Good Luck, Have Fun, Don’t Die (2025)

ENDZEITGERANGEL MIT DEM KABELSALAT

5/10



© 2026 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: GORE VERBINSKI

DREHBUCH: MATTHEW ROBINSON

KAMERA: JAMES WHITAKER

CAST: SAM ROCKWELL, JUNO TEMPLE, HALEY LU RICHARDSON, ZAZIE BEETZ, MICHAEL PEÑA, ASIM CHAUDHRY, TOM TAYLOR, ANNA ACTON, DOMINIQUE MAHER U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Wenn die Kacke am Dampfen ist, zwängen sich verkorkste Anti-Helden, die den Eindruck erwecken, nicht mehr ganz richtig in der Birne zu sein, in transparente Kunststoffregenmäntel, die so sehr nach Nicht-von-dieser-Welt aussehen, dass sie schon wieder Teil unseres zukünftigen Schicksals sein könnten. Unter Terry Gilliams Regie hat schon Bruce Willis in der nach wie vor genialen Zeitreise-Apokalypse Twelve Monkeys versucht, den Determinismus des Untergangs zu durchbrechen. Natürlich Fehlanzeige, begleitet von hämisch klingenden Stimmen im Kopf des Verfechters. Damals aber war es nicht die Technologie, die uns eingeholt und vernichtet hätte, war doch dafür schon der Terminator zuständig. Damals war es ein Killervirus, und Willis mehr oder weniger derjenige, der sich selbst gejagt hat. Einige Jahrzehnte später, so quasi fünf Minuten nach dem Paradigmenwechsel in Sachen Künstlicher Intelligenz, schüttet Gore Verbinski, seines Zeichens Piratenkapitän und zuständig für diverse Karibikflüche, die auch nicht so wirklich wussten, wann es sich ausgeflucht hat, einen Hexenkessel an Albträumen über uns Zuseherinnen und Zuseher aus – man könnte fast sagen: ein Bündel diverser Episoden aus der auf Netflix erschienenen Anthologieserie Black Mirror, die auf verstörende Weise den Horror ehrgeiziger Technologien in knappen Spielfilmlängen abbildet.

Helden-Recruiting zwischen Tür und Angel

Nur um es klarzustellen: Aus Black Mirror sind diese Episoden natürlich nicht, und es handelt sich bei Good Luck, Have Fun, Don‘t Die auch nicht um einen Episodenfilm, obwohl man manchmal und vor allem im Mittelteil des Films die Vermutung aufstellen könnte, es wäre einer. Nehmen wir mal an, es ist so, dann ist der dramaturgische Überbau des Ganzen die regennasse und unbequeme Mission eines in erwähntem Kunststoffmantel gezwängten Hausierers, der fernab jeglichen Exhibitionismus allerlei Gerätschaften als Bauchladen vor sich herträgt. An diesem besagten Abend einer nahen Zukunft, in der KI uns schon längst alle dumm und hörig gemacht hat, stürmt diese obskure Gestalt ein amerikanisches Diner mitten im Nirgendwo, um eine Gruppe kampfeswilliger Rekruten um sich zu scharen, die mit seiner Ansprache, das Ende der Menschheit möge heute Nacht verhindert werden, schon genug überzeugt worden sind, um einer höheren Sache dienen zu wollen. Realistisch betrachtet kann Sam Rockwell mit verfilztem Rauschebart eigentlich nur als durchgeknallter Asozialer mit Hang zur Geiselnahme durchgehen, doch wie es der Determinismus will, den man noch gerne ein Weilchen länger hierbehalten möchte, hat manch ein Gast durchaus driftige Gründe, um sich von Rockwells Rekrutierungsaktion triggern zu lassen.

Kabelsalat und KI-Esoterik

Um das zu untermauern, gibt Verbinski Einblick in zumindest drei Schicksale, die dieser Nacht vorangegangen sind. Und in diesen liegt die einzige und eigentliche Stärke des Films, die uns in ihrer Prämisse unheimlich vertraut vorkommen. Das beschert Good Luck, Have Fun, Don’t Die einen bitteren Zynismus, im Gegensatz zum generisch geratenen Überbau einer Nacht- und Nebel-Aktion, die keine Zwischentöne zulässt, sondern in leicht hysterischer Terry Gilliam-Manier, als hätte dieser nach Brothers Grimm wieder einen schlechten Film gedreht (was zum Glück ohnehin nur selten vorkommt), seine pseudokritische Anti-KI-Mission voranpeitscht. Letztlich ist es die Banalität eines wildgewordenen Kabelsalats, die uns Gänsehaut bescheren soll, neben einem bizarren Katzenvideo-Monster als zu neuer Form gebrachter Social Media-Slop, Toy Story-Robotern und der seiner eigenen angestrebten Konsequenz beraubten Manifestation eines Technologie-Symbolismus, der selbst so wirkt, als wäre die Idee dahinter seinerseits mit einem Prompt generiert.

Mit dem schleichenden Horror im Alltag einer möglichen Zukunft macht Gore Verbinski alles richtig, solange die Wurzel allen Übels in uns selbst zu finden bleibt. Das Abwälzen der Verantwortung auf magische Mechanismen mag der Ambition letztlich das Abonnement kündigen. Zurück bleibt eine gewisse Ratlosigkeit, und damit einhergehend eine fehlende Conclusio, die, scheinbar bedeutungsschwer, nur gut dastehen möchte.

Good Luck, Have Fun, Don’t Die (2025)

Split

ICH BIN DANN MAL WER ANDERER

7/10


split© 2017 Universal Pictures Entertainment Germany


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: M. NIGHT SHYAMALAN

CAST: JAMES MCAVOY, ANYA TAYLOR-JOY, BETTY BUCKLEY, HALEY LU RICHARDSON, JESSICA SULA, KIM DIRECTOR, SEBASTIAN ARCELUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


„Ich habe die Zeit verloren.“ Das hat, wenn wir uns erinnern, Edward Norton als eine von zwei Identitäten im Thriller Zwielicht immer mal gerne erwähnt. Richard Gere konnte dem Mörder damals schwer das Handwerk legen. Denn wenn schließlich zwei Personen in einem Körper leben, kann die eine für die Untaten der anderen nicht belangt werden. Auch Oscar Isaac in der derzeit mit Abstand besten Marvel-Serie auf Disney+, nämlich Moon Knight, weiß nicht, was er des Nächtens für Dinge tut, und das liegt nicht am Hangover. Seine Figur des Steven Grant / Marc Spector leidet an derselben Krankheit, mit welcher Kevin Wendell Crumb in M. Night Shyamalans Psychothriller Split fertig werden muss: Mit einer Dissoziativen Identifikationsstörung, kurz DIS. Wenn ein Mensch aufgrund erschütternder und stark traumatischer Ereignisse sein Seelenheil gefährdet sieht, werden gleich mehrere Weichen gestellt: Die Person, die leiden muss, verschwindet oder wird an den Rand gedrängt, während eine andere, viel stärkere, das Steuer übernimmt. Natürlich wechseln sich diese Persönlichkeiten mitunter ab, sonst wäre ja scheinbar alles normal. Mit diesem halben Leben lässt sich vielleicht noch unter guter therapeutischer Führung so einigermaßen klarkommen. Doch Shyamalan multipliziert das Ganze. Dieser Kevin muss sich das Leben nicht mit drei, auch nicht mit vier und schon gar nicht nur mit fünf Persönlichkeiten teilen, sondern sage und schreibe mit dreiundzwanzig, die wiederum unterscheidbar sind in Männer, Frauen und einem neunjährigen Buben. Gut, das wäre womöglich ein Fall fürs klinische Buch der Rekorde, und Kevin, die Ursprungsperson, weiß, was los ist, daher scheint der Besuch bei Frau Doktor wöchentliche Pflicht. So richtig unbequem für andere wird’s erst dann, wenn nicht Kevin, sondern eines der Ichs namens Danny plötzlich anfängt, junge Mädchen zu entführen, darunter Schachgöttin Anya Taylor-Joy, die sich mit der unglaublichen Präsenz eines dreiundzwanzigfachen Unterdrückers arrangieren muss. Das alles wäre nicht passiert, gäbe es nicht eine vierundzwanzigste Person – genannt die Bestie. Dieser will man nicht begegnen müssen, soll das Monster doch Dinge können, die nur in Comics zu finden sind. Um diesen Zustand schließlich in Zaum zu halten, braucht es eben Opfer. 

Das klingt, als wäre Shyamalans Film ein gnadenloser Mindfuck-Horror, der tief in seelische Abgründe blickt. Dabei sollte man darauf achten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Schon klar, Split mag eine gewisse subversive Düsternis aufweisen. Zwischen all dieser Panik aber, die sich bei den eingesperrten Girlies breit macht und des obligaten Mystery-Faktors, der bei Shyamalans Filmen stets eine starke Tendenz in das Fantasy-Genre aufweist, ruht das narrative Filetstück der genauen Beobachtung eines ungewöhnlichen Krankheitsbildes. Ob es ein solches mit einer ähnlichen Vielzahl an multiplen Persönlichkeiten tatsächlich gibt, ist fraglich, doch um in Split so richtig als Attraktion zu gelten, braucht es das. James McAvoy ist dafür im Übrigen der Richtige. Und das Besondere: Er findet für jeden einzelnen Charakter seinen eigenen Zugang. Knifflig wird’s dann, wenn während der Handlung eines der Ichs vorgibt, ein anderes zu sein. Shyamalan hat hier erfrischende Drehbucheinfälle und verlässt sich siegessicher auf McAvoys sehr wahrscheinliche Improvisationskunst. So richtig vorgeben lässt sich eine Rolle wie diese ohnehin nicht. Und es ist in jenem Maße faszinierend, wie kuriose Anomalien des menschlichen Körpers oder Geistes eben faszinierend sind. Im letzten Jahrhundert wäre einer wie Kevin mit all seiner Horde, wie er sie nennt, noch ein Fall für den Jahrmarkt gewesen. Oder ein isoliertes Subjekt wissenschaftlicher Beobachtungen. Unterm Strich ist Split das durchaus mitleiderregende Drama einer ehemals geschundenen und nunmehr zerrissenen Kreatur, die sich mit jemanden wie Merrick, dem Elefantenmenschen oder dem Phantom der Oper ganz gut verstanden hätte.

Begonnen mit Unbreakable – Unzerbrechlich, wird M. Night Shyamalan mit Glass seine ganz persönliche X-Men-Trilogie auf eine Weise abschließen, die nochmals ganz andere Facetten zutage fördert.

Split