They Will Kill You (2026)

EIN OPFERLAMM LÄSST DIE SAU RAUS
7/10



© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: KIRILL SOKOLOW

DREHBUCH: KIRILL SOKOLOW, ALEX LITVAK

KAMERA: ISAAC BAUMAN

CAST: ZAZIE BEETZ, MYHA’LA, PATRICIA ARQUETTE, PATERSON JOSEPH, TOM FELTON, HEATHER GRAHAM, DARRON MEYER, GABE GABRIEL, CHRIS VAN RENSBURG U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



„Da hat wohl jemand Schwein gehabt“, könnte man nach Sichtung dieses überdrehten Streifens behaupten. Ein Spoiler wäre das aber jedenfalls keiner. Der Weg zum großen Ganzen in dieser Sause bedarf etwas mehr als knackige 90 Minuten, und das ist genau die Dosis, die ein Film wie They Will Kill You sehr gut aushält, bevor sich so manches gar wiederholt oder selbst zitiert, nur weil das Filmteam nicht genug davon bekommt, wie Zazie Beetz sich im Pyjama durch die Gegend schlachtet.

Was für eine nette Wohngemeinschaft

Die meisten kennen die Schauspielerin wohl schon seit Todd Philipps Joker, nun aber hat sie endlich ihren eigenen Film, wo sie gar nicht mal einen grellgelben Trainingsanzug zur Schau stellen muss wie seinerzeit Uma Thurman in Kill Bill, sondern wo Schlabberhose und T-Shirt absolut reichen, um das um ihre Nachtruhe beraubte und daher auch recht wütende Dienstmädchen absolut stylish in Szene zu setzen. Dabei befinden wir uns in einem recht abgesteckten Setting, das Kenner unweigerlich an einen Klassiker des okkulten Grusels erinnert: Rosemarys Baby.

Inmitten eines verregneten und ungastlichen Manhattan ragt also dieser brutale Massivbau eines Wohnblocks in die Düsternis, ein nobles Etablissement, alles sehr Retro und geschmackvoll. Auch die Bewohner und Bewohnerinnen überaus freundlich, und wir wissen sofort: So süßliche Verhaltensweisen bedeuten meist nichts Gutes, da steckt stets etwas Dunkles dahinter. Und ehe man es sich versieht, können all die netten Leute gar nicht mehr bis auf den nächsten Morgen warten, um Zazie Beetz ihre Gunst zu erweisen. Was ihre Figur an diesem Ort verloren hat? Die kleine Schwester. Grund genug, um sich mit einer ganzen Schar eigentümlicher Satanisten anzulegen, die, verpackt in dunkelgrüne Regenmäntel und getarnt mit Schweinemasken (da haben wir es wieder, das Schwein) die Dame gerne opfern möchten.

Sofern man nicht zum Fanatismus neigt, ist das wohl eine Gefälligkeit, der man eigentlich nicht nachgeben will. Zum Glück für diese sympathische und zugleich wildgewordene Furie kann sie auch noch verdammt gut kämpfen. Wäre da nicht ein gewisser Faktor, mit dem die sinistre Belegschaft den Heimvorteil hat, und somit die Aussicht auf einen Erfolg des Guten in weite Ferne rücken lässt.

Blaxploitation heisst das Zauberwort

Sieht man sich die mit der Machete herumschwingende, rabiate Beetz an, so wird schnell klar, welchem Genre Regisseur Kirill Sokolow (Why Don’t You Just Die) hier huldigen möchte: Dem Exploitationkino – oder auch Blaxploitation, denn Zazie Beetz ist farbig, und Blaxploitation unterscheidet sich genau um diesen Umstand von erstgenannter Art. Wie man solche Filme macht, wissen auch Quentin Tarantino und Robert Rodriguez, die mit ihrem Label Grindhouse das mitternächtliche Bahnhofskino würdigten.

Machete, Death Proof oder Planet Terror sind mustergültige Kandidaten, die längst jedes Filmlexikon ergänzt haben. Und jetzt auch They Will Kill You. Überzogene, explizite Gewalt, abstruse Plots, trashiger Style, derber bis tiefschwarzer Humor, über allem oftmals eine starke Heldin (früher zum Beispiel Pam Grier, die sehr viel später in Jackie Brown nochmal ein Da Capo hingelegt hat), die in völliger Ignoranz gegenüber physikalischen Gesetzen und sonstiger Logik die Nemesis für all das finstere Gesocks macht, das gerne auch mal verstörend psychopathische Verhaltensweisen an den Tag legt.

In Dreiteufels Namen

Unter diesen stilistischen Voraussetzungen lässt Sokolow in seinem fürs Spätkino ideale Gustostückchen vielleicht auch im wahrsten Sinne des Wortes die Sau raus, und zwischendurch, man kommt nicht umhin, blitzt die verspielte Phantastik eines Terry Gilliam durch, obwohl der Herr damit nicht das Geringste zu tun hat. Gilliam und Polanski, vermengt mit den wüsten Anwandlungen einer Bahnhofskino-Groteske: Das ist They Will Kill You. Und dabei weit entfernt von Genreverwandten wie Ready Or Not, die im Grunde eine ganz ähnliche Geschichte erzählt: Junge Frau wird notgedrungen zum Freiwild, weil sie dem Leibhaftigen geopfert werden muss, sonst verlieren all jene, die das Dunkel anbeten, ihre Privilegien.

Während Ready or Not zwar Spaß macht, aber in geordneten Bahnen bleibt und zwar schon auch übertreibt, nur etwas verhalten, purzeln bei They Will Kill You die bizarren Ideen nur so von des Beelzebubs Schoß. Dabei macht es Spaß, auch das Retro-Design der Inserts mit der übrigen Reminiszenz an das Alles-erlaubt-Kino in Einklang zu bringen.

Sokolows spaßiger Splattertrip mag zwar nicht Spaß für die ganze Familie sein – für den cineastischen Junk Food Liebhaber aber ein knackig angebratener, gepfefferter Burger – vom Schwein.

They Will Kill You (2026)

Wonka (2023)

IN DER SCHOKO LIEGT DIE KRAFT

7/10


wonka© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: PAUL KING

DREHBUCH: PAUL KING, SIMON FARNABY

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, CALAH LANE, OLIVIA COLMAN, KEEGAN-MICHAEL KEY, JIM CARTER, PATERSON JOSEPH, MATT LUCAS, MATHEW BAYNTON, HUGH GRANT, ROWAN ATKINSON, SALLY HAWKINS, TOM DAVIS, NATASHA ROTHWELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Musicals sind nicht so mein Ding, es sei denn, sie sind von Leonard Bernstein oder Andrew Lloyd Webber. Was Wonka betrifft, so war mir anfangs gar nicht mal bewusst, es hier mit einem Singspiel zu tun zu haben, denn wäre es so gewesen, hätte ich sicher gezögert, den Film auf die Watchlist zu setzen. Timothée Chalamet als jugendlich-hübscher Chocolatier mit magisch-alchemistischen Fähigkeiten wäre an sich schon genug des Zuckergusses, da müsste dieser doch nicht noch zu singen anfangen. Letzten Endes aber war die Lust am Eventkino mit einem seit Call Me By Your Name für Kultcharaktere etablierte Schauspieler und Olivia Coleman als schreckschraubige Hotel-Diktatorin größer als meine Abneigung zu zwanghaft intonierten Drehbuchtexten, die sich oftmals sträuben, gesungen zu werden.

Wonka von Paul King startet sogleich volle Dröhnung mit einem an Jack Sparrow erinnernden Auftakt, in dem der heimatlose Willy Wonka mit voller Motivation und nur wenigen Geldstücken in der Tasche seinem Lebenstraum nur wenige Trippelschritte entfernt scheint: In einer womöglich als London durchgehenden Großstadt will er ein Schokoladengeschäft eröffnen – mit Produkten, die das gewisse Etwas besitzen sollen. In den Galeries Gourmets – dem piekfeinen kulinarischen Zentrum der urbanen Gefilde steht gar eine Lokalität zum Verkauf, sehr zum Missfallen der Konkurrenz, die aus drei irrwitzig überzeichneten Unternehmern besteht, die nicht davor zurückschrecken, unlautere Mittel anzuwenden, um den hageren Virtuosen im auberginefarbenen Mantel zu vertreiben. Zum vorübergehenden Verhängnis wird dem Träumer das Etablissement der grätzigen Mrs. Schrubbes, nachdem dieser das Kleingedruckte in seinem Mietvertrag nicht gelesen hat. Der Schuldenberg ist enorm, also muss er in die Waschküche, wo bereits andere Schuldnerinnen und Schuldner für Jahre ihr Dasein fristen müssen, um sich freizukaufen. Wonka verliert sein Ziel aber nicht aus den Augen und tut sich mit dem Waisenmädchen Noodle zusammen, um sein Schoko-Konfekt so lange unters Volk zu bringen, bis das Geld zumindest reicht, um den süßen Laden zu eröffnen.

Beim Song Nummer eins tauche ich noch mit gutem Willen unter die halbgare Musik hindurch, um bei der nächsten dann doch eines gewissen eingehenden Rhythmus gewahr zu werden, der nicht anders als ansatzweise mitreißend bezeichnet werden kann. Schön, das macht Laune, und diese steigert sich mit den Filmminuten, die mit originellen Ideen selten sparen und klarerweise übers Ziel hinausschießen, wobei man mitunter vermuten und befürchten würde, dass Wonka nicht doch noch ein Griff zur billigen Kochschokolade werden könnte wie vor einigen Jahren das unsägliche Sequel zu Mary Poppins. Obwohl so mancher dem Süßen zugeneigter Bürger die Bodenhaftung verliert, bleibt der Fremdschämfaktor aus. Paul King, der mit Paddington bereits genug Erfahrung im Verfilmen von Kinderbüchern sammeln konnte, hat Roald Dahl eingehend studiert und kennengelernt, um zu wissen, wie dieser wohl ein Sequel wie Wonka verfasst hätte. Und er bringt es auf den Punkt: Sein Film mag zwar an der einen oder anderen Stelle sowohl visuell (die viel zu dünne Flüssigschokolade) als auch dramaturgisch (wie kann sich Wonka plötzlich so ein Geschäft leisten?) ein bisschen auslassen, weil dieser seinen Ambitionen selbst nicht ganz hinterherkommt, in den meisten Fällen aber regiert der Spirit eines unverwechselbaren Schriftstellers, der die Themen von autoritärer Erziehung, Unterdrückung, Freiheit und Willenskraft in liebevoll-bizarre Grotesken verpackt hat. Auch Wonka wird zur Groteske – doch immer nur so weit, um sich nicht den Magen zu verderben bei so viel Süßem. Die drei Antagonisten Slugworth, Prodnose und Fickelgruber (eine Anlehnung an Schickelgruber – die Figur spricht Bände) sind vorzüglich skizzierte Karikaturen, die Mechanik ihrer Machenschaften schönste Verschwörungsliteratur für jüngere Semester und solche, die in knallbunt illustrierten Schnurren polemische Seitenhiebe auf unlauteren Wettbewerb nur zu gerne entdecken möchten.

Alle weiteren Songs tun dann nicht mehr weh, sie sind Teil der Abstrahierung ins Realitätsferne. Mit Hugh Grants Umpa-Lumpa-Auftritt ist die Fantasie komplett, nichts ist mehr real oder lässt sich in die Realität uminterpretieren. Wie ein verschrobenes Zauberspiel von Ferdinand Raimund und all den Versatzstücken, die zukünftig in Roald Dahls Charlie und die Schokoladenfabrik eintauchen werden wie das Marshmallow in den Schokobrunnen, hält Wonka sein Abenteuer dank eines durchwegs gut aufgelegten und synergetischen Ensembles die Story bei der Stange. Vieles hat Witz, manches Detail ist zum Brüllen, Paul Kings tiefe Verbeugung vor einem Star der Kinderliteratur ist wie das Stückchen Schokolade, lässt man sich gemütstechnisch etwas gehen, leichte Glücksgefühle beschert, um wieder auf Spur zu kommen. Die Lust am Süßen muss dabei nicht zwingend damit einhergehen, denn dafür bleibt Wonka auffallend frei von gesetzten Impulsen. Im Gegenteil: Süßes macht dick, Keegan-Michael Kaye als Polizeichef macht die Probe aufs Exempel.

Wonka (2023)