Wenn du König wärst

PROJEKTTAGE MAL ANDERS

7/10

 

wenndukoenig© 2019 20th Century Fox Deutschland

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: JOE CORNISH

CAST: LOUIS ASHBORNE SERKIS, TOM TAYLOR, REBECCA FERGUSON, DEAN CHAUMOO, RHIANNA DORRIS, ANGUS IMRE, PATRICK STEWART U. A.

 

Ich liebe den Film The Sword in the Stone, im deutschen Verleih bekannt als Die Hexe und der Zauberer. Disney hat hier einen unglaublich liebevollen und charmant-witzigen Klassiker entworfen, der die Legende rund um König Artus in aufwändigen Handzeichnungen und in familientauglicher, steter Zuversicht als kauzigen Evergreen-Event nacherzählt hat. Wenn Hexe Mim die Sonne verflucht oder Eule Archimedes sich scheckig lacht, das sind das immer wieder gern gesehene Sternstunden der Zeichentrickkunst. Weg von den Strichen und hinüber in eine uns bekannte photographische Gegenwart wechselt der jüngst im Kino gestartete Abenteuerfilm Wenn du König wärst. König Artus ist auch hier das Thema, und wieder gibt es jemanden, der es schafft, das besagte Schwert Excalibur aus dem Stein zu ziehen. Dieser Stein, der steht auf einem Abrissgrund, wir schreiben das 21. Jahrhundert, und wäre der Junge Alex nicht von seinen Erzrivalen aus der Schule gejagt worden, hätte er das Artefakt, versteckt hinter Baustellplanen, nie entdeckt. Oder doch? Vielleicht auf anderem Wege, denn das Schwert hätte vermutlich schon seinen Meister gefunden, auf welche Art auch immer. Doch was damit anstellen? Ritter spielen, angeben? Oder eins und eins zusammenzählen? Das Ergebnis wäre mehr als beunruhigend, denn der leicht schartige Stahl der Wunderklinge hat ganz andere Mächte auf den Plan gerufen, und die haben familiäre Gründe – ist doch die gute Morgana Halbschwester des legendären Tafelrundlers und gleichzeitig finstere Hexe, die tief unter der Erde, verflochten in den Wurzeln der Bäume Südenglands, eine ganze Armee untoter Ritter befehligt. Oder befehligen möchte, denn die sollen ihr gefälligst Excalibur beschaffen, denn laut Notar fällt das Erbe immer an die nächsten Verwandten, was wohl sie wäre. Statt den Weg in die Kanzlei wählt sie den Weg des geringsten Widerstands – und rüstet sich für eine Sonnenfinsternis, die den jüngsten Tag einläuten soll.

Wenn das kein Stoff für zehnjährige Jungs und Mädchen ist, dann weiß ich auch nicht: Wenn du König wärst ist handfeste Fantasy für den Nachwuchs, für den Der Herr der Ringe oder Game of Thrones noch einen Tick zu schwer verdaulich ist. Joe Cornish hat sich an den bewährten Jugendkino-Stil eines Chris Columbus orientiert und in dessen wertebewusstem Geiste einen spannenden und kurzweiligen Genremix zwischen Stephen Sommers leinenumwickelten Mumieneskapaden, den Goonies und Disneys Zauberlehrling inszeniert, bei dem sich nicht nur die Kids im Kinosaal wünschen würden, hier selbst den Harnisch anzulegen und das Schwert zu schwingen. Da entsteht Gruppendynamik wie aus dem psychosozialen Lehrbuch, und das beste dabei – Feinde werden zu Freunden, und auch der größte Kotzbrocken könnte in Wahrheit ganz anders sein. Vor allem jemand, der sich wertschätzen lässt, denn niemand ist wirklich gern der schwarze Peter, da steckt meist was anderes dahinter. Cornish macht die Verbrüderung zum Thema, lässt die Next Generation im wahrsten Sinne des Wortes an einem Strang ziehen und lässt die klassenübergreifenden Projekttage durchaus als Abenteuer Unterricht durchgehen. Denn so macht Schule Spaß, auch wenn die Gefahr besteht, von der Klinge eines Knochenritters durchbohrt zu werden. So brutal aber wird es nicht, da bleibt Wenn du König wärst genau dort, wo er hingehört – zwischen kribbeliger Suspense, selbstbewusster Ironie und blutloser Action. Selbst das monströse Konterfei von Hexenwesen Morgana hat nur so lange Bildschirmpräsenz, dass sie sich nicht in die juvenile Netzhaut brennt. Das ist gut getimt, und so wie die Versatzstücke einer Jahrtausende alten Legende in den Waffenrock eines Unterstufen-Gymnasiasten passen, ist auf originelle Weise aufgedröselt. Der Shooting Star schlechthin: Angus Imre als junger Merlin, der fleischgewordene Charakter aus dem Skizzenfundus alter Disney-Cartoons, schlaksig, ungelenk, herrlich altmodisch und gewandet in ein Led Zeppelin-T-Shirt, das sich übrigens durch den ganzen Film zieht – als hätte Cornish die Chance genutzt, sich insgeheim als Fan zu outen.

Louis Ashborne Serkis, der Filius von Motion capture-Mastermind Andy, nimmt seine Aufgabe als Schauspieler und Nachfahre König Artus‘ aufrichtig ernst. Ganz wie im Rollenspiel, dem Jung und Alt heutzutage gleichermaßen frönen dürfen, und so sieht das ganze dann aus, wenn sich die Bilder, die man dabei im Kopf hat, auf der Leinwand manifestieren. Eine spannende Challenge, wo alles seinen richtigen Platz hat, um das Gute siegen zu lassen. Denn verlieren will niemand, am wenigsten unser Nachwuchs, der in Zeiten wie diesen nicht nur in der Schule gehörig viel leisten muss.

Wenn du König wärst

Kaffee mit Milch und Stress

WIE DIE ALTEN SUNGEN

6/10

 

kaffeemilchstress© 2017 Filmladen Filmverleih

 

LAND: FINNLAND 2017

REGIE: DOME KARUKOSKI

MIT ANTTI LITJA, PETRA FREY, MARI PERANKOSKI, LIKKA FORSS U. A.

 

Entweder die Alten flüchten aus dem Altersheim, und zwar nicht durch die Hintertür, sondern durch das Fenster. Oder sie grummeln herum und werden nur langsam zu Verbündeten. Oder sie isolieren sich tief in den Wäldern und hacken noch das Kleinholz wie anno dazumal. Blöd nur, wenn der alte Aussteiger dann über die Kellertreppe stürzt – dann gibt es nämlich kein Entkommen mehr aus der Gegenwart, da lässt sich die Zeit auch nicht mehr zurückdrehen. Da muss der alte Mann der Realität ins Auge sehen: die Konservierung vor dem Verfall funktioniert so nicht ganz, und wenn dann der Nachwuchs noch alles besser weiß, gibt’s ordentlich Zündstoff. Was ich damit sagen will – Das Kino Nordeuropas gibt seinen Senioren zumindest filmtechnisch genügend Sendezeit. Mit diebischer Freude dürfen sie gesellschaftliche Dogmen über Bord werfen, radikales Entkommen wählen oder einfach nur sagen, was Sache ist. Das nämlich früher alles besser war. Das meint der alte Hinterwäldler, und hört nicht auf, es wieder und wieder zu betonen, vor allem wenn ihm die Schwiegertochter Mate Tee statt Kaffee vorsetzt. Da könnte ich aber mit meinen jungen Jahren auch schon die Nerven schmeißen. Nichts geht über Kaffee. Wie erschreckend, wenn der Haushalt seines Filius nicht mal mehr den Frischgemahlenen verarbeiten kann. Und Sojakost zum Nachtmahl – Nein, Danke. In vielen Dingen hat der alte Besserwisser so ziemlich recht. Und er lässt keinen Moment verstreichen, seine Ansichten kundzutun. Aber, was wir natürlich schon im Vorfeld wissen – er hat nicht in allem Recht.

Kaffee mit Milch und Stress ist eine zerknautschte Tragikomödie über die Verklärung der guten alten Zeit und über die mangelnde Reflexion der Neuzeit. Mittendrin ein alter Mann, der nicht so griesgrämig ist wie ein Mann namens Ove, der aber als Verfechter von Bewährtem in einer Zeitkapsel existiert und so lebt, als dürften die kommenden Tage nur Variationen der besten Momente von damals sein. Viel zu schmerzhaft ist die Vergänglichkeit, das Gewesene, das niemals Wiederkehrende. Filme über das Alter sind selten nur frohgemute Komödien mit allerlei skurrilen Anteilen – Filme dieser Art sind oft traurig, wehmütig, und bieten genug Anknüpfungspunkte an die eigene Familiengeschichte – was sie nur noch er- und begreifbarer macht. Regisseur Dome Karukoski (Helden des Polarkreises) lässt seinen stets mit einer ausladenden Bärenfellmütze geschmückten Eigenbrötler im Grunde längst nicht resignierend daherkommen – viel zu viel von all dem Alten wurde lange Zeit erfolgreich gehütet, so wie der kleine rote Ford Escort – für die nötige Wehmut sorgt die musikalische Untermalung der ganzen Familiendramödie, die vielleicht um einiges zu dick aufträgt und eigentlich situationskomische Szenen in verheißungsvoller Melancholie missinterpretiert. Das mag bei den wie alten Postkarten eingefärbten Rückblenden passend sein, nicht aber den ganzen Film hindurch. Ein Beispiel, wie sehr der Soundtrack Filmszenen umfärben kann, die im Grunde gar nicht so gemeint sind. Oder doch? Schön und stimmungsvoll ist sie ja.

Wobei die besten Szenen eben jene sind, in der die erfolgreiche Businessfrau und Schwiegertochter Liisa den alten Hinterwäldler während eines Geschäftsabschlusses mit russischen Interessenten an der Backe hat. Die skurrile Konstellation erinnert nicht nur ungefähr an die österreichisch-deutsche Tragikomödie Toni Erdmann, wo Papa Simonischek nicht von der Tochter Seite rückt, nur, um ihr zu zeigen, dass das Leben durchaus eine Portion ungezwungenen Spaß vertragen kann. Bärenfell-Opa will ähnliches, allerdings längst nicht so von langer Hand geplant. In diese Schiene hinein hätte noch mehr passieren können. Stattdessen schlägt der Film eine für finnische Verhältnisse fast schon konventionelle Richtung ein, die sicherlich aufrichtig gemeint und in sich stimmig ist, im Endeffekt aber in der Art und Weise, wie er den unausweichlichen Generationen-Clash interpretiert, auf bewährte Messages zurückgreift. Kaffee mit Milch und Stress lässt Älterwerden nur dann zu, wenn auch sonst alles beim Alten bleibt. Das hat natürlich Witz und gewährt Einsicht, für die geistige Frischzellenkur von Vater und Sohn, die beide mit Gewohntem brechen müssen, fehlt fast ein bisschen das gewisse Radikale, auch wenn der Ford Escort auf dem Autofriedhof landet.

Kaffee mit Milch und Stress