Die Gangster Gang

IST DER RUF ERST RUINIERT

6/10


gangstergang© 2022 DreamWorks Animation LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: PIERRE PERIFEL

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): SAM ROCKWELL, MARC MARON, AWKWAFINA, CRAIG ROBINSON, ANTHONY RAMOS, RICHARD AYOADE, ZAZIE BEETZ U. A. 

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): SEBASTIAN BEZZEL, KURT KRÖMER, JOYCE ILG, FYNN KLIEMANN, JANNIS NIEWÖHNER, MAX GIERMANN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Mit den Wölfen ist es in Österreich so eine Sache. Erstaunlicherweise scheint sich Meister Isegrim zwischen Berg und Tal wieder anzusiedeln und plant dabei nicht, Hühnerställen oder Ähnlichem aus dem Weg zu gehen. Das ärgert den Landwirt, doch was soll man tun – der Wolf tut auch nur, was er tun muss, macht das alles nicht mit Absicht und wäre viel lieber ganz weit weg vom grimmigen Homo sapiens, der keine Gefangene macht, wenn es darum geht, seinen Profit zu sichern. Anderswo hört man wieder lautes Igitt, wenn’s um Spinnen geht, dabei sind die ja ganz nützlich. Haben nunmal acht Beine, was soll’s. Des Menschen Neid an den vielen Extremitäten wird’s wohl nicht sein, der ihn dazu verleitet, Tiere wie diese einfach tot zu schlagen. Oder Schlangen – erst letztes Jahr vermehrt aus dem Abfluss gekrochen, dabei aber alles gar nicht giftig. Zumindest hierzulande nicht. Auf eine Buschmaster treten will ich aber dennoch nicht.

All diese Tierchen sind nun in einer ungleichgewichtigen Alternativwelt, in der hauptsächlich Menschen dominieren und Animalisches zur Minderheit zählt, die Antihelden eines Animationsfilms, der immerhin versucht, die zu sprechenden Fabelgestalten mutierten Reptilien, Säugetiere, Spinnen und Fische (die kein Wasser benötigen) von der Unbeliebtheitsskala zu entfernen und in gewisser Weise zu rehabilitieren. Doch anfangs sind sie das, was sie in den Augen vieler eben sind: Bad Guys. Diese Bande beherrscht das Handwerk des Bankraubs aus dem FF, kennt Tricks und das richtige Timing und führt die Polizei, angeführt von einer jähzornigen Wuchtbrumme, stets an der Nase herum. So beliebt wie das föhnfrisierte Meerschweinchen namens Professor Marmelade werden die fünf schließlich sowieso nie, also heißt es frei nach dem Motto Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert: Zu tun, was Böse eben tun müssen. Bis sie schließlich geschnappt werden und von Frau Reineke Bürgermeister eine letzte Chance erhalten, um nicht hinter Schloss und Riegel zu landen: Sie müssen Gutes tun. Was leichter getan als gesagt ist, denn so tun als ob ist für Wolf & Co keine Kunst mehr, vor allem dann nicht, wenn wertvolle Kunst im Rahmen einer Preisverleihung sowieso in deren Händen landen wird.

Wie der Wolf seinen Charme ausspielt, wie der Piranha alles vom Zaun brechen will und wie die Schlange so sehr davon überzeugt ist, einfach nur fies sein zu müssen: In Die Gangster Gang (im Original: The Bad Guys) obsiegt der Charakter über das Image, dass die anderen einem geben. Das ist ein resoluter Ansatz in einer turbulenten Krimikomödie für fast alle Altersklassen, die mit den Vorurteilen spielt und niemanden das sein lässt, was er von Anfang an genötigt wird, darstellen zu müssen. Rollenbilder, nicht nur männliche oder weibliche, bekommen in einer moralisch augenzwinkernden Mär neuen Anstrich. Das zeigt sich in einem gewinnenden Zeichenstil, der in seiner knackigen Hektik an den cartoonhaften Zickzackkurs aus Ich: Einfach unverbesserlich erinnert, dafür aber viel mehr die Struktur handkolorierter Figuren behält, ist Die Gangster Gang ein durchaus vergnügliches, mit Krimi-Zitaten ausgeschmücktes Abenteuer, wenngleich dieses auch in ihrem Bemühen, Haken zu schlagen, gerade dadurch vorhersehbar bleibt. Und von Meerschweinen, so knuffig sie auch sein mögen, hat man nach diesem Pelztier-Overkill hier vielleicht mal für eine Weile genug.

Die Gangster Gang

The Harder They Fall

ES GROOVT DER WILDE WESTEN

4/10


thehardertheyfall© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JEYMES SAMUEL

CAST: JONATHAN MAJORS, IDRIS ELBA, LAKEITH STANFIELD, REGINA KING, ZAZIE BEETZ, DANIELLE DEADWYLER, DELROY LINDO, RJ CYLER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Den Tod seiner Eltern wird der Junge den anderen bösen Jungs sein Leben lang nicht verzeihen. Die Rache wird folgen, und niemand wird seiner Strafe entgehen. Diese Ausgangssituation kommt irgendwie bekannt vor. Was nun fehlt, ist Ennio Morricones hypnotisch-faszinierendes Spiel auf Charles Bronsons Mundharmonika, bevor es brutal wird. Doch nein, die Rede ist nicht von Spiel mir das Lied vom Tod. Viel eher variiert Jeymes Samuel diese Vorlage als einen betont lässigen Videoclip für neu gemixte Versionen diverser Reggae-Nummern, die summa summarum einen Soundtrack oder besser gesagt einen Sampler abliefern, der ganz vorne mit dabei ist und das eigentliche Qualitätsmerkmal dieses Films darstellt, der sonst leider nur in stilsicheren Manierismen untergeht.

Was Samuel von Sergio Leone gelernt hat, das ist so gut wie alles in diesem Film – vorzugsweise die italienische Einstellung. Eine klare Hommage an den Meister des Spaghettiwesterns und der sowieso besten Western überhaupt, wenn es nach mir geht. Wem Samuel noch huldigt, ist natürlich Quentin Tarantino mit seiner Western-Version Django Unchained. Ein bisschen Blaxploitation noch dazu, wieder eine Referenz, und fertig ist ein stylisches Shoutout-Movie, das leider überhaupt keine eigenen Ideen hat.

Als originär gelten immerhin die Charaktere im Film, von denen die meisten tatsächlich existiert haben. Nat Love zum Beispiel war nach dem Sezessionskrieg als freier Mann unter anderem als Cowboy und Rodeoreiter tätig. Stagecoach Mary oder auch Mary Fields galt als erste afroamerikanische Postkutschen-Zustellerin. Rufus Buck hingegen war dann schon eher ein schlimmer Finger. Sie alle hat es gegeben – über den Weg gelaufen sind sie sich womöglich nicht. Zumindest nicht so, wie im Film dargestellt. Die Rachestory ist also rein fiktiv. Und das merkt man, denn die Geschichte schreibt wohl nicht einen Western, der so offensichtlich nach klassischen Formeln aufgebaut ist wie dieser. Samuel, der gemeinsam mit Boaz Yakin das Drehbuch schrieb, war wohl wichtig, den Coolness-Faktor seiner einzelnen Figuren in die Höhe zu schrauben, sich aus dem Westerngenre gierig zu bedienen und ein gerne mal zynisches Outlawdrama ganz einfach mit Schwarzen zu drehen, die auf der staubigen Durchzugsstraße eines Kaffs den Revolver ziehen. Es kommt das große Gähnen bei jenen, die mit Leone, Corbucci und Co aufgewachsen sind. Die Exotik der einzelnen Figuren hält auch nicht länger munter. Vor allem deswegen, weil es erstens viel zu viele nach vorne drängende Individualisten sind, und zweitens sich diese bis auf wenige Ausnahmen (Danielle Deadwyler als Crossdresserin Cuffee zum Beispiel) zu austauschbaren, grob umrissenen Persönlichkeiten hinreißen lassen müssen. Platzhalter für Stereotypen also. Darunter Zazie Beetz, die mit ihrer Rolle überhaupt nichts anfangen kann.

So will The Harder They Fall einfach nur stilistisch gefallen. Findet am Ende gar Momente, die das mögliche Potenzial gerade mal erahnen lassen. Dennoch bleibt das Ganze nur zerfahrenes Patchwork, unterlegt mit einem atemberaubend innovativen Sound. Wär‘s doch nur andersrum gewesen.

The Harder They Fall

Lucy in the Sky

DIE WELT IST NICHT GENUG

5/10

 

lucyinthesky© 2019 Walt Disney Company

 

LAND: USA 2019

REGIE: NOAH HAWLEY

CAST: NATALIE PORTMAN, JON HAMM, ZAZIE BEETZ, ELLEN BURSTYN, DAN STEVENS U. A. 

 

Ehrgeiz und Obsession dürften Natalie Portman nicht fremd sein. Den Oscar für Black Swan hat sie ja nicht einfach nur so gewonnen, sondern weil sie genau das – Obsession, Leistungsdrang und Wahnsinn – sehr nachvollziehbar darstellen konnte. Im Astronautendrama Lucy in the Sky kann sie die Karten für ihre Figur einer gnadenlosen Ich-AG neu mischen und mit neuen Aspekten versehen – zum Beispiel mit dem Aspekt der begrenzten Kapazität des menschlichen Geistes, der es nicht auf die Reihe bringt, die furchteinflößende und gleichzeitig faszinierende Größe des Alls zu begreifen. Lucy Cola zählt zu jenen Kandidaten, die zwar rein physisch und kognitiv gesehen die Erfordernisse eines Astronautenjobs bis zur Perfektion hin erfüllen, die aber mit dem, was sie gesehen haben, nicht mehr klarkommen. Was wird eine solche neue Wahrnehmung wohl bewirken? Nun, die Kleinheit und Nichtigkeit des Menschseins wird deutlicher, das große Ganze greifbarer, unsere scheinbare Verlorenheit in dem ewigen Schwarz führt zu Beklemmung. Es ist ein Wegsehen von einer Wahrheit, die das Denken sprengt. Da braucht es einen in sich ruhenden, rationalen Geist. Kein Sinnieren und Philosophieren. Bereits an der orbitalen Schwelle Richtung Unendlichkeit stehend, gibt es für eine labile Seele keinen Platz mehr.

Lucy hat das selbst nicht kommen sehen, so scheint es zumindest. Wieder zurück vom Einsatz auf der Raumstation, erscheint alles andere nicht mehr wichtig, es ist wie eine Sucht nach einer starken Droge, fast schon der Blick in eine alternative Realität, die um so vieles schöner ist als das Dasein in den eigenen vier Wänden. So werden diese auch zum Gestaltungsapparat für Regisseur Noah Howley und Kamerafrau Polly Morgan. Ihr Film, einer der laut IndieWire wohl am meisten erwarteten Produktionen 2019, variiert stetig das Bildformat – von 16:9 auf 4:3, dann wieder haben wir ein Superpanorama, das sich wie ein horizontales Band vom linken zum rechten Bildschirmrand zieht. Ganz klar, was damit bezweckt werden will. Jenseits des Weltalls, zurück auf den Boden des Alltags, gilt nur noch das althergebrachte Fernsehformat von früher, es unterstützt Natalie Portmans Wahrnehmung von der quälenden Enge ihres Daseins. Portman macht das ganz gut, sie findet keine Ruhe mehr, das Zuhause ist ein Platz der Abwesenheit, ihr Ehemann fast nur noch Staffage, dafür aber die Chance auf einen Seitensprung mit einem als Frauenheld verschrienen Nasa-Kollegen (Jon Hamm) zumindest so etwas wie ein Kick in eine andere Richtung, denn so, wie sie bislang zu leben gewohnt war, kann es nicht bleiben. Am Liebsten wieder zurück ins All, zur nächsten Mission. Dumm nur, dass ihr Liebhaber bereits auf eine ganz andere Kollegin schielt.

Inspirieren ließ sich der Film von wahren Begebenheiten. Interessant, was man davon alles ableiten kann. Zum Beispiel die Überlegung, ob der Mensch mal überhaupt und prinzipiell dafür geschaffen ist, als solcher Terra den Rücken zu kehren. Ähnliche Ansätze hatte auch Claire Denis odysseeisches Drama High Life. Andererseits handelt Lucy in the Sky auch von Ablehnung und Kränkung, vom Gefühl, nicht verstanden zu werden, ähnlich wie Michael Douglas als D-Fense in Falling Down. Von beiden Filmen finden sich für mich in Howleys Werk Assoziationen, der Fall Lucy Cole ist also komplexer, als vermutet. Weniger komplex ist das dramaturgische Konzept. Meines Erachtens nach ist Lucy in the Sky längst nicht so lahm und schon gar nicht so unnahbar geworden wie manche Kritiker meinen. Dafür aber relativ zäh und vor allem in der ersten Halbzeit mit erzählerischem Vakuum angereichert. Das hätte straffer gehen können, da hat das Ganze schwermütige Längen, die sich alles andere als schwerelos anfühlen und etwas den Kopf brummen lassen: Vielleicht auch wegen des ständigen Formatwechsels, der zwar gut gemeint ist, der aber nur schwer eine einheitliche Bildsprache oder gar einen einheitlichen Stil zulässt. Experimentell ist das schon, doch ein bisschen zu knieweich und von einer inneren Unruhe erfüllt. Womöglich geht es Heimkehrern aus dem Orbit ähnlich. Allerdings: angesichts dieser filmischen Spirale abwärts ist der Weltraum nichts, wohin der Mensch streben sollte.

Lucy in the Sky

Jean Seberg – Against All Enemies

IST DER RUF ERST RUINIERT…

5/10

 

seberg© 2019 Prokino

 

LAND: USA 2019

REGIE: BENEDICT ANDREWS

CAST: KRISTEN STEWART, JACK O’CONNELL, ANTHONY MACKIE, ZAZIE BEETZ, YVAN ATTAL, MARGARET QUALLEY, VINCE VAUGHN, COLM MEANEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Welcher Filmfan kennt ihn nicht – den Klassiker der Nouvelle Vague: Außer Atem. Neben einem blutjungen Jean Paul Belmondo war damals Jean Seberg mit auf der Flucht. Der Ausgang der Geschichte ist kein Geheimnis. Seit diesem Zeitpunkt war Sebergs aparter Kurzhaarschnitt auch keines mehr. Von Jeanne d ‚Arc also zur Gangsterbraut ohne rosige Zukunft, inklusive Staatsgewalt im Nacken. Die Ironie des Schicksals: rund 10 Jahre später (Francois Truffaut drehte seinen Klassiker bereits 1959) sollte ihr die Staatsgewalt tatsächlich im Nacken sitzen, nämlich in Form des FBI unter J. Edgar Hoover, der mit seiner Abhöreffizienz der ostdeutschen Stasi um nichts nachstand. Mehr noch: potenzielle Unbequeme der Regierung konnten mit dem sogenannten Counterintelligence Program, kurz COINTELPRO, gnadenlos überwacht und letzten Endes auch mit gezielter Verleumdungstaktik „neutralisiert“ werden. In schlimmstem Fall trieb diese Vorgehensweise psychisch labile Personen in den Selbstmord. In dieser umtriebigen Zeit also, zwischen Vietnamkrieg und Black Power-Bewegung, war Jean Seberg als gutgläubige Idealistin mit Geld in der Tasche wie ein argloses Bambi, dass sich an fremden Gemüsegärten labt. Ihre Verbindung mit dem Aktivisten Hakim Jamal alleine war Grund genug, die Schauspielerin ins Fadenkreuz zu nehmen.

Was wie ein grimmiger Spionagethriller klingt, ist vorrangig das gestreckte Psychogramm einer egozentrischen Weltverbesserin, die ihre Bekanntheit nutzt, um Dinge zu bewegen. Prinzipiell mal egal wofür, Hauptsache für eine gute Sache. Jene mit der Black Power-Bewegung scheint ihr passiert zu sein. Ex-Twilight-Bella Kristen Stewart spiegelt diese Attitüde eines sich selbst überschätzenden Stars ganz gut wider. Der Kurzhaarschnitt, der saß schon meilenweit unter dem Meer bei Underwater, und sie trägt ihn immer noch sichtlich mit Stolz, wobei sie noch eins draufsetzt und mit ihrer Franchise-Vergangenheit ebenso brechen will wie Robert Pattinson, in dem sie sogar das eine oder andere Mal die Hüllen fallen lässt. Kristen Stewart will nun mit Seberg gänzlich im Arthouse-Charakterfach angekommen sein. Schauspielerisch bleibt dennoch Luft nach oben – statt Jean Seberg wirklich zu sein, bleibt ihr der sichtbare Eifer haften, die biographische Figur nur sein zu wollen. Doch sie bemüht sich. Und man sieht ihr trotzdem gerne dabei zu.

Zwischendurch allerdings bleibt die prinzipiell durchaus aufreibende True Story im gern zitierten 60er-Zeitkolorit stecken, verlustiert sich in stilvollen Settings und will manchmal so sein wie ein Film von Tom Ford – gemächlich, stilvoll, unterlegt mit zeitgenössischen Musikstücken, oftmals ein Gläschen Hochprozentigen in der Hand. Mit einem Zuviel an diesen durchaus netten Bildern verwässert Regisseur Benedict Andrews sein emotionales Drama zu einem porösen Biopic mit einer leidenschaftslosen FBI-Komponente, die die Routine ihrer Bespitzelungsarbeit auf das Ensemble überträgt – Ulrich Mühe (Das Leben der Anderen) ist Agent Jack O’Connell nämlich wirklich keiner. Viele Nebenrollen bleiben auch wirklich nur Staffage, die sich einer Retro-Optik unterordnen, mit der Jean Seberg – Against All Enemies als Erzähl-Tool alleine klarkommen möchte. Das bleibt dann doch etwas kraftlos.

Jean Seberg – Against All Enemies

Deadpool 2

BEKENNTNISSE EINES KAMIKAZE-COMIKERS

7/10

 

deadpool2© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAVID LEITCH

MIT RYAN REYNOLDS, JOSH BROLIN, T.J. MILLER, MORENA BACCARIN, JULIAN DENNISON, ZAZIE BEETZ, EDDIE MARSAN U. A.

 

Messianische Wiedererweckung ist für diesen Lazarus kein Thema. Waschbär Rocket würde mit ihm gut und gerne abhängen, ist der Guardian of the Galaxy doch der einzige aus dem Marvel-Universum, der ein ähnliches Großmaul hat wie der unkaputtbare Wade Wilson, seines Zeichens eine coole Socke, hauteng eingezwängt in eine ebensolche rot gefärbte, mit allerhand Equipment um die Lenden und nichts mehr zu verlieren. Zumindest nicht mehr sein Leben, denn der schlimme Finger mit dem Schandmaul und temporärer ADHS ist zwar unheilbar an Krebs erkrankt, hat sich aber aufgrund seiner Bereitschaft zum Versuchskaninchen eine Auszeit von Tod und Verderben gekrallt, Ablaufdatum unbefristet. Und man kann ihn hauen, ihn treten, oder seine Visage zerkneten, ihn halbieren oder in die Luft sprengen – der sarkastische Schwertmeister und Ex-Soldat ist das unverschämteste Stehaufmännchen unter der Sonne einer in Panels festgehaltenen Welt. Ähnlich einem Zombie, nur braucht Wilson kein Blut, sondern Input für seinen üblen Wortschatz und ein stetes Update, was die Popkultur betrifft, denn ohne Seitenhiebe auf hippe Klassiker aus Film, Musik und Fernsehen wäre Deadpool nur der halbe Rotzbub, der er ist. Zugegeben, da wird selbst Steven Spielberg mit seinem unlängst erschienenen Ready Player One etwas kleinlaut, denn es bleibt unsicher zu sagen, welcher von den beiden Filmen nicht mehr Bild- und Wortzitate vom Stapel lässt. Das jüngere Publikum wird auch hier zwar mitlachen, aber eher ratlos.

David Leitch, der mit Atomic Blonde eine wirklich sensationell aparte Charlize Theron ins geheimdienstliche Berlin der 80er Jahre geschickt hat, wird in der Inszenierung von Deadpool 2 sicherlich großen Spaß gehabt haben. Und nicht nur er. Für Ryan Reynolds ist Deadpool ohnehin ein Herzensprojekt, der Lieblingskuschelheld, ein treues Alter Ego, verloren irgendwo im X-Men-Universum. Dass der Freddy Krüger unter den Superhelden bereits seinen Auftritt in X-Men Origins: Wolverine gehabt haben soll – daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Der irre Charaktermix aus dem eingangs bereits erwähnten Waschbären Rocket, Beverly Hills Cop, der Braut aus Kill Bill und Schimpfbär Ted ist gleich einem Schweizer Taschenmesser überall einsetz- und zweckentfremdbar. Diese Geschmeidigkeit, gepaart mit der Dauerbefeuerung deftiger Kalauer meist unterhalb der Gürtellinie weiß das wenig zartbesaitete Zielpublikum mittlerweile gut und gerne zu schätzen. Das haben wir beim bahnbrechenden Erfolg des ersten Teils schon gesehen. Und Teil 2 wird unter dieser Rezeptur nicht weniger die Kassen klingeln lassen. Dabei ist das Sequel ohnedies deutlich lässiger und witziger geworden. Klar lässt die Anspannung nach, wenn man weiß, dass das Einmaleins des roten Rächers aufgeht. Etwas mühsam wird es dann, wenn der neurotische Charakter jeden Gedanken verbalisiert. Deadpool schert sich um nichts, ist dadurch aber auch eine relativ anstrengende Figur, die man im echten Leben womöglich nur in sehr konzentrierten Dosen vertragen kann.

In seiner Hassliebe zu den X-Men gründet er die X-Force, um einem impulsiven brandgefährlichen Jungspund Herr zu werden, der, einst im Waisenhaus für Mutanten misshandelt, Rache üben will. Im Grunde ist damit die ganze Geschichte erzählt, die tatsächlich als relativ dünner roter Zwirn durch eine komödiantische Revue für Erwachsene führt, die zwischendurch mit furioser Action unterhält und da und dort mal in überzeichneter Brutalität Blut spritzen lässt. Moment, da wäre aber noch Workaholic Josh Brolin, der zurzeit in fast jedem Film mitzuwirken scheint, in Deadpool 2 aber seiner Figur des Zeitreisenden Cable die platten Attitüden eines Dolph Lundgren aus Universal Soldier verleiht. Mit seiner eigenen Performance des Thanos kann er da nicht mehr mithalten. Das können aber die meisten hier nicht, ausgenommen die aparte Newcomerin Zazie Beetz als Domino und  natürlich Bürohengst Peter, der sich dem Superhelden-Cast nur spaßhalber stellt. Der zusammengewürfelte Haufen fragwürdiger Einzelkämpfer erinnert an die Selbsthilfegruppe aus der charmanten Antihelden-Parodie Mystery Men mit Ben Stiller. Mit derart schrägen Einfällen trifft Deadpool 2 tatsächlich vermehrt ins Schwarze. Die Gagparade macht enormen Spaß, die noch dazu mit fetzigem Sound und alten Hadern untermalt als saucoole Performance durchgeht, die aber weder nachhaltig berührt noch lange in Erinnerung bleibt. Dafür auf der Habenseite: Mehrmals-Sichtung ohne Abnützungserscheinungen.

Deadpool 2 ist Comic-Kabarett fürs nerdige Bierzelt, die Stinkefinger-Antwort auf Wolverine und akkurat aufrichtige Gutmensch-Helden mit Stil. Der ist für Deadpool tatsächlich nur das Ende des Besens. Und für den Moment und für nichts anderes hat der Fan außerdem mal das Gefühl, sich selbst so ziemlich reuelos nichts scheissen zu müssen.

Deadpool 2