Birds of Passage

DAS ÜBEL MIT DER WURZEL

7,5/10

 

birdsofpassage© 2018 Ciudad Lunar, Blond Indian, Matea Contreras

 

ORIGINAL: PÁJAROS DE VERANO

LAND: KOLUMBIEN 2018

REGIE: CIRO GUERRA, CRISTINA GALLEGO

CAST: CARMINA MARTINEZ, JHON NARVAEZ, JOSÉ ACOSTA, NATALIA REYES, GREIDER MEZA, JOSE VICENTE COTES U. A.

 

Eine karge Ebene, über die der Wind weht. Dürre Bäume. Man möchte meinen, man wäre in der Sahelzone. Falsch gedacht. Dieses Ödland ist Kolumbien. Wobei ich bei Kolumbien in erster Linie an dichte Wälder denke, bis an die Küste. Die Hütten der Wayuu allerdings, die stehen dort, wo Touristen womöglich kaum hinkommen. Nämlich an der Halbinsel La Guajira im Norden des Landes, direkt an der Grenze zu Venezuela. Wer die Wayuu eigentlich sind? Ein indigenes Volk mit Prinzipien, strengen Regeln und Ritualen. Und mit einem schier grenzenlosen Glauben an eine höhere, fast schon prophetische Bedeutung der Dinge. Kommt bekannt vor? Zumindest wenn man ans Römische Reich denkt, da waren die sogenannten Auguren jene, die aus allem was sie sahen, hörten oder in die Finger bekamen, die Zukunft lesen oder zumindest erahnen konnten. Soweit ich weiß, wurde selbst Cäsar davor gewarnt, an den Iden des März im Jahre 44 v.Chr. den Senat aufzusuchen. In den Wind schlagen lässt sich sowas recht einfach. Und in den Wind, der da an der Halbinsel unablässig weht, schlagen auch die Wayuu sämtliche Omen, wenn es um Profit geht. Den entdeckt nämlich in den 60er Jahren ein in die Sippe der Wayuu eingeheirateter junger Mann namens Rapayet, der einigen Amis Marihuana verkauft. Die wollen bald mehr, und so wird das grüne Gold, wie es im Untertitel des Filmes heißt, Zankapfel sämtlicher Clans, die alle ein Stück vom Kuchen wollen und bald lästige Konkurrenz mit bewährtem Blei der Einfachheit halber auszuschalten gedenken. Irgendwie rauft man sich zusammen, auch wenn man sich nicht ausstehen kann und die Ehre der Familie ständig im Weg ist. Die wird dann auch, nachdem alle Jahrzehnte später in ihrem Reichtum förmlich ertrinken, allen zum Verhängnis – und eine bittere Tragödie nimmt ihren Lauf.

Birds of Passage – das sind die Zugvögel, die übers Land Richtung Süden ziehen. Das sind aber auch Seelenträger Verstorbener, die keine Ruhe finden. Der stelzende Graureiher ist ein Symbol, dass den ganzen Film frequentiert und Verrätern nicht von der Seite weicht. Stets stakst das Federvieh über Lehm- und Teppichboden, erinnernd an den Blutzoll, der dem Perpetuum Mobile der Gewalt erst den Anstoß gegeben hat. Der Kolumbianer Ciro Guerra, der schon mit der bemerkenswerten Dschungelodyssee Der Schamane und die Schlange den künstlerischen Aspekt des Schwarzweißfilms wieder zu neuen Sphären erhoben hat, reist nun vom Amazonas in die eigene Heimat und gräbt so tief es geht in der kolumbianischen Erde, um das grüne Übel an der Wurzel zu packen und die kriminelle Genesis des Drogengeschäfts von der Stunde Null an zu erzählen. Auch für Birds of Passage findet Ciro Guerra epische Bilder, die auf den ersten Blick so gar nichts mit irgendeiner Art des Suchtmittel-Business zu tun haben. Wenn das Wayuu-Mädchen Zaida vom Mädchen zur Frau wird, und das im Rahmen einer penibel durchexerzierten Initiation, dann erinnern die wallenden, vom Wind gebauschten roten Gewänder an die Bildsprache von Tarsem Singh, wie aus einem surrealen Märchen, das aber bei näherem Hinsehen nur scheinbar so anmutig und verzaubernd wirkt. Das rote Tuch – eine weitere Metapher, vielleicht für das vergossene Blut, das den heiligen Boden tränkt, der für das im wahrsten Sinne des Wortes fatale Joint Venture unerlässlich ist. Die Leichen aber, die hier den Weg pflastern, säumen wie Mahnmale die Landschaft. Was wir sehen ist nicht das Töten, sondern den Tod, das Resultat eines unlösbaren Konflikts, dazwischen gezogene Waffen, traditionelle Gesänge, und entrückte Visionen, die genauso zu deuten sind wie alles andere. Birds of Passage ist eine flirrende, womöglich nach eigenen filmischen Ritualen streng komponierte Oper um Gewalt, Reichtum und die Geißel ethnisch bedingter Zwänge. Und ein verlustreiches Lehrstück über die Institution Familie als Grundstruktur für das finstere Wesen der Kartelle, wie Pablo Escobar sie später mal regieren wird.

Birds of Passage

On the Milky Road

WENN DER MILCHMANN ZWEIMAL KLINGELT

3/10

 

milkyroad© 2017 Weltkino

 

LAND: MONTENEGRO, SERBIEN 2017

REGIE: EMIR KUSTURICA

MIT EMIR KUSTURICA, MONICA BELUCCI, SLOBODA MICALOVIC U. A.

 

Als sich der bosnische Filmemacher Emir Kusturica 1995 die goldene Palme für seine Antikriegsparabel Underground ans Revers heften konnte, so war das eine gebührende Auszeichnung. Sein bildgewaltiges Panoptikum über und unter Tage ist fraglos ein Meisterwerk, nicht weniger sein auch als Oper vertontes Epos Zeit der Zigeuner. schlägt den schrillen Folklore-Reigen sogar noch um einige Längen. Spätestens Mitte der Neunziger wusste ich – Kusturica ist ein Visionär, seine Filme haben einen völlig eigenen Stil, die Musik ist genial, allerdings besser noch live zu genießen. Mit seinem neuesten Streifen On the Milky Road hat sich der Künstler aber ein relativ mattes Eigentor verpasst. Vor allem auch, weil er diesmal nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera agiert. Das haut, gelinde gesagt, eigentlich wirklich nicht hin.

Dabei ist On the Milky Road nicht der erste Film, die Kusturica im Cast ganz oben anführt. Nur die anderen Filme kenne ich zum Glück nicht – ehrlich gesagt habe ich mit vorliegendem Filmmärchen schon genug um die Ohren – und damit meine ich nicht nur die obligaten Akkordeonklänge und enervierenden Trompetenstöße, die zwar die Mentalität eines Volkes ganz gut intonieren, auf die Dauer aber ziemlich aufreiben. Das würde auch nicht wirklich stören, wenn Emir Kusturica nicht so ein stoischer Schauspieler wäre. Als Milchmann zwischen den Fronten macht der in die Tage gekommene Junggeselle nicht nur Uhrturm-Tochter Milena schöne Augen, sondern verliebt sich auch in die ebenfalls ein bisschen in die Jahre gekommene, aber immer noch extrem anmutige Monica Belucci, die hier im Nirgendwo vor ihrem mordenden Liebhaber Zuflucht sucht. Das dann noch Milena´s Bruder, der aus dem Krieg zurückkehrt, „Schneewittchen“ Belucci heiraten wird und Milchmann Kusturica zwingt, Milena zu heiraten, sind nur Komplikationen in einem Bauerntheater, das mit allerhand burlesken Clownerien aufwartet, den Funken jedoch nicht überspringen lässt. Als Zuschauer mache ich es Kusturica gleich und beobachte relativ leidenschaftslos ein zumindest als leidenschaftlich geplantes Liebesdrama mit komödiantischen Spitzen, das sich sagenhaft in die Länge zieht.

Dazwischen gibt’s Symbolik mit dem Milcheimer, vor allem was holprig animierte Schlangen angeht. Die kreuzen immer wieder auf, oder ist es immer nur dieselbe? Ich denke doch, denn so viele Schlangen, die Milch trinken, gibt es nicht. Da kann man natürlich raten, was die Inkarnation der Versuchung oder das Reptil der Erkenntnis wohl zu bedeuten hat. Meiner Begrifflichkeit nach in einem relativ ungleich austarierten Verhältnis zum Film, der sich in seinen surrealen Momenten immer wieder selbst wiederholt und auf Biegen und Brechen verzaubern will. Da wäre es aber besser gewesen, den Regisseur hinter der Kamera zu lassen, denn so viel, wie er selbst an seinem Film kaputt macht, geht auf keine Schlangenhaut. Das passiert dann, wenn Künstler sich selbst für zu wichtig nehmen. Dann wollen sie überall im Mittelpunkt stehen. Dieses Wollen kommt gegen das Können nicht an – was bleibt, ist ein substanzlos simples Provinzmärchen zwischen Krieg und Frieden, aufreibend hölzern und so stockend wie Milch nach einem Gewitter.

On the Milky Road

Die Migrantigen

AUSLÄNDISCH FÜR ANFÄNGER

7,5/10

 

migrantigen© 2017 Luna Filmverleih 

 

LAND: ÖSTERRECH 2017

REGIE: Arman T. Riahi

Mit Faris Rahoma, Aleksandar Petrović, Doris Schretzmayer, Daniela Zacherl u.a.

 

Stellt euch einmal vor, ihr seid Schauspieler. (jene, die das lesen und es bereits sind, brauchen hier nicht aktiv zu werden) und geht zu einem Casting. Dort werdet ihr aufgefordert, einen Ausländer darzustellen. Wie soll der sein, der Ausländer? Gute Frage, vielleicht sogar eine Fangfrage. Vielleicht entsteht dann so eine Performance wie sie Lukas Resetarits in seinen kabarettistischen Anfängen mit dem oft in der Unterhaltungssendung Wurlitzer gezeigten Kult-Nummer Der Tschusch auf die Kleinkunstbühne gebracht hat. Für alle, die die treffsichere Conference nicht kennen: Es erkundigt sich ein – sagen wir mal – Mittdreißiger mit Migrationshintergrund nach dem Verbleib der berühmt-berüchtigten Thaliastraße. Zu seinem Leidwesen fragt er einen Wiener, der stellvertretend für den Otto Normalbürger besagter Stadt erwartungsgemäß xenophob reagiert und den arglosen „Tschusch“ in eine gesellschaftliche Nische voller Vorurteile drängt. Das Ganze endet mit „Ausländer, raus aus dem Ausland!“. Ein bizarres, im Kern aber leider allzu wahres Bild des Umgangs von autochthonen Österreichern mit immigrierten Bürgern anderer Länder. Das Ganze aktueller denn je. Der gebürtige Iraner und längst Österreicher Arman T. Riahi hat mit der fast schon nestroy´schen Gegenwartsfarce Die Migrantigen den Konflikt zwischen „Zuagrasten“ und Eingeborenen ähnlich auf die Spitze getrieben – mit Wortwitz, ironischem Augenzwinkern und ganz viel Hirn. 

Überhaupt – 2017 ist für den österreichischen Film ein ziemlich starkes Jahr mit beeindruckenden Produktionen und längst nicht mehr nur Betroffenheitskino. Ganz im Gegenteil – Die Migrantigen reihen sich selbstbewusst in die Reihe jener Filme aus heimischen Landen ein, die auf die Watchlist müssen. Vorausgesetzt, es ist eine Watchlist für weltoffene Filmfreunde, die gerne bereit sind, festgefahrene Vorurteile zu hinterfragen. Und hinterfragt wird in Riahi´s intelligent konstruierter Komödie einiges – vor allem eben das Bild, das wir uns von den serbischen, türkischen und sonstigen Minderheiten zurechtgezimmert haben – die aber die urbane Gesellschaft, das Kulturleben und die Vielfalt bislang mehr bereichern als behindern konnten. Dieses oftmals mit der Muttermilch aufgesogene Menschenbild vom anpassungsresistenten Fremden dienst als scheinbar leicht zu tragendes Mäntelchen für die beiden Alltagsloser im Film, die rein zufällig die Aufmerksamkeit eines Fernsehteams erregen, das wiederum auf der Suche ist nach echten, authentischen Schauplatzgeschichten, die das Leben geschrieben hat. Und am besten gleich mit quoten- und sendetauglicher Dramatik. Vielleicht auch mit Action, und ein bisschen Unterwelt. Das sogar sehr gerne. Als überaus ehrgeizige Reporterin darf hier Doris Schretzmayer den Köder schlucken, den die beiden arbeitslosen Bobos im fiktiven Wiener Grätzel Rudolfsgrund breitgefächert auslegen. Und ihre Rollen zumindest verbal bis zur Perfektion beherrschen, stammen doch auch sie aus Familien, die ebenso, vor ewigen Zeiten, eingewandert sind. Doch vom kulturellen Kolorit ihrer Vorfahren ist nicht mehr viel übrig. Macht auch nichts, so denken die zwei. Bedienen wir uns der gängigen Klischees, die den Migranten anhaften, und zeigen wir dem Fernsehpublikum die einzig wahre Parallel- und Subkultur, die wohl jedem in den Kram passt. Zu Rate gezogen werden mitunter auch Vertreter waschechter Ethnien, die wiederum – und jetzt kommt’s – den beiden Gelegenheitsbetrügern selbst einen Bären aufbinden. Einen Bären, der eine Eigendynamik entwickelt, die keinem der mittlerweile drei Parteien letztendlich alles andere als dienlich ist. 

Was folgt, ist eine höchst vergnügliche Verkettung alles verkomplizierender Ereignisse, die das bequeme Verständnis von Integration und festgefahrener Ausländer-Stereotypien konterkariert. Niemals mit erhobenem Zeigefinger, alles selbstentlarvend. Und mit der Erkenntnis, das Integration mitgebrachte Tradition nicht zwingend ausschließen muss. Und man sich vor ihr auch nicht fürchten sollte.

Die Migrantigen