Vivaldi und ich (2025)

WENN DIE GONDELN MASKIERTE MÄDCHEN TRAGEN

7/10


Tecla Insolia mit Maske im Historienfilm Vivaldi und ich
© 2026 Ellio di Pace, X Verleih AG


ORIGINALTITEL: PRIMAVERA

LAND / JAHR: ITALIEN, FRANKREICH

REGIE: DAMIANO MICHIELETTO

DREHBUCH: LUDOVICA RAMPOLDI, DAMIANO MICHIELETTO

KAMERA: DARIA D’ANTONIO

CAST: TECLA INSOLIA, MICHELE RIONDINO, FABRIZIA SACCHI, ANDREA PENNACCHI, VALENTINA BELLÈ, STEFANO ACCORSI, MIKO JARRY, HILDEGARD DE STEFANO, COSIMA CENTURIONI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Freiheit ist alles. Ist man frei, lässt es sich auch laut Wolfgang Ambros, der das ungepflegte Äußere in seinem Austropop-Klassiker feiert, verwahrlost leben. Ganz egal, ob man vor dem Nichts steht, in der Gosse hockt oder in der „Kinettn“ schläft.

Diese Sehnsucht verspürt auch das Waisenmädchen Cecilia, das in Venedig des frühen achtzehnten Jahrhunderts, also noch ein ganzes Stückchen Zeit vor Mozarts Geburt, zumindest die Gnade erfährt, Violine spielen zu dürfen, wenn schon der Rest ihres überschaubaren Lebens innerhalb der vier Wände des Waisenhauses Ospedale della Pieta nach strengen Regeln verläuft und ganz sicher nicht so, wie es sich eine junge Frau gerne wünschen würde.

Fremdbestimmung bar excellence

So ein Waisenhaus finanziert sich nicht von selbst. Ein jungfräuliches musikalisches Mädchen-Ensemble soll den nötigen Reibach lukrieren – richtig viel Geld macht die Buchhaltung mit dem Verschachern hübscher Damen an reiche Gockel. Cecilia weiß: auch ihr steht bald die Verheiratung bevor, und zwar an einen zukünftigen Kriegshelden, sollte er am Schlachtfeld über die Türken siegen. Sie weiß auch: Sobald sie unter der Fuchtel eines Patriarchen steht, gibt’s kein Gestreiche und Gezupfe mehr, denn schließlich schickt es sich nicht, als Frau irgendwelche Künste zu trainieren.

Diese brotlose Kunst

Was für Zeiten. Was für Sitten. Und zwischen all dem ganz plötzlich Antonio Vivaldi. Dazu muss man wissen: So richtig ruhmreich war das Leben dieses großen Komponisten auch nicht. Er war zwar gern gehört und wurde bewundert, doch groß raus kommen sollte er bis zu seinem Tode nicht, denn die Stunde des Ablebens verbrachte er in tiefster Armut. 200 Jahre später dann die Entdeckung, mitsamt der vier Jahreszeiten.

Wenn der Sommer nicht mehr weit ist

Die Entstehung der selbigen wird in dieser weitestgehend frei ersonnenen Möglichkeit einer Begegnung so herrlich subtil angedeutet, als würde man bereits den Sommer spüren, obwohl noch Frühling herrscht. Oder vor dem ersten Schnee. Als würde man diese gewissen Gerüche einer Jahreszeit schon vor allen anderen wahrnehmen – erahnend, was folgen wird.

Für diesen Moment, der in Vivaldi die Saat der Idee zu seinem Zyklus gelegt haben könnte, holt sich Theater- und Opernregisseur Damiano Michieletto für seinen ersten Kino- und Spielfilm eine ganz besondere Akteurin: Tecla Insola, in ihrer Heimat wohl eher als Popsängerin bekannt und genauso wie Michieletto macht sie mit Vivaldi und ich ihren ersten Schritt auf die Leinwand.

Beschreibe mir deine Freiheit

Irgendwie lässt sich der Eindruck nicht verdrängen, Tecla Insola schon mal irgendwo gesehen zu haben, so vertraut kommt sie einem vor, so nahbar wirkt diese Cecilia – introvertiert, auf gute Art rebellisch, klug und wortgewandt nur dann, wenn es etwas zu sagen gibt.

Michele Riondino (The Holy Boy) gibt den kränklichen, hustenden und gehetzten Künstler, der scheinbar nur von seinen Partituren lebt und von nichts sonst. Kaum zu glauben, dass beide sich irgendwann annähern – doch nicht auf eine Weise, wie manche jetzt denken würden.

Vivaldi und ich lässt diese beiden Charaktere ihren inneren Aufstand proben, lässt sie in kreativer Synergie zusammentreffen, dabei entsteht auf beiden Seiten ein mögliches alternatives Leben in Erfüllung und eben besagter Freiheit – in einer Stadt, die selbst schon eingeengt und begrenzt genug ist, durch ihre Kanäle und durch das Meer.

Venedig ist nicht immer nur Markusplatz und Canale Grande

Michielettos Film zeigt Venedig in seiner ganzen Bescheidenheit und Nüchternheit. Er zeigt die Stadt aus der Sicht der Eingeschlossenen und Abhängigen. Dabei fällt mir Andrea Segres ebenfalls ganz andersartiger Städtefilm Welcome Venice ein, der diesem Touristenklischee von urbaner Sehenswürdigkeit seine Echtheit zurückgibt.

Vivaldi und ich spielt natürlich in einer Zeit, die lange zurückliegt. Und dennoch ist das Bild der dahinschippernden Gondel, in denen maskierte Mädchen sitzen, weil keiner ihre jungfräulichen Gesichter sehen darf, ungemein gegenwärtig und vertraut – mit Carneval und sonstigem Schnickschnack hat das Ganze aber nichts zu tun.

Es klingt das Cembalo, es wehen die Kutten

Die Bilder in diesem Film sprechen für sich, so auch die Kostüme, beides vereinigt sich in regem Austausch mit den klangvollen Melodien des Spätbarock, hervorzuheben sind neben der Violine die höfisch-sphärischen Töne das Cembalo. Wenn Cecilia in roter Kutte und schwarzer Maske die ersten Klänge von Vivaldis Sommer geigt, während sie nur für kurze Zeit durch die geschenkte Freiheit eines Wäldchens spaziert, so ist das anmutig und wunderschön.

Vielleicht verwahrlost, aber frei

Um nichts in der Welt würde man Cecilias Lebenstraum scheitern sehen wollen. Und dennoch verweigert Michieletto seinem Vivaldi die Chance, dem historischen Realismus zu entsagen und das Unmögliche durchzusetzen.

Verzweiflung, Schmerz, Verzicht und der nur dadurch mögliche Schritt ins Ungewisse runden diese kraftvoll-feministische Ballade ab, in Erinnerung bleibt Tecla Insolas zuversichtlicher Blick in eine Zukunft, die außer Freiheit und Verwahrlosung vielleicht nichts bieten wird.

Vivaldi und ich (2025)

Welcome Venice (2022)

VENEDIG IN DER SELBSTREFLEXION

7/10


welcome_venice© 2022 Polyfilm


LAND / JAHR: ITALIEN 2022

REGIE: ANDREA SEGRE

DREHBUCH: ANDREA SEGRE, MARCO PETTENELLO

CAST: PAOLO PIEROBON, ANDREA PENNACCHI, ROBERTO CITRAN, ANNA BELLATO, GIULIANA MUSSO, SARA LAZZARO, OTTAVIA PICCOLO, FRANCESCO WOLF U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Es ist natürlich dreist, zu sagen: Zur Zeiten der Pandemie war nicht alles schlecht. Bei genauerer Betrachtung stimmt das aber. Vor allem hinsichtlich des globalen Tourismus, der zumindest für ein paar Jahre diverse Hot Spots wie eben auch Venedig davor bewahrt hat, mit Menschen aus aller Herren Länder lawinenartig überrollt zu werden. So manch attraktives Ökosystem konnte von dieser Auszeit profitieren, um sich zaghaft zu renaturieren. Bauliche Attraktionen wie die Lagunenstadt konnten ebenfalls durchatmen, sich auf sich selbst besinnen, reflektieren, was auf der Habenseite und der Sollseite steht. Andrea Segre, Venezianer aus Leidenschaft, hat die Zeit genutzt, um Venedig fast gänzlich frei von dem augenkrebsfördernden bunten Wahnsinn freizeitgekleideter Massentouristen unter die Lupe zu nehmen. Anders als in seiner Dokumentation Moleküle der Erinnerung aus dem Jahr 2020 nutzt er die entspannte Nüchternheit eines fischerstädtischen Alltags, um in dieser Ruhe vor dem kommenden Ansturm, der zwangsläufig irgendwann folgen wird, wenn Covid aus den Medien verschwindet, um diesmal eine fiktive Geschichte zu erzählen. Ein handfestes, konfliktreiches Familiendrama um zwei Brüder, deren Lebenskonzepte und Wertebewusstsein unterschiedlicher nicht hätte sein können.

Doch keiner schreit und zetert in knackigem Italienisch herum wie seinerzeit Sophia Loren in den neorealistischen Klassikern der 60er Jahre. Das sprichwörtliche, vielleicht auch klischeehafte italienische Temperament mag überall auf der Stiefel-Halbinsel durchkommen – in Venedig ticken die Uhren anders, sind Geräusche subtiler, schwelt die Morbidität des Metaphysischen wie nirgendwo sonst. Tod in Venedig, Wenn die Gondeln Trauer tragen – entweder ist die Lagunenstadt das Ende von etwas oder hält einen Paradigmenwechsel parat. Wie in Welcome Venice. Und auch dort wetzt der Gevatter seine Sense. Denn ursprünglich waren es drei Brüder, die eine Villa als gemeinsames Erbe verwalten und es eine ganze Zeit lang auch dafür genutzt haben, um die Zunft des Krabbenfischfangs zu zelebrieren. Was sie da so aus den Salzmarschen holen, sind die sogenannten Moeche, die man dann fängt, wenn die Panzer der Krustentiere noch weich genug sind, um sie mit Stumpf und Stiel in die Pfanne hauen zu können. Das ist harte Arbeit, allerdings ist sie Tradition, verbindet die Farmer mit dem Meer, lässt sie kaum abhängig sein von irgendwas, außer den Gezeiten. Einer der Brüder, Alvise, sieht das anders. Er ist Geschäftsmann und Tourismusmanager und wartet nur darauf, dass es wieder losgeht mit der Invasion der Kreuzfahrtriesen, die dieser besonderen Stadt den Charme nehmen, dafür aber Geld bringen. Piero und Toni hingegen feiern die Entschleunigung und die Balance zwischen Geben und Nehmen. Als Toni eines Tages beim Krabbenfischen vom Blitz erschlagen wird und dessen Witwe Alvise ihren Anteil des Hauses überlässt, bleibt nur noch, Piero davon zu überzeugen, dass die Zukunft im kapitalistischen Glück des Fremdenverkehrs liegt.

Ein Bruderzwist zu Venedig, so könnte man Segres Film zumindest theatralisch genug untertiteln. Dabei ist schwer vorauszusagen, wie ein solch verwurzelter Konflikt gelöst werden kann – oder eben nicht. Verflochten mit der Familiengeschichte der beiden Brüder, die versuchen, anhand einschneidender Erlebnisse aus deren Kindheit ihre Überzeugungen zu begründen, reflektiert Welcome Venice mit dieser Chronologie einer übermächtigen globalen Veränderung die Bedeutung und Identität einer zum Ausverkauf stehenden urbanen Besonderheit, die viel Geschichte erzählt und sich zwischen den Zeilen lesen lässt, als wäre es eine Fahrt mit einer Trauer tragenden Gondel durch versteckte, totenstille Kanäle. Die Bilder eines entschleunigten, auf sich selbst heruntergebrochenen Venedigs berühren und versetzen in eine vertraute Stimmung. Obwohl man selbst Venedig, hat man es einmal gesehen, nur oberflächlich kennt, mag der Zustand eines der Öffentlichkeit abgekehrten mediterranen Ist-Zustandes auch emotional nachvollziehbar sein. Man schmeckt und riecht das Meer, dessen Früchte und modrigen Mauern. Wenn sich der Morgen über den Marschen hebt, ist das ein Impressionismus, den Touristen weitaus lieber haben als sich mit den Massen durch die zeitlose Blase einer Welt zu schieben, die gerne mit sich selbst allein wäre.

Segre bleibt melancholisch und ruhig, sein Film birgt Stille, aber auch Trotz. Eine gewisse Erschöpfung geht von allem aus, eine Resignation, die an Pessimismus grenzt. Am Ende findet der Autorenfilmer keinen anderen Ausweg, als einem symbolträchtigen Zynismus zu folgen. Die letzte Szene birgt die Wut einer inneren Katastrophe, und in ihrer fast surrealen Radikalität zählt sie zu den eindrucksvollsten Schlussbildern der letzten Jahre.

Welcome Venice (2022)