Shelter (2026)

JEMAND IST EINE INSEL

5/10


Jason Statham und Bodhi Rae Breathnach sind im Actiondrama Shelter auf der Flucht© 2026 Black Bear


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

DREHBUCH: WARD PARRY

KAMERA: MARTIN AHLGREN

CAST: JASON STATHAM, BODHI RAE BREATHNACH, BILL NIGHY, NAOMIE ACKIE, DANIEL MAYS, ANNA CRILLY, HARRIET WALTER, CELINE BUCKENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Wie ist das jetzt eigentlich genau mit Jason Statham? Soll er, darf er, kann er verlieren? Die Gerüchteküche brodelt, wenn es heisst, der Actionstar wolle sich vertraglich schadlos halten, wenn es darum geht, seiner Filmfigur, die er gerade spielt, ein Leid zuzufügen oder diese gar – Gott behüte – sterben zu lassen. Dieses Gerücht ist nicht bestätigt, wenngleich es offensichtlich ist, dass diverse Filmemacher und Drehbuchautoren, die ihre Werke womöglich mit Hinblick auf Statham entsprechend konzipieren, diesen bis dato niemals unterliegen ließen.

Der neue Chuck Norris?

Dieser Umstand schränkt die Bandbreite der Charaktere, die Statham immer wieder gerne spielt, deutlich ein. Das Spektrum ist überschaubar, wir haben den Actionhelden maximal als Antihelden, mit dem Herzen am rechten Fleck, tierlieb und gut zu Kindern und all den Schwachen, die sich nicht so zur Wehr setzen können wie Statham. Selbst vor Riesenhaien macht er nicht halt, wobei man hier sehr wohl eine gewisse Selbstironie verorten kann, die sich der drahtige Glatzkopf irgendwann hat angedeihen lassen. Aber verlieren? Das will er nicht. Niemals.

Könnte man im Hinblick darauf nicht ihn als Erben des kürzlich verstorbenen Chuck Norris einsetzen? Unweigerlich denkt man bei Sichtung seines neuen Werkes mit dem Titel Shelter an Gevatter Tod, der nicht den Mut aufbringt, Jason Statham mitzuteilen, er habe zumindest als Filmfigur längst ins Gras gebissen. Kann es denn wirklich so sein, dass der Mann nichts anderes spielen will als den wortkargen Einzelgänger, der seine Karriere als Elitekämpfer, Profi-Killer oder Agenten-Tausendsassa an den Nagel gehängt hat, um ein stilles, einsames und von der Welt abgewandtes Leben zu führen, nur um dann, wenn eben Hunde, Kinder oder die besagten Schwächeren in Gefahr sind, wieder aus sich herauszugehen und ganze Armeen profilschwacher Finsterlinge, die nicht mehr sind als NPCs, über die Klinge springen zu lassen oder sie mit effektiver Handkante zu vermöbeln? Kann es denn sein?

Seemann, lass das Träumen

Nein. Auch in Shelter unter der Regie von Ric Roman Waugh, der unlängst erst einen anderen Recken, nämlich Gerard Butler, durch Greenland 2 geschickt hat, um ihn aber am Ende ins besagte Gras beißen zu lassen (denn Butler hat kein Problem damit), ist Statham wieder Statham, allerdings um eine Nuance differenzierter.

Fast scheint es, als würde er beim ersten Mal Hinsehen schauspielerisch fast schon aus sich herausgehen und Neues wagen. Die Stoppelglatze ist obligatorisch, Dreitagebart und Mütze ergeben das knorrige Bild eines Seemanns, der als Einsiedler mit Vergangenheit auf einer Insel der Hebriden ein Mädchen aus stürmischen Fluten rettet. Um bald darauf Besuch von einer nicht ganz offiziellen Staatsgewalt zu bekommen, die er natürlich aufmischt, als hätten all jene, denen er Mores lehrt, maximal einen Abendkurs an der Volkshochschule in Sachen Kriegsführung absolviert.

Der Sidekick als Sparringpartner

Doch auch hier: So ganz ohne Schrammen kommt Statham diesmal nicht davon, und vielleicht liegt diese Liebe am kantigen Detail wohl auch an der jungen Schauspielerin Bodhi Rae Breathnach, die eben erst an der Seite von Oscargewinnerin Jessie Buckley in Hamnet zu sehen war. Ein aufgewecktes, kluges Mädchen, mit einer Mimik, da könnte Statham noch etwas dazulernen, was er tatsächlich auch tut. Denn bei diesem Sidekick muss selbst ein Routinier wie er entsprechend reagieren – an die Wand spielen ist nicht, das wäre ja fast eine dieser Niederlagen, die er nicht will.

Oder doch der nächste Action-Opa?

Mit dieser jungen Bodhi Rae Breathnach (den Namen muss und sollte man erst mal auswendig lernen, denn diese Dame wird im Kino noch ordentlich mitmischen) hat Shelter aber seine besten Karten ausgespielt. Alles andere ist Schema F, auch wenn man glauben könnte, nach dem Tod eines gewissen besten Freundes ginge der John Wick mit Statham durch. Das passiert aber nicht, weder übertreibt Waugh noch findet sich eine gewisse Selbstironie in diesem abgemühten Szenario. Was Statham wohl dämmert, ist, das er langsam in Richtung Liam Neeson zieht, der schon längst den Action-Opa macht. Zugegeben, der Unwille zum Shootout steht ihm gut, und wenn der ganze Plot dann noch etwas mehr zwischenmenschliches Drama gehabt hätte, wäre auch der Rest vielleicht sogar richtig sehenswert.

Shelter (2026)

The Limehouse Golem

EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER

4/10


limehousegolem© 2000-2017 Concorde Filmverleih


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: JUAN CARLOS MEDINA

CAST: BILL NIGHY, OLIVIA COOKE, DOUGLAS BOOTH, DANIEL MAYS, SAM REID, EDDIE MARSAN, MARIA VALVERDE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Dem Briten Bill Nighy, selbst wenn er mal keinen „Kraken-Bart“ trägt, sieht man durchaus gerne zu. Seine aufgeräumte, distinguierte Art ist ein befriedigendes Gegengewicht zum hinterlassenen Chaos eines Serienmörders, der im London des viktorianischen Zeitalters – also womöglich gegen Ende des 19. Jahrhunderts – sein Unwesen treibt. Epizentrum der schändlichen Taten sind die Docklands der Stadt, auch als Gemeinde Limehouse bekannt. Dorthin wird Inspektor Kilday – eben Bill Nighy – zitiert, um sich entsetzlich entstellte Leichen anzusehen, deren Art der Quälerei aber einem gewissen künstlerischen Konzept folgen. Nighys Mimik sei dabei zu beachten, wenn er vor dem Unaussprechlichen steht – gerade mal aus Fassungslosigkeit geweitete Augen sind das Einzige, was vermuten lässt, dass auch diesen hartgesottenen Kriminalbeamten nicht alles kaltlässt.

Bei seinen Ermittlungen macht er alsbald Bekanntschaft mit einer Varietékünstlerin namens Elizabeth Cree, die ihren Ehemann vergiftet haben soll, der wiederum mit den Golem-Morden in Zusammenhang stehen könnte. Weiters findet der findige Inspektor ein Tagebuch, dass die Morde beschreibt – und er muss sich beeilen: Denn es könnte sein, dass die des Mordes beschuldigte junge Dame statt ihrer Hinrichtung Strafmilderung erfahren könnte, wenn bewiesen wird, dass diese das Kapitalverbrechen nur begangen hat, um die Golem-Morde enden zu lassen.

Ein Serienkiller-Thriller, schön und gut. Mit verregneten Londoner Gassen, Kutschen und jede Menge Zylinder. Weiters mit düsteren Zimmern und blutigen Details. Doch mit einer überkonstruierten und langweiligen Story. The Limehouse Golem hätte prinzipiell genug Potenzial, seinen Mystery-Faktor entsprechend zu nutzen, Haken zu schlagen und auch Bill Nighy an seine Grenzen gehen zu lassen. Durch die Dominanz von Olivia Cooke gerät der Film aber zu einem leidlich interessanten Justizdrama, das sich viel zu sehr mit Rückblenden aufhält und eine fiktive Biografie erzählt, auf die der Zuseher eigentlich nicht wartet. Warum Cooke, die ihrer Rolle nicht annähernd so viele Facetten verleiht wie verlangt, so viel Spielzeit erhält, verwundert. Entfernt man die vielen Rückblenden, bleibt wenig über. Kaum ist eine abgedreht, kommt die nächste. Der Fall gerät ins Stocken. Bill Nighy weiß nichts Genaues, probiert seine Theorie mit verschiedenen Verdächtigen, die wir dann auch noch in einer alternativen Realität als Mörder sehen. Zu bemüht zieht sich diese Geschichte dann dahin, als wäre man ein ganzes Wochenende auf einem Mystery-Jahrmarkt mit einigen Geisterbahnen, die man längst durchhat, von dort aber nicht wegkommt und die Zeit totschlägt, bis das unglaubwürdige Finale die letzte Hoffnung auf eine Chance, hier doch noch mal mitgerissen zu werden, ausräumt.

Die Buchvorlage von Peter Ackroyd mag vielleicht besser sein, vielleicht auch, weil die Protagonisten anders angelegt sind. Die Verfilmung jedoch versucht vergebens, den Figuren die richtigen Prioritäten einzuräumen.

The Limehouse Golem