Der denkwürdige Fall des Mr Poe

VERRÄTERISCHE HERZEN UND BLASSBLAUE AUGEN

4,5/10


The Pale Blue Eye© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: SCOTT COOPER

BUCH: SCOTT COOPER, NACH EINEM ROMAN VON LOUIS BAYARD

CAST: CHRISTIAN BALE, HARRY MELLING, GILLIAN ANDERSON, LUCY BOYNTON, CHARLOTTE GAINSBOURG, TOBY JONES, TIMOTHY SPALL, HARRY LAWTEY, ROBERT DUVALL U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


„Wer auch immer dieser armen Seele das Herz entwendet hat, es muss ein Poet gewesen sein.“ Ungefähr so ähnlich erklingen Edgar Allan Poes erste Hinweise, die er für den längst außer Dienst befindlichen Polizeiinspektor Augustus Landor bereithält. Ein Herz hat mehr Bedeutung als nur die eines kräftigen Muskels, der das Blut durch die Venen pumpt. Ein Herz ist dem Organischen längst erhaben, es geht mit Kummer, Seele und dem Intuitiven einher. Augustus zeigt sich interessiert, wenn auch etwas skeptisch. Und dann ist da bald diese Verbundenheit unter dem Deckmantel der geheimen Ermittlung. Und ehrlich gesagt: Mit wem würde man nicht lieber Gräueltaten wie diese unter die Lupe nehmen als mit einem, der später für seine Schauerromane und Gruselgeschichten berühmt sein wird, die wie beim späteren P.H. Lovecraft tief in die Dimensionen der Angst, Paranoia und Panik eintauchen?

Scott Cooper, zuletzt mit dem mythologischen Horrorstreifen Antlers unterwegs, der sich mit der legendären Gestalt des Wendigo beschäftigt, hat nun dem Roman The Pale Blue Eye von Louis Bayard atmosphärische, schaurig-romantische Winterbilder verpasst. Schon zu Beginn müht sich ein recht mitgenommener und zerzauster Christian Bale mit schwarzem Mantel und Zylinder durch den Schnee. Nicht weit davon entfernt könnte Sleepy Hollow liegen. Wir schreiben das Jahr 1830, es ist das Zeitalter des Okkulten und einer ausgeprägten Neugier für das Jenseits sowie allen Entitäten, die es bis in unsere Welt schaffen. Es müsste mehr vorhanden sein als das, was sich sehen und hören lässt. Und auch Edgar Allan Poe, damals noch Kadett an einer Militärakademie, kann sich mit diesen Vermutungen in Bezug aufs Transzendente ganz gut anfreunden. Ein obskurer Selbstmord wie jener des Kollegen Fry kommt da ganz gelegen. Der wird nämlich eines Nachts an einem Baum erhängt aufgefunden, dabei wurde ihm postmortal das Herz entfernt. Wer macht denn sowas, stellt sich Landor die Frage. Poe hilft ihm, diese zu beantworten.

Wie Harry Melling, ehemaliges Ekelpaket Dudley Dursley aus den Harry Potter-Filmen und diesem Image längste Zeit entwachsen, die Figur des versponnenen und psychisch höchst labilen Sonderlings anlegt, ist das einzige Denkwürdige an einem Historienkrimi, der viel zu oft an seiner eigenen Inszenierung ermüdet. Die Gestalt des werdenden Poeten allerdings, in Filmen sehr selten bis gar noch nie verkörpert, gelingt Melling ausgezeichnet. Sowohl in überhöhter Exaltiertheit und wortgewandt als auch verängstigt und mit starker Affinität zum Morbiden – der in seiner Rolle geschickt balancierende Schauspieler mit den markanten Gesichtszügen hat überdies mit dem historischen Poe so ziemliche Ähnlichkeiten, mit Ausnahme des späteren Schnauzers. Es wäre im Nachhinein besser gewesen, man hätte eine tatsächlichen Biographie von Poe verfolgt statt nur eine fiktive, sich dahinschleppende Kriminalgeschichte mit vielen verheizten Gaststars, die zu viele Biographien in den Vordergrund stellt und auch dem Kommissar – routiniert und mitunter manchmal gelangweilt dargestellt von Christian Bale – eine vergangene Tragödie an den Leib schreibt, mit der er hadern muss. Und wir mit ihm.

Der denkwürdige Fall des Mr Poe scheint, die einzelnen Elemente für sich genommen, anfangs durchaus reizvoll, hat aber in Summe zu viele Leerläufe, um nur auf Atmosphäre setzen zu können. Die wäre ja prinzipiell vorhanden, auch das ganze Setting stimmt. Doch letzten Endes schwelgt Cooper in gepflegter Langeweile, und der Zuseher blickt genauso übernachtig durch die Wäsche wie Bales Figur das manchmal tut.

Der denkwürdige Fall des Mr Poe

The Limehouse Golem

EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER

4/10


limehousegolem© 2000-2017 Concorde Filmverleih


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: JUAN CARLOS MEDINA

CAST: BILL NIGHY, OLIVIA COOKE, DOUGLAS BOOTH, DANIEL MAYS, SAM REID, EDDIE MARSAN, MARIA VALVERDE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Dem Briten Bill Nighy, selbst wenn er mal keinen „Kraken-Bart“ trägt, sieht man durchaus gerne zu. Seine aufgeräumte, distinguierte Art ist ein befriedigendes Gegengewicht zum hinterlassenen Chaos eines Serienmörders, der im London des viktorianischen Zeitalters – also womöglich gegen Ende des 19. Jahrhunderts – sein Unwesen treibt. Epizentrum der schändlichen Taten sind die Docklands der Stadt, auch als Gemeinde Limehouse bekannt. Dorthin wird Inspektor Kilday – eben Bill Nighy – zitiert, um sich entsetzlich entstellte Leichen anzusehen, deren Art der Quälerei aber einem gewissen künstlerischen Konzept folgen. Nighys Mimik sei dabei zu beachten, wenn er vor dem Unaussprechlichen steht – gerade mal aus Fassungslosigkeit geweitete Augen sind das Einzige, was vermuten lässt, dass auch diesen hartgesottenen Kriminalbeamten nicht alles kaltlässt.

Bei seinen Ermittlungen macht er alsbald Bekanntschaft mit einer Varietékünstlerin namens Elizabeth Cree, die ihren Ehemann vergiftet haben soll, der wiederum mit den Golem-Morden in Zusammenhang stehen könnte. Weiters findet der findige Inspektor ein Tagebuch, dass die Morde beschreibt – und er muss sich beeilen: Denn es könnte sein, dass die des Mordes beschuldigte junge Dame statt ihrer Hinrichtung Strafmilderung erfahren könnte, wenn bewiesen wird, dass diese das Kapitalverbrechen nur begangen hat, um die Golem-Morde enden zu lassen.

Ein Serienkiller-Thriller, schön und gut. Mit verregneten Londoner Gassen, Kutschen und jede Menge Zylinder. Weiters mit düsteren Zimmern und blutigen Details. Doch mit einer überkonstruierten und langweiligen Story. The Limehouse Golem hätte prinzipiell genug Potenzial, seinen Mystery-Faktor entsprechend zu nutzen, Haken zu schlagen und auch Bill Nighy an seine Grenzen gehen zu lassen. Durch die Dominanz von Olivia Cooke gerät der Film aber zu einem leidlich interessanten Justizdrama, das sich viel zu sehr mit Rückblenden aufhält und eine fiktive Biografie erzählt, auf die der Zuseher eigentlich nicht wartet. Warum Cooke, die ihrer Rolle nicht annähernd so viele Facetten verleiht wie verlangt, so viel Spielzeit erhält, verwundert. Entfernt man die vielen Rückblenden, bleibt wenig über. Kaum ist eine abgedreht, kommt die nächste. Der Fall gerät ins Stocken. Bill Nighy weiß nichts Genaues, probiert seine Theorie mit verschiedenen Verdächtigen, die wir dann auch noch in einer alternativen Realität als Mörder sehen. Zu bemüht zieht sich diese Geschichte dann dahin, als wäre man ein ganzes Wochenende auf einem Mystery-Jahrmarkt mit einigen Geisterbahnen, die man längst durchhat, von dort aber nicht wegkommt und die Zeit totschlägt, bis das unglaubwürdige Finale die letzte Hoffnung auf eine Chance, hier doch noch mal mitgerissen zu werden, ausräumt.

Die Buchvorlage von Peter Ackroyd mag vielleicht besser sein, vielleicht auch, weil die Protagonisten anders angelegt sind. Die Verfilmung jedoch versucht vergebens, den Figuren die richtigen Prioritäten einzuräumen.

The Limehouse Golem