7 Tage in Entebbe

TERROR FÜR EINE BESSERE WELT

6,5/10

 

7tageentebbe© 2018 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2018

REGIE: JOSÉ PADHILA

MIT DANIEL BRÜHL, ROSAMUNDE PIKE, EDDIE MARSAN, BEN SCHNETZER, NONSO ANOZIE U. A.

 

Wenn sich die Tänzer des israelischen Ensembles Batsheva Dance Company aus ihren im Halbkreis angeordneten Stühlen erheben, und das nacheinander, in Form einer Welle wie am Fußballplatz, während einer von den Tänzern im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen fällt, ist das schon ein ungewöhnlicher Auftakt für ein Entführungsdrama nach Tatsachen. Und ja, doch, es ist irgendwie beeindruckend, wenn auch etwas irritierend. Ausdruckstanz stand bei mir nie auf der Besuchsliste kultureller Aktivitäten, mit Ausnahme des Serapionstheaters, das immer wieder mal im Wiener Odeon gastiert. Die als Prolog verstandene Sequenz einer Generalprobe, die dem traditionellen jüdischen Lied Echad Mi Yodea, das normalerweise zum Pessachfest gesungen wird, das Bild einer impulsiven Choreographie verleiht, macht zumindest für mich auf den ersten Blick klar, dass 7 Tage in Entebbe ein Film werden wird, der ganz klar für Israel Stellung bezieht. Laut einer Rezension des israelischen Nachrichtensenders i24News vom 21. Februar dürfte das im Zuge der Performance stattfindende Ablegen der jüdischen Kleidung jedoch als das Ablegen einer Politik verstanden werden, die den Dialog verhindert – die Verständigung also zwischen Palästina und Israel. Andererseits steht das Lied, welches weniger gesungen als mehr gerufen wird, für die Befreiung der Juden aus der Sklaverei (womöglich Babylons). Ein starkes, vereinendes, nationalbewusstes Lied, mit schweren Rhythmen unterlegt. Abgehakt, kraftvoll, unmissverständlich. Dieser Tanz ist also ein Widerspruch in sich, ein Ziehen an beiden Enden des Taus. Das Tau – oder die Stühle im Halbkreis: die Nahostpolitik eines stets aufrüstenden Israels, mit Freund USA als schattenspenenden Hulk im Hintergrund. Und das landberaubte Palästina, mit den verzweifelten Mitteln einer Terrorpolitik, die aber auch gar nichts bewirkt – nur Sorgen, die man nicht haben möchte.

Damals, in den 70ern, also vor rund 40 Jahren, war der Revolutionsgedanke Mutter aller Handlungen. Da hieß das noch weniger Terror, zumindest bei den Terroristen. Da hieß das vermehrt Revolution. Meist für eine Sache, die im Detail betrachtet wenig mit den Verbrechen begehenden Aktivisten zu tun hat, aber global gesehen für eine politische Einstellung steht, die überall angewandt werden soll, wo das Recht der Ohnmächtigeren im Argen liegt. Das haben sich Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann auch gedacht – und ihrem Leben einen Sinn gegeben. So was passiert dann, wenn das persönliche Glück nicht ausreicht oder die Zufriedenheit für ein Leben nicht absehbar ist. Wenn die Kränkung enorm und das Ich-Bewusstsein nicht durchdringt. Als Teil von einer Welle zu sein, die in Entführungen, Morden und dem Schüren von Angst wie ein Tsunami über den Westen hinwegfegt – und nicht nur über den Westen – dann ist das schon so ein Gefühl, für ein höheres Ziel einstehen zu können. Und erst recht, wenn man eigenhändig ein Flugzeug in seine Gewalt bringt. Nur kann etwas, das mit Gewalt erzwungen wird, selten Früchte tragen. Davon wollen aber weder die beiden im Jemen ausgebildeten deutschen Rekruten etwas wissen, noch die Palästinenser, die ebenfalls mit an Bord der Air France Maschine Richtung Uganda unterwegs sind. Denn der Zweck heiligt doch die Mittel, egal wie. Eine durch Verbrechen herbeigeführte Lösung, die dann keine Verbrechen nach sich zieht, ist was fürs Märchenbuch. Oder für Terroristen. Oder für Idi Amin, der die Maschine mitsamt ihren verschwitzten, übermüdeten, hungrigen Geiseln überschwänglich begrüßt, als hätten sie ein Preisausschreiben gewonnen. Was dann folgt, hat Geschichte geschrieben. 7 Tage Entebbe – dann das Ende. Zwischendurch die Batsheva Dance Company, die die Quadratur des Halbkreises probt.

Dem brasilianischen Regisseur José Padhila, der schon Erfahrung mit Filmen über Entführungen und Korruption im Staat (Tropa de Elite, Narcos) gesammelt hat, aber auch bei Blockbustern wie der Neuverfilmung von Robocop danebengriff, war es wohl wichtig gewesen, ein so unparteiisches Bild wie möglich zu zeichnen. Die beiden Deutschen, souverän dargestellt vom Professionisten Daniel Brühl und Rosamunde Pike, sind von Zweifeln geplagt, hin und her gerissen zwischen Mission und Flucht. Um sie herum verschrockene Zivilisten, die Angst eines sich wiederholenden Lagerhorrors im Nacken. Kurz davor, alles auf eine Karte zu setzen und den Massenmord durchzuführen: die Palästinenser. Die, die am Meisten verloren haben, nämlich ihre Heimat. Padhila gibt ihnen allen ihre Rede- und Aktionszeit, mit dem Fokus auf das politische Kabinett unter dem Davidstern. Rabin, Peres und Motta treten auf, ganz im Stile von Spielberg´s Terrordrama München. Oberflächlich hingegen die Sicht einzelner aus der Special Forces-Einheit. Die Intermezzi mit dem Paar der Tänzerin und des Soldaten hätten mehr Spielzeit verdient als ihnen letzten Endes eingeräumt wird. Schon alleine, um den Zwiespalt, der Israel stets unter Spannung stehen lässt, in weiteren Dialogen zu verdeutlichen. Würde man die Hintergründe der Tanzeinlagen nicht nachlesen, würde sich der Sinn dahinter für Nicht-Juden nur schwer erschließen. Aber genau das hätte 7 Tage in Entebbe zumindest nicht nur ansatzweise zu etwas Besonderem gemacht. Aber es ist, wie es ist, und es herrscht solides True Story-Kino vor, in all seinen authentischen Details.

7 Tage in Entebbe

Detroit

DIE BLAULICHT-INQUISITION

8/10

 

detroit© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: KATHRYN BIGELOW

MIT WILL POULTER, JOHN BOYEGA, ANTHONY MACKIE, JOHN MITCHELL, JACK REYNOR U. A.

 

Rauchende Trümmer, brennende Autos, geplünderte Läden. In den Straßen Schusswechsel, marodierende Zivilisten. Klirrendes Glas, Schreie. Und Panzer, die alles niederwalzen. Obenauf das Militär mit schussbereiten MPs im Anschlag, Das klingt jetzt sehr nach Syrien. Oder Kabul. Alltagsszenen aus irgendeiner ausgebombten Stadt im nahen Osten oder am Fuße des Hindukusch. In Wahrheit aber sind es Szenen, die im zivilisierten Westen stattgefunden haben. Und zwar in Detroit, im Sommer des Jahres 1967. Schwarze Minderheiten gegen die Exekutive, ausgelöst durch eine Razzia. Die Unruhen sind als 12th Street riot in die Stadtgeschichte eingegangen. Mit pöbelnden Augenzeugen, die die Verhaftungen verfolgt und Machtwillkür ausgemacht haben wollen, nimmt der Wahnsinn seinen Anfang. Wie ein Virus greifen die empörten Stimmen einzelner auf ein ganzes Stadtviertel über. Anarchie hat nun das Sagen. Zustände der Gesetzlosigkeit, Krieg im Kleinen. Gewaltbereite Demonstrationen, ausgefochten mit schwerem Kaliber. Zwischen all dem Chaos eine Soul-Band, die ihrem ersten großen Auftritt entgegenfiebert. Ein Wachtmeister in einem Supermarkt. Ein Polizist, der schneller schießt als sein Schatten. Zwei weiße Mädchen, die gerne mit Farbigen herumhängen. Und alles bis auf den Polizisten trifft sich im Algiers Motel. Aus dem provokanten Spiel mit einer Schreckschusspistole wird sehr schnell ernst. Was folgt, ist eine erschütternde True Story, eine Chronik zermürbender Ereignisse, die als Algiers Motel Incident bekannt ist – eine als Amtshandlung getarnte Geiselnahme, die wie ein Fegefeuer um sich greifen wird.

Kathryn Bigelow, Expertin für knallharte Filmstoffe und ausgewachsenes Politkino an den Fronten, hat einen derart intensiven Thriller gedreht, als wäre der Teufel hinter ihr her, in Gestalt vandalisierender Gangs oder sadistischer Machtapparate. Bigelow ist mittendrin, im Schmelzpunkt dieser Katastrophe und zieht all jene Zuschauer mit hinein in diesen Malstrom aus Hass, Angst und Ohnmacht, denen schon nach den ersten zwanzig Minuten urbanen Kriegskinos irgendwie anders wird. Aufgefächert in mehreren zeitgleichen Epilogen, geraten all die Einzelschicksale im Algiers Motel in den Würgegriff einer rassistischen, bis zur Weißglut gereizten Polizei. Das Kernstück der brillant nachgestellten und dokumentierten Unruhen ist ein atemlos spannendes Kammerspiel mit Schauspielern, die alles geben. Einer Kamera, die den Schmerz in den Gesichtern der Gepeinigten und den Schweiß auf den Stirnen manischer Polizisten einfängt. Und einer Regie, die ihrer Filmcrew keine Verschnaufpause schenkt. Kann sein, dass Bigelow alles in einem durch gedreht hat – wie im deutschen Film Noir-Drama Victoria, dessen Regie sogar auf Filmschnitte verzichtet hat. Detroit hat die natürlich schon, das wäre dramaturgisch wohl schwierig gewesen, switcht der Schauplatz im Motel stets von einem Zimmer ins andere. Doch nur so, im Verzicht auf Pausen zwischen den Drehs, kann die stetige Eskalation der Ereignisse in seiner Intensität auch empfunden werden. Fast nicht zu glauben, dass das ganze Drama mit einem Knalleffekt begonnen hat. Einer tönenden Pistolensalve, die keine war. Die aber eine Aggression und einen Hass entfacht, der einer zerstörerischen Eigendynamik vorangeht und ein wundes, blutendes Mit- und Gegeneinander freilegt, dass die Vernunft des Menschen um Jahrhunderte zurückwirft.

Will Poulter, bislang eher aus Nebenrollen bekannt, spielt nicht nur das eher kleinlaute Sicherheitsorgan John Boyega an die Wand – alle anderen auch. Der egomanische Großstadtcowboy wird zum gnadenlosen Home Invasion-Inquisitor und presst in zynischer Großkotzigkeit das letzte bisschen Selbstachtung aus seinen Verdächtigen heraus. Der junge Mann hat dafür nicht mal eine Oscarnominierung kassiert (genauso wenig wie der Film selbst, dessen Regie und die virtuose Kamera), zählt aber für mich zu den besten ungeliebten Charaktere der letzten Zeit. Vor allem, weil er in seiner ganzen erschreckenden Figur dessen Handeln nachvollziehbar werden lässt. Ihn nicht verteufelt, sondern mitunter Opfer einer völlig aus dem Ruder laufenden Hetze werden lässt. Und hat man das packende Drama des perfiden Verhörs mal verdaut, oder ist gerade dabei, dessen grimmige Faszination zu verarbeiten, findet sich der Film vor Gericht wieder. Wie der Richterspruch lautet, und wer hier wen freigesprochen oder verurteilt hat, lässt sich zwar leicht nachlesen –wird aber hier natürlich nicht verraten.

Das Bild, das sich der Zuschauer von diesen schicksalhaften Ereignissen machen kann, ist verpackt in einem meisterlichen Gefecht zwischen Masse und Macht, Befreiung und Unterdrückung, Willkür und Panik. Kathryn Bigelow hat ihr bestes Werk abgeliefert – danken darf sie ihrem Ensemble, den genauen Recherchen, die dem Drama zugrunde liegen – und natürlich ihrem Talent, Newsbreak-Schlagzeilen in aussagekräftiges Reality-Kino aus Worten, Taten und hitzigen Bildern zu verwandeln.

Detroit

Money Monster

DER IGNORANT UND DER WAHNSINNIGE

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moneymonster

Was hat der Titel eines Theaterstücks von Thomas Bernhard in der Rezension eines US-Thriller zu suchen? Nun, meine Beitragstitel sind ohnehin generell eher assoziativer Natur. Doch die Gemeinsamkeit ist folgende: Das kammerspielartige Thrillerdrama von Wunderkind Jodie Foster konzentriert sich auf die sezierende Konfrontation zweier Gesellschaftsformen, wovon eine zu den Verlierern, und die andere zu den Gewinnern zählt. Erstere verkörpert der Ignorant, dargestellt von Nespresso-Schönling George Clooney, wie immer ausgestattet mit souverän verschmitzter Mimik. Letztere wird dargestellt von einer wahnsinnig gewordenen Mittelschicht, interpretiert von Jack O´Connell, mehr oder weniger bekannt geworden durch Angelina Jolies Kriegsdrama Unbroken. Der durchgeknallte, nervenschmeißende und werdende Familienvater hat aufgrund einer Anlageempfehlung im Rahmen von Clooneys Wirtschaftssendung Money Monster sein ganzes geerbtes Geld verspekuliert und verloren, woraufhin die einzige Schuld an diesem Schlamassel nur der menschenverachtende, charismatisch-sarkastische Anchorman Clooney haben kann. Es ist natürlich immer einfach, andere Leute für sein eigenes Unglück verantwortlich zu machen – also war es auch keine Schwierigkeit, die Fernsehanstalt zu stürmen und mit gezogener Knarre und jede Menge Sprengstoff die Einschaltquoten rapide in die Höhe zu treiben. Ungewollt wird der junge, verwirrte Mann Fernsehgeschichte schreiben. Und trotzdem nichts gewonnen haben. 

Jodie Fosters satirisches Geiseldrama will einerseits so etwas sein wie Sidney Lumet´s Network, andererseits wie Terry Gilliam´s König der Fischer – hier nur bezugnehmend auf die eingangs entstandene Figurenkonstellation, andererseits wieder wie Costa Gavras´ Mad City. Doch sie erreicht mit ihrer Arbeit leider nicht mal ansatzweise das Niveau dieser drei gelungenen Filme. Ihr Money Monster ist ein zahnloses Ungeheuer, das niemanden wirklich erschreckt. Und niemanden fesselt, geschweige denn betroffen macht. Die inhaltlichen Klischees, die sie bedient, erzählen allesamt auch nur Dinge, die wir schon hundertmal gehört, gesehen und erfahren haben. Das Geld die Welt regiert, dass die Reichen den Ärmeren nichts zu sagen haben und das überhaupt und sowieso jede Menge Ungerechtigkeiten in unserer vor allem westlichen Gesellschaft herrschen. Ja, das mag ja alles sein. Aber die Anklagepunkte erfolgen in einer erschreckend unengagierten Willkür, verteilt über den Film, wobei Clooney und O`Connel als Opfer und Täter hin und wieder die Seiten wechseln und sich ein leidenschaftsloses Geplänkel liefern, welches von der sichtlich unterforderten Julia Roberts, die ihrer Kollegin Foster womöglich mit ihrem Auftritt einen Freundschaftsdienst erwiesen hat, mit einigen wenigen moderierenden Kommentaren begleitet wird. 

Von Jodie Foster hätte ich anderes erwartet. Money Monster ist ein schales Medien- und Gesellschaftsdrama, das nichts so recht wagt und bewährte, aber bereits vom Publikum zur Genüge gelernte Perspektiven beibehält. Der Film fokussiert sich zu stark auf die Chronik der Geiselnahme, verabsäumt es aber auch hier, genügend Spannung aufkommen zu lassen. Was bleibt, ist der aparte Anblick Clooneys, Julia Roberts Routine und die Lust, wieder mal Network mit Peter Finch anzusehen. 

 

Money Monster