Madame Kika (2025)

DIE DOMINA ALS THERAPEUTIN

7,5/10

 

© 2025 Stadtkino Filmverleih

 

LAND / JAHR: BELGIEN 2025

REGIE: ALEXE POUKINE

DREHBUCH: ALEXE POUKINE, THOMAS VAN ZUYLEN

KAMERA: COLIN LÉVÊQUE

CAST: MANON CLAVEL, SUZANNE ELBAZ, MAKITA SAMBA, THOMAS COUMANS, ETHELLE GONZALES LARDUED, ANAËL SNOEK, KADIJA LECLERE, BERNARD BLANCAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Es wäre interessant zu erfahren, ob jemand innerhalb meiner Leserschaft und wenn schon nicht dort, dann zumindest im persönlichen Dunstkreis selbiger, den Service eine Domina schon mal in Anspruch genommen hat. Der Begriff sagt schon alles: Es geht um Dominanz, folglich auch um Unterwerfung, und das wiederum sind Formen einer gelebten, sexuell konnotierten Auslebung innerer Fantasien, die sich, über den Kamm geschoren, als BDSM verbuchen lassen, was soviel heisst wie Bondage & Discipline, Dominance & Submission Sadism & Masochism. Wir haben hier alles, was nicht der sexuellen Normalität entspricht, worauf man natürlich wieder hinterfragen könnte: Was ist in diesem Sektor schon normal?

Ventil des Schmerzes

Eine gewisse Offenheit gegenüber anderer sexueller Herangehensweisen, als wir sie praktizieren oder nicht praktizieren, sollte bei Betrachtung des Films Madame Kika zumindest ansatzweise vorhanden sein – was nicht heisst, dass bei der einen oder anderen indirekten Darstellung einer  „Perversion“ die Frage aufkommt, ob das, was man sieht, nicht völlig krank ist. Oder dass jene, die solche Dinge praktizieren, zum Therapeuten gehören. Spätestens da meldet sich Regisseurin und Autorenfilmerin Alexe Poukine mit einem Zwischenruf: Ist Mann oder Frau mal da angekommen, sich Methoden wie diesen auszusetzen, braucht es tatsächlich keine Therapie mehr. Denn das umgangssprachliche SadoMaso kann genau als solche funktionieren. Als Therapie, oder Radikaltherapie. Also Ventil, Sprachrohr oder Bühne, um auszuleben, was die Seele sonst zerfrisst.

Getragene Slips zum Sonderpreis

Nicht zwingend muss man dabei als im Leben gescheiterte Person alle Karten bereits ausgespielt haben oder mit dem Latein ans Ende gekommen sein. Es lässt sich diese Nische an speziellen Dienstleistungen auch ganz gut dafür nutzen, einer prekären finanziellen Situation entgegenzuwirken. Um zum Beispiel neben einem schlecht bezahlten Job jede Menge Geld relativ leicht dazuzuverdienen. Wobei sich die Annahme, BDSM sei ans Dienstleistung genau das, nämlich relativ leicht auszuüben, als falsch herausstellt. Im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erfährt dies titelgebende Sozialarbeiterin Kika (Manon Clavel in ihrem Spielfilmdebüt), die sich, wie es der Zufall will, frisch verliebt. Auf Glück folgt jedoch Pech: Partner David verstirbt bei einem Unfall und hinterlässt Kika und ihrer Tochter eine Wohnung, aus die sie bald ausziehen müssen, weil eben nicht mehr leistbar. Wohin also nun? Zurück zur alten Beziehung? Bei den Großeltern leben? Fürs neue Eigenheim reicht das Geld nicht, also kommt Kika auf eine ganz besondere Idee, auf die sie eine ihrer Klientinnen gebracht haben: Sie verkauft ihre getragene Unterwäsche – Kunden dafür gibt es tatsächlich. Willkommen in der Welt der für viele gewöhnungsbedürftigen Sexualpraktiken.

Schlag mich, heile mich

Fäkalien im Plastiksackerl, Wickelstunde für ältere Männer – angesichts solcher Bedürfnisse ist das schnöde Auspeitschen nackter männlicher Hinterteile direkt profan. Und doch gelingt es Regisseurin Poukine all diese frei geäußerten, nicht mehr ganz so geheimen Wünsche auf behutsame, wohlwollend neugierige Art zu hinterfragen. Dabei verwöhnt uns Madame Kika nicht nur mit dieser einen Seite der Dienstleistung am Ende der sexuellen Nahrungskette – wohl deutlich mehr Gewicht liegt in der existenziellen Entwicklung besagter Alltags-Entdeckerin selbst, die im Zuge ihrer Genese zur Domina bald schon selbst den einen oder anderen Schmerz nicht mehr verdrängen will.

Irgendwann will Madame Kika von einem Kunden wissen, was für einen Nutzen diese ausgeübte Gewalt denn eigentlich habe? Es ist ein Schmerz, sagt dieser, den er steuern kann, wenn schon die Pein eines chronischen Nervenleidens keine Sekunde Ruhe lässt. Es ist ein Schmerz, den man kontrollieren kann. Es ist das Hindurchgejagtwerden durch die Dunkelheit, von der man weiß, sie hat ein Ende, sobald man Rot sagt. Orange ist dabei die Farbe der Linderung.

Zwischen Sozial- und Psychodrama

Kontrolle, Selbstbestimmung, die vereinbarte Dosis des Abgründigen: Madame Kika widmet sich des drohenden Verlustes der eigenen Regie in einer unkalkulierbaren, unberechenbaren Welt, in der man plötzlich vor dem Nichts stehen kann. Konzeptionelle Sexualität ist dabei ein Anker, der einen nicht ins gänzlich Ungewisse weitertreibt. Mit dieser Erkenntnis im Beipack akzeptiert man erst und schätzt dann gar die erratische, oft arg sprunghafte Erzählform. Das Ausgesparte strafft den Film, und dort, worauf es ankommt, fehlt keine Minute. In dieser bizarren Welt der rotlichternen Servicekultur ergibt sich die Chance, weniger die voyeuristische Ader auszuleben als vielmehr besser verstehen zu können, wie wenig so viele mit dem konventionellen Regelwerk etwas anfangen können, das zur sozial integren Selbstheilung rät.

Dass Poukine dabei immer wieder zu sehr den Fokus auf das Sozialdrama legt, die der Psychostudie manchmal den Rang abläuft – darüber lässt sich hinwegsehen. Letztlich bleibt Madame Kika vor allem als gewagter, exotischer Lokalaugenschein, den man, je nach Vorlieben, sonst wohl kaum wagen würde zu begehen, in Erinnerung. Könnte ja sein, dass sich dabei eine seltsame Welt auftut.

Madame Kika (2025)

Babygirl (2024)

SEXUELLE BEFREIUNG AM ARBEITSPLATZ

7/10


© 2024 Constantin Film / Niko Tavernise


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: HALINA REIJN

CAST: NICOLE KIDMAN, HARRIS DICKINSON, ANTONIO BANDERAS, SOPHIE WILDE, ESTHER MCGREGOR, VICTOR SLEZAK, ANOOP DESAI, MAXWELL WHITTINGTON-COOPER U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Alle sprechen von Künstlicher Intelligenz. Doch niemand, wirklich niemand, von Emotionaler Intelligenz. Betrachtet man das Weltgeschehen, schmilzt dieser Skill genauso zügig davon wie die vereiste Nordpolkappe, die bald nicht mehr existieren wird, weil 20 Grad zu warm. Von dieser Emotionalen Intelligenz spricht Romy, CEO eines Robotikunternehmens, die genau weiß, was für Vorteile Automatisierungen am Arbeitsplatz und überhaupt in der Logistikbranche mit sich bringen – die aber auch genau weiß, wie wichtig es gerade in Zeiten wie diesen ist, sich selbst nicht automatisieren zu lassen. Wer diktiert also wem die Zukunft? Der Fortschritt uns Menschen – oder umgekehrt?

Derlei ungewöhnliche Gedanken spinnt Halina Rejin in ihren Film, der beim schnellen Hinsehen so wirkt, als wäre er die Neuauflage eines Streifens aus den Neunzigern mit Demi Moore und Michael Douglas, nämlich Enthüllung. Man könnte auch meinen, bei Babygirl an eine Business-Version von Fifty Shades auf Grey geraten zu sein. Nichts dergleichen ist der Fall. Reijn, die zuletzt mit dem One-Night-Horrorthriller Bodies Bodies Bodies für gewitzte, aber oberflächliche Unterhaltung sorgte, hat etwas ganz anderes im Sinn: Weniger eine Parabel um Macht und Ohnmacht, sondern ein genau beobachtetes Gesellschaftsdrama über Individualität, Bedürfnisse und Prioritäten. Über Werte, Konsens und Konsequenzen. Natürlich erotisch aufgeladen, natürlich spielt der Sex dabei die größte Rolle überhaupt. Klar, Sex ist wichtig in einer Beziehung, egal wie, egal was, Hauptsache einvernehmlich. Sex mag Motor, Kitt und Garant für eine langlebige Beziehung sein, mag entspannen, erforschen und näherbringen. Dumm nur, wenn der eine Partner nichts von den Bedürfnissen und Vorlieben des anderen weiß.

In Babygirl ist die Menschheit im Begriff, ohne Rücksicht auf Verluste so schnell voranzuschreiten, dass sie sich beinahe selbst abschafft. Im Gegensatz zur technologischen Intelligenz kämpft die soziale nach wie vor mit Tabus, unter Kapazundern wie Trump, Musk und Co erfährt sie den Niedergang des Jahrhunderts. Nicole Kidman macht da nicht mit. Sie als integre, toughe Romy wittert, auch wenn sie es sich selbst nicht zugesteht, die sexuelle Befreiung und die eigene Akzeptanz in der geheimen Affäre mit einem weitaus jüngeren Praktikanten, der ausgeschlafen genug ist, um seinen Boss zu manipulieren und aus der Reserve zu locken. Du willst es doch auch, hört man ihn sagen. Und ja, sie will es. Es stellt sich die Frage: Wie lange kann dieses verbotene sexuelle Abenteuer denn geheim bleiben? Und überhaupt: Was ist mit der Moral in Zeiten wie diesen? Ist es überhaupt eine Frage derselben? Oder muss sie neu definiert werden?

Es ist spannend, dabei zuzusehen, was Halina Reijn aus diesem ganzen relevanten Stoff letztlich macht: Allen voran schickt sie eine bereits für Jahrzehnte im Filmbiz kontinuierlich arbeitende Kidman auf die Bühne ihres Lebens. Zumindest scheint es so, als würde die bereits mit dem Oscar ausgezeichnete Allrounderin völlig neue Aspekte an ihrem schauspielerischen Tun entdeckt haben. Ihre Figur der Romy ist mutig, eloquent, gleichzeitig schamhaft, schüchtern, unsicher und verletzlich. In deren Kindheit dürfte Relevantes passiert sein, das womöglich nicht unwesentlich daran beteiligt ist, sie so agieren zu lassen, wie sie es in diesem Film tut. Reijn erachtet Details dabei aber nicht für wichtig. Einzig ausschlaggebend ist das Handeln im Jetzt – und hier zeigt sich Kidman von einer zerrissenen, sehnsüchtigen und selbstbewussten Seite, die wie KI alles in den Griff bekommen will. Nur: Das eine geht nicht ohne den menschlichen Faktor. Und der bleibt fehlerhaft, impulsiv, unüberlegt – wie Individuen eben sind. Diese Menschlichkeit, auf geradezu klassisch retrospektive Art, bringt Kidman in diesen Film ein, und überzeugt auf ganzer Länge. Dass die Academy sie dabei nicht berücksichtigt hat, ist ein fahrlässiger Fehler.

Sie allein stemmt das Ensemble, das einen aufschlussreich intelligenten Film garantiert, nicht im Alleingang. Antonio Banderas ist so untypisch Antonio Banderas, dass man fast zweimal hinsehen muss, um den Weltstar auszumachen. Sein Schauspiel hat ebenfalls, wie Kidman, eine Menge an Facetten, die ihn trotz der knappen Spielszenen so greifbar werden lassen, als kenne man ihn persönlich. Harris Dickinson ist der experimentierfreudige Jungspund einer Zukunftsgesellschaft – dominant, egozentrisch, doch kein Christian Grey, sondern viel unberechenbarer. Babygirl wird zum schauspielerischen Genuss und setzt den Preis für die Erfüllung geheimer Wünsche recht hoch. Sex ist dabei nicht alles, der Konsens ist die Lösung – und so ist Babygirl weder ein Thriller noch ein lasziver 9 1/2 Wochen-Schmachtfetzen, sondern eine neu durchdachte Nachjustierung quer durch die verschiedenen Vertrauenszonen der Gegenwartsgesellschaft.

Babygirl (2024)

Drei (2010)

DIE ALGEBRA DES FLOTTEN DREIERS

7,5/10


drei© 2010 The Match Factory


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2010

REGIE / DREHBUCH: TOM TYKWER

CAST: SOPHIE ROIS, SEBASTIAN SCHIPPER, DEVID STRIESOW, ANNEDORE KLEIST, ANGELA WINKLER, ALEXANDER HÖRBE, WINNIE BÖWE, HANS-UWE BAUER U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Lange nichts mehr von Tom Tykwer gehört. Zumindest nichts, was mit dem Kino zu tun hätte. Der Visionär aus dem Wuppertal trägt zumindest für die heimische Flimmerkiste ein Stück Fernsehgeschichte mit: Babylon Berlin geht mitunter auf sein Konto, den Ruhm für dieses einmalige Event muss er sich mit Achim von Borries und Henk Handloegten teilen. Macht doch nichts, Tykwer scheint mir einer zu sein, der kein Problem damit hat, im Team zu arbeiten – siehe Cloud Atlas. Gerade die Bereitschaft, Agenden aufzuteilen, um so zu einem besseren Ganzen zu gelangen, hat das multitemporäre Science-Fiction-Epos zu dem gemacht, was es ist: einem besonderen Meisterwerk, unterstützt durch die Wachowski-Geschwister, die seit Matrix auch nicht mehr das Gelbe vom Ei freilegen konnten.

Tykwer allerdings funktioniert auch auf Solopfaden bestens, und nicht erst seit seinem Stress-Thriller Lola rennt. Ganz besonders funktioniert Tom Tykwer auch, wenn die Reise in die zwischenmenschlichen Terra incognita führt. Wenn sich Männer und Frauen wechselwirkend aufeinander einlassen und nicht unbedingt nur zwei dazugehören, sondern eben – wie der Titel schon sagt – drei. Diese drei sind anfangs aber eben nur zwei, und da taucht plötzlich dieser eloquente, völlig gelassene und über allen Dingen stehende Adam auf – Stammzellenforscher und sowieso schon mal offen für Experimente aller Art, die die Physik des Daseins nutzen, um völlig Neues aufzudecken. Adam – der Name ist Programm. Devid Striesow darf sich als Erleuchtung bringende, wandelnde Institution erklären, die Liebenden das Feuer neuer Möglichkeiten bringt. Die Liebenden sind Hanna (die unvergleichliche Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper). Simon pflegt seine krebskranke Mutter bis zu ihrem Ableben, während Hanna Adam kennenlernt – und mit ihm eine Beziehung anfängt. Zeitgleich erkrankt nun auch Simon. Da Hanna ihn liebt, bleibt sie an seiner Seite – letzten Endes heiraten sie. Adam jedoch wird für beide zum fixen Bestandteil ihres Lebens, denn der vom Krebs Genesende lernt diesen wiederum im Schwimmbad kennen. Da Adam sofort kein Hehl daraus macht, seine Bisexualität offen zu kolportieren, entdeckt auch Simon seine Lust am Manne. Denn, und das ist das Motto dieses komplexen und hochgradig amüsanten, aber niemals der seichten Unterhaltung dienenden Erotikfilms: Die Biologie deterministisch zu sehen, ist eine Ansicht, von der Mann und Frau sich lösen muss. Schließlich hält sie in petto, was möglich ist. Und somit natürlich.

Auch dieser wilde Dreier voller Leidenschaft. Spannend macht die Beziehungskiste vor allem die Tatsache, dass Hanna und Simon jeweils vom anderen nicht wissen, dass Adam längst Teil ihres Lebens ist. Dadurch gewinnt Drei eine zusätzliche beziehungskomödiantische Facette, die andernorts und vielleicht auch in Hollywood für einen ganzen Film reichen hätte kommen. Tykwer gibt sich mit dieser einen Dimension längst nicht zufrieden. Seine Ansätze sind gar wissenschaftlicher, sozialphilosophischer Natur – das begeisterte Spiel des Trios, ihre Hingabe und ihr erfrischender Mut, Nacktheit zu zeigen und womöglich auch ihrer eigenen Gesinnung entgegenlaufende Abenteuerlust völlig ungeniert darzustellen, lässt die auf mehreren Metaebenen laufende Dramödie nicht nur selbstbewusst als mathematische Formel in neonleuchtenden Schwimmbadlettern über allem strahlen. Wie dieses Dreiergespann aber in sich greift, wie jeder jedem und jede jedem und jeder jede um sein intimes Lebensglück aus Versuchung und Verlangen bereichert, ist fast schon ein vollendetes Verhaltensmuster.

Drei (2010)

Im letzten Sommer (2023)

IN DER REIFE LIEGT DIE LUST

4/10


imletztensommer© 2023 Polyfilm


ORIGINAL: L’ÉTÉ DERNIER

LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: CATHERINE BREILLAT

CAST: LÉA DRUCKER, SAMUEL KIRCHER, OLIVIER RABOURDIN, CLOTILDE COURAU, SERENA HU, ANGELA CHEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Sex mit dem Stiefsohn. Einmal auf einschlägigen Pornoplattformen eingegeben, schon poppen allerlei Filmchens an die Oberfläche, die den speziellen Reiz eines solchen verbotenen Geschlechtsakts zelebrieren. Man sieht: Fans dieser Sorte des Betthupferls gibt‘s zu Genüge, nicht umsonst werden deswegen Clips wie diese zuhauf abgedreht. Aus diesem moralischen Fegefeuer zur eigenen Befriedigung entkamen auch schon so einige Filme. Zum Beispiel Königin mit Trine Dyrholm, die mit ihrem Stiefsohn unter die Laken schlüpft – mit fatalem Ausgang. Natürlich geht sowas nicht gut, mit Sicherheit lässt sich ein Seitensprung wie dieser, innerhalb der selben vier Wände, in denen auch der gehörnte Ehegatte weilt, auf Dauer nicht verbergen. Was sich die beiden Liebenden da wohl gedacht haben?

Jetzt will auch noch Altmeisterin Catherine Breillat (u. a. Romance XXX) dieser Sache auf den Grund gehen. Und meint dabei, entdeckt zu haben, das Moral per se nichts ist, womit wir uns als Mensch eigentlich herumschlagen müssten. Vive la Anarchie! Das Gewissen ist ein stacheliges Ruhekissen, das man weglegen muss, ist das hedonistische Weltbild doch das einzig Wahre. Natürlich ist es reizvoll, zu tun, wonach einem verlangt – und sei es die Frau des eigenen Vaters, für die man erotische Gelüste hegt. Zu so einer Partie gehören letztendlich aber zwei, will man die Palette zu ahndender sexueller Gewalt aussen vorlassen. Im letzten Sommer ist in erster Linie kein Film über ein Verbrechen im Sinne des Rechtsstaats. Allerdings ein Film über ein Verbrechen im Sinne des Anstands, der Würde und des Respekts. Beide, sowohl Léa Drucker (Close) als Anne und Samuel Kircher als ihr siebzehnjähriger Stiefsohn Théo fühlen sich von all diesen Werten scheinbar befreit. Die Egomanie feiert ihr Sommerfest, der missratene Jungspund plündert sogar die eigene Wohnung, raucht in den eigenen vier Wänden und sticht seiner Reservemutter ein Tattoo, bevor er ihr kurze Zeit später die Zunge in den Mund steckt. Nun ja, Anne kommt das nicht ungelegen. Der Reiz der kernigen Jugend, das Feuer eines lustvollen Minderjährigen. Zugegeben: das ist strafbar auch im Sinne des Rechtsstaats. Doch darum geht es Catherine Breillat überhaupt nicht. So, wie sie die beiden inakzeptablen Liebenden darstellt, möge ihre Sympathie mit ihnen sein. Meine bekommen sie nicht.

Im letzten Sommer, der bei der diesjährigen Viennale läuft, wurde von Breillat höchstpersönlich präsentiert. Als Antwort auf ihre abschließenden Worte, sie wäre schon neugierig, auf welche Seite sich das Publikum schlagen würde, käme mein ganzes Mitleid wohl dem Ehemann Pierre zugute, der sich bei seinen beiden Adoptivkindern zwar auch rar genug macht, um nicht die Last einer späten Vaterschaft austragen zu müssen, der aber zumindest moralisch soweit integer bleibt, um nicht mit der hauseigenen Putzfrau ins Bett zu steigen. Seine Figur ist das Zentrum, in welchem man sich notgedrungen wiederfinden könnte. Außerhalb dieser Blase, in denen verzweifelt gerettete Fragmente eines vormaligen Vertrauens herumschwirren: die nicht wirklich weit gedachten Moralkonzepte einer erwachsenen, klugen Frau, die jedoch ihrer Midlife-Crisis zum Opfer fällt, und ein psychoaggressiver Jüngling, der manchmal an Timothée Chalamet aus Call Me by Your Name erinnert, jedoch nicht dessen Leidenschaft besitzt. Kurzsichtigkeiten wie diese reiten alle ins Unglück. Beim dritten Liebesakt, begleitet von heftigem Augenrollen meinerseits, ist das Interesse an den beiden längst flöten gegangen. Die schmachtende Léa Drucker, die selbst nie zum Orgasmus kommt, und der keuchende Samuel Kircher, des sich mit seiner Libido auch irgendwie schwertut, bleiben flache, psychologisch wenig ergründete Abziehbilder aus einem schwülstigen, sonderbar trivialen Liebesroman, in welchem nur das skandalöse erotische Abenteuer zwischen zwei Generationen zur für Breillat befriedigenden Provokation reicht.

Im letzten Sommer (2023)