Der Fall Richard Jewell

DER ÜBLICHE VERDÄCHTIGE

8/10

 

richardjewell© 2020 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: PAUL WALTER HAUSER, KATHY BATES, SAM ROCKWELL, JON HAMM, OLIVIA WILDE U. A. 

 

Wer ist eigentlich Paul Walter Hauser? Würde mich nicht wundern, wenn hier jetzt einige von euch fragend nach dem Namen googlen. Womöglich erscheint hier ganz oben bei den Ergebnissen ein gewisser Film namens I, Tonya, jener True Story über besagte Eiskunstläuferin, die ihre Konkurrentin sabotiert haben soll. Eine der Nebenrollen, die hier im Gedächtnis geblieben sind, war jene des selbsternannten Agenten Shawn Eckhardt. Auch in BlackKlansmann fiel er als eher unterbelichteter Neonazi auf, beides handfeste Performances, die wohl auch Clint Eastwood aufgefallen sind. Denn der hat ihn kurzerhand für seinen neuesten Film engagiert, und zwar nicht für eine Nebenrolle, sondern gleich für die ganz große One-Man-Show, in der er Richard Jewell verkörpert, dessen Name vermutlich nun auch durch den Suchfilter laufen wird, denn jenseits des Atlantiks sind die Schlagzeilen rund um einen mehr schlecht als recht vereitelten Anschlag auf die Olympischen Spiele in Seattle entweder längst in Vergessenheit geraten oder gar nicht mal in solchem Ausmaß durchgedrungen wie zum Beispiel jenes Wunder vom Hudson River, das Flugzeugpilot Sully vollbracht hat. Diesen gewissenhaften, integren Charakterkopf kann man nach wie vor durchaus als Held bezeichnen, obwohl Helden selber von sich niemals so sprechen würden. Held ist auch ein relativ „gefährliches“ Wort, ich sage mal so, denn ein Held scheint unfehlbar zu sein, und diese implizierte Unfehlbarkeit ruft in relativ kurzer Zeit jede Menge Gegenstimmen auf den Plan, und so wird die Perfektion einer guten Tat schnell zu einem ungläubigen Wunder, dass, hat man es nicht selber gesehen, im Zweifel für des Menschen guten Charakter niemals passiert sein kann. Nach Sully ist Der Fall Richard Jewell der zweite Film zur Analyse von Alltagshelden anhand wahrer Geschichten. Die Ambivalenz eines solchen Geschehnisses, diese graue Wolke, die solche Menschen in ihren unnachahmlichen Taten umgibt, dürfte das sein, was Clint Eastwood fasziniert. Überhaupt sind es diese Portraits außergewöhnlicher Amerikaner, denen sich Clint Eastwood schon die längste Zeit gewidmet hat und vermutlich noch widmen wird. Er beobachtet sie innerhalb ihrer Zeitkapsel aus Ruhm und Zweifel, um sie dann wieder in ihre Anonymität zu entlassen. Doch bemerkenswert sind sie alle. Und ganz besonders dieser Richard Jewell, den Paul Walter Hauser eben so grandios verkörpert. Als wäre das die Rolle, auf die er Zeit seines Lebens hingearbeitet hätte, stünde er nicht erst am Anfang einer großen Karriere, die hiermit womöglich ihren ernsthaften Anfang nimmt.

Zugegeben, Richard Jewell dürfte damals ein Sonderling gewesen sein. Einer, der bei seiner Mutter wohnt (ebenfalls grandios: Kathy Bates), Waffen sammelt und für den Recht und Ordnung über alles geht. Das klingt schon mal verdächtig – aber warum eigentlich? Recht und Ordnung ist schon mal notwendig, wenn jemand so ein Verständnis dafür hat, warum sollte nicht gerade der einen Job in der Exekutive haben? Weil er über die Stränge hinausschlägt? Manches zu ernst nimmt? Über nichts hinwegsieht? Im Nachhinein ist es gut, das Jewell über nichts hinweggesehen hat, denn der oftmals gekündigte und scheel beobachtete Junggeselle hat als erster diesen herrenlosen Rucksack bemerkt, der unter einer Bank im Areal des Olympia-Parks lehnt. Natürlich war das eine Bombe, und natürlich ist sie explodiert, doch dank Richard Jewell hat diese weniger Schaden angerichtet als geplant. Der Mann wird zum Helden, wird in so gut wie fast allen Medien zum Interview geladen und durch die Gegend hofiert wie ein Popstar. Bis dem FBI die Sache spanisch vorkommt, ist doch der Bursche das exakte Ergebnis einer Faustformel fürs Täterprofil. Pech für ihn, ein üblicher Verdächtiger, und im Namen aller Profiler fraglos schuldig. Inquisition verlief im tiefsten Mittelalter nicht anders, aber das nur am Rande. Der Retter wird also zum Täter hochstilisiert. Was dann beginnt, sind quälende Wochen aus Bespitzelung, Hausdurchsuchung und Schmutzkübelmedien, die aus dem Paulus einen Saulus machen.

Mit Der Fall Richard Jewell ist Clint Eastwood mit knapp 90 Jahren wohl einer seiner besten Filme gelungen. Dieses unfassbar wahre Paradebeispiel einer mediengemachten Hexenjagd der Neuzeit ist Schglagzeilenkino vom Feinsten, alleine schon aufgrund seines grandios aufspielenden Ensembles bis in die Nebenrollen, die von Eastwood mit sicherer Hand und ohne allzu viel Druck aufs Set geschickt werden. Bei so viel dramatisierter Erniedrigung klappt einem durchaus die Kinnlade herunter, und zwischenszeitlich ertappt man sich selbst dabei, der investigativen Meinungsmache stattzugeben. Doch Jewell, der dürfte ein aufrichtiger Bursche gewesen sein (und ist es so denke ich heute noch), und dabei zuzusehen, wie ein ebenfalls begnadeter Sam Rockwell als schrulliger Anwalt seinem Klienten aus der Misere hilft, ist packend, unglaublich menschelnd und kurios zugleich.

Der Fall Richard Jewell

Trolls World Tour

ANDERE SAITEN, ANDERE SITTEN

7/10

 

trollsworldtour© 2020 Universal Pictures Germany

 

LAND: USA 2020

REGIE: WALT DOHRN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): ANNA KENDRICK, JUSTIN TIMBERLAKE, RACHEL BLOOM, JAMES CORDON, SAM ROCKWELL, KELLY CLARKSON U. A.

STIMMEN (DEUTSCHE SYNCHRO): LENA MEYER-LANDRUT, MARK FORSTER

 

Sie sind wieder da! Die kleine Gnome, Trolle oder was auch immer diese Spielzeugwichteln aus den 60ern sind, denen im Grunde genommen die Sonne aus dem Allerwertesten scheint und die eigentlich überhaupt nichts Besseres zu tun haben als abzutanzen, sich regelmäßig zu knuddeln oder einfach wahnsinnig seifige Musicalnummern zu schmettern. Ja, das sind sie, was soll man machen. Und es braucht schon einiges an Durchhaltevermögen, um zumindest die ersten zehn Minuten des Sequels, welches nun statt im Kino online zu streamen ist, durchzustehen. Wer in Spielwarenläden seinen Sprösslingen lieber alleine in die rosarote Puppenabteilung schickt, wer Superglamour im Color-Overkill irgendwo zwischen der Mönsterchen-Ausgabe von Mariah Carey, Niki Minaj und Selena Gomez nur mit einem Hochprozentigen vertragen kann, der wird wahrscheinlich nach diesen ersten Minuten  das Weite suchen. Aber, und ich lege es fast schon ans kleine Trollherz: Durchhalten lohnt sich. Wenn nämlich das zuckersüße Popland endlich mal aufhört zu singen und die Story sich nun entschlossen hat, in die Gänge zu kommen, schafft es Trolls World Tour nämlich tatsächlich, fast schon die Qualitäten des Originals zu erreichen.

Was man im neuen Film vermissen wird, das sind die riesenhaften Bergen. Diesmal machen die Kleinen nicht das Land jenseits ihres Elysiums unsicher, sondern fabrizieren eher lokal ein ziemliches Tohuwabohu, denn eines muss man hier auch wissen: Troll ist nicht gleich Troll. Sie definieren sich durch ihre Musik, und die ist, wie wir wissen, in verschiedenster Form anhörbar. Von Klassik über Jazz bis zu Techno – alles da. Wäre ja schön, könnte jedes Genre in Frieden mit dem Nachbarn leben, doch die Stromgitarren-Fraktion denkt da anders. Sie nimmt Queens We Will Rock You ziemlich wörtlich und startet eine breit gefächerte Invasion. Poppy und der mittlerweile nicht mehr ganz so graue Branch müssen dem natürlich einen Riegel vorschieben, ist doch auch ihre Welt bedroht. Also goes Pop the World und trifft auf sämtliche Klangmeister und Musikwesen, die alle ihren speziellen Rhythmus haben.

Fast könnte man Trolls World Tour als musikpädagogischen Beitrag sehen. Auf ihrer Reise quer durch allerlei bunte Bundesstaaten erschließt sich den kleinen Ohren eine erquickende Fülle an noch nie gehörten Melodien, die den Zusehern genauso Freude macht. Klarerweise geht’s hier viel weniger um die Story selbst, die auf eine Notenzeile passt, sondern viel mehr um diese Fülle an liebevollen Details, welche die genrespezifischen Schrullen und Eigenheiten so mancher Musikrichtung wohlwollend karikieren. Schnell lässt sich der ganz persönliche Favorit definieren, der nicht zwingend mit der persönlichen Lieblingsmusik im Einklang stehen muss. Bei mir wär’s Mr. Smoothjazz – eine herrlich schmeichelnde Parodie. Aber, was sag´ ich: seht – oder besser – hört doch einfach selbst!

Trolls World Tour

Jojo Rabbit

VOM KRIEG DER KINDER

8,5/10

 

jojorabbit© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: ROMAN GRIFFIN DAVIS, TAIKA WAITITI, THOMASIN MCKENZIE, SCARLETT JOHANSSON, SAM ROCKWELL, REBEL WILSON, ALFIE ALLEN, STEPHEN MERCHANT U. A. 

 

Niemals sollte man sein inneres Kind aus den Augen verlieren. Niemals vergessen, wie es ist, Dingen im Leben mit einer verspielten Neugier zu begegnen. So, als wäre man ein Pionier für eine Sache, die zwar durchaus schon längst bekannt ist, aber so noch nicht gesehen worden ist. Mit unbedarftem Blick. Taika Waititi ist so ein Mensch, ein Künstler, der sich formelhafter Herangehensweisen an eine Sache entzieht. Der diese vielleicht kennt, und weiß, wie es andere bislang gemacht haben, dem das Bisher aber nicht sonderlich gefällt, und sich daher auf eine Augenhöhe begibt, die noch niemand eingenommen hat. Seine Augenhöhe ist die des zehnjährigen Johannes, genannt Jojo. Wir sind irgendwo in Deutschland, in einer Kleinstadt, nicht weit vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wo Jungen und Mädchen zur Hitlerjugend müssen und das jüdische Volk längst schon in den KZs vor sich hinstirbt. Jojo himmelt Hitler an, dieser ist sein Idol, und das geht sogar so weit, dass der Führer zu einem imaginären Freund wird, der den blonden Buben stets begleitet und mit rollendem R und kantiger Aussprache Ratschläge fürs arische Leben erteilt. Wäre da nicht seine Mutter, die, was natürlich vorerst niemand ahnt, im Haus ein jüdisches Mädchen versteckt. Was Hitler ganz und gar nicht unter die schnauzbärtige Nase geht. Und dem kleinen Jojo anfangs auch nicht. Aber warum eigentlich?

Ja, warum eigentlich, fragt sich Waititi und entlässt seinen kleinen (Anti)helden in den bizarren Alltag eines so irren wie wertevernichtenden Regimes, dass völlig aus der Luft gegriffene Schauermärchen über alles Andersartige kolportiert und mit kruden Schreckgespenstern vom eigenen Schrecken ablenkt. In diesem zerstörerischen Sog steckt also dieser Jojo, der sich einerseits vom Massenwahn mitziehen und begeistern lässt, wie sich Kinder eben begeistern lassen, und andererseits aber langsam anfängt, seine eigenen Wertvorstellungen anzuerkennen. Einem Kaninchen den Hals umdrehen? Geht nicht. Denn als Kind ist man immer noch Mensch, hat seine eigene Sicht der Dinge und wehe, man bleibt sich nicht selber treu. Waititi weiß das alles, er weiß, welche Fragen er stellen muss, und er weiß, worauf es in Zeiten wie damals hätte vermehrt ankommen sollen. Dass der verspielte Neuseeländer einen ganz eigenen Draht zum Kindsein hat, das wissen wir seit Wo die wilden Menschen jagen. Wobei er das Kindsein niemals idealisiert, niemals wirklich wie Grönemeyer all die Bengel an die Macht kommen lassen will, sondern sie dazu nötigt, in ihrem ach so jungen Alter ihr Tun selbst zu reflektieren.

Dass einem Thema wie diesem – die Nazizeit und all der Krieg – mit solch zerstreuter, verspielter Leichtigkeit begegnet werden kann, ist staunenswert und überraschenderweise kein bisschen irritierend. Jojo Rabbit ist bunt, aber niemals unbotmäßig schrill. Ist parodistisch wie es einst Chaplin in Der Große Diktator, aber niemals geschmacklos. In dieser Kindlichkeit liegt ein bitterer, erschreckender Ernst, der sich aber bewältigen lässt, weil er den Keim junger, humanistisch denkender Helden in sich trägt. Diese Dinge entdeckt man in diesem Film nicht ohne Gänsehaut. Nicht ohne einen Frosch im Hals. Aber mit unverhohlener Sympathie zu einem Ensemble, das ein gefühlt großes Vertrauen zu seinem Regisseur hat und sich in ein Szenario fallen lässt, dass es wert ist, durchzuleben. Roman Griffin Davis ist eine Entdeckung! Thomasin McKenzie fasziniert wiedermal genauso wie schon damals in Leave No Trace. Scarlett Johansson gelingt eine Gratwanderung zwischen Stummfilm-Performance und schönstem Bühnenzauber. Sam Rockwell wiederum hätte ich auch diesmal wieder für den Oscar nominiert, so seltsam hanswurstig und unbefangen verkörpert er seinen Hauptmann Klenzendorf.

Kindheitserinnerungen aus dem Krieg, die gibt es. Maikäfer flieg! zum Beispiel, von Christine Nöstlinger. Die Bücherdiebin. John Boormans Hope & Glory natürlich. Und nicht zuletzt die erschütternde Wahrheit hinter dem Tagebuch der Anne Frank. Waititi nutzt, ergänzend zu all diesen Erinnerungen, die fiktive Chance, in seiner berührenden, fabulierenden Tragikomödie durch die Welt- und spätere Weitsicht eines Jungen die verheerende Absurdität eines kranken Systems klar erkennbar werden zu lassen. Aber was viel wichtiger ist: er lässt die Kinder daraus lernen. Damit sich Fehler wie diese nicht nochmal wiederholen. Denn am Ende ist nichts schöner, als in Freiheit auf der Straße zu tanzen. Jojo Rabbit ist ein großartiger Film, ein rotzfreches Gloria, aufmüpfig, grundehrlich und bezaubernd. Und darf auch erhobenen Hauptes vor Wehmut und Erleichterung schluchzen.

Jojo Rabbit

Vice – Der zweite Mann

DIE STAATEN BIN ICH

8,5/10

 

vice© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: ADAM MCKAY

CAST: CHRISTIAN BALE, AMY ADAMS, STEVE CARELL, SAM ROCKWELL, EDDIE MARSAN, JESSE PLEMONS U. A.

 

Fahrenheit 9/11, oder 11/9 – wie auch immer. Mit Adam McKays Rückblick auf die politischen Umstände in den USA von den 90ern bis nach der Jahrtausendwende wird es deutlich wärmer, wenn nicht gar so heiß, dass man sich sämtlicher Scheuklappen, die womöglich erschreckende Zusammenhänge verbergen, entledigen möchte. Vice – Der zweite Mann schlägt gefühlt alle scheinbar so launigen wie persönlich gefärbten Dokusoaps eines Michael Moore um Längen, schon alleine von der Konzeption her, und ist die deutlich bessere Wahl, wenn es darum geht, die Mechanismen politisch motivierter Egomanen zu entbeinen. Vice, das ist nicht unbedingt in erster Linie die dramaturgische Passform für erlesene Schauspielkunst. Das ist es auch, aber nicht vorrangig. Vice, das ist natürlich auch eine Meinung, so wie Michael Moores Filme Meinungen vertreten. Fakten auf eine reine Objektivität herunterzubrechen, damit tut sich das Genre des erhellenden Dokumentarfilms ohnehin schwer, obwohl der Anspruch auf Unbefangenheit ein erfüllter sein will. McKay gelingt es, die Chronik der Ereignisse rund um einen schattenhaften Regierungs-VIP zumindest auf solche Art in die teils frei interpretierte True Story einzustreuen, dass sie einem Modul gleich immer noch bei Bedarf entnehmbar bleibt, wie das Corpus delicti bei einem Prozess. Natürlich kann ich mich der Richtigkeit all der Fakten nicht versichern, dazu fehlt mir die Zeit, das überlasse ich Leuten, die so tun, als wären sie Journalisten vom Kaliber eines Bob Woodward oder Carl Bernstein, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das auch bei Adam McKay glauben. Aber Adam McKay ist ein Komiker, einer, der die erogenen Zonen der Macht ertasten kann und messerscharfe Satiren schreibt, der mit Tina Fey gemeinsam gearbeitet hat, der ähnlich unserer Staatskünstler im ORF reingewaschener Politik das Wilde herunterräumt und dabei fast schon investigativ wirkt. Diese als Semidokumentation getarnte Teilbiographie eines stillen Wüterichs ist keine reine Satire an sich, denn dann hätten wir eine Burleske wie The Death of Stalin. Eine reine Satire aus Vice zu machen wäre aber auch am Ziel vorbei, denn erschreckenderweise braucht McKay in seinem Film kaum wirklich Raum, um dramaturgischen Übertreibungen Luft zu machen. Wie schwer sich Satire tun kann, den unglaublichen Begebenheiten der realen Regierungsgeschichte Nordamerikas den Rang abzulaufen, in diesem Punkt lässt Vice ziemlich tief blicken.

Die Skandale ausgehend vom 11. September und George W. Bushs Machtdemonstration ist uns allen – eben auch spätestens seit Moores polemischem Fahrenheit 9/11 – weitestgehend bekannt. Dass der Irak vorrangig aus wirtschaftlichem Interesse okkupiert wurde und auch der Terrorist az-Zarqāwī erst durch die USA selbst erstarkte, wie zuvor schon Osama Bin Laden (der im Afghanistankrieg von den USA bis an die Zähne bewaffnet wurde), entlockt kaum mehr ein überraschtes Aha.  Dass Adam McKay seine Version des George W. aber keineswegs (wie auch all die anderen Persönlichkeiten) dem Gespött preisgibt und ihm sprichwörtlich die Hosen runterzieht, während er vor dem Volk predigt, kommt dann doch unerwartet. Der von Sam Rockwell erstaunlich gut imitierte Präsidenten-Cowboy bleibt maximal ein Naivling, eine Marionette, die glaubt, autark zu handeln, dabei aber von unsichtbaren Kräften geführt wird, deren Oberhaupt der scheinbar unscheinbare Dick Cheney sein könnte, ein lakonischer Kauz von Politiker, der sich, wäre nicht seine Frau Lynne gewesen, in jungen Jahren womöglich in den Notstand gesoffen hätte. Wir wissen, es ist anders ausgegangen, und Cheney wird sich mit dem harmlos scheinenden Äußeren eines bequemen Onkels an die Spitze der Macht aalen, wie einst und vor vielen hundert Jahren ein gewisser Thomas Cromwell, der König Heinrich VIII regieren hat lassen, allerdings nach seinem Gutdünken, und stets nah am Verrat an seinem Herren über selbigem hinwegentschieden hat, nur um sich dann wieder auf dessen angebliche Entscheidungen zu berufen. Cromwell war der Mann im Hintergrund, und gleichzeitig das Schreckgespenst einer sündenbockenden Henkerspolitik. Wir sehen: Geschichte wiederholt sich, und auch das finstere Erbe mittelalterlicher Machtgier war mit im Gepäck der ersten europäischen Siedler nach Übersee. Die Schemata sind also die gleichen, nur Cromwell wird selber Opfer seiner Politik, während Cheney scheinbar die Absolution von irgendwo oben erhält, um seine Interessen zu wahren. Mit höherer Gerechtigkeit hat das Ganze gar nichts mehr zu tun, die gibt es nicht in McKays sezierendem Drama, das die Absurdität der Tatsachen in galligen Sarkasmus kleidet, nur um nicht überzuschnappen in Anbetracht einer Paranoia auslösenden Willkür von wenigen, die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten matt setzen. Bleibt nur noch ein Gott, der Blitze schleudert – aber das tut er nicht. Diese Ohnmacht hat schon Karl Kraus in seinem Opus Magnum Die letzten Tage der Menschheit bis zum Exzess beschrieben – und tatsächlich finden sich in Vice Szenen, die den Visionen des kritischen Denkers entnommen sein könnten. Wenn Cheney mit Rumsfeld, Wolfowitz und Powell fein diniert und das Menü, bestehend aus Angstmache, Folter und der Theorie der einheitlichen Exekutivmacht wählt, dann wähnt man sich in einer der bizarren Szenen von Kraus´ Tragödie in 5 Akten. Wenn Cheney und Ehefrau Lynn im ehelichen Bett plötzlich anfangen, in shakespeare’schen Floskeln zu sprechen, erreicht Vice satirische Spitzen von einprägsamer Wucht und schafft erst durch solche Übertreibungen, die unerhörte, scheinbar willkürliche Niedertracht wie das pochende Herz Dick Cheneys mit beiden Händen zu fassen. Das ist schon bitteres, intelligentes Kino mit Verstand und nagendem Gewissen, dazu noch ohne viel liberaler Gutmenschtümelei des Verfassers.

Was Christian Bale betrifft – der hat zum Glück nicht so viel Makeup benötigt wie letztes Jahr Gary Oldman in Die dunkelste Stunde. Bale ist ja bekannt für seine Bereitschaft zum Jojo-Schauspieler, breiter kann das Spektrum an Rollen kaum sein, wenn wir uns auf der einen Seite mal Filme wie The Machinist oder Rescue Dawn hernehmen, wo der gebürtige Waliser als Schatten seiner selbst dahinvegetiert – und auf der anderen Seite eben Filme wie Vice, wo Bale womöglich mit wenigen Kniffen bis zur Unkenntlichkeit adaptiert und mit Schmerbauch den feisten Polit-Kalifen gibt. Das ist schon eine Sensation, was da geht – und womit eigentlich das ganze Ensemble spielfreudig miteifert, wobei Sam Rockwell und Steve Carell als werteverachtender Rumsfeld Performance-Gigant Bale fast schon die Show stehlen.

Vice ist, obwohl er in der jüngeren Geschichte nach Schuldigen fischt, gerade mit dieser Vergangenheit, aus der wir lernen sollten, ein klug konstruiertes Meisterwerk, dass die Schuppen von den Augen friemelt, dass die eigene rosarote Brille putzt und mit Komplementärverstand die schmeichelnde Farbe der eigenen Verdrängung wegfiltert. Zu Recht für den Oscar als bester Film nominiert, ist dieses großartige Stück Politkino im Gewand einer Art Lebensbeichte ein wichtiger, wenn auch peinlich berührender Knüppel zwischen den Beinen einer „Weltpolizei“, die eigentlich ihr Amt missbraucht hat.

Vice – Der zweite Mann

Die Frau, die vorausgeht

MALEN FÜR DAS VÖLKERRECHT

5/10

 

WWA_D05_00474.ARW© 2017 Tobis Film

 

ORIGINAL: WOMAN WALKS AHEAD

LAND: USA 2017

REGIE: SUSANNA WHITE

MIT JESSICA CHASTAIN, MICHAEL GREYEYES, SAM ROCKWELL, CIARÁN HINDS, MICHAEL NOURI U. A.

 

Habt ihr jemals etwas von Caroline Weldon gehört? Ich zumindest nicht. Die New Yorker Witwe mit Schweizer Wurzeln war Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine einmalige Erscheinung. Eine Künstlerin, um genau zu sein eine Malerin, doch das wäre nicht das Bemerkenswerte an dieser Frau – Caroline Weldon ist in die Wildnis gezogen, weit nach Westen in die Prärie, um den legendären Sioux-Häuptling Sitting Bull zu portraitieren, oder besser gesagt das, was von ihm übrig ist. Tot ist er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, die glorreichen Tage allerdings sind lange vorüber. Bei Sitting Bull knüpfe ich mit meiner Geschichtskenntnis wieder an. Das wissen wir – nämlicher Häuptling hatte damals gemeinsam mit Crazy Horse General Custer das Fürchten gelehrt. Die Schlacht am Little Bighorn 1876 war wohl die größte Niederlage der Weißen während der Indianerkriege. Die Folge war die Ermordung aller beteiligten Stammeshäuptlinge – bis auf Sitting Bull. Der hat seine traditionelle Tracht gegen westliche Gewänder getauscht und gräbt lieber nach Kartoffeln als nach den Wurzeln seines Stammesstolzes.

Dass gerade eine Frau hier noch das letzte bisschen Selbstachtung aus dem legendären Krieger hervorholt, ist Grund genug, darüber einen Film zu drehen. Vor allem weil mit dem Damenbesuch im Reservat der Anfang vom Ende der Sioux eingeleitet wurde. Dieses Requiem an die indigene Bevölkerung Nordamerikas, diese schmerzliche Entwurzelung – die hätte allerdings deutlich packender werden können. Regisseurin Susanna White, die schon mit dem Spionagethriller Verräter wie wir eigentlich hauptsächlich aufgrund der schalen Performance Ewan McGregor´s nicht überzeugen konnte, hat sich die toughe Jessica Chastain in die staubige Weite der Lakota-Territorien geholt. Mit ihr und Oscar-Preisträger Sam Rockwell am Start dürfte relativ wenig schiefgehen, zumindest schauspielerisch. Chastain hat allerdings leider nicht das Charisma eines so offenherzig impulsiven Gutmenschen wie Caroline Weldon einer war. Eher ist die rothaarige Intellektuelle für charakterliche Grauzonen geeignet – kühl, berechnend, stets ein As im Ärmel, tief drinnen aber ungemein verletzbar. Die Malerin aus New York gelingt ihr nur bedingt, spitzenbesetzte Kleider und eng geschnürtes Mieder will sich die Damen nach Drehschluss am Liebsten schleunigst vom Leib reissen. Ihr zur Seite die große Sioux-Legende, mit Michael Greyeyes viel zu jung besetzt. Gut. Sitting Bull wurde knapp 60 Jahre alt, dennoch strahlt dieser Häuptling hier in White´s Film wie es scheint keinerlei Erfahrung aus. Fast könnte man meinen, die Malerin und ihr Model sind gleichen Alters, was so wahrscheinlich nicht stimmt.

Da Die Frau, die vorausgeht meist Szenen präsentiert, die Chastain und Greyeyes im Dialog miteinander darstellen, fehlt dem Film vollends die Gewichtung dieser Begegnung, die Erfahrung und Entbehrung dahinter. Die Begegnungen der beiden sind so oberflächlich wildromantisch wie die idealisierten Malereien, die zu dieser Zeit entstanden sind. Sobald die Geschichtsstunde aufs politische Podest gehoben wird, überwiegen die völkerrechtswidrigen Fakten vor traditionellem Wildwest-Charme, dann folgt die Aufklärung und das garstige Bild der weißen Invasoren von damals, die das Desaster am Little Bighorn so vernichtend rächen mussten. Davon zeugt das Massaker an den Lakota-Indianern in der Ortschaft Wounded Knee 1890.

Der Wucht dieses Genozids weiß Susanna White´s Film nichts entgegenzusetzen, weder einzufangen noch zu ertragen. Dagegen wirkt die gut betuchte Volksaktivistin Weldon trotz all ihres Engagements ziemlich neben den Ereignissen stehend, so wie unterm Strich der ganze Film, der lieber in nostalgischer Wehmut schwelgt. Was vielleicht prinzipiell gar kein Fehler ist, in diesem feministischen Polit-Western aber extrem hausbacken daherkommt.

Die Frau, die vorausgeht

Three Billboards outside Ebbing, Missouri

DEN TEUFEL AN DIE PLAKATWAND MALEN

7/10

 

threebillboards© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

BUCH & REGIE: MARTIN MCDONAGH

MIT FRANCES MCDORMAND, SAM ROCKWELL, WOODY HARRELSON, ABBIE CORNISH, PETER DINKLAGE U. A.

 

Das erste Mal, als ich mit dem Dramatiker Martin McDonagh in Berührung kam, war die Aufführung seines Theaterstücks Der Leutnant von Inishmore im Wiener Akademietheater. Raues, blutiges Theater aus der irischen Unterwelt. Kein angenehmes Stück Bühnenspiel. Aber intensiv und einprägsam. Aber das ist schon Jahre her. Dass McDonagh auch auf Kino macht, bewies er dann mit Brügge sehen…und sterben?. Ein schwarzhumoriger Krachten-Thriller vor malerischen Fachwerkbauten. Sehenswert ja, aber nicht weltbewegend. Mit dem im Vorfeld hochgelobten Oscar-Kandidaten Three Billboards outside Ebbing, Missouri hat der Ire wohl sein inhaltlich komplexestes und vielschichtigstes Werk auf die Leinwand gewuchtet. Doch wie viel davon ist wirklich von Martin McDonagh? Viel eher lässt sich dieses Werk als Teil der Arbeiten seines älteren Bruders John Michael McDonagh sehen. Der hat sich im Gegensatz zu Martin immer wieder mal mit weitaus schwierigeren, vor allem ethischen Themen auseinandergesetzt. Ganz besonders in seinem letzten Film Calvary – Am Sonntag bist du tot. Ein Film um Glaube und Kirche, Vergebung und Verantwortung. Beeindruckend, bleischwer und metaphorisch. Three Billboards outside Ebbing, Missouri kippt in ein ähnliches Fahrwasser. Kann sein, dass das Kleinstadtdrama durchaus von John Michael´s Herangehensweise an gesellschaftskritische Stoffe beeinflusst worden ist. Wenn ja, war das mit Sicherheit kein Fehler.


Three Billboards otside Ebbing, Missouri könnte an einem Ort spielen, den sich Stephen King ausgedacht hat. Dieses fiktive Ebbing ist eine bigotte, spießige Kleinstadt – erzkonservativ und hinterwäldlerisch. Eine Keimzelle für Mord und Totschlag, für Rassenhass und sozialem Mobbing. Nichts für ungut, aber in Ebbing ist so ziemlich alles irgendwie mit Vorsicht zu genießen. Und dann ist da ein Mord passiert, die Vergewaltigung und Verbrennung eines Mädchens, direkt unter den Billboards, welche die Abzweigung nach Ebbing säumen – und zum Streitfall werden. Denn die trauernde Mutter des Teenies, die verschafft sich mit diesen drei Plakatwänden sowohl mediales Gehör als auch genug Feinde. Und entfacht eine Spirale der Gewalt und der Gegengewalt, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.

McDonagh der Jüngere liefert eine fulminante Geschichte, das Zerrbild eines schwelenden Mikrokosmos aus Hass und Wut, aus Genugtuung und Trauer. Und sie klingt so bizarr, dass es tatsächlich so passieren hätte können, was ich anfangs sogar noch gedacht habe. Doch 
Three Billboards otside Ebbing, Missouri ist eine fiktive, rabenschwarze Farce, die vor allem darstellerisch in noch tiefere Schwärze trifft als es die Story ohnehin schon tut. Und damit meine ich in erster Linie nicht mal Frances McDormand, von der man sowieso keine schlechte Arbeit erwartet. Nein – es ist das Schauspiel des Sam Rockwell, die nachhaltig beeindruckt und im Gedächtnis bleibt. Seine Wandlung vom niederträchtigen, hasserfüllten Saulus zum Paulus ist ein grandioser künstlerischer Kraftakt. Die veranschaulichte Kleinkariertheit, Impulshaftigkeit und Verletzlichkeit des latent rassistischen Polizisten Dixon und seine stete Metamorphose erinnert flüchtig an die Paraderolle Harvey Keitel´s in Bad Lieutenant. Ihm zur Seite natürlich der von mir sehr geschätzte Woody Harrelson als Mentor und Dixon´s Vaterersatz. All diese Figuren geben McDonagh´s Parabel der Vergebung eine raue, derbe, knochenharte Intensität, die den Wunsch nach dem inneren Frieden eines jeden einzelnen oder jeder einzelne zu einem zynischen Kreuzweg werden lässt. Das abrupte Ende aber wird den gierenden Gerechtigkeitssinn des Publikums erstmal wenig befriedigen. Später jedoch entfalten die letzten Worte seinen ganzen entlarvenden Zweck. Fast schon als Selbsttest für das Publikum, wie bei Helmut Qualtinger´s Die Hinrichtung.

Die Spirale der Gewalt zu durchbrechen verlangt unendliche, fast schon übermenschliche Größe. Im Angesicht emotionaler Belastung einen Schritt zurück zu treten, damit die Faust ins Leere fährt. Nur, um zu einer für alle erträglichen Ordnung zurückzufinden – das ist die Essenz dieser kraftvollen Ballade, die sich manchmal so traurig anfühlt wie Manchester by the Sea, und manchmal so absichtlich dick aufträgt wie ein Film der Coen´s. Selbstjustiz ist auch keine Lösung, die Hilfe des Feindes vielleicht. Ein Impuls, der neu ist – und Three Billboards outside Ebbing, Missouri zu einer faszinierend trotzigen Odyssee ins Innere verschütterter Menschlichkeit werden lässt.

Three Billboards outside Ebbing, Missouri