White Boy Rick

DEAL WITH IT

5/10

 

Matthew McConaughey (Finalized);Richie Merritt (Finalized)© 2019 Sony Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: YANN DEMANGE

CAST: RICHIE MERRITT, MATTHEW MCCONAUGHEY, BEL POWLEY, JENNIFER JASON LEIGH, BRUCE DERN, EDDIE MARSAN, RORY COCHRANE U. A.

 

Hätte die österreichische und leider schon verstorbene Dokufilmerin Elisabeth T. Spira ihre Alltagsgeschichten in den USA gedreht, hätte es sicher eine Episode gegeben, die mit dem ungefähren Arbeitstitel „Auf der Waffenmesse“ dem Stelldichein rund um Ballermann und Söhne auf den Zahn gefühlt hätte. Natürlich in ihrer entwaffnend diskreten Art, und der eine oder andere Waffennarr hätte wohl manch verstörende Bekenntnisse von sich gegeben. Mit so einem Schwenk über die Tischreihen voller schwarzer Sporttaschen, angefüllt mit Schießeisen aller Art, beginnt das auf realen Begebenheiten beruhende, biographische Kriminaldrama rund um einen Jungen, der Walter White aus Breaking Bad wohl alle Ehre gemacht hätte und der in völlig natürlicher Annahme, Waffen sind Teil des Alltags, seinen Papa auf eingangs erwähntes Event begleitet. Natürlich hat dieser Junge das Spektrum an Waffentypen, deren Gadgets und Wirkungsgrad schon mit der Muttermilch aufgesogen. Ein Jungspund-Profi unter dem Herrn, besser gesagt unter dem alten Herrn, denn Papa Rick lehrt ihn Sachen Erziehung genau das, worauf es ankommt. Wir schreiben die 80er im Drogen-Gomorrha Detroit, und Matthew McConaughey ist mit Vokuhila und Rotzbremse unterwegs. Ein extremer Proletenlook, fehlt nur noch das Goldkettchen. Ob das dabei war, weiß ich nicht mehr. Zumindest hat dieses Rick jr., der anders als seine Schwester zwar nicht zu den Drogen greift, aber alsbald mit den Drogen dealt, da er als zwangsläufiges Spitzel für das FBI arbeiten muss – sonst wandert der väterliche Schnurrbart hinter schwedische Gardinen. Denn das Dealen mit Waffen ist genauso wenig rechtens wie das Dealen mit Crack. Aber wie geht’s wohl so einem Halbwüchsigen, der mit dem großen Unterwelt-Business in Berührung kommt? Der wittert das große Geld. Und aus der Arbeitsteilung mit den Guten, die längst nicht so gut sind, wie sie scheinen (wie kann man einen 14jährigen Jungen nur so ausnutzen?) wird eine wenig überraschende selbige mit den Bösen. Letztere Arbeitsteilung ist wohl profitabler, zumindest vorerst. Das war bei Breaking Bad genauso. Nur der Krug geht solange bis zum Brunnen bis er bricht. Und irgendwann zerbricht auch die Welt von Rick Junior.

Das Krimidrama des britischen Video- und Fernsehfilmes Yann Demange (u. a. das Irlanddrama ’71) nimmt sich ausreichend Zeit, den Prozess eines existenziellen Niedergangs genau zu beobachten. Doch sein Film hat ein grundlegendes Problem, das angesichts seiner Thematik womöglich gar nicht anders gelöst hätte werden können: all die Figuren in White Boy Rick, all diese schon im Vorfeld gescheiterten Charaktere, die ihr Heil im Verbrechen suchen, sind von einer Arroganz durchdrungen, die es schier unmöglich macht, auch nur irgendeine Form von Sympathie zu empfinden. Bei Matthew McConaughey, der schon in Dallas Buyers Club mit fragwürdiger Gesichtsbehaarung Mut zur Hässlichkeit bewiesen hat, darf auch hier am Rande der Gesellschaft stehen. Am Schwierigsten zu begreifen allerdings ist die Rolle des von Richie Merritt dargestellten Teenies Rick, der in einer präpotent altklugen Art anscheinend komplett zu wissen glaubt, wie die Welt funktioniert. Der in seiner Dreistigkeit fast schon widerliche Jungspund macht auf cool, wie es Jungs in diesem Alter eben tun – und reflektiert auch dann nicht sein Tun, als er älter wird, als er sieht, welches Elend sein Tun verursacht. Auch das erinnert an Breaking Bad, auch in Vince Gilligans Serienkult liegen die Skrupel vor dem Elend der „Kunden“ mit der Gier nach Reichtum im verstörenden Dauerclinch, ohne einen befriedigenden Konsens zu finden. Den gibt es auch gar nicht. Und Zukunft hat das Ganze auch nicht, wie die Faktenlage hinter der real existierenden Figur des Richard Wershe jr. preisgibt.

White Boy Rick enthält nichts, was nahegeht. Keinen Charakter, dessen Schicksal tangiert, mit Ausnahme vielleicht von Ricks drogensüchtiger Schwester Dawn (intensiv: Bel Powley). Das haben Biopics über Verbrecher, die im Grunde keinen eigenen Film verdient haben, manchmal so an sich. Und wie man sich bettet, so liegt man, anders lässt sich das gar nicht formulieren. Richie Merritt ist daher auch längst kein Sympathieträger, sondern eher einer, der meint, dass ihn andere gar nicht verdient haben. Das lässt mich als Zuseher außen vor. Diese unreflektierte Arroganz fröstelt, berührt mich eher unangenehm. Und lässt White Boy Rick von mir aus mit seinem Schicksal allein.

White Boy Rick

Fast & Furious: Hobbs & Shaw

ZWEI BÄRENSTARKE TYPEN

5,5/10

 

FAST AND FURIOUS PRESENTS: HOBBS & SHAW© 2019 Universal Pictures Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: DAVID LEITCH

CAST: DWAYNE JOHNSON, JASON STATHAM, VANESSA KIRBY, IDRIS ELBA, EDDIE MARSAN, RYAN REYNOLDS, KEVIN HART U. A.

 

Nein, sie schenken sich wirklich nichts: Luke Hobbs und Deckard Shaw. Nicht-Kenner der Fast & Furious-Filmreihe werden sich wohl fragen: Moment, wer sind die zwei? Das gleiche habe ich mich auch gefragt. Ich kenne nämlich keinen einzigen der vorangegangenen acht Teile, wobei man bemerken muss, das Fast & Furious: Hobbs & Shaw eigentlich ein Spinoff ist und eher weniger etwas mit dem – falls vorhandenen – roten Faden des Franchise zu tun hat. Wie erwartet sind tatsächlich keine Vorkenntnisse nötig, um Hobbs & Shaw charakterlich auf die Reihe zu bekommen. Das war bei Bud Spencer und Terence Hill genauso wenig der Fall. Biographischen Background gibt es hier allerdings mehr als beim Krokodil und seinem Nilpferd. Aber im Grunde sind die beiden Streithähne, die in Wahrheit aber sowieso wie Pech und Schwefel zusammenhalten (was jetzt keine Überraschung ist) genauso frechzüngige vier Fäuste wie es seinerzeit Spencer und Hill waren. Nur Spencer und Hill fuhren die Italo-Schiene wie keine zweiten. Das war natürlich Prügeltrash vom Feinsten, irre naiv und albern, und nur noch alles, was den Anschein eines Italowestern hat, auch heute noch ansehbar. Der raumfüllende Dwayne „The Rock Johnson“ mit dem unvergleichlichen Stiernacken und Oberarmen so breit wie meine Oberschenkel und der smarte Dressman im dunkelgrauen Rollkragen und Dreitagebart in Gestalt von Jason Statham – die sind da schon globaler unterwegs, so wie ein James Bond oder Ethan Hunt, das Buddy-Prinzip aber sitzt wie bei den Italienern – und sorgt so für eine Menge Schmunzel-Intermezzi zwischen einem Actionszenario, das sich in seinen rasant gefilmten Hochglanz- und Prügel-Stunts als reines, triviales Bubenkino verkauft. Und es verkauft sich gar nicht mal so schlecht.

Unterhaltsam ist er ja, dieser Film, durch Dwayne Johnson, der mit seiner Statur in jeder Szene neu erstaunt (herrlich: der Auftritt im samoanischen Wickelrock), sogar auch recht sympathisch. Durch Vanessa Kirby, die als Stathams unfolgsame Schwester einen todbringenden Virus mit sich herumträgt und dafür aber recht gelassen in die Zukunft blickt, ergänzt sich das ungleiche, dynamische Duo mit einem aufgeweckten sexy Sidekick, der schon mal ab und an das Ruder des fahrigen Plots herumreißen will. Soweit ich mich erinnern kann, hatte Kirby einen kurzen, aber denkwürdigen Auftritt im letzten Mission-Impossible-Abenteuer Fallout. Keine Frage, dass ihre herausfordernde Mimik (zumindest kommt das bei mir so an) auch in die Storyline einer ganz anderen Action-Franchise passen könnte. Das tut es, sehr gut sogar. An dem quer über den Erdball tingelnden Trio, das verblüffenderweise immer alles mithat, was es braucht, und auch alles, was zum Gelingen des Abenteuers beitragen kann, am Zielort vorfindet, könnte man aber relativ schnell das Interesse verlieren, wäre da nicht der stichelnde Humor und das schneidige Teamwork, das für gute Laune sorgt, auch wenn so ein Superschurke wie Idris Elba Sodbrennen verursacht. Seine Figur steckt irgendwo zwischen Wolverine und dem Terminator fest und sorgt für ordentlich Kollateralschäden, um an eben besagtes Virus ranzukommen, dass für seine ganz eigene Interpretation der Evolution des Menschen eingesetzt werden soll. Was für eine Gefahr – vor der man sich aber kaum fürchtet, solange es Kaliber gibt wie Hobbs & Shaw, die alles wieder ins Lot hämmern und so lange auf die Tube drücken, bis selbst einem Kampfhubschrauber die Hutschnur platzt.

Da frage ich mich nun: Macht es Sinn, jetzt wirklich einmal mit der Fast&Furious-Reihe anzufangen? Hat mich das hanebüchene Szenario des Films mit all seinen unmöglichen Möglichkeiten eigentlich auf den Geschmack gebracht? Oder reicht es, eben Hobbs&Shaw gesehen zu haben, damit man sagen kann – hat man einen gesehen, kennt man alle? Will ich Vin Diesel und Paul Walker sehen, müsste ich an die Anfänge zurückgehen. Will ich mehr schnittige Karosserie sehen, dann müsste ich das auch. Wenn noch Zeit bleibt, würde ich sagen. Wirklich notwendig wird’s wohl nicht sein.

Fast & Furious: Hobbs & Shaw

Vice – Der zweite Mann

DIE STAATEN BIN ICH

8,5/10

 

vice© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: ADAM MCKAY

CAST: CHRISTIAN BALE, AMY ADAMS, STEVE CARELL, SAM ROCKWELL, EDDIE MARSAN, JESSE PLEMONS U. A.

 

Fahrenheit 9/11, oder 11/9 – wie auch immer. Mit Adam McKays Rückblick auf die politischen Umstände in den USA von den 90ern bis nach der Jahrtausendwende wird es deutlich wärmer, wenn nicht gar so heiß, dass man sich sämtlicher Scheuklappen, die womöglich erschreckende Zusammenhänge verbergen, entledigen möchte. Vice – Der zweite Mann schlägt gefühlt alle scheinbar so launigen wie persönlich gefärbten Dokusoaps eines Michael Moore um Längen, schon alleine von der Konzeption her, und ist die deutlich bessere Wahl, wenn es darum geht, die Mechanismen politisch motivierter Egomanen zu entbeinen. Vice, das ist nicht unbedingt in erster Linie die dramaturgische Passform für erlesene Schauspielkunst. Das ist es auch, aber nicht vorrangig. Vice, das ist natürlich auch eine Meinung, so wie Michael Moores Filme Meinungen vertreten. Fakten auf eine reine Objektivität herunterzubrechen, damit tut sich das Genre des erhellenden Dokumentarfilms ohnehin schwer, obwohl der Anspruch auf Unbefangenheit ein erfüllter sein will. McKay gelingt es, die Chronik der Ereignisse rund um einen schattenhaften Regierungs-VIP zumindest auf solche Art in die teils frei interpretierte True Story einzustreuen, dass sie einem Modul gleich immer noch bei Bedarf entnehmbar bleibt, wie das Corpus delicti bei einem Prozess. Natürlich kann ich mich der Richtigkeit all der Fakten nicht versichern, dazu fehlt mir die Zeit, das überlasse ich Leuten, die so tun, als wären sie Journalisten vom Kaliber eines Bob Woodward oder Carl Bernstein, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das auch bei Adam McKay glauben. Aber Adam McKay ist ein Komiker, einer, der die erogenen Zonen der Macht ertasten kann und messerscharfe Satiren schreibt, der mit Tina Fey gemeinsam gearbeitet hat, der ähnlich unserer Staatskünstler im ORF reingewaschener Politik das Wilde herunterräumt und dabei fast schon investigativ wirkt. Diese als Semidokumentation getarnte Teilbiographie eines stillen Wüterichs ist keine reine Satire an sich, denn dann hätten wir eine Burleske wie The Death of Stalin. Eine reine Satire aus Vice zu machen wäre aber auch am Ziel vorbei, denn erschreckenderweise braucht McKay in seinem Film kaum wirklich Raum, um dramaturgischen Übertreibungen Luft zu machen. Wie schwer sich Satire tun kann, den unglaublichen Begebenheiten der realen Regierungsgeschichte Nordamerikas den Rang abzulaufen, in diesem Punkt lässt Vice ziemlich tief blicken.

Die Skandale ausgehend vom 11. September und George W. Bushs Machtdemonstration ist uns allen – eben auch spätestens seit Moores polemischem Fahrenheit 9/11 – weitestgehend bekannt. Dass der Irak vorrangig aus wirtschaftlichem Interesse okkupiert wurde und auch der Terrorist az-Zarqāwī erst durch die USA selbst erstarkte, wie zuvor schon Osama Bin Laden (der im Afghanistankrieg von den USA bis an die Zähne bewaffnet wurde), entlockt kaum mehr ein überraschtes Aha.  Dass Adam McKay seine Version des George W. aber keineswegs (wie auch all die anderen Persönlichkeiten) dem Gespött preisgibt und ihm sprichwörtlich die Hosen runterzieht, während er vor dem Volk predigt, kommt dann doch unerwartet. Der von Sam Rockwell erstaunlich gut imitierte Präsidenten-Cowboy bleibt maximal ein Naivling, eine Marionette, die glaubt, autark zu handeln, dabei aber von unsichtbaren Kräften geführt wird, deren Oberhaupt der scheinbar unscheinbare Dick Cheney sein könnte, ein lakonischer Kauz von Politiker, der sich, wäre nicht seine Frau Lynne gewesen, in jungen Jahren womöglich in den Notstand gesoffen hätte. Wir wissen, es ist anders ausgegangen, und Cheney wird sich mit dem harmlos scheinenden Äußeren eines bequemen Onkels an die Spitze der Macht aalen, wie einst und vor vielen hundert Jahren ein gewisser Thomas Cromwell, der König Heinrich VIII regieren hat lassen, allerdings nach seinem Gutdünken, und stets nah am Verrat an seinem Herren über selbigem hinwegentschieden hat, nur um sich dann wieder auf dessen angebliche Entscheidungen zu berufen. Cromwell war der Mann im Hintergrund, und gleichzeitig das Schreckgespenst einer sündenbockenden Henkerspolitik. Wir sehen: Geschichte wiederholt sich, und auch das finstere Erbe mittelalterlicher Machtgier war mit im Gepäck der ersten europäischen Siedler nach Übersee. Die Schemata sind also die gleichen, nur Cromwell wird selber Opfer seiner Politik, während Cheney scheinbar die Absolution von irgendwo oben erhält, um seine Interessen zu wahren. Mit höherer Gerechtigkeit hat das Ganze gar nichts mehr zu tun, die gibt es nicht in McKays sezierendem Drama, das die Absurdität der Tatsachen in galligen Sarkasmus kleidet, nur um nicht überzuschnappen in Anbetracht einer Paranoia auslösenden Willkür von wenigen, die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten matt setzen. Bleibt nur noch ein Gott, der Blitze schleudert – aber das tut er nicht. Diese Ohnmacht hat schon Karl Kraus in seinem Opus Magnum Die letzten Tage der Menschheit bis zum Exzess beschrieben – und tatsächlich finden sich in Vice Szenen, die den Visionen des kritischen Denkers entnommen sein könnten. Wenn Cheney mit Rumsfeld, Wolfowitz und Powell fein diniert und das Menü, bestehend aus Angstmache, Folter und der Theorie der einheitlichen Exekutivmacht wählt, dann wähnt man sich in einer der bizarren Szenen von Kraus´ Tragödie in 5 Akten. Wenn Cheney und Ehefrau Lynn im ehelichen Bett plötzlich anfangen, in shakespeare’schen Floskeln zu sprechen, erreicht Vice satirische Spitzen von einprägsamer Wucht und schafft erst durch solche Übertreibungen, die unerhörte, scheinbar willkürliche Niedertracht wie das pochende Herz Dick Cheneys mit beiden Händen zu fassen. Das ist schon bitteres, intelligentes Kino mit Verstand und nagendem Gewissen, dazu noch ohne viel liberaler Gutmenschtümelei des Verfassers.

Was Christian Bale betrifft – der hat zum Glück nicht so viel Makeup benötigt wie letztes Jahr Gary Oldman in Die dunkelste Stunde. Bale ist ja bekannt für seine Bereitschaft zum Jojo-Schauspieler, breiter kann das Spektrum an Rollen kaum sein, wenn wir uns auf der einen Seite mal Filme wie The Machinist oder Rescue Dawn hernehmen, wo der gebürtige Waliser als Schatten seiner selbst dahinvegetiert – und auf der anderen Seite eben Filme wie Vice, wo Bale womöglich mit wenigen Kniffen bis zur Unkenntlichkeit adaptiert und mit Schmerbauch den feisten Polit-Kalifen gibt. Das ist schon eine Sensation, was da geht – und womit eigentlich das ganze Ensemble spielfreudig miteifert, wobei Sam Rockwell und Steve Carell als werteverachtender Rumsfeld Performance-Gigant Bale fast schon die Show stehlen.

Vice ist, obwohl er in der jüngeren Geschichte nach Schuldigen fischt, gerade mit dieser Vergangenheit, aus der wir lernen sollten, ein klug konstruiertes Meisterwerk, dass die Schuppen von den Augen friemelt, dass die eigene rosarote Brille putzt und mit Komplementärverstand die schmeichelnde Farbe der eigenen Verdrängung wegfiltert. Zu Recht für den Oscar als bester Film nominiert, ist dieses großartige Stück Politkino im Gewand einer Art Lebensbeichte ein wichtiger, wenn auch peinlich berührender Knüppel zwischen den Beinen einer „Weltpolizei“, die eigentlich ihr Amt missbraucht hat.

Vice – Der zweite Mann

Deadpool 2

BEKENNTNISSE EINES KAMIKAZE-COMIKERS

7/10

 

deadpool2© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAVID LEITCH

MIT RYAN REYNOLDS, JOSH BROLIN, T.J. MILLER, MORENA BACCARIN, JULIAN DENNISON, ZAZIE BEETZ, EDDIE MARSAN U. A.

 

Messianische Wiedererweckung ist für diesen Lazarus kein Thema. Waschbär Rocket würde mit ihm gut und gerne abhängen, ist der Guardian of the Galaxy doch der einzige aus dem Marvel-Universum, der ein ähnliches Großmaul hat wie der unkaputtbare Wade Wilson, seines Zeichens eine coole Socke, hauteng eingezwängt in eine ebensolche rot gefärbte, mit allerhand Equipment um die Lenden und nichts mehr zu verlieren. Zumindest nicht mehr sein Leben, denn der schlimme Finger mit dem Schandmaul und temporärer ADHS ist zwar unheilbar an Krebs erkrankt, hat sich aber aufgrund seiner Bereitschaft zum Versuchskaninchen eine Auszeit von Tod und Verderben gekrallt, Ablaufdatum unbefristet. Und man kann ihn hauen, ihn treten, oder seine Visage zerkneten, ihn halbieren oder in die Luft sprengen – der sarkastische Schwertmeister und Ex-Soldat ist das unverschämteste Stehaufmännchen unter der Sonne einer in Panels festgehaltenen Welt. Ähnlich einem Zombie, nur braucht Wilson kein Blut, sondern Input für seinen üblen Wortschatz und ein stetes Update, was die Popkultur betrifft, denn ohne Seitenhiebe auf hippe Klassiker aus Film, Musik und Fernsehen wäre Deadpool nur der halbe Rotzbub, der er ist. Zugegeben, da wird selbst Steven Spielberg mit seinem unlängst erschienenen Ready Player One etwas kleinlaut, denn es bleibt unsicher zu sagen, welcher von den beiden Filmen nicht mehr Bild- und Wortzitate vom Stapel lässt. Das jüngere Publikum wird auch hier zwar mitlachen, aber eher ratlos.

David Leitch, der mit Atomic Blonde eine wirklich sensationell aparte Charlize Theron ins geheimdienstliche Berlin der 80er Jahre geschickt hat, wird in der Inszenierung von Deadpool 2 sicherlich großen Spaß gehabt haben. Und nicht nur er. Für Ryan Reynolds ist Deadpool ohnehin ein Herzensprojekt, der Lieblingskuschelheld, ein treues Alter Ego, verloren irgendwo im X-Men-Universum. Dass der Freddy Krüger unter den Superhelden bereits seinen Auftritt in X-Men Origins: Wolverine gehabt haben soll – daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Der irre Charaktermix aus dem eingangs bereits erwähnten Waschbären Rocket, Beverly Hills Cop, der Braut aus Kill Bill und Schimpfbär Ted ist gleich einem Schweizer Taschenmesser überall einsetz- und zweckentfremdbar. Diese Geschmeidigkeit, gepaart mit der Dauerbefeuerung deftiger Kalauer meist unterhalb der Gürtellinie weiß das wenig zartbesaitete Zielpublikum mittlerweile gut und gerne zu schätzen. Das haben wir beim bahnbrechenden Erfolg des ersten Teils schon gesehen. Und Teil 2 wird unter dieser Rezeptur nicht weniger die Kassen klingeln lassen. Dabei ist das Sequel ohnedies deutlich lässiger und witziger geworden. Klar lässt die Anspannung nach, wenn man weiß, dass das Einmaleins des roten Rächers aufgeht. Etwas mühsam wird es dann, wenn der neurotische Charakter jeden Gedanken verbalisiert. Deadpool schert sich um nichts, ist dadurch aber auch eine relativ anstrengende Figur, die man im echten Leben womöglich nur in sehr konzentrierten Dosen vertragen kann.

In seiner Hassliebe zu den X-Men gründet er die X-Force, um einem impulsiven brandgefährlichen Jungspund Herr zu werden, der, einst im Waisenhaus für Mutanten misshandelt, Rache üben will. Im Grunde ist damit die ganze Geschichte erzählt, die tatsächlich als relativ dünner roter Zwirn durch eine komödiantische Revue für Erwachsene führt, die zwischendurch mit furioser Action unterhält und da und dort mal in überzeichneter Brutalität Blut spritzen lässt. Moment, da wäre aber noch Workaholic Josh Brolin, der zurzeit in fast jedem Film mitzuwirken scheint, in Deadpool 2 aber seiner Figur des Zeitreisenden Cable die platten Attitüden eines Dolph Lundgren aus Universal Soldier verleiht. Mit seiner eigenen Performance des Thanos kann er da nicht mehr mithalten. Das können aber die meisten hier nicht, ausgenommen die aparte Newcomerin Zazie Beetz als Domino und  natürlich Bürohengst Peter, der sich dem Superhelden-Cast nur spaßhalber stellt. Der zusammengewürfelte Haufen fragwürdiger Einzelkämpfer erinnert an die Selbsthilfegruppe aus der charmanten Antihelden-Parodie Mystery Men mit Ben Stiller. Mit derart schrägen Einfällen trifft Deadpool 2 tatsächlich vermehrt ins Schwarze. Die Gagparade macht enormen Spaß, die noch dazu mit fetzigem Sound und alten Hadern untermalt als saucoole Performance durchgeht, die aber weder nachhaltig berührt noch lange in Erinnerung bleibt. Dafür auf der Habenseite: Mehrmals-Sichtung ohne Abnützungserscheinungen.

Deadpool 2 ist Comic-Kabarett fürs nerdige Bierzelt, die Stinkefinger-Antwort auf Wolverine und akkurat aufrichtige Gutmensch-Helden mit Stil. Der ist für Deadpool tatsächlich nur das Ende des Besens. Und für den Moment und für nichts anderes hat der Fan außerdem mal das Gefühl, sich selbst so ziemlich reuelos nichts scheissen zu müssen.

Deadpool 2

7 Tage in Entebbe

TERROR FÜR EINE BESSERE WELT

6,5/10

 

7tageentebbe© 2018 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2018

REGIE: JOSÉ PADHILA

MIT DANIEL BRÜHL, ROSAMUNDE PIKE, EDDIE MARSAN, BEN SCHNETZER, NONSO ANOZIE U. A.

 

Wenn sich die Tänzer des israelischen Ensembles Batsheva Dance Company aus ihren im Halbkreis angeordneten Stühlen erheben, und das nacheinander, in Form einer Welle wie am Fußballplatz, während einer von den Tänzern im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen fällt, ist das schon ein ungewöhnlicher Auftakt für ein Entführungsdrama nach Tatsachen. Und ja, doch, es ist irgendwie beeindruckend, wenn auch etwas irritierend. Ausdruckstanz stand bei mir nie auf der Besuchsliste kultureller Aktivitäten, mit Ausnahme des Serapionstheaters, das immer wieder mal im Wiener Odeon gastiert. Die als Prolog verstandene Sequenz einer Generalprobe, die dem traditionellen jüdischen Lied Echad Mi Yodea, das normalerweise zum Pessachfest gesungen wird, das Bild einer impulsiven Choreographie verleiht, macht zumindest für mich auf den ersten Blick klar, dass 7 Tage in Entebbe ein Film werden wird, der ganz klar für Israel Stellung bezieht. Laut einer Rezension des israelischen Nachrichtensenders i24News vom 21. Februar dürfte das im Zuge der Performance stattfindende Ablegen der jüdischen Kleidung jedoch als das Ablegen einer Politik verstanden werden, die den Dialog verhindert – die Verständigung also zwischen Palästina und Israel. Andererseits steht das Lied, welches weniger gesungen als mehr gerufen wird, für die Befreiung der Juden aus der Sklaverei (womöglich Babylons). Ein starkes, vereinendes, nationalbewusstes Lied, mit schweren Rhythmen unterlegt. Abgehakt, kraftvoll, unmissverständlich. Dieser Tanz ist also ein Widerspruch in sich, ein Ziehen an beiden Enden des Taus. Das Tau – oder die Stühle im Halbkreis: die Nahostpolitik eines stets aufrüstenden Israels, mit Freund USA als schattenspenenden Hulk im Hintergrund. Und das landberaubte Palästina, mit den verzweifelten Mitteln einer Terrorpolitik, die aber auch gar nichts bewirkt – nur Sorgen, die man nicht haben möchte.

Damals, in den 70ern, also vor rund 40 Jahren, war der Revolutionsgedanke Mutter aller Handlungen. Da hieß das noch weniger Terror, zumindest bei den Terroristen. Da hieß das vermehrt Revolution. Meist für eine Sache, die im Detail betrachtet wenig mit den Verbrechen begehenden Aktivisten zu tun hat, aber global gesehen für eine politische Einstellung steht, die überall angewandt werden soll, wo das Recht der Ohnmächtigeren im Argen liegt. Das haben sich Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann auch gedacht – und ihrem Leben einen Sinn gegeben. So was passiert dann, wenn das persönliche Glück nicht ausreicht oder die Zufriedenheit für ein Leben nicht absehbar ist. Wenn die Kränkung enorm und das Ich-Bewusstsein nicht durchdringt. Als Teil von einer Welle zu sein, die in Entführungen, Morden und dem Schüren von Angst wie ein Tsunami über den Westen hinwegfegt – und nicht nur über den Westen – dann ist das schon so ein Gefühl, für ein höheres Ziel einstehen zu können. Und erst recht, wenn man eigenhändig ein Flugzeug in seine Gewalt bringt. Nur kann etwas, das mit Gewalt erzwungen wird, selten Früchte tragen. Davon wollen aber weder die beiden im Jemen ausgebildeten deutschen Rekruten etwas wissen, noch die Palästinenser, die ebenfalls mit an Bord der Air France Maschine Richtung Uganda unterwegs sind. Denn der Zweck heiligt doch die Mittel, egal wie. Eine durch Verbrechen herbeigeführte Lösung, die dann keine Verbrechen nach sich zieht, ist was fürs Märchenbuch. Oder für Terroristen. Oder für Idi Amin, der die Maschine mitsamt ihren verschwitzten, übermüdeten, hungrigen Geiseln überschwänglich begrüßt, als hätten sie ein Preisausschreiben gewonnen. Was dann folgt, hat Geschichte geschrieben. 7 Tage Entebbe – dann das Ende. Zwischendurch die Batsheva Dance Company, die die Quadratur des Halbkreises probt.

Dem brasilianischen Regisseur José Padhila, der schon Erfahrung mit Filmen über Entführungen und Korruption im Staat (Tropa de Elite, Narcos) gesammelt hat, aber auch bei Blockbustern wie der Neuverfilmung von Robocop danebengriff, war es wohl wichtig gewesen, ein so unparteiisches Bild wie möglich zu zeichnen. Die beiden Deutschen, souverän dargestellt vom Professionisten Daniel Brühl und Rosamunde Pike, sind von Zweifeln geplagt, hin und her gerissen zwischen Mission und Flucht. Um sie herum verschrockene Zivilisten, die Angst eines sich wiederholenden Lagerhorrors im Nacken. Kurz davor, alles auf eine Karte zu setzen und den Massenmord durchzuführen: die Palästinenser. Die, die am Meisten verloren haben, nämlich ihre Heimat. Padhila gibt ihnen allen ihre Rede- und Aktionszeit, mit dem Fokus auf das politische Kabinett unter dem Davidstern. Rabin, Peres und Motta treten auf, ganz im Stile von Spielberg´s Terrordrama München. Oberflächlich hingegen die Sicht einzelner aus der Special Forces-Einheit. Die Intermezzi mit dem Paar der Tänzerin und des Soldaten hätten mehr Spielzeit verdient als ihnen letzten Endes eingeräumt wird. Schon alleine, um den Zwiespalt, der Israel stets unter Spannung stehen lässt, in weiteren Dialogen zu verdeutlichen. Würde man die Hintergründe der Tanzeinlagen nicht nachlesen, würde sich der Sinn dahinter für Nicht-Juden nur schwer erschließen. Aber genau das hätte 7 Tage in Entebbe zumindest nicht nur ansatzweise zu etwas Besonderem gemacht. Aber es ist, wie es ist, und es herrscht solides True Story-Kino vor, in all seinen authentischen Details.

7 Tage in Entebbe

Atomic Blonde

DIE NOSTALGIE DER EIGHTIES

6/10

 

atomicblonde

LAND: USA 2017
REGIE: DAVID LEITCH
MIT CHARLIZE THERON, JAMES MCAVOY, SOFIA BOUTELLA, JOHN GOODMAN, EDDIE MARSAN

 

Begleitet von den Elektrobeats aus Tom Schilling´s Major Tom teilt eine wunderschöne, wasserstoffblonde Frau am Rücksitz eines Autos mit einem ihrer High Heels gehörige Portionen Backpfeifen aus, bevor das Auto ein Hindernis rammt und sich überschlägt. So in etwa beginnt David Leitch´s Verfilmung einer Graphic Novel mit dem Titel The Coldest City von Anthony Johnston – einem enorm stylischen Agententhriller aus Verrat, Bespitzelung und Verfolgung. Schauplatz ist ein tristes, versifftes Berlin, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer. Mittendrin eine kühle Blonde, gekleidet in allem, was die Achtziger auf gefühlt allen Laufstegen der Jetset-Welt damals zu bieten hatten. Von schillerndem Lederschuhwerk, Netzstrümpfen, schulterfreien Pullis und gewagten Minis darf Charlize Theron womöglich alles tragen, was ihr gefällt. Und dabei verdammt cool aussehen. Das Model mit ihren knapp über vierzig Jahren ist immer noch eine enorm aparte Gestalt. Gefühlsduselei sind der Blondine fremd. Ihre zynische Ernsthaftigkeit dürfte sie sich unter anderem von Anne Parillaud aus Bessons Nikita abgeguckt haben – die Frisur in seiner stechenden Intensität von Christopher Lambert aus Subway, ebenfalls ein Klassiker aus den Achtzigern. Und das martialische Know-How vom aktuellen James Bond. Lorraine Braughton ist somit eine bis zur Überzeichnung gestählte Geheimwaffe, die man besser nicht hinters Licht führen sollte. Da dies in der Welt der verdeckten Ermittler und Spione aber gang und gäbe ist, kann sich der Zuseher wohl vorstellen, wohin das führt. Doch bis es einmal so weit kommt, heißt es quälend lange warten. Denn die erste Hälfte von Atomic Blonde hält sich nur allzu gern damit auf, den Agentenfilm von der Stange ins Laufen zu bringen.

Nichts ist hier anders als in vielen anderen thematisch verwandten Spannungsszenarien, die wir alle schon zur Genüge kennen. Eine besagte Liste, die so wertvolle wie entlarvende Daten über die Spione des MI6 enthält, ist ein Objekt der Begierde, das für den Zuseher über keinerlei Relevanz verfügt. Ob Liste, Kapsel, Dokument A oder Dokument B, ob Atomsprengkopf oder die Kronjuwelen der Königin – worum es geht, scheint für Leitch zumindest anfangs zweitrangig zu sein. Er konzentriert sich voll und ganz auf Charlize Theron. Ihr Kommen, ihr Gehen, ihr Zug an der Zigarette und ihr eiskaltes Wannenbad on the rocks – die Dame ist das Zugpferd des Films, der so wirkt wie eine Musikvideo. In pink-türkisen Neonlichtern, vor rebellischen Graffiti-Wänden und im Sound der Achtziger. Die gestalterischen Aspekte des Thrillers, die den Zeitgeist der späten 80er unterstreichen und das nostalgische Gefühl vermitteln sollen, mit Wurlitzer und X-Large nochmal in die Vergangenheit gereist zu sein, sind wie Asse im Ärmel zielsicher ausgespielt. Die Betrachtung kühl-ästhetischer Fassade macht Spaß. Und der eiskalte Engel ebenso. Dass Theron schauspielern kann, wissen wir. Das macht sie auch in diesem Streifen äußerst gut. Der Männer verprügelnde Vamp, der mit Stiefelabsätzen, Herdplatten und Pistolengriffen das Blut spritzen lässt ist allerdings neu. Die völlig klangbefreite, auf Schreie und Keuchen reduzierte Kampfszene in einem Berliner Altbau ist in seiner Intensität fast schon ein bisschen David Cronenberg. Choreographisch perfekt und von enorm physischer Intensität. Und sobald es ums Ganze geht, und Leben auf dem Spiel steht, wird der Film auch richtig spannend. Da läuft Atomic Blonde zur Höchstform an. Die Liste ist bald vergessen, das nackte Überleben und das Herausfinden aus dem Sumpf des Betrügens, Betrügen Werdens und Beschattens hat nun keine Langeweile mehr. Schmerz wird zum Lehrmeister, der Tod hat plötzlich viel zu tun.

Atomic Blonde ist eine visuell sinnliche Reise in die Zeit von Nena, Falco, Neon und Punks. Es ist zu vermuten, dass einige Szenen den Panels aus dem Comic entsprechen. Was den Film in seinem Design noch kunstvoller werden lässt. Die Agentenstory dahinter ist zwar zu banal, um im Gedächtnis zu bleiben. Doch die Plakativität, die anderen Filmen vielleicht vorzuwerfen wäre, rettet den Geheimdienstreißer über den Durchschnitt.

Atomic Blonde