Underdog

APOKALYPSE WAU

7/10

 

weissergott2© 2014 Delphi Filmverleih

 

LAND: UNGARN 2014

REGIE: KORNÉL MANDRUCZÓ

MIT ZSÓFIA PSOTTA, ZSÁNDOR ZSÓTÉR, KORNÉL MANDRUCZÓ, LILI HORVÁTH, LILI MONORI U. A.

 

Eben erst haben die diversesten Hunderassen in Wes Anderson´s utopischem Puppen-Mandala Isle of Dogs – Ataris Reise den Aufstand geprobt. Dabei gab es vor einigen Jahren bereits einen anderen, thematisch ähnlichen Film, der das Wesen des Hundes und seine Beziehung zu den Menschen auf eine gesellschaftspolitische Ebene hob. 2014 entstand im filmisch eher kleinlaut tönenden Land Ungarn die allegorische Parabel Fehér Isten, was soviel heißt wie Weißer Gott und hierzulande, also im deutschsprachigen Raum, mit Underdog betitelt wurde. Sowohl die eine als auch die andere Bezeichnung des Filmes ist passend, Weißer Gott trifft es aber eher, und war auch die ursprüngliche Wahl von Regisseur Kornél Mandruczó, dessen neuester Streifen Jupiter´s Moon in den österreichischen Kinos auf ungerechtfertigt wenig Aufmerksamkeit stieß.

Weißer Gott beginnt mit einem postapokalyptischen Szenario – wir sehen ein menschenleeres Budapest, verlassene Autos, deren Blinker immer noch an sind. Plötzlich ein Mädchen auf dem Fahrrad. Wäre das verlassene Auto nicht, könnte die Radlerin auch an einem Sonntag sehr früh aufgestanden sein – doch Sekunden später wissen wir, dass dem nicht so ist. Das Mädchen wird verfolgt von einer nicht enden wollenden Meute wilder Hunde. Die Aggressoren haben aber auch wirklich jeden Grund dazu, wütend zu sein. Im Zentrum steht die Promenadenmischung Hagen, die vom Vater der pupertären Lili erstmal nur gebilligt, dann missbilligt und folglich am Rande von Budapest ausgesetzt wird. Auf der verzweifelten Suche nach Nahrung kommt der Shar Pei-Retriever-Mischling tatsächlich in Teufels Küche, wo er Hackebeilen ausweichen muss. Wie ein vierbeiniger Oliver Twist wird der Hund fortan von einem Peiniger zum Nächsten gereicht, vom Sklaventreiber zum Hundekampftrainer. Zwischendurch müssen er und seine Leidensgenossen vor den Hundefängern flüchten, die wenig zimperlich ihre Arbeit erledigen wollen. Der Mensch, so erfährt Hagen, ist ein sadistisches, knechtendes Scheusal. Machgierig, eigennützig, erbarmungslos. Viel braucht es nicht mehr, und die ausgestoßenen, weil gemischtrassigen Vierbeiner tun sich zusammen – um dem „Weißen Gott“ zu zeigen, dass der Spieß sehr schnell umgedreht werden kann.

Immer noch ist der Hund ein Raubtier. Ein domestiziertes zwar, aber im Grunde seines Wesens ein archaisches Kraftpaket, schnell und wendig und mit einem Gespür für jene Angst, die von ihren Herren ausgeht. Mundruczó distanziert sich bewusst von den anthropomorphisierten Darstellungen von Hunden, die vor allem in Hollywood und insbesondere bei Disney gang und gäbe sind. Seine tierischen Stars können weder sprechen noch tun sie Dinge, die Menschen ihnen gerne andichten. Das einzige was sie tun, ist, sich zusammenrotten und gezielten Terror verbreiten. Spätestens hier wird Weißer Gott zur mysteriösen Chronik eines Ausnahmezustandes, der so unmöglich tatsächlich passieren kann und der endzeitliche Tendenzen aufweist, diese aber nicht wirklich bis zu letzten Konsequenz auslebt. Die Eroberung Budapests bleibt aus, die Zuspitzung ins Bizarre wäre womöglich misslungen, als mögliches, weil vielleicht gar nicht gewolltes Pamphlet gegen die Ideale einer Victor Orban-Regierung funktioniert Weißer Gott aber auch so, wenn auch entschärft. Obwohl in Anbetracht der Wiederwahl eines Rechtspopulisten eine nachhaltig tierische Pedigree-Revolution wohl noch mehr befreiender Zündstoff gewesen wäre.

Weißer Gott ist eine stringente Parabel auf Rassismus, Unterdrückung und Ignoranz. Nimmt sich viel Zeit, um zu beobachten und lässt sich nicht drängen, die Initiative ergreifen zu lassen, trotz all der animalischen Wut, die den Zuschauer befällt. Dass angesichts all dieser teils heftigen Tierszenen wirklich keine Hunde zu Schaden gekommen sind, wie nach jedem Film pflichtgemäß im Abspann deklariert wird, ist kaum zu glauben. Gut, mit Hunden lässt sich so manches Kunststück bewerkstelligen. Hunde sind angefangen von Benji bis zu Lassie die wohl dankbarsten tierischen Darsteller – weil sie sich perfekt abrichten lassen, weil sie lernen und gehorsam sind. Doch Vorsicht an alle Hundeliebhaber und all jene, die gerne Hundefilme wie Beethoven, Marley & ich, Scott & Huutch oder Pets in ihrer DVDthek wissen – Weißer Gott ist was ganz anderes und wird so manches Frauchen oder Herrchen mit Sicherheit verstören. Ihrem „besten Freund des Menschen“ als indikativer Spiegel der Gesellschaft aber wären sie womöglich dankbarer als zuvor.

Underdog

Mein ziemlich kleiner Freund

GRÖSSE IST RELATIV

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kleinerfreund

Bilbo Beutlin, Yoda, Tyrion Lennister – die Liste der kleinen großen Helden ist länger geworden, und die Zeiten, in denen man nach der Größe beurteilt hat, sind obsolet und längst vorbei. Insbesondere popkulturelle Medien konzentrieren sich auf die augenscheinlich Schwächeren und machen aus ihnen die wahren Antreiber der Revolution und Ikonen des Umdenkens. Zu diesen resoluten Gesellen wähnt sich auch der französische Neo-Stummfilm-Star (The Artist) und Liebling der Frauen, Jean Dujardin. In der ganz und gar nicht albernen Komödie Mein ziemlich kleiner Freund begibt sich der intellektuelle Charmebolzen mit Dreitagebart auf Augenhöhe mit Virginie Efira´s unterstem Blusenknopf. Die bezaubernd schöne Entdeckung des französischen Kinos, die schon im frühsommerlichen Liebesfilm Birnenkuchen mit Lavendel einem eigenbrötlerischen Superhirn den Kopf verdreht hat, darf nun ihr Herz an einen Herzbuben verlieren, der so gar nicht ins gesellschaftstaugliche Gesamtbild passt. Denn wie soll denn ein Mann, der um vieles kleiner ist als die Frau, diese denn beschützen? Wie denn ganz nach Humphrey Bogart-Manier auf sie herabsehen? Einfach Stärke, Unbezwingbarkeit und Macht demonstrieren? Nun, oberflächlich betrachtet gar nicht. Die Schulter zum Anlehnen ist plötzlich um einige Zoll weiter unten. Und siehe da – nicht nur wir Zuseher ertappen uns dabei, wie wir uns vorgefertigten und ungenügend reflektierten Normen unterwerfen. Ohne Widerstand, fast antriebslos und unbemerkt anerzogen. Regisseur Laurent Titard (u.a. die Verfilmung des Comics Der kleine Nick) hinterfragt mit seiner liebenswürdigen und augenzwinkernden Boulevardkomödie, die sich viel mehr als Liebesfilm versteht und weniger als bizarrer Schenkelklopfer auf Kosten der physisch Benachteiligten, die Parameter, die einen Mann erst zu einem Mann machen müssen. Aber müssen sie das wirklich? Das Überbordwerfen überkommener Vorurteile ist nach dieser Frage, die man sich selbst stellt, nur eine logische Konsequenz.

Was an einer Komödie zu einer Herkulesaufgabe wird, die ihre Attraktion durch die Kleinwüchsigkeit eines ansonsten stattlichen Mannes bezieht, ist, niemals respekt- oder gar würdelos zu erscheinen. Leicht könnte der Plot hier ins Diskriminierende kippen. Was Mein ziemlich kleiner Freund aber gelingt, ist, seine Hauptfigur niemals, und nicht mal in den Szenen, die das Problem der geringen Größe frappant veranschaulichen, der Lächerlichkeit preiszugeben. Etwas, das den amerikanischen Regiebrüdern Peter und Bobby Farrelly in ihren komödiantischen Freakshows wie Schwer verliebt nie wirklich gelungen ist.

Jean Dujardin muss sein Image des Frauenverstehers und Mann von Welt nicht mal ansatzweise konterkarieren. Die Größe alleine ändert nicht seinen Charakter, sein Tun und seine Entschlossenheit. Zwischendurch allerdings mag er den Erschwernissen des Alltags, die sein Anderssein mit sich bringt, ohnmächtig gegenüberstehen – doch man kann sich denken, in welche Richtung die leichtfüßige, französische Dramödie steuert. Zwar letzten Endes – und der Realität leider ins Auge sehend – etwas naiv, aber mit der Idealvorstellung einer besseren und toleranteren Welt beginnt das Um- und folglich das Andersdenken. Ja, es wird nicht leicht sein. Doch wer will schon wirklich so leben, wie es die anderen wollen?

 

Mein ziemlich kleiner Freund