Wendell & Wild

MIT HAARWUCHSMITTEL ZUM DÄMONEN-STARTUP

5/10


WENDELL & WILD© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: HENRY SELICK

BUCH: HENRY SELICK, JORDAN PEELE, CLAY MCLEOD CHAPMAN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): KEEGAN-MICHAEL KEY, JORDAN PEELE, LYRIC ROSS, ANGELA BASSETT, JAMES HONG, VING RHAMES, TAMARA SMART, GARY GATEWOOD, GABRIELLE DENNIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Jordan Peele ist längst dafür bekannt, dem Genre des Mystery- und Horrorfilms wie einst David Lynch komplett neue Facetten verliehen zu haben. Gleich dieses Jahr veröffentlichte er mit Nope sein aus meiner Sicht bestes Werk voller Genre-Zitate und unheilvoller Phantastik. Was wäre also, wenn Peele, der ja hinlänglich dafür bekannt ist, auch als Synchronsprecher oder Stand up-Komödiant ganz gut dazustehen, mit jemandem wie Henry Selick gemeinsame Sache macht? Wer Selick ist, wissen Liebhaber der Stop Motion spätestens seit seinem Meisterwerk Coraline und frühestens seit The Nightmare before Christmas mit der legendären und zu Halloween immer wieder gern personifizierten Figur des Jack Skellington, einer Mischung aus Kürbis und Skelett. Einige würden womöglich immer noch annehmen, dass dieser Stop-Motion-Klassiker von Tim Burton inszeniert wurde – Irrtum. Burton hat den Film lediglich produziert, auf Basis seiner Idee. Für die Stop-Motion durfte dann Selick ran. Jetzt, sage und schreibe dreizehn Jahre nach Coraline, gibt’s ein neues Werk: Wendell & Wild. Wie kann es anders sein, zeitgerecht zur Halloweentime, wenn uns die Toten aus dem Jenseits einen Besuch abstatten und wir alle in unseren Verkleidungen bei diesen für Verwirrung sorgen.

Wieder mal in erlesener, analoger Animationstechnik inszeniert, ist dieser neue Puppentrickfilm eben auch der Fantasie eines Jordan Peele entsprungen. Und weil eben dieser Beitrag noch nicht reicht, übernahm er überdies gleich die Synchron für eine der beiden Dämonenbrüder, die als Wendell & Wild der Unterwelt den Rücken kehren und in der Welt der Menschen einen Rummelplatz errichten wollen, der ungefähr so aussehen soll wie jener des Oberdämonen Buffalo Belzer, der natürlich an den Teufel höchstpersönlich erinnert und der all die verlorenen Seelen in seiner klingelnden Hölle aufs Ringelspiel schickt. Der voluminöse Riese allerdings hat ein kleines Problem: er leidet unter Haarausfall, und Wendell & Wild sind dazu ausersehen, dafür zu sorgen, Belzers schicker Frisur Beständigkeit zu verleihen. Das machen sie mithilfe eines als Pferd zweckentfremdeten Bärtierchens und einer Wundercreme, die das Haar wieder spießen lässt. Um in die Welt der Menschen zu gelangen, ist das nonkonforme Waisenmädchen Kat, welches ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hat, gerade die richtige. Was sie dafür verlangt? Sie will ihre Eltern wieder zurück. Den Tod zu überlisten ist allerdings etwas, was kaum ein magisches Wesen beherrscht. Auf Umwegen aber könnte das Unterfangen dennoch gelingen. Und mit ganz viel Haarwuchsmittel.

Wendell & Wild bietet auch diesmal wieder eine ganze Palette an liebevoll gestalteten Puppen, Kreaturen und einem ganz eigenwilligen Charakterdesign, das manchmal zweidimensional wirkt, als hätte man mit Filz oder Buntpapier die Gesichter gelegt. Diese Optik allein beschert dem Film schon mal eine ganze extreme expressive Komponente. Nichts an diesem visuellen Stil fühlt sich aber geschmeidig an, beruhigend oder harmonisch. Die Figuren sind eckig, kantig und sperrig, Emotionen und Mimik lassen sich aber immer noch gut ablesen. Das war bei Coraline anders. Dort ließ Selick einer gewissen melancholischen, albtraumhaften Atmosphäre freien Lauf. In Wendell & Wild weicht der düstere Schrecken einer gespenstischen alternativen Welt einer aufgekratzten Hypernervosität, die es nicht zulässt, sich den Figuren anzunähern. Selbst das Mädchen Kat bleibt unnahbar, stille Emotionen haben keine Möglichkeit, der Geschichte Tiefe zu verleihen. Alles ist schrill und schnell und fahrig, noch dazu ist die zusätzliche erzählerische Komponente rund um ein fieses Unternehmerpärchen viel zu plump und profan angelegt, um als Zuseher darauf warten zu wollen, dass dieses der Gerechtigkeit zugeführt wird.

Was sich Peele und Selick da erdacht haben, ist ein konfuses Konstrukt aus morbider Fantasy und Coming of Age-Abenteuer, das sich selbst keinerlei Ruhe gönnt und an einer ausgewogenen Dramaturgie vorbeikaspert. Gute Stop-Motion ist leider doch nicht alles.

Wendell & Wild

Dolemite Is My Name

DRESSED FOR SUCCESS

7,5/10

 

dolemite© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: CRAIG BREWER

CAST: EDDIE MURPHY, WESLEY SNIPES, MIKE EPPS, CRAIG ROBINSON, KEEGAN-MICHAEL KEY, SNOOP DOG, CHRIS ROCK, KODI SMIT-MCPHEE U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN

 

Schweigen ist Gold – das war für Quasselstrippe Eddie Murphy niemals die Devise. Untermalt von Harold Faltermeyers kultigen 80er-Klängen konnte der Beverly Hills Cop so richtig zum Filmstar avancieren, bevor Klamotten wie The Nutty Professor ihn irgendwie auf das zweifelhafte Niveau eines Adam Sandler brachten. Der hat sich wiederum endlich aufgerafft und im auf Netflix erschienenen Krimidrama Der schwarze Diamant gezeigt, was eigentlich in ihm steckt. Murphy hat es nach langer Auszeit und vernachlässigbaren Releases endlich auch geschafft, und ebenfalls dank Netflix. Der Streamingriese, der autark denkenden Filmemachern und risikobereiten Leinwandkünstlern immer mehr eine Plattform bietet, die große Studios aus Angst vor Geldeinbußen nicht mehr zur Verfügung stellen, hat Craig Brewers Künstlerbiographie ohne viel Federlesens ins Programm aufgenommen – zum Glück all seiner Abonnenten. Dolemite Is My Name ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, und abgesehen davon, dass sie Eddie Murphy eine Golden Globe-Nominierung eingebracht hat, funktioniert dieses wunderschön ausgestattete Underdog-Epos als detailliert erzählte Zeitgeschichte, Charakterstudie und Feel Good-Movie, was man angesichts der Lebensgeschichte eines Künstlers ja fast gar nicht vermuten würde. Wo bitte bleibt der Absturz, die verbitterte Erkenntnis, den Zenit des Erfolges überholt zu haben? Bei Rudy Ray Moore gab´s das anscheinend alles nicht. Und wenn, dann ist das nicht Thema des Films. Denn dieser offenbart das Geheimnis eines Erfolges einer für die Bühne geborenen Rampensau, die alles, nur nicht im stillen Kämmerlein vor sich hinleben will.

Anfänglich allerdings bescheren ihm seine stümperhaften Zoten kaum Aufmerksamkeit. Niemand will Rudy Ray Moore hören, der als Conférencier in einem Club die Konkurrenz ankündigt. Doch dann schnappt er bei einem Obdachlosen einige ziemlich schlüpfrige Altherrenwitze auf, die er allesamt aufschreibt und so in diesem Stil weitermacht. Aus Zoten werden obszöne Reime mit allerlei schmutzigen Wörtern. Auf einmal findet er Anklang, füllt die Hallen, bringt Schallplatten heraus. Erfindet seine Kunstfigur: Dolemite. Ein Dandy in knallbunter, überstilisierter Gewandung und ohne jegliche Furcht vor Farb- und Musterkombinationen. Alles war das aber dennoch nicht. Dolemite will einen Film drehen. Und setzt dafür alles ihm Menschenmögliche in Bewegung. Was dabei entsteht, sind zeitgeistige Blaxploitation-Eskapaden und die bis heutig gültige Bedeutung Moores als Urvater aller Reimrapper.

Dolemite Is My Name feiert sich selbst als exaltierte Kultur- und Gesellschaftsgeschichte. Eddie Murphy, stets in feuchte Träume schreiender Textilkunst gekleidet, findet für die Interpretation des umtriebigen Checkers und Machers einen angenehm ausgewogenen Zugang, ohne jemals zu dick aufzutragen oder seinen gewohnten Redeschwall loszulassen. Eddie Murphy ist nicht Eddie Murphy, sondern Dolemite. Ähnlich großartig gibt sich Wesley Snipes in der Rolle eines völlig von sich selbst überbewerteten Allürenkaisers und Regisseurs, der dem obskuren Filmprojekt zur Hand geht. Brewers opulentes Making-of-Success lässt sich mit Filmen wie Ed Wood oder The Disaster Artist vergleichen, deren Story hinter den ambivalenten Werken ungleich interessanter sind. Rudy Ray Moore allerdings ist der am meisten geerdete unter den genannten Größen, seine Motivation, wofür sie auch stehen mag, ist auf sympathische Art ansteckend.

Klar, Dolemite Is My Name ist ein spezieller Film, eine Sitten- und Verhaltensstudie, aber darüber hinaus immer noch ein großes Vergnügen, wenn es darum geht, neue Wege zum Ruhm zu gehen, die nur mit Beharrlichkeit und Idealismus begehbar sind. Kurzum: der Weg ins Kino als großes Kino.

Dolemite Is My Name