Professor Marston and the Wonder Women

MIT DEM LASSO DER WAHRHEIT

7/10

 

PROFESSOR MARSTON AND THE WONDER WOMEN© 2017 Claire Folger / Annapurna Pictures

 

LAND: USA 2017

REGIE: ANGELA ROBINSON

CAST: LUKE EVANS, REBECCA HALL, BELLA HEATHCOTE, JJ FEILD U. A.

 

Letztes Jahr hat sich Stan Lee, unter anderem Vater von Hulk, Spider- und Iron Man, verabschiedet. Das ist kaum jemandem entgangen. Und kaum jemand kennt sie nicht, die nach Magnum wohl berühmteste Rotzbremse jenseits des Atlantiks. Die Understatements des kreativen Cameo-Crashers in allen Marvel-Filmen werde ich schmerzhaft vermissen. Das war so etwas wie der gute Ton, und auch sowas wie ein künstlerischer Rembrandt-Effekt – hat sich der niederländische Maler doch selbst auch das eine oder andere Mal in seinen Gemälden verewigt. Lee wird wohl auf Bob Kane, den Schöpfer von Batman treffen, auf Jack Kirby, Jerry Siegel und Joe Shuster. Und vielleicht auch auf William Marston.

Marston – Wer bitte soll das gewesen sein? Nun, der Psychologe und ehemalige Universitätsdozent aus Massachusetts schuf Anfang der 40er Jahre niemand geringeren als Wonder Woman. Die Superheldin griechischen Ursprungs hatte bei Erscheinen noch ein Faible für schlüpfrige Bondage-Praktiken – mittlerweile aber ist aus der knapp bekleideten Amazone die Gallionsfigur des filmischen DC Universums geworden. Zu verdanken ist dieser Erfolg der unvergleichlichen Ausstrahlung von Gal Gadot, die besetzungsmäßig keinerlei Alternativen mehr zulässt. Umso mehr hoffe ich, dass ihr Vertrag mit Warner noch lange genug andauert. Blickt Diana Prince nun also zurück auf ihre Herkunft, und vielleicht sogar noch ein gutes Jahrzehnt darüber hinaus, so finden wir uns im Vorlesungssaal einer Universität wieder, in der Professor William Marston, gemeinsam mit seiner Frau Elizabeth, die Verhaltensgrundmuster des Menschen erörtert. Der kleine Wissensbonus am Rande: Das von Marston sogenannte DISG-Modell, das unser Verhalten auf vier Grundmuster herunterreicht – Dominanz, Veranlassung, Unterwerfung und Einhaltung – wurde von Kollegen des Fachgebietes weiterentwickelt und ist bis heute gebräuchlich. Auf der Suche nach einer Assistentin sticht also dem intellektuellen Freigeist sofort die junge Olive Byrne ins Auge. Die Frischverlobte kann sich dem unorthodoxen Liebeskarussel, zu welchem die beiden Gelehrten sie einladen, nicht wirklich lange verwehren. Sie löst ihre Bindung und begibt sich in eine für damalige Verhältnisse sündhafte Dreiecksbeziehung. Verlangen wird ausgelebt, Intimitäten werden geteilt, auf homo- wie auch auf heterosexueller Ebene. Und Unterwerfung spielt von allen vier Grundmustern des Verhaltens hierbei die größte Rolle. Wobei es nicht nur mehr die Frau ist, die dominiert wird – sondern auch der unterwürfige Mann. Mit diesem Paradigmenwechsel sind wir bei Wonder Woman angekommen. Bald schon werden die provozierenden Panels, verlegt von DC-Herausgeber Max Gaines, zu einem Skandal der Unterhaltungskultur. Eine Hetzjagd auf die gedruckten Schundblätter beginnt, und nicht selten enden diese in dessen massenhafter Verbrennung.

Hochinteressant, was Filmemacherin Angela Robinson hier recherchiert hat. Längst ist Professor Marston & The Wonder Women nicht nur für Comic-Fans und Freunde der Popkultur ein Muss – das biographische Dreiecksdrama setzt seinen Schwerpunkt zwei Drittel seiner Laufzeit auf das Hinterfragen und Brechen gesellschaftlicher wie sexueller Konventionen, stiftet Chaos innerhalb „erlaubter“ Dogmen und plädiert für die Emanzipation der freien Liebe. Geschickt webt Robinson in das Geflecht von Sex, Lügen und Unterwerfung die Entwicklung des Lügendetektors und einen dezenten Mix der Zeitebenen, ohne das Tableau ihres filmischen Contents in Schieflage zu bringen. Kann sein, dass man irgendwann fragt, was denn diese polyamore Lebensgeschichte mit der Geburt der anfangs noch Suprema genannten Superfrau im Fetisch-Trikot zu tun hat – doch auch hier fließt der eine rote Faden in den anderen. Und dann ist sie da, die fast schon sakrale Erscheinung mit Diadem, Lederstiefel und Lasso, wie sie im Hinterzimmer eines Dessousladens in Gestalt von Olive Byrne das Querdenken von Autor Marston neu entfacht. Wonder Woman ist also anfangs ein Testimonial für das Recht, zu lieben wie man will, Tendenz Sadomaso. Erst Jahrzehnte später entfällt die sexuelle Attitüde der gerne fesselnden und gefesselten Kriegerin, die Justice League dankt. Wie es aber so weit kommt, das ist eine Geschichtsstunde der Psychologie und der gezeichneten Panels. Darüber hinaus liefert Rebecca Hall in der Rolle der eigensinnigen Mrs. Marston ihre bislang beste schauspielerische Leistung ab, ihr emotionales Wechselbad zwischen Trotz, Wagemut und Sensibilität ist im wahrsten Sinne des Wortes dominierend, und die Australierin Bella Heathcote setzt Erotik, Begehren und Scham in eine elektrisierende Wechselwirkung. Bis sie sich als inkarnierte Idee hinter Wonder Woman in der Rolle der Unterwerfenden wiederfindet.

Fast schon ist Professor Marston & The Wonder Women ein Stoff, aus dem Roman Polanski womöglich auch gerne einen Film gemacht hätte. Erinnerungen an seine Werke Bitter Moon oder Venus im Pelz werden wach. Beides mit ähnlichen Themen, doch Robinson´s Dreiecksdrama ist auf eine andere Art vielseitiger, weil es sich in der Chronik uns bekannter Ikonen verankert. Wonder Woman sieht man nach diesem Film vielleicht sogar mit anderen Augen, und das ist bereichernd, erhält sie dadurch noch eine Metaebene, an die sie sich vielleicht selbst nicht mehr erinnern kann.

Professor Marston and the Wonder Women

Dogman

DAS UNRECHT DES STÄRKEREN

7,5/10

 

dogman© 2018 Alamode Film

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH 2018

REGIE: MATTEO GARRONE

CAST: MARCELLO FONTE, EDOARDO PESCE, NUNZIA SCHIANO, ADAMO DIONISI U. A.

 

Es gibt wenig Vergleichbares wie die Rolle des Hundes, wenn es darum geht, eine Metapher zu finden für die guten und schlechten Eigenschaften des Menschen. Für die Mechanismen der Gesellschaft und den Urinstinkten hinter vermeintlich sozialer Kompetenz. Der Hund, der ist nicht nur im Abenteuer- und Familienformat eines Lassie oder Beethoven zu finden – er ist in letzter Zeit angesichts der globalen politischen Entwicklung nun auch vermehrt als unmissverständliches politisches Gleichnis zu entdecken, in Filmen wie Isle of Dogs von Wes Anderson, wo es um den Umgang mit Minderheiten geht. In Filmen wie dem ungarischen Underdog, der vom Widerstand der Unterdrückten handelt. Oder eben in Filmen wie Alpha, der zwar nicht sinnbildlich gesehen werden kann, dafür aber die Wurzel des Zusammenlebens zwischen Menschen und Hund in ein pittoreskes Abenteuer verpackt. Der italienische Regisseur Matteo Garrone, der sich intensiv mit den gesellschaftlichen und historischen Strukturen seines Landes beschäftigt und unter anderem mit der phantastischen Anthologie Das Märchen der Märchen barocke Legenden zum Leben erweckt hat, nutzt auch für seinen jüngsten, für die Golden Palme nominierten Film Dogman die Allegorien rund um den Hund.

Kurz nachdem der Film zum ersten Mal aufblendet, kläfft dem Publikum bereits die Aggression entgegen – die Großaufnahme eines wildgewordenen Köters, der sich dem Hundefriseur Marcello unterwerfen muss, um gewaschen und geföhnt zu werden. Marcello bekommt das hin, er kann gut mit Hunden, mit dem gezähmten Wilden, solange es keine Menschen sind. Mitunter hält er die Vierbeiner in engen Drahtkäfigen, was nicht wirklich hundefreundlich ist, doch verwahrlosen und hungern lässt er sie nie. Dennoch – hier lässt sich bereits erkennen, dass Marcello manchmal gerne so wäre wie Simoncino, ein Schläger und Krimineller, ein Soziopath und selbsternannter Tyrann eines heruntergekommenen Viertels irgendwo an der Küste Italiens, das so wirkt wie der Anti-Vergnügungspark des Inkognito-Künstlers Banksy, ein zwielichtiger Randbezirk wie in Jacques Audiard´s Dheepan, wo der Arm des Gesetztes zu kurz geworden scheint und die Starken ihre eigenen Gesetze den Schwächeren aufoktroyieren. Was bleibt dem geschiedenen Vater einer Tochter also anderes über, als sich mit dem Stärksten und Mächtigsten zu arrangieren, das in dieser Gegend herrscht und gebietet. Wenn der Ex-Boxer Simoncino ruft, muss Marcello parieren. Wie ein Hund an der Leine, aus Angst, Gewalt zu erleiden. Das Recht des Stärkeren ist unangreifbar, und eine andere Lösung als dem Gewalttäter klein beizugeben sieht Marcello nicht. Zuckerbrot für die Peitsche in Form von Drogen sollen die Bedrohung mildern, die tagtäglich vor den Jalousien des kleinen Hundeladens auf und ab schleicht. Bis irgendwann der tumbe, menschenverachtende Riese zu viel des Guten will – und der Hundemann dafür büßen muss, wie ein Sündenbock ohne Hörner, der nirgendwo dagegen laufen kann, wiederum aus Angst, alles zu verlieren.

Erst vor Kurzem gab es auf derstandard.at eine Umfrage, welche Filme denn gut, aber zu deprimierend seien, um sie ein zweites Mal anzusehen. Zu diesen Filmen würde ich von nun an auch Dogman zählen. Selten hat eine Parabel wie diese die Gesetze von Gewalt und Macht so behutsam obduziert, zuletzt vielleicht Dustin Hofmann in der Rolle des völlig aus der Bahn geworfenen und zu drastischen Mitteln greifenden Normalbürgers in Sam Peckinpah´s Wer Gewalt sät. Tatsächlich lässt sich dieser mit Dogman ganz gut vergleichen. Beiden wohnt eine ohnmächtige Hilflosigkeit inne, die sie auf der Stelle treten lässt, sofern die letzte Instanz der Gewalt nicht in Anspruch genommen wird. Der Hundefrisör hat irgendwann keine andere Wahl mehr – seine Zwangslage lässt ihn zu etwas werden, was ihn alsbald nicht mehr viel von der Bedrohung, die wie ein Damoklesschwert über seinem Schicksal hängt, unterscheidet. Letztendlich ist es ein biblisches Bild, das sich auftut – eine Art David gegen einen Goliath, den alle hassen und fürchten. Der Schwache misst sich mit dem Starken, will ihn bezwingen. Dieses Umstoßen einer Machthierarchie führt Matteo Garrone zu einer verstörenden Wahl der Waffen in drastischen Bildern aus Qual, Panik und Schmerz. Kaum zu glauben, wie sich aus der bühnenhaften Sozialstudie voller Underdogs und dem sehnsüchtig verträumten Kolorit eines italienischen Neorealismus die erschütternde Chronik einer Befreiung windet. Zwar unbeholfener und mit mehr Ehrfurcht vor dem eigenen Tun und Handeln, aber nicht weniger radikal wie die Tat eines Travis Bickle. Was bleibt, ist ein David ohne Königreich, das Aufatmen in einer neuen, im Dämmerzustand verharrenden Welt. Angstfrei zwar, aber von allen verlassen.

Dogman

Das Gesetz der Familie

TUN, WAS PAPA SAGT

4/10

 

gesetzderfamilie© 2017 Koch Media

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: ADAM SMITH

MIT MICHAEL FASSBENDER, BRENDAN GLEESON, RORY KINNEAR, KILLIAN SCOTT U. A.

 

Die Redewendung „Im Kreise der Familie“ bekommt im vorliegenden britischen Bandenthriller eine gänzlich unbequeme Bedeutung. Wenn Michael Fassbinder als Stammhalter morgens erwacht und ins Freie tritt, blickt er auf eine Ansammlung kreisförmig geparkter Wohnwägen, deren Insassen irgendwo in der Grafschaft Gloucestershire mehr illegal als legal und ziemlich versteckt kampieren, um den Steuern zu entgehen und Pläne für den nächsten Coup zu schmieden. Denn Michael Fassbender ist Verbrecher. Von Berufs wegen Einbrecher und Dieb, Fluchtwagenfahrer und gleichzeitig aber auch Vater von zwei Kindern. Dass er ihnen das antut, ist keine Frage des Wollens. Sondern eine Frage der Hörigkeit – dem alles überragenden Patriarchen gegenüber. Eine Pflichtschuldigkeit, die niemand in Frage stellt. Wie denn auch? Bei Infragestellen familiärer Pflichten ist Gewalt nicht selten die Antwort.

Das klingt ja nach einem wuchtigen Thrillerdrama – so dachte ich mir, nach Sichtung der Synopsis und der Gewissheit, dass ein Cast wie Fassbender und der großartige Brendan Gleeson eine Sternstunde des Retail-Kinos gewähren. Zugegeben, da habe ich so ziemlich aufs falsche Pferd gesetzt. Das Gesetz der Familie hat zwar Potenzial für etwas ganz Großes im Stile von Sydney Lumet´s Tödliche Entscheidung, nutzt es aber so gut wie gar nicht. Gleeson als glattrasierter Soziopath und Apostel einer radikalen, wissenschaftsfeindlichen Weltanschauung donnert durch sein heruntergekommenes Refugium, wohlwissend, welchen Einfluss er auf alles hat und wem er wann die Hölle heiß machen kann. Wie ein verblendeter Narr, der König sein will. Und zu wissen glaubt, dass die Erde eine Scheibe ist. Die Rolle des Iren wäre ja schon polternd genug, ausreichend Angriffsfläche für den unbeugsamen Sohn, der nicht mehr will und nicht mehr kann. Aber der schweigt, aus Angst vor einem eigentlich lächerlichen Über-Ich.

Der Befreiungsschlag in ein besseres Leben atmet nur mit halber Luft. Konfrontationen verlaufen im Sand des mobilen Dorfes der Unbeugsamen, es fehlt der Wille zur Zuspitzung, das Volumen für dramaturgische Dichte. Der Film wirkt vor allem mit Gleeson zwar gut besetzt, sonst aber drehbuchtechnisch hingehudelt, ohne in reifer Überlegung den Konflikt zu einem konsequenten Ende zu bringen. Das Ende, das kommt dann willkürlich, ist noch nicht fertig, wie der ganze Thriller. Wirkt schaumgebremst und schüchtern angesichts der Möglichkeiten, die da genutzt hätten werden können. Als A-Sozialportrait über einen ausgerufenen Mikro-Verbrecherstaat ist Das Gesetz der Familie zu wenig ausführlich, als Familiendrama zu kompromissbereit, um wirklich anzuecken oder zu faszinieren.

Das Gesetz der Familie

Die Verführten

HAHN IM KORB

6/10

 

verfuehrt

REGIE: SOFIA COPPOLA
MIT NICOLE KIDMAN, ELLE FANNING, COLIN FARRELL, KIRSTEN DUNST

 

Während es um Francis Ford Coppola, einen der Veteranen des New Hollywood, langsam leiser wird – oder bereits sehr leise geworden ist – hält nun dessen mittlerweile allseits bekannte Tochter Sofia Coppola das künstlerische Familienzepter hoch. Nach einem kurzen und wenig erfolgreichen Filmauftritt in Papa Francis´ Spätwerk Der Pate III hat die aparte junge Künstlerin ihre Leidenschaft wohl eher hinter der Kamera entdeckt – als eigenständige, aber auch sehr eigenwillige Regisseurin, die gesellschaftlichen Stillstand und die Vereinsamung des Selbst in augenzwinkernde Filmlyrik umsetzt und genau zu beobachten weiß. Mit den The Virgin Suicides war kollektiver Selbstmord als romantisches Ideal ihr erstes Thema, in Lost in Translation machte sie Scarlett Johansson weltberühmt – und Bill Murray zum Charakterdarsteller. Wobei manch ihrer Filme tatsächlich nichts zu sagen haben, etwa wie The Bling Ring, der eher wie eine grob skizzierte Schnapsidee daherkam.

Auffallend bei Coppola´s Filmen ist, dass sie zumeist alle auf Originaldrehbüchern basieren. Zu Remakes hatte sich die Dame bislang auch nicht hinreißen lassen – bis jetzt. Und das hat ihr aber, wie wir in Cannes gesehen haben, alles andere als geschadet. Coppola ist im Olymp der Besten angekommen. Was man von ihrem elegischen Südstaatenthriller nicht ganz so behaupten kann. Die Verführten ist tatsächlich ein Remake von Don Siegels Machoabgesang Betrogen mit Clint Eastwood in der Hauptrolle. Da der weit über 80jährige diese Rolle des verwundeten und von scheinbar keuschen Mädels gesund gepflegten Soldaten beim besten Willen nicht mehr darstellen kann, schlüpft nun Colin Farrell in die Rolle des Hahns im Korb. Und entfacht bei der einen oder anderen jungen Dame das Feuer. Natürlich kann das nicht gut gehen. Und damit ist die Geschichte auch schon erzählt. So inhaltlich dünn ist wohl kein anderer Film aus Coppolas Oeuvre. Na gut, mit Ausnahme von The Bling Ring. Oder Somewhere, obwohl die Egostudie mit Stephen Dorff eher Stimmungsbild als Handlungsfilm ist. Die Verführten kann sich nicht entscheiden, was es sein will. Thriller, Sittenbild, Historiendrama? Und eignet sich durch diese Unentschlossenheit eine gewisse schadenfroh kindliche Extravaganz an, die mitunter schmunzeln und staunen lässt. Vor allem zu Beginn entfaltet Die Verführten eine bildnerische Sogwirkung. Die Kamera von Philipp Le Sourd ist atmosphärisches Kunstkino zwischen David Hamilton und Peter Weir´s Picknick am Valentinstag. Die impressionistischen Lichtspiele entstehen vor allem durch das Nichtvorhandensein von künstlichem Licht. Die im Halbdunkel liegenden Innenräume des Mädchenpensionats bleiben düster, das Weiß der Wände, das Blassrosa der gerüschten Röcke nuanciert im natürlichen Licht. Selbst die Sonne, die durch flechtenbehangene Bäume bricht, kündigt Unheilvolles an. Man denkt da an den Geisterkult rund um die Sümpfe Louisianas. Die Kompositionen aus Licht und Grobkörnigkeit betritt ein erlesenes Schauspielensemble, dass sich schwärmerisch gibt wie die Virgin Suicides und eine verspielte Koketterie an den Tag legt. Da fällt Elle Fanning sehr stark auf, aber auch Nicole Kidman als Grand Dame des Hauses zeigt nach Lion wieder, was eigentlich in ihr steckt. Gemeinsam scheinen sie einen sommerlichen Totentanz rund um Macho Colin Farrell zu vollführen, während im Hintergrund die Kanonen donnern. 

Die Verführten tänzelt aus der Reihe klassischer Genres, verlässt sich aber zu stark auf seine Galerie natürlicher Stimmungen und rastloser Blicke. Der Plot des tragikomischen Dramas ist zu schal, um ganze 93 Minuten lang das reizvolle Korsett zu füllen. Das war zwar schon bei Marie Antoinette so, allerdings verlieh die Französische Revolution der zuckersüßen Biografie mehr Drive als der Amerikanische Bürgerkrieg dies bei den Verführten vermocht hat. Hier verlässt man den Kinosaal beeindruckt, aber gleichzeitig enttäuscht. Als wäre da noch etwas gewesen, was nicht erzählt wurde.   

Die Verführten