mädchens nach außen kehrt. Wir wissen alle: Alice taucht ein in eine Welt, für die seltsame Verfremdung der Realität ein Hilfsausdruck ist, die ihr aber insofern vertraut vorkommt, da sich Zustände manifestieren, die sich als ihre eigenen erkennen lassen.

Rabattaktion auf Reisen ins Ich!

Diese Psychofantastik hat sich mehrere Jahrzehnte später an die Gegebenheiten der Gegenwart angepasst. Kein Kaninchen mehr, kein Hutmacher, keine Spielkartenarmeen und kein Jabberwocky. Willkommen im Zeitalter des Kapitalismus, der Konzerne und der Anonymisierung des eigenen Ichs. Da hinein ist Kane Parsons geboren. In eine Welt, die kaum mehr weiße Flecken aufweist, die bis auf wenige Inseln und Täler als erschlossen gilt, wo niemand mehr auf Entdeckungsreise geht wie anno dazumal Columbus, Humboldt oder James Cook.

Die Idee von der Welt in der Welt

Beides, das Mysterium der Reise ins eigene Ich und der Drang, hinter das bereits Entdeckte zu blicken, um selbst noch mal Entdecker zu werden, lässt das Multidimensionale des Marvel-Universums genauso reifen wie die Grundidee der Gebrüder Duffer und ihren Stranger Things, die das Upside Down geschaffen haben – eine Welt, die später als manifestierte Kopfgeburt eines Psychopathen analysiert werden wird – und die reale Welt mit dieser verwaschenen Kopie ihrer selbst zeitgleich und ineinander existieren lässt.

Das Verständnis der Räumlichkeit wird dabei ausgehebelt – ob die Zeit selbst dabei verzerrt wird, mag man noch hinterfragen, denn klar ist: Zeit und Raum können nicht unabhängig voneinander existieren. Das Erfassen des Raumes ergibt sich durch die Kenntnis der Zeit, die man braucht, um ihn zu durchqueren – um es ganz simpel auszudrücken.

Betretbare Geisteszustände oder: Irgend etwas stimmt hier nicht

Kane Parsons war gerade mal elf, als der Netflix-Hype Stranger Things vom hauseigenen Bildschirm waberte. Die Idee der verkehrten Realität oder einer verzerrten Ausgeburt einer selbigen könnte aus diesem Fernseherlebnis entstanden sein, vielleicht aber auch aus dem Lesen von Stanislav Lems Solaris – und der Begeisterung für einen ganz großen Kino-Surrealisten: David Lynch.

Wenn jemand etwas mit Räumen zu tun hat, die in Zwischenwelten und einerseits in der Realität und auch wieder nicht existieren, dann ist das dieses in die Filmgeschichte eingegangene Mastermind, das mit Twin Peaks und seinen als White und Black Lodge bezeichneten Welten aus Schachbrettböden und roten Vorhängen auch Eulen nicht mehr sein ließ, was sie schienen. In ihnen tanzen Zwerge und sprechen rückwärts, ein gealterter FBI Agent Cooper sitzt in einem roten Fauteuil, auch Laura Palmer schreit sich dort die Seele aus dem Leib. All das erscheint vertraut und doch verkehrt, mit diesem Knick der Realität und dem Gefühl, irgend etwas – und tatsächlich ist dieses Etwas enorm – stimmt hier nicht.

Im Großraumbüro von Agent Cooper als Lost Place

Dabei wäre die Bezeichnung fürs Lynchs Expeditionen in Dimensionen dahinter als Traumwelten zu schwach. Sie sind mehr als das. Sie hegen schließlich die Vermutung, dass diese aus Raum und Zeit losgelösten Hirn-Welten als Makro-Welten tatsächlich, und zwar auf Quantenebene, existieren könnten.

Womit wir eine weitere Möglichkeit in Betracht ziehen, nun endlich auch Parsons Backrooms begreifen zu können. Denn die sind wie Lynchs Welten eine verfremdete vertraute Realität, die wie billige Kopien wirken, die eine eigene Mathematik schaffen – die der leeren Quader. Sie geben sich voll und ganz einer der Natur inhärenten Geometrie hin – ganz in Gelb.

Dieses Gelb alleine wirkt schon toxisch, doch je tiefer Chiwetel Ejiofor als Protagonist Clark in diese Welt eindringt, die als materialisiertes Ich auch für andere zugänglich scheint und eben nicht nur für sich selbst, je variabler wird das alles. Je tiefer und weiter es also in diese Backrooms hineingeht, desto gefährlicher, schmutziger und dunkler werden sie.

Jemandem einen Hund beschreiben, der noch nie einen Hund gesehen hat

Es drängt sich der Vergleich auf, dass Backrooms vom Unterbewusstsein handelt. Was denn sonst? Das Unterbewusste existiert, als gebrochener Spiegel der Realität. Was für eine Freud(e), diese Ordnung der uns gewohnten Dreidimensionalität aufzuheben. Diesen Spaß hatte sich schon Zeichner M. C. Escher gemacht, in dem er seine unmöglichen Architekturen auf Papier brachte, in dem er die Möbius-Schleife einfach weitergeführt hat.

Auch die Backrooms sind unendlich, einen kleinen Hinweis gibt Parsons mit einem Filmzitat aus Die unendliche Geschichte. Auch hier wieder: Eine rein aus der eigenen Fantasie erzeugte Welt. Somit ist Backrooms mit seiner Prämisse längst nicht neu. Nur zeitgemäßer, weniger märchenhaft. Weniger bombastisch wie bei den Duffer-Brüdern. Sondern psychoanalytischer, essentieller. Direkt an den Molekülen andockend.

Ein Hype, ganz für sich allein

Diese Idee wurde 2019 zum Hype, dieser Hype zu einer der wuchtigsten Creepypastas im Internet. Und natürlich muss das Studio A24 hier aufspringen und ganz in seinem Sinne diese faszinierende Welt, die , wenn man sich lange genug damit beschäftigt, in ihrer Unlogik vorne und hinten völlig logisch erscheint, auf die Leinwand bringen.

Junge Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren stürmen also die Kinos sogar an heißen Sommertagen. Die Frage, ob Parsons Regiedebüt gelungen ist oder missglückt, stellt sich gar nicht. Sein Film genügt sich in seiner Prämisse völlig selbst, braucht da weder Feedback noch ein Qualitätssiegel. Das dieses Sich-selbst-Genügen genau das ist, was an dieser Sache so fasziniert, ist das Schöne daran.

Es bellt der andalusische Hund

Doch auch wenn man Backrooms bewerten will: Parsons überlässt den Kinofilm zu seiner Youtube-Legende nicht ganz dem Zufall. Und womöglich weiß er selbst nicht so genau, wen er da glücklich macht mit seinem Werk. David Lynch hätte es gefallen, er würde seine Wesenheiten als elegante Hommage wiederfinden, ohne sie benutzt zu sehen.

Gehen wir noch weiter in der Zeit zurück, würde Luis Buñuel sich darin bestätigt sehen, dass Einrichtung nicht mehr ist als der symbolische Platzhalter für das belastende Materielle, für die Schwere der Existenz. Wer je Buñuels Der andalusische Hund gesehen hat, wird bei all dem Gerümpel in dieser Backrooms-Dimension ein verwandtes Motiv erkennen, nämlich jenen Mann, der beim Durchqueren eines Zimmers einen ganzen Bulk an Möbel hinter sich herzieht. Renate Reinsve gibt Antwort: Von Jeremy Cox genial gefilmt, probt sie derweil die Flucht durch einen Sofa-Parkour.

Als Dokumentation wird alles nur noch gruseliger

Backrooms ist somit die aktuellste Antwort auf ein vernachlässigtes Filmgenre – und überhaupt auf einen vernachlässigten und sehr oft als reiner Dekor fehlinterpretierte Stil: Den Surrealismus. Parsons versteht, worum es dabei geht. Womöglich versteht er es wie sonst kaum jemand, der sich nach David Lynch daran versucht hat.

Parsons wird zum Spezialisten, der es sich aber nicht nehmen lässt, seinen Vorbildern sichtbar für alle zu huldigen. Und dazu gehört neben bereits erwähntem auch The Blair Witch Project – ohne Found Footage-Horror wäre Backrooms nur das halbe Zimmer. Der Wille zum Erforschen und Erlangen von Erkenntnis hat schon in den Neunzigern die Hexenjäger im Wald auflaufen lassen: Jetzt opfern sich bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen, um der Wahrheit auf den Leib zu rücken.

Erklär‘ mir Schrödingers Gesichter

Den Horror-Regeln unterwirft sich Backrooms nur bedingt, nur solange es seinen Reminiszenzen dient. Dass er sich dabei komplett dem psychologischen – oder gar psychotherapeutischen– Aspekt unterwirft, dem will er, den Duffer-Brüdern gleich, mit der Möglichkeit eines profanen, aber immer noch rätselhaften Mysteriums entgegenwirken. Das beschert ihm eine gewisse Balance und entzieht ihm damit den Vorwurf, in irgendein Geschwurble abzudriften.

Backrooms ist verankert und gleichzeitig auch losgelöst. Und schafft obendrein, seit dem SW-Independentfilm Fremont, eines der irrsten und schönsten Schlussbilder zugleich, das im Quantengedächtnis eines Malers wie Francis Bacon, der mit seinen multiplen Gesichtern immer schon verstört hat, verankert bleibt.

Dafür alleine ist Parsons Film schon sehenswert, neben all den Details, die wie eine gebührenfreie Spielwiese für jene Enthusiasten anmutet, die in ihrem Kopf genug Abenteuer für ein ganzes Leben finden – und manchmal sonst nichts brauchen.

Backrooms (2026)

Cold Storage (2026)

A HELL OF A MYZEL

6,5/10


© 2026 Studiocanal Österreich


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2026

REGIE: JONNY CAMPBELL

DREHBUCH: DAVID KOEPP, NACH SEINER ERZÄHLUNG

KAMERA: TONY SLATER LING

CAST: GEORGINA CAMPBELL, JOE KEERY, LIAM NEESON, LESLEY MANVILLE, SOSIE BACON, VANESSA REDGRAVE, GAVIN SPOKES, ROB COLLINS, DARRELL D’SILVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Der Schimmelpilz als USP

Wir kennen das ja. Wir kennen das alle. Irgendwann greift man gedankenverloren zur Marillenmarmelade, die man vor Wochen zum ersten Mal geöffnet hat, um die Frühstückssemmel zu schmieren, da strahlt einen beim Öffnen des Einmachglases eine grünlich-weiß schimmernde Frisur entgegenn, die so akkurat das darunterliegende orange Gelee überzieht, dass es eine Freude ist. Gestatten: Penicillium, der Haus- und Hofschimmel, immer zu Stelle, wenn Lebensmittel irgendwo vergessen werden oder der Kühlschrank nicht entrümpelt. Die Gefahr, die dabei droht, ist der Verzehr des Mykotoxins, also lieber Finger weg, ist ungesund. Man wirft die Sache einfach in den Müll und ermahnt sich, beim nächsten Mal vor- und fürsorglicher mit dem Essen umzugehen. Weiters passiert nichts. Doch mit so gesitteten Myzelen lässt sich kein Film drehen. Das wäre nur insofern spannend, wenn es einer wie Peter Greenaway probiert. Der hat in seinem barocken Experimentaldrama A Zero an Two Noughts sämtliche, der Entropie unterworfene Dinge vor laufender Kamera, dabei naturgemäß in Zeitraffer, und vergammeln lassen. Auch in Polanskis Ekel kann man den titelgebenden Gefühlszustand ausleben, wenn in Catherine Deneuves Wohnung das Essen schlecht wird.

Housewarming fürs Myzelium

Doch für einen komödiantischen Body-Horror-Reißer reicht das immer noch nicht. Da muss der Pilz schon aggressiver sein. So gesehen in The Last of Us, da schafft es der Pilz immerhin, den Mensch als zomboides Fortbewegungsmittel zu nutzen – was aber relativ humorbefreit über die Bühne geht, während, zumindest in der Serienverfilmung, Pedro Pascal und Bella Ramsey nichts erspart bleibt. Als lockerflockige Alternative dazu gibt’s aber jetzt einen wohltuenden Blut- und Beuschelhorror in oszillierendem Waldgrün, wenn es heisst: Cold Storage.

Es wäre daraus kein Film geworden, hätte in dieser gottseidank fiktionalen Geschichte die permanente Kühlung eines tief im Untergrund längst vergessenen Geheimlabors nicht ihren Geist aufgegeben. Umso wärmer, umso besser für einen Organismus, der sich feuchtfröhlich an allen Lebewesen vergreift, derer er habhaft werden kann – von der Kakerlake über die Katze bis zum Mensch. Parasitismus heisst das Zauberwort, nur läuft die nicht so buddymäßig ab wie bei Venom und seinem Wirten Eddie Brock. Hier beeinträchtigt der sich rasend ausbreitende Pilz unsereins sofort, man braucht nur drauftreten, schon dringt er ein. Das Dumme an der Sache: Dort, wo der tödliche Organismus bereits Housewarming-Party feiert, ist jetzt ein Private-Storage-Lager, und Freunde von Stranger Things freuen sich: Sie bekommen den hochsympathischen Steve Harrington alias Joe Keery zu sehen, der dieses Mal schon wieder mit etwas Übernatürlichem zu kämpfen hat. Als Nachtportier darf er mit Barbarian-Final-Girl Georgina Campbell genau dort herumschnüffeln, wo man tunlichst nicht schnüffeln sollte. Natürlich passierts und der ganze Schrecken greift um sich.

Wer könnte da dem Schlamassel eher Herr werden als Frank Drebin? Stimmt, Leslie Nielsen hätte diese Rolle genauso gut spielen können, aber es ist Liam Neeson, der ja letztes Jahr schon gezeigt hat, wie lustig er als nackte Kanone sein kann. Nun heisst es abermals schmunzeln, denn zu schade ist sich der Ire auch dafür nicht. Das ist gut so, das beschert ihm Sympathiepunkte, genauso wie dem Rest des Ensembles. Das Kurioseste dabei: Der Auftritt Vanessa Redgraves.

Pilzgericht mit Ratte

Man möchte fast meinen: so entspannt und frei von schauspielerischem Ehrgeiz, den es hierfür nicht wirklich herauszukitzeln braucht, ist man der drohenden Weltvernichtung schon lange nicht mehr begegnet. Hinzu kommt, dass sich Regisseur Jonny Campbell (Alien Autopsy mit Bill Pullmann) allerlei Kurioses für seine schnell verpuffende Attraktion hier einfallen lässt, ist es nun die in der 1st-Person-View eingefangene Panik einer Küchenschabe oder der hochschaubahnfahrende Parasit im Körper des Befallenen. An allen Ecken und Enden quillt der Schimmel, Hirsche, Ratten und Köpfe explodieren. Ganz schön viel, womit man sich schmutzig machen kann.

Und ja, warum nicht, man macht sich gerne schmutzig und achtet dabei stets darauf, dass zumindest die Heldinnen und Helden im Film nicht irgendwie schief schauen, um die Aufmerksamkeit des grünen Etwas auf sich zu ziehen. In diesem Hürdenlauf des Nicht-berührens und Weit-genug-wegseins liegt die Spannung des Bodyhorror-Klamauks, darüber hinaus bleibt die Fermentierung tunlichst an der Oberfläche. Alles, was darunter liegt, ist zwar noch bekömmlich, aber relativ geschmacksneutral.

Cold Storage (2026)

Touch Me (2025)

EIN HIP-HOP-JESUS GEGEN DEN KLIMAWANDEL

7/10


© 2025 WTFilms


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: ADDISON HEIMANN

KAMERA: DUSTIN SUPENCHECK

CAST: OLIVIA TAYLOR DUDLEY, LOU TAYLOR PUCCI, JORDAN GAVARIS, MARLENE FORTE U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


War Jesus vielleicht ein Außerirdischer? So krude Gedanken wie diese gibt es womöglich tatsächlich, und in Anbetracht der Leichtgläubigkeit der menschlichen Spezies bei gar nicht so wenigen Individuen. Wie sonst könnte man sich diese wundersamen Heilsmethoden erklären, die der Sohn eines Zimmermanns alleine schon durchs Handauflegen erfolgreich praktizieren konnte. Und manchmal, war da nicht mal das vonnöten? Gehe hin in Frieden, erwache von den Toten, bewege deine Beine – du bist nicht mehr gelähmt. Eine Macht hatte der, das lässt mitunter manch kritische Stimme nicht verstummen, die den Bergprediger als ein Wesen verdächtigt, das nicht von dieser Welt sein muss. Im Grunde steht auch genau das als direkte Rede im Testament. Also warum nicht?

Das Heil in den Tentakeln

Und warum nicht eine Geschichte entwerfen, in der die fleischgewordene christlichsoziale Heilsverkündung wie Jared Leto aussieht, der wiederum manchmal so aussieht wie eines der kitschigen Heiligenbilder, die in bäuerlichen Schlafzimmern hängen, direkt über dem Kopfende, und wo das flammende Herz expositioniert vor sich hin wabert. Dieser Mann, nicht Jared Leto, ist kein menschliches Wesen, sondern ein Außerirdischer, der in Wahrheit ganz anders aussieht. Ein bisschen was lässt sich anfangs schon vermuten, wenn dieses Individuum seine Tentakel ausfährt, um irdischen Glückbedürftigen einen Gemütszustand zu bescheren, den man normalerweise erst dann erlangt, wenn man wie Siddhartha jahrelang meditiert hat. Den mentalen Genuss einer sorgenfreien Weltsicht, ohne der Schwere vergangener Traumata, die man wie einen nicht abnehmbaren Fallschirm nach der Landung auf hartem Grund hinter sich herzieht, wollen schließlich alle – und da kommen Joey und Craig ins Spiel – zwei Freunde, die bisher nicht ganz so sehr auf die Sonnenseite des Lebens gefallen sind. Mit dem feschen Brian haben beide wohl das große Los gezogen, so scheint es. Denn Sex mit einem Alien, was Besseres gibt es nicht. Da mögen dessen Ambitionen, rotlaubige Bäume gegen den Klimawandel zu pflanzen, bereitwillig akzeptiert werden, wobei diesen Umstand zu hinterfragen wohl dringender nötig gewesen wäre als auf den nächsten Austausch von Körperflüssigkeiten zu warten.

Wie viel Good Will steckt in einem Alien?

Filme, in denen Aliens über uns Menschen das uneigennützige Heil bringen, und zwar vorwiegend bei älteren Semestern, das gabs in den Achtzigern mit dem erquickend sentimentalen Klassiker Cocoon. Das Bad im Pool wurde, angereichert durch die Energien eines extraterrestrischen Eis, für vulnerable Pensionisten zum Jungbrunnen. Doch anders als Ron Howards humanistischer Diskurs übers Altwerden klingt das Wunschkonzert aus dem All in Touch Me nach schiefen Tönen – die sich der Mensch gerne schönhört, weil er will, dass alles gut wird.

Wenn Brian – dieser Jared Leto-Jesus-Verschnitt – mit textilfreiem Oberkörper seinen gymnastischen Morgentanz hinlegt, lukriert das eine Menge Lacher aus dem Publikum. Denn diese Performance wirkt dann so, als wäre man in einem Aerobic-Video der Achtziger gelandet, unfreiwillig komisch und ohne jemals die Chance, ernstgenommen zu werden. Das wiederum passt perfekt zu einem der ungewöhnlichsten und auch wagemutigsten Features im Rahmen des Slash Filmfestivals – denn Touch Me ist eine clevere Satire auf so manches, was den nach Glückseligkeit und Eintracht strebenden Menschen nicht nur auszeichnet. Addison Heimann, der seinen Film selbst präsentierte und auch für Q&As wortreich zur Verfügung stand, spiegelt die Umtriebigkeit und Craziness seiner Arbeit wider – für alle, die seinen Film nicht mögen würden, sendet er vorab schon mal ein sympathisches „Fuck you“. So überdreht und ausgetickt Heimann wirkt, so überdreht und ausgetickt ist Touch Me, der durchwegs auch in die düsteren Tiefen eines gespenstischen Thrillers mündet, um dort wieder emporzusteigen als handgeschnitzter Bodyhorror voll praktischer Geht ja-Effekte und jeder Menge Schleim. Das wiederum hätte ich im Laufe des Films auch nicht erwartet, doch was davon lässt sich hier auch wirklich absehen?

Aus den besten Freunden werden Feinde, Missgunst, Abhängigkeit und verschenktes Vertrauen an das Gute sind nur einige menschliche Eigenschaften, die Heimann in seinem Fast-Schon-Kammerspiel seziert – gespickt mit Wortwitz und einem vom Regisseur höchstpersönlich projizierten Elan, der irritiert, manchmal zu Brei schlägt, was hätte erhalten werden können, aber im Ganzen dazu beiträgt, dass die abgefahrene Science-Fiction-Mär ihre Gleichung ganz gut löst. Und Heimanns „Fuck You“ muss ich letztlich dann doch nicht auf mich beziehen.

Touch Me (2025)

28 Years Later (2025)

RABIAT-ANTHROPOLOGIE IM ENDSTADIUM

6/10


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LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2025

REGIE: DANNY BOYLE

DREHBUCH: ALEX GARLAND, DANNY BOYLE

KAMERA: ANTHONY DOD MANTLE

CAST: AARON TAYLOR-JOHNSON, ALFIE WILLIAMS, JODIE COMER, RALPH FIENNES, EDVIN RYDING, CHI LEWIS-PARRY, JACK O’CONNELL, ERIN KELLYMAN, EMMA LAIRD U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Wenn der mit Jod getünchte Ralph Fiennes mit Bruce-Willis-Bluse im nächtlichen Schein des Feuers seinen kahlen Kopf senkt und raunend darüber sinniert, dass wir niemals vergessen sollen, sterblich zu sein, erinnert das an die letzten kultverdächtigen Momente aus Coppolas Vietnamkriegs-Wahnsinn Apocalypse Now. Während man dort aber erst im tiefsten Dschungel auf archaischen Absolutismus stieß, werden hier jene, die ihre Stiefel auf den Sandstrand Großbritanniens setzen, unmittelbar mit einem Gesamtzustand konfrontiert, der an die wildesten Auswüchse einer chaotischen Steinzeit erinnert.

Danny Boyle und Alex Garland haben mit ihrer Idee einer lokalen Apokalypse, die sich seltsamerweise immer auf die Zahl 28 fixiert, das Genre des Zombie-Films umgeschrieben und gleichzeitig ergänzt. Damals noch wusste keiner, was los war, nicht mal der junge Cillian Murphy, als er 2002 in einem leerstehenden Krankenhaus erwacht, nur um festzustellen, dass der Rest der Bevölkerung Londons ebenso entschwunden war. Die Endzeit war in 28 Days Later ausgebrochen, ein sogenanntes Wut-Virus hat sich der Gehirne zivilisierter Bürgerinnen und Bürger bemächtigt, um diese in rasender Tobsucht auf die letzten paar Unversehrten losgehen zu lassen, die ihrerseits im Hakenschlag versuchten, eine vom Militär gesicherte Zone zu erreichen. Was bei diesem Film sofort ins Auge fällt, ist Boyles visueller Filmstil, der sich Elementen des Avantgarde-Kinos bedient und im experimentellen Grunge-Look sowohl die Zombiefilm-Schwemme der Bahnhofkinos als auch die Videoclip-Ästhetik britischer Punk-Bands feiert. So rabiat ließ sich das Ende einer Zivilisation lange schon nicht mehr feiern. Juan Carlos Fresnadillo legte mit dem Sequel 28 Weeks Later sogar noch ein Quäntchen mehr an Nihilismus drauf.

Jetzt, keine 28, sondern 18 Jahre später, wollen Danny Boyle und Alex Garland ihr Universum weiterspinnen und mit einer Trilogie in den Kick-Off gehen, dabei aber tunlichst vermeiden, ins bereits gepflügte Fahrwasser von Walking Dead und Co zu geraten. Wie sehr sich 28 Years Later von bereits etablierten anderen Zombie- oder Virus-Apokalypsen in Film und Fernsehen unterscheidet, kann ich in Ermangelung einer Kenntnis über das Walking Dead-Universum nicht hundertprozentig beurteilen. Angesichts unzähliger Staffeln und Spin-Offs dürfte dort schon alles abgearbeitet sein, was sich zu Zombies, Epidemien und gesellschaftlichem Notstand nur sagen lässt. Was ich aber zugeben kann: Anders als The Last of Us ist der Plot des 28-Franchise dann doch. Und das nicht nur, weil Kameramann Anthony Dod Mantle eine virtuose Optik zustande bringt, die tief im körpersaftigen, erdigen Naturalismus wühlt und finale Zombie-Kills auch gerne mal mit Freeze Frames veredelt. Die Schnitttechnik ist genauso wutentbrannt wie all die nackten Infizierten, von denen man manchmal erwartet, dass sie von einer ganzen Kavallerie intelligenter Menschenaffen eingeholt und eingefangen werden. Doch das wird nie passieren, denn in einem Zeitraum von 28 Jahren haben sich selbst bei diesen wilden Humanoiden gewisse Hierarchien entwickelt, die Alphawesen an die Spitze marodierender Clans stellen. Ein Umstand, von dem Aaron Taylor Johnson als Vater Jamie natürlich weiß, der ihn aber nicht davon abhält, auf der Hauptinsel Großbritannien seinen zwölfjährigen Sohn Spike einem Initiationsritus zu unterziehen, der ihn direkt mit den blutrünstigen Horden konfrontieren soll. Die Mutter, Jodie Comer, schwerkrank auf einer vorgelagerten Insel-Enklave im Bett dahinvegetierend, ahnt derweil nichts von dieser Mutprobe – und auch nicht, dass sie sich nur Stunden später selbst, von ihrem Sohn im Schlepptau, auf dem Weg zu einem Arzt befinden wird, der als orange leuchtender, grotesk anmutender Eremit seinen Weg gefunden hat, das ehemalige Königreich und sich selbst ins Reine zu bringen.

Bewusst entfernen Sich Boyle und Garland von der bisherigen wüsten, völlig entfesselten Erzählweise der beiden Vorgängerfilme und legen ihre neue Geschichte weitaus epischer an. Das heisst, dass in der Ouvertüre der geplanten Trilogie zumindest mal die Schienen gelegt werden für das eigentliche Drama, dass hier noch mehr oder weniger auf dezenten, leiseren Sohlen daherkommt und nur als Fragment verfügbar ist. Da fragt man sich: Ist ein halber oder nur das Dittel eines Films wirklich schon die halbe Miete? Ist das genug für einen Standalone-Film, im Falle eines Falles, wenn in Ermangelung des nötigen Einspiels die anderen beiden Teile gar nicht mehr produziert werden? Kümmerliche Filmbausteine wie ein solches gibt es in der Filmhistorie viele, leider eine Sauerei der Studios. Was aber, wenn das auch hier passiert? Dann haben wir den Anfang von etwas, das im Nirgendwo endet, das alles offen lässt und gerade mal einen Epilog erzählt, der von der Sterblichkeit des Menschen handelt. Die ist auch immer noch auf natürlichem Wege vorhanden, dafür muss ein Wut-Zombie nicht gleich einen auf Predator machen.

In 28 Years Later, der natürlich jede Menge Blut, Beuschel und Rückgrat zeigt, geht’s vielmehr um Euthanasie, Respekt vor dem Leben und Pietät vor den Toten. Um das ritualisierte Aufräumen nach einer Schlacht, um einen Aftermath, obwohl der große Sturm vielleicht noch kommen wird. 28 Years Later setzt nicht auf Beschleunigung, sondern bremst sich als humanistischer Roadmap-Horror runter, um die Bausteine der Geschichte zu sondieren. Taktisch klug ist das nicht so, der Film endet, bevor er richtig begonnen hat. Vielleicht wäre das halb so wild gewesen, würde er nicht noch eine Tür öffnen, durch die man nicht treten darf. Gerade dadurch hinterlässt 28 Years Later das unbefriedigende Gefühl, zur Halbzeit aus dem Kino geworfen worden zu sein.

28 Years Later (2025)

Vivarium – Das Haus ihrer (Alp)Träume (2019)

ELTERNSCHAFT ALS ZWANGSARBEIT

7/10


© 2019 Leonine Pictures

LAND / JAHR: BELGIEN, IRLAND, DÄNEMARK, USA 2019

REGIE: LORCAN FINNEGAN

DREHBUCH: GARRET SHANLEY

CAST: IMOGEN POOTS, JESSE EISENBERG, JONATHAN ARIS, SENAN JENNINGS, EANNA HARDWICKE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Auf IMDB schrammt Lorcan Finnegans kosmischer Horror gerade mal an der 6 Punkte-Hürde vorbei. Ein passabler Schnitt bei 81.565 Bewertungen, allerdings nur eben das: passabel. Da wäre noch Luft nach oben, und diese Luft aber will keiner, der Vivarium gesehen hat, so richtig gerne verknappen, denn Filme, die das Bedürfnis des Publikums nach einer geordneten und rational zu begreifenden Welt nicht erfüllen, stoßen durchaus auf Ablehnung. Vivarium ist daher eines im Vorfeld ganz und gar nicht: Ein Wohlfühlfilm.

Es scheint, als hätten Edgar Allan Poe oder H. P. Lovecraft an dieser akkuraten Hölle ihre Ideen beigesteuert, oder besser gesagt: ihre Ängste, die sich in literarischen Visionen längst manifestiert haben. Vermengt mit den Elementen aus den Büchern und Filmen, die uns extraterrestrische Invasionen mit Schmackes veranschaulicht haben, greift das bizarre Szenario nur so um sich. Diesem ausweglosen Alptraum müssen sich, und so viel haben wir, woran wir uns festhalten können, zwei bekannte Gesichter unterordnen. Es sind dies Imogen Poots und Jesse Eisenberg, der zuletzt mit seiner Regiearbeit A Real Pain, ein tragikomischer Herzwärmer, reüssierte. Eisenberg aber ist hier – fast so wie in A Real Pain und auch in der Martial-Arts-Groteske The Art of Self-Defense oder aber in der Männlichkeits-Metapher Manodrome – ein anfangs stinknormaler und fast farbloser bis unsichtbarer Durchschnittsbürger, der im Grunde nichts anders mit sich anzufangen weiß als den Durchschnitt zu leben, den Normalo bar excellence, in dessen Innerem aber der eitle Wahnsinn brodelt. An seiner Seite Filmfreundin Imogen Poots (u. a. 28 Weeks Later), beide möchten als Gemma und Tom ein trautes Heim bald ihr eigen nennen. Immobilienmakler gibt es viele, doch leider müssen die beiden zu ihrem Unglück in jene Filiale reinschneien, die der seltsame Martin betreut. Ein gespenstischer Typ, der psychopathische Witz eines biederen Ladenhüters mit falschem Grinsen und womöglich feuchtem Händedruck. Ihm folgen sie per Automobil in eine abseits gelegene Reihenhaussiedlung, die den Begriff des Reihenhauses auch auf die Spitze treibt. Soweit das Auge reicht ein und dieselben vier Wände, nur ihre tragen die Nummer 9. Während Gemma und Tom sich umsehen, macht sich Martin aus dem Staub. Und wer nun glaubt, das Liebespaar findet den Weg ganz von allein retour, der irrt gewaltig. Sie müssen bleiben, und zwar eine ganze lange Zeit. Es gibt kein Entkommen, solange das seltsame Baby, das plötzlich in einem Pappkarton am Straßenrand liegt, nicht in deren Obhut aufwachsen kann.

What the Fuck? Sehnsüchtig wartet man auf eine Erklärung. Letztlich bleibt man so rat- und hilflos wie Gemma und Tom, die in absoluter Isolation und unter einem seltsam weltfremden Himmel, der aussieht, als wäre er von schlechter KI generiert, dahinfunktionieren. Finnegans Film hält sein Publikum insofern bei der Stange, da er Hoffnung sät. Jede weitere Szene könnte es soweit sein, und die beiden kommen dem Geheimnis auf die Spur.

Vielleicht gelingt es ihnen, vielleicht auch nicht: Verantwortlich für einen der bizarrsten Independentfilme der ausgehenden letzten Dekade zeichnet Garret Shanley – kennt man bereits sein Skript zum Rache-Horror Nocebo mit Eva Green, lässt sich erahnen, wie weit der Autor auch hier gehen wird können. Vivarium ist beklemmend und grotesk, strotzt vor verstörenden Ideen und genießt die Freiheit des fantastischen Kunstfilms, ohne auf das Einspiel Rücksicht nehmen zu müssen. Unter solchen Voraussetzungen erweitert das Kino seine kreative Palette und lukriert dabei ordentlich Courage, den Erwartungshaltungen des Mainstreams entgegenzutreten. Das gefällt nicht jedem, wenn die erzählerische Finsternis mit der Sehnsucht nach rationaler Ordnung Schlitten fährt.

Vivarium – Das Haus ihrer (Alp)Träume (2019)

Cuckoo (2024)

ALPTRAUM IM ALPENRAUM

4/10


cuckoo© 2024 Neon


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: TILMAN SINGER

CAST: HUNTER SCHAFER, DAN STEVENS, JESSICA HENWICK, MARTON CSÓKÁS, JAN BLUTHARDT, MILA LIEU, PROSCHAT MADANI, ÀSTRID BERGÈS-FRISBEY, GRETA FERNÁNDEZ, KONRAD SINGER U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Der Tourismusverband des Bundeslandes Bayern hat seinen Beitrag für die Alpen-Mystery Cuckoo lediglich aus seiner Portokassa bestritten, entsprechend nichtssagend und austauschbar rückt hier die süddeutsche Landschaft ins Bild, die genauso gut irgendwo hätte sein können, nur nicht eben hier. Im Nirgendwo steht dort die seit den frühen Achtzigern im Dämmerschlaf befindliche Hotelanlage Alpschatten, dessen Namen das Albtraumhafte nicht abzusprechen ist und eigentlich längst aus Mangel an begeisterten Gästen längst hätte zusperren müssen. Alles sieht so danach aus, als wären wir am Rande der Kleinstadt Twin Peaks gelandet. Hotelmanager König (Dan Stevens, u. a. Ich bin dein Mensch) weiß darüber sicher mehr, doch er behält die meiste Zeit alles für sich. Zumindest kann Teenie Gretchen (Hunter Schafer) im wenig einladenden Sommer als Assistenz an der Rezeption ihre Zeit totschlagen, während die Eltern – Papa und Stiefmutter – für König eine neue Anlage errichten sollen. So weit so seltsam, wenn man bedenkt, welch schaumgebremstes Verhalten mancher Gast hier an den Tag legt. Gekotzt wird nicht später, sondern gleich. Und nach 22 Uhr sollte sowieso niemand mehr draußen unterwegs sein. Verstörende Geräusche dringen aus dem Wald, und als Gretchen, alle Warnungen in den Wind schlagend, des Nächtens den Drahtesel bemüht, heftet sich eine schauerliche Gestalt an ihre Fersen, mit rotglühenden Augen hinter Sonnenbrillen und einem Outfit, als käme sie vom Set der Lindenstraße.

Natürlich war das keine Einbildung, obwohl Gretchen niemand glaubt. Als Halbschwester Alma ganz plötzlich epileptische Anfälle erleidet und ein verdeckter Ermittler namens Henry auftaucht, der dieser bebrillten Horror-Dame auf der Spur scheint, kommt Cuckoo endlich, nach zähem Start, ins Rollen. Nur, um dann festzustellen, dass all die losen Elemente, die augenscheinlich keinerlei Sinn ergeben, nur schwer aufeinander einzuspielen sind. Der deutsche Regisseur Tilman Singer (Luz) bringt sie alle nicht mehr unter einen Hut.

Mystery-Horror mit verschwörungstheoretischem Unterbau, der im Genre der Science-Fiction andockt, hat in jüngster Zeit unter der Aufsicht von zum Beispiel Jordan Peele durchaus einige Sternstunden erlebt. Man muss dabei aber wissen, wie man das zugrundeliegende Konstrukt eines organisierten Schreckens, welches dann natürlich auch und meistens gegen Ende Schrödingers Katze aus dem Sack lassen muss, auf Schiene bringt, ohne das Interesse seines Publikums zu verlieren. Hält man die losen Indizien zu lange voneinander entfernt, ohne sie verknüpfen zu wollen, wird das nichts mehr. So gesehen bei Cuckoo. Irgendwann erschöpfen sich die vagen Vermutungen, die keinen Sinn ergeben. Wenn dann sämtliche Geheimniskrämerei lüftender Erkenntnis weicht, ist die Spannung versiegt, die Neugier gewichen. Der herbeigezimmerte Aha-Moment eine krude Angelegenheit, die immer noch nicht viel erklären will. Die Unordnung erzählerischer Prioritäten erweckt den Eindruck, Singer würde seiner fantastischen Wahrheit relativ ratlos gegenüberstehen. Wohin mit dem gelüfteten Schrecken? Und was ist eigentlich die Ursache, der Ursprung des Ganzen?

So ratlos wie die dünne Story bleibe auch ich zurück. Zumindest Hunter Schafer (Euphoria) als widerborstiges Mädel, das ihrer Familie gerne entkommen möchte und gar nicht hier sein will, manche Szene dreimal erlebt (Warum?) und das gutturale Kreischen grotesker Damen schon nicht mehr hören kann, spielt ordentlich auf, reißt das bisschen Energie im Film an sich, während Dan Stevens nur noch um die Ecke ballern kann. Die vielfach gepriesene Originalität von Cuckoo suche ich vergebens, was bleibt ist die übertriebene Künstlichkeit einer konfusen Mystery, die auf Akkuratesse keinen Wert legt.

Cuckoo (2024)

Alien: Romulus (2024)

IN DER KOMFORTZONE DES MONSTERS

7/10


ALIEN: ROMULUS© 2024 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: FEDE ALVAREZ

DREHBUCH: RODO SAYAGUES, FEDE ALVAREZ

CAST: CAILEE SPAENY, DAVID JONSSON, ISABELA MERCED, ARCHIE RENAUX, SPIKE FEARN, AILEEN WU, DANIEL BETTS U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Aus dem Filmuniversum rund um den Terminator lässt sich nicht viel mehr lukrieren als jenen Content, den wir bereits aus James Camerons beiden Teilen kennen. In jener Welt, in welcher der Xenomorph sein Unwesen treibt, sieht das ganz anders aus. Das mag wohl daran liegen, dass selbst in Ridley Scotts Original nicht nur ein Monster die Besatzung eines Raumfrachters dezimiert, sondern gewisse Metaebenen wie jene eines dystopischen Konzerntotalitarismus als ungreifbare Zweitbedrohung für Unwohlsein sorgen. Exekutiert hat diesen evolutionären Kapitalismus ein Android namens Ash, der anfangs so schien, als würde er für das Gemeinwohl der Besatzung handeln, letztlich aber dafür verantwortlich war, dass alles so weit kam, wie es kommen musste, um jenen Horrorthriller in den Annalen des SciFi-Genres zu verankern, der dank des Scheiterns von Jodorowsky’s Dune sein Potenzial zu nutzen wusste. Der Schweizer H. R. Giger hatte dazu gleich ein künstlerisch hochwertiges Wesen geschaffen, daraus und in diesem Stil hunderte Spielarten einer gattungsgleichen Biologie in den Weltraum geschossen – immer auf Augenhöhe mit einer künstlichen Intelligenz, die stets eine Affinität für diesen gewissenlosen Organismus entwickelt, die voll und ganz dem darwin’schen Credo Survival of the Fittest folgt. Wer als größter Egoist im Universum keinerlei Skrupel hat, auf Kosten anderer Arten an die Spitze der Nahrungskette zu gelangen, hat gewonnen. Roboter helfen dabei. Konzerne wie Weyland-Yutami genauso. Das alles und noch viel mehr spielt in Alien eine große Rolle – und jene, die aufgrund dieser Tatsache ins Gras beißen müssen, sind nur der schnöde Beweis dafür, dass es funktioniert. Immer und immer wieder.

All diese Komponenten erneut zusammenzubringen, dafür hat Fede Alvarez (Don’t breathe, Evil Dead) einen Spagat gewagt, der auf verblüffende und wenig aufdringliche Weise so gut wie alles, was bisher im Dunstkreis der Aliens entstanden war, unter einen Hut bringt – oder anders formuliert: in eine verlassene Raumstation packt, wo Furchtbares passiert. Eine schönere Spielwiese im SciFi-Horrorgenre gibt es kaum. Wenn man aber vermutet, dass Alvarez gar Ridley Scotts beide Prequels einfach so ignoriert, um das Monster auf seine Essenz zurückzuwerfen, hat nicht verstanden, dass sich der perfekte Killer niemals mit sich selbst begnügt. Das wäre zu wenig. Die Symbiose mit Geburt, Fortschritt und Untergang der Menschheit wird dieses als Testimonial für Weltenumspannendes zu sehendes Ungetüm stets eingehen – das macht es so interessant, so faszinierend, ohne dass es dabei das rätselhaft Mythologische verliert, was ihm anhaftet.

Dass Alvarez dem Original in vielerlei Hinsicht huldigt, ohne es zu kopieren, ist offensichtlich. Ganz zu Beginn, in der Epilog-Szene des Films, könnten Puristen des Franchise feuchte Augen bekommen. Nahtlos knüpft Alien: Romulus am Ursprung an, ohne ihn zu verwässern. Sound, Setting, die Komposition aus Licht, Schatten und mit alarmierenden Countdowns einhergehende, blinkende Farb- und Lichtspiele – stilsicher schenkt Alvarez dem Alien seine Convenience-Zone und verlässt sie nur am Ende, um ganz andere Erzählfäden aufzugreifen, die man längst lose herumhängen gesehen hat. Diese Fäden zieht Alvarez straff – und schickt diesmal keine desillusionierte Arbeiterklasse oder abgestumpfte Soldaten ins Rennen, sondern Mittzwanziger-Kolonisten, deren Zukunft noch bevorstehen könnte, sofern sich die Parameter ändern lassen. Eine verlassene Raumstation im Orbit soll all das noch in petto haben, was fünf Freunde und ein Android benötigen würden, um das triste Leben auf ihrem Arbeiterplaneten hinter sich zu lassen. Nichts ahnend, dass dieser schmucke Kreisel, der alsbald mit den Ringen des Planeten kollidieren wird, darüber hinaus eine Forschungsstation für sonderbare Lebensformen gewesen sein mag, werden Caley Spaeney (Priscilla), Isabela Merced und Co alsbald mit den uns bekannten und beliebten Facehuggern konfrontiert, die nur der Anfang einer Metamorphose darstellen, die letztlich das Alien freisetzt.

Der Plot ist schnell umrissen, die Komplexität desselbigen entsteht aber durch eine Vielzahl grimmiger Hürden, die diese simple Struktur zu einem Survivalthriller aufmotzen, der allerlei technisch-physikalischen Herausforderungen unterliegt. Das Alien mag der Auslöser sein, doch ist es längst nicht alles. David Jonsson als ambivalenter Android legt eine exzellente Performance hin, die Ian Holm ebenbürtig scheint – sein Handeln beeinflusst vieles in diesem Film. Das Xenomorph selbst mag fast schon selbst mit dem technischen Wahnsinn dieser Raumstation zu hadern – frei nach dem Motto: Mitgehangen, mitgefangen. Womit Fede Alvarez aber überfordert zu sein scheint, ist die Wahrnehmung von Zeit – womit manche Logiklöcher entstehen, die man nicht näher hinterfragen sollte, will man sich die Laune an dieser bereichernden Episode nicht nehmen. Uncanny Valley-Effekte, die aufgrund dessen, ein altbekanntes Gesicht zurückholen zu wollen, in gruseliger Deutlichkeit etwas befremden – auch darüber lässt sich hinwegsehen. Der Brückenschlag zur Vorgeschichte eines Phänomens gelingt jedoch vorzüglich. Und so unterfüttert und festigt Alvarez mit künstlerischem Mehrwert und albtraumartig-fantastischen Bildern, die einen Zeichner wie Alfred Kubin mit Lovecraft’scher Leidenschaft ins Weltall katapultiert, in vielleicht gar nicht beabsichtigter Intensität das ganze Universum, in welchem noch so einiges zu holen ist.

Alien: Romulus (2024)

A Quiet Place: Tag eins (2024)

AUF LEISEN PFOTEN KOMMT DIE KATZE

6/10


aquietplacetageins© 2024 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SARNOSKI

CAST: LUPITA NYONG’O, JOSEPH QUINN, ALEX WOLFF, DJIMON HOUNSOU, ALFIE TODD, ELIANE UMUHIRE, ALEXANDER JOHN U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die Katze ist das Symbol des erfolgreichen Widerstands. Denn sie gibt keinen Mucks von sich. Sie weiß, dass sie nicht mal schnurren, geschweige denn miauen darf. Keine Schwierigkeit für so einen Stubentiger. Die leisen Pfoten sind dabei angeborene Gadgets, die wir Menschen uns angesichts einer Endzeit wie dieser gerne wünschen würden. Doch leider spielt es das nicht. Des Menschen Schwerfälligkeit und Ungelenkigkeit, die lärmfreudigen Sohlen festen Schuhwerks und das ständige Keuchen, Husten und panische Kreischen angesichts monströser Schreckgestalten macht uns zur leichten Beute, während Katzen bald die Welt regieren. Gemeint sind mit den Aggressoren extraterrestrische Kreaturen, die warum auch immer eines schönen Tages auf die Erde herabregnen und, sobald sie gelandet sind, aus den Kratern kriechen und Jagd auf alles machen, das Lärm verursacht.

Dass da Homo Sapiens in seiner Massenhysterie laut schreiend und völlig orientierungslos den staksigen Lauschern in die Klauen fällt – diese Verhaltensweise wird in John Krasinskis erdachtem Horrorszenario zur frappanten Reduzierung der menschlichen Bevölkerungszahl führen. Die wenigen, die es dennoch schaffen, trotz höllischer Angst ruhig zu bleiben, sind jene, die sich evolutionstechnisch gesehen als jene, die auf tonlose Weise umherschleichen, die Zukunft sichern. Wie das in urbanem Gelände funktioniert, wo ja alles irgendwie Geräusche macht, und sind es nun tapsende Schritte auf von Splittern übersätem Asphalt, zeigt A Quiet Place: Tag eins. In dieser uns mittlerweile vertrauten Apokalypse findet sich die todkranke Sam wieder, gespielt von Lupita Nyong’o, die mit gruseligen Endzeitszenarien längst schon Bekanntschaft gemacht hat – wären es nun Zombies in Little Monsters oder mörderische Klone in Jordan Peeles kreativem Verschwörungsthriller Wir. Nun sind es Wesen, deren Kopf im Grunde aus gewaltigen Hörorganen besteht, die ein bissfestes Kiefer umrahmen. Das scheint Sam, die ja sowieso nicht mehr viel zu verlieren hat, kaum davon abzubringen, ihre Tagesagenda unbeirrt weiterzuverfolgen. Sie will an den Ort Ihrer Kindheit zurück – und nochmal Petsy‘s Pizza probieren. Auf dem beschwerlichen Weg dorthin trifft sie auf Eric (Joseph Quinn), der nicht mehr von ihrer Seite weicht.

Viel mehr erzählt A Quiet Place: Tag eins tatsächlich nicht. Außer, dass wir endlich mal ein Bild davon bekommen, wie alles angefangen hat. Im Grunde hat man dies in Auszügen bereits in Krasinskis Original gesehen. Braucht es da wirklich noch die ausgewalzte Darbietung eines Schreckens, der nicht wie eine klassische, technologisch überlegene Invasion daherkommt, sondern wie das Hereinplatzen einer invasiven Art, die das autochthone Leben eines Ökosystems namens Erde auseinandernimmt? Nyong’o hat sehr viel Angst, Joseph Quinn ebenso. Die Katze nicht. Sie gibt, als symbolisches Best-Case-Testimonial vor, wie man sich zu verhalten hat. Sie zeigt auf erschreckende Weise, wie unzulänglich der Mensch einer natürlichen Katastrophe entgegentreten muss, während Katzen die Skills dafür bereits besitzen, sich aus dem Chaos heraus neu zu ordnen.

Nyong’o und Joseph Quinn entwickeln das leise Szenario einer Zweckgemeinschaft, Regisseur Michael Sarnoski, der zuletzt Nicolas Cage in Pig auf die Suche nach seinem Lieblingsschwein geschickt hat, setzt auch hier den Fokus viel stärker auf die Fähigkeit des Menschen, zu improvisieren. Eine Besonderheit, die aber nur in der Kooperation funktioniert. Dieses emotionale Zusammenspiel lässt den Grund der Katastrophe fast zur Nebensache werden – es ist wie im Genre des Zombiefilms. Auch hier sind die Untoten nur die Variable einer Ursache, eines von vielen Symptomen für den Ausnahmezustand. Ob nun Monster aus A Quiet Place oder die unabbildbare Entität im Bird Box-Franchise, die alle, die sie sehen, in den Selbstmord treibt: Der Kampf ums Überleben ist in A Quiet Place: Tag eins einer von vielen, fast austauschbar präsentiert sich dieses auf leisen Sohlen dahinwandelnde Abenteuer, das von A nach B oder B nach C  balanciert. Das Extra mit der Stille erhält dadurch aber keine neuen Aspekte – die kreativen Ansätze John Krasinskis in den beiden eigentlichen Filmen finden sich alle genau dort – und weniger in diesem Spin Off, das als Kurzfilm vielleicht weniger Längen gehabt hätte – denn sooft die beiden Survivalisten auch durchschnaufen müssen – jedes Mal scheint einmal zu viel.

A Quiet Place: Tag eins (2024)

Die Farbe aus dem All (2019)

ALLES SO SCHÖN BUNT HIER

7/10


diefarbeausdemall© 2019 Plaion Pictures


ORIGINAL: COLOR OUT OF SPACE

LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: RICHARD STANLEY

DREHBUCH: SCARLETT AMARIS, RICHARD STANLEY, NACH DER KURZGESCHICHTE VON H. P. LOVECRAFT

CAST: NICOLAS CAGE, JOELY RICHARDSON, TOMMY CHONG, MADELEINE ARTHUR, BRENDAN MEYER, JULIAN HILLIARD, ELLIOT KNIGHT, Q’ORIANKA KILCHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


In Wahrheit ist die Welt unbunt. Das merkt man vor allem nachts, wenn das, was wir gerade noch wahrnehmen können, in diffusem Grau versinkt. Das Licht gibt den Dingen dann ihre farbige Besonderheit, je nachdem, wie dieses von der Materie reflektiert wird. Doch selbst dann ist es längt nicht selbstverständlich, das satte Spektrum von Grün und Rot und Blau auch wahrzunehmen. Schließlich gibt es auch Farben, die wir gar nicht sehen können, andere Lebewesen aber schon. Und dann gibt es Farben, zumindest in der Literatur und in den Köpfen dem Phantastischen zugeneigter Kunstschaffender, die, wie der Tscheche Leo Perutz, im Krimi Der Meister des jüngsten Tages exzentrisches Coleur wie das sogenannte Drometenrot erschaffen, das alle in den Wahnsinn treibt, sobald man es erblickt. Der Schriftsteller H. P. Lovecraft gibt sich in seiner Kurzgeschichte Die Farbe aus dem All ebenfalls einem Farbenrausch hin, der weitaus mehr bewirkt, als nur Menschen um den Verstand zu bringen. Näher benannt wird dieses rosarote Leuchten nicht, dafür fehlt den Betroffenen schier die Zeit und die Lust, angesichts des eskalierenden Dilemmas auch noch das Kind des Grauens beim Namen zu nennen.

Lovecraft ist längst Kult, und nicht weniger als Edgar Allan Poe. Der gerade mal 47 Jahre alt gewordene Amerikaner – es starb an Krebs – gilt als der Begründer des Kosmischen oder gar Lovecraft’schen Horrors, dessen Bedrohung sich aus höheren, unerklärlichen und unergründbaren Mächten speist. Der Cthulhu-Mythos, einhergehend mit dem fiktiven Buch namens Necronomicon, wird zum Beispiel eines frühen Franchise, zum erschaffenen Themen-Universum, dem sich zahlreiche Werke unterordnen. Und wenn einem der Name des Buches bekannt vorkommt: Jawohl, dee Schmöker aus Tanz der Teufel heisst ganz genauso – und zweckentfremdet wurde dieser ja auch nicht ganz, denn was das Buch entfesselt, wissen wir.

In Die Farbe aus dem All gibt es kein Buch und kein näher bestimmtes Artefakt. Doch es gibt einen Meteoriten, der mit Karacho in den Garten der fernab urbanen Trubels lebenden Familie Gardner kracht und dabei einen kaum übersehbaren Krater hinterlässt, dem diese eigentümliche, geschmackvolle, rosarote bis lila Farbe entströmt, die alles durchdringt, bedeckt und zu höherem und andersgeartetem Wachstum antreibt. Es mutiert die Botanik, es mutieren die Alpakas in der Scheune. Man darf erwarten, dass das seltsam strahlende Licht so einiges im Bauplan mehrzelligen Lebens durcheinanderbringt. Wie das geht, ist nicht von Belang. Die Frage nach dem Wie und Warum stellt sich nicht. Stattdessen ist Schadenbegrenzung die oberste Agenda von Nicolas Cage, der zusehen muss, wie seine Liebsten bizarren Metamorphosen unterworfen werden – nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Klar ist Papa nicht immun gegen diesen ganzen Zauber. Das Overacting greift um sich, der vielbeschäftigte Neffe Francis Ford Coppolas darf seine Figur endlich einmal ohne Scham überzeichnen, was zwischendurch aber leider ins Lachhafte kippt. Abgesehen davon, dass Cage locker als Schuspielprofi durchgeht, sofern er entsprechend gefordert wird: zu seinen Nieten zählt ein Auftritt wie dieser hier – was der unheilvollen und bizarren Wirkung der wüsten Science-Fiction aber keinen Abbruch tut.

Die Farbe aus dem All wäre das Ergebnis, wenn man John Carpenters The Thing mit Jeff VanderMeers Annihilation (kongenial verfilmt von Alex Garland) kreuzt. Fans von beidem kämen auf ihre Rechnung, der Bodyhorror trägt dabei pink, der Verstand nichts zur Lösung eines verheerenden Problems bei, welches eine Familie in den Abgrund stürzt und wir dabei zusehen sollen. Lovecraft ist schließlich nie einer, der will, dass das mystische wie mythische Verderben dank der Praktizierung menschlicher Werte gebannt wird. Der Mensch bleibt das Opfer und völlig machtlos. Und reicht nicht die Resignation, regiert der Wahnsinn. Der einzige Zustand, um sich mit dem Unerklärlichen zu arrangieren.

So gesehen ist Die Farbe aus dem All von Richard Stanley geradezu erquickend, ich will nicht sagen erfrischend, aber in seiner ausufernden psychedelischen und metaphysischen Bildgewalt ein launiger Horror mit staunenswerten Seltsamkeiten, stets immer nahe zur Groteske, die den Schrecken fast schon verballhornt – wäre da nicht der Erzähler aus dem Off, der wiederum an Poe erinnert und wie ein Gruselgeschichtenerzähler am Lagerfeuer dann doch noch die richtige Stimmung macht.

Die Farbe aus dem All (2019)