Operation Fortune

ROUTINE FÜR DEN MACHO MAN

5,5/10


operation-fortune© 2023 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: JASON STATHAM, AUBREY PLAZA, BUGZY MALONE, JOSH HARTNETT, HUGH GRANT, CARY ELWES, EDDIE MARSAN, MAX BEESLEY, LOURDES FABERES U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Wenn man Jason Statham auf eine Mission schickt, egal, wie schwierig sie sein mag, dann zeigt sich stets das gleiche Bild: Böse Buben räkeln sich am Boden, wenn sie nicht schon mit einer Kugel zwischen den Augen keinen Mucks mehr geben. Die Action-Glatze mit Dreitagebart richtet sich das Sakko, während seine saloppen Sprüche über das Schlachtfeld wehen. Niemand kann Statham beugen, geschweige denn brechen. Das liegt daran, dass niemand Statham anders sehen will als so. Als das Erbe von Chuck Norris, mit tief versteckten Emotionen, als männlicher Stereotyp, als Vertreter des mit Action gesättigten Hard Boiled-Krimis.

Klar, solche Rollen darf und soll das Kino haben. Fern der Realität, unkaputtbar, eine Konstante in einer volatilen Werte-Entwicklung, die über das Kino hinwegbläst. Guy Ritchie mag das. Er besetzt Statham nicht das erste Mal, aber das erste Mal kommt es einem so vor, als wüsste er mit seinem Star nichts mehr Neues anzufangen. Und das im Rahmen einer Geschichte, die sich in ihrer Austauschbarkeit verliert und nur gelegentlich das Zeug dazu hat, Ritchies Vorliebe für Krimi-Understatement auszuspielen. Zum Glück hat dieser noch Hugh Grant an Bord, der in fortgeschrittenem Alter nichts lieber macht, als sein Image zu persiflieren. Und das beherrscht er gut. Sehr gut sogar. Diese süßelnde Süffisanz, die Bedrohliches verbirgt, liefert die nötige Würze für eine seichte Agentenkomödie, die nicht minder unterhält, obwohl Guy Ritchie gerade mit diesem Werk in einer kreativen Auszeit zu stecken scheint, wovon in stilsicheren Meisterwerken wie The Gentleman noch überhaupt gar nichts zu erahnen gewesen wäre.

Dabei ist selbst die mit auffallenden akustischen Extras unterlegte Eingangssequenz so vielversprechend wie Hugh Grant am Filmplakat. Wir hören klackenden Schritte auf glattem Marmor, wenn Cary Elwes ins Büro des Chefs vom MI6 eilt. Diese vermengen sich Sekunden später mit anderen, musikalischeren Rhythmen, das Geklacke geht in ein rockiges Stampfen über, dabei gibt es Szenen von Stathams letzten Einsatz. Das hat was, und die Vorfreude auf weitere solche Spielereien hängt greifbar im Auditorium.

Plot hin oder her, wen interessiert hier eigentlich noch wirklich, wer wem was verkaufen will? Ob die Russen mitmischen oder der deutsche Geheimdienst. Ob dieses Objekt der Begierde, dass da für schlappe 10 Milliarden Dollar feilgeboten wird, nun eine Festplatte mit Daten darstellt, eine diabolische KI oder Plutonium. Ob die Sicherheit der Welt auf dem Spiel steht oder eben nicht. Plots, die wir schon zu Genüge inhaliert haben, und die nun auch in der neuen Flatrate-Staffel von Jack Ryan auf amazon prime ähnlich ausgebreitet auf dem Tisch liegt. Um diesen Deal also abzufangen, engagiert der MI6 eben Orson Fortune, den Mann fürs Grobe mit Erfolgsgarantie von 100%, die pfiffige und nicht auf den Mund gefallene Hacker-Schönheit Aubrey Plaza und den lakonischen Sniper-Experten JJ, gespielt von Rapper Bugzy Malone. Dieses Trio holt sich Josh Hartnett als öligen Macho-Schauspieler Danny Francesco unter ihre Fittiche, der einem trojanischen Pferd gleich den Weg in die heiligen Hallen des Waffenhändlers und Multi-Milliardärs Greg Simmons ebnen soll, ist dieser doch größter Fan des eitlen Actionstars. Simmons, der hat mit diesem weltbewegenden Deal so einiges zu tun, und schon bald hackt und schleicht und schlägt sich das charmante Agententrio durch ein Mission Impossible-Abenteuer mit vielen Namen und Figuren, die sich das Publikum alle merken soll, aber nicht unbedingt will.

Wie gesagt: Wer wen wann reinlegt, ist nur das Libretto für plakativen Spaß, der auch ohne geistigem Rasterplan vom Who is Who des Films funktioniert. Statham haut zu, und Aubrey Plaza macht Hugh Grant schöne Augen, der so leidenschaftlich aufspielt, dass es dem Film manchmal verziehen sei, dass Ritchie überhaupt nicht so genau gewusst hat, welchen seiner filmtechnischen Extras er nun einsetzen will. Konsequent bleibt da gar nichts, so was wie in der Anfangssequenz kehrt auch nicht wieder, während dazwischen immer mal wieder völlig deplatzierte Kameraeinstellungen eingesetzt werden, die den Film zur Makulatur für die richtige Farbmischung degradieren. Und dann plötzlich das: Wenn die Schnitttechnik versagt, und während Aubrey Plaza noch ihren Text zu Ende sprechen will, schneidet ein Szenenwechsel ihr Wort ab. Das passiert dann noch ein zweites Mal – und wirkt so schlampig und gehudelt wie manche Sequenz im Film.

Operation Fortune lässt also an manchen Stellen und in seiner Kontinuität so richtig aus. Dafür entschädigt eben der Ex-Romantikstar Grant für einige dramaturgische Fehler, und Statham-Kenner bekommen das, worauf sie längst vertrauen können.

Operation Fortune

Glass Onion: A Knives Out Mystery

WER IM GLASHAUS SITZT

6/10


glassonion© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: RIAN JOHNSON

CAST: DANIEL CRAIG, JANELLE MONÁE, EDWARD NORTON, DAVE BAUTISTA, KATE HUDSON, KATHRYN HAHN, LESLIE ODOM JR., MADELYN CLINE, JESSICA HENWICK, NOAH SEGAN, ETHAN HAWKE, HUGH GRANT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


Mit Rian Johnsons Whodunit Knives Out hätte Krimigöttin Agatha Christie eine Riesenfreude gehabt, war der doch ganz im Stile ihrer eigenen Fälle konzipiert, die manchmal so undurchschaubar waren, dass man sich als Leser nur noch wundern konnte, warum man auf die Wahrheiten dahinter nicht schon eher gestoßen war. Christie hat ihre kriminalistischen Abenteuer stets so verwoben, dass die Indizien und Verdachtsfälle in munterer Geistesgegenwart die richtigen Haken schlugen, ohne zu weit auszuholen. Johnson ist mit Knives Out genau diesen Anweisungen – oder anders gesagt: dem Stil des überschaubaren Kreises üblicher Verdächtiger – gefolgt. Das Ergebnis war von Christopher Plummer über Don Johnson bis Ana de Armas der illustre Reigen eines familiären Tohuwabohus, inmitten dieses Sturms im Herrenhaus Daniel Craig als moderner Hercule Poirot, genannt Benoit Blanc. Mit französischem Namen, aber ohne französischem Akzent. Für seine charmante, eloquente und auch zurückhaltende Art hat er sich wohl vom Gehirnakrobaten aus Belgien inspirieren lassen, den mittlerweile Kenneth Branagh in ganz anderen Filmen sehr solide nachinterpretiert. Blanc ist einer aus der Gegenwart. Ein bisschen wie Sherlock Holmes am Verzweifeln, wenn keine neuen Fälle eintrudeln. Von James Bond fehlt jede Spur.  

Und so wird Benoit Blanc in seinem zweiten Fall auf die Insel eines unanständig reichen Superreichen a la Elon Musk geladen, der mit seinen engsten Vertrauten ein luxuriöses Wochenende zu verbringen gedenkt, das noch dazu mit einem netten Cluedo-Spiel aufgepeppt werden soll, übertragen auf das Anwesen und all die netten Gäste. Was diesen Miles Bron am meisten überrascht, ist das Erscheinen seiner längst aufs Abstellgleis des Erfolges verfrachteten Business-Partnerin Andi, die ebenfalls eine dieser verzwickten Rätsel-Einladungen in Form einer Box erhalten hat. Dass Benoit Blanc auch noch aufschlägt, war im Gegensatz dazu überhaupt nicht vorgesehen. Doch der ist nun mal hier, und schon bald, nachdem alle ihre Ambitionen anhand langer Gespräche dargelegt haben, kommt es zum verhängnisvollen abendlichen Umtrunk. Einer streckt die Patschen, und es ist nicht der Hausherr, welcher im Spiel eigentlich das Opfer sein sollte.  

Rian Johnson setzt zu Beginn seines Glamour-Krimis die richtigen Hebel in Bewegung. Das Böse unter der Sonne lauert anfangs überall, wir haben das Mittelmeer, Leinenhosen umspielen Daniel Craigs Beine, Kate Hudson trägt einen breiten Sonnenhut wie seinerzeit Diana Rigg unter Guy Hamiltons Regie. Janelle Monáe (u. a. Moonlight, Harriet) unterstreicht ihre stoische Mimik mit flaschenbodengroßen Sonnengläsern. Während Dave Bautista, unser geliebter Drax aus dem Marvel-Kosmos, hier völlig aus der Agatha Christie-Reihe tanzt. Als tätowierter Youtube-Hüne ist er mit von der Partie und bringt das ganze Sammelsurium aus Motiven, Indizien und Manierismen auf einen etwas anderen Kurs. Und endlich – endlich darf Edward Norton wieder mal aus dem Nebenrollenschatten diverser Wes Anderson-Filme heraustreten und eine größere Rolle spielen, die ihm formidabel zu Gesicht steht. Als reicher Schnösel geht er problemlos durch, vielleicht spielt er sich auch ein bisschen selbst, ist doch klar, wie wenig umgänglich der Star hinter den Kulissen agieren kann.

Mit all diesem Potenzial sollte Johnson ein ähnlicher Spaß gelingen wie bei seinem Franchise-Kick Off. Und ja, es sieht alles danach aus. Die Charaktere sind wohlpositioniert, alle haben ihre Hühnchen, die sie mit Edward Norton rupfen wollen. Die Sonne brennt heiß, das Anwesen ist unübersichtlich genug, um zündende Mystery darin zu verstecken. Was für ein Filmabend, könnte man meinen. Und dann holt Johnson aus. Sehr weit, viel zu weit. Wie beim Stabhochsprung wuchtet er sich über die dramaturgische Latte, unter welcher kompaktes Rätselraten garantiert scheint – und ufert aus. Mit Rückblenden, die viel zu lange dauern, verwässert Glass Onion – A Knives Out Mystery seine Mitgefangen-Mitgehangen-Regel zu sehr, um seinen anfänglichen Suspense zu halten. Story Twists werden viel zu früh platziert, all die Motive der einzelnen Figuren so sehr ausgewalzt, als ginge es längst nicht mehr darum, einen Mord aufzuklären. Das ist nur bedingt interessant, wohingegen Mona Lisas Lächeln, das einmal hinter Panzerglas und dann wieder ohne erstrahlt, einen netten Sidekick ergibt, der für die Story aber ungenutzt bleibt. Genauso wenig wie manches Detail am Rande, dass mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. So ist schnell klar, worauf der Krimi, der nur noch zur Nebensache wird, hinausläuft. Und Benoit Blanc, der kann nicht viel mehr tun als seine Indizien-Rede zu schwingen und zuzusehen, wie sich die erfolgsverwöhnte Elite untereinander aufreibt. Genau das ist schließlich sehenswert, während die Hatz nach der Mörderin oder dem Mörder hinter dem Horizont des Mittelmeeres entschwindet.

Glass Onion: A Knives Out Mystery

The Gentlemen

WEED IM TWEED

8/10

 

thegentlemen© 2020 Universum Film

 

LAND: USA 2020

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: MATTHEW MCCONAUGHEY, CHARLIE HUNNAM, HUGH GRANT, COLIN FARRELL, JEREMY STRONG, MICHELLE DOCKERY, HENRY GOLDING, EDDIE MARSAN U. A.

 

Einfach tun, was man am Liebsten macht. Und damit noch Geld verdienen. Muss gar nicht viel sein, der wahre Lohn ist, etwas aus dem zu machen, was am besten geht. Guy Ritchie hat das wiedermal so gehandhabt. Das Studio Miramax hat ihm da wohl alle möglichen Freiheiten eingeräumt. Inhaltlich wie stilistisch oder was auch immer. Es sollte nur ein klassischer Guy Ritchie werden, wie ihn die Leute bereits von Bube Dame König Gras oder Snatch kennen. Bitte kein Guy Ritchie wie in Aladdin. Aber das war ja auch nur eine Auftragsarbeit für Disney. Der Mauskonzern will sich mit Vertretern des Autorenkinos gerne ein paar kreative Aspekte mehr sichern. Das ist ja eine nette Geste – Aladdin ist ja meines Erachtens auch gut geworden, aber war sicher nicht das, womit sich Guy Ritchie wohl identifizieren würde. Nein, seine Welt ist die weite Prärie der angeheizten Gräser, die Savanne des Untergrunds sozusagen – und die damit verbundenen, durchaus illegalen Institutionen, von so manchen Geschäftstüchtigen im Schweiße ihres Angesichts errichtet und verfechtet und irgendwann an den Meist- und Bestbietenden vermacht. Ritchies Welt ist auch die der schrägen Individuen, am Liebsten von Kopf bis Fuß in Tweed (vielleicht, weil das Wort Weed darin enthalten ist?), mit einer Eloquenz auf den Lippen, das es süffisanter nicht geht, aber das Herz dann doch irgendwo am rechten Fleck. Denn seine Typen, das sind dennoch Underdogs, eigentlich nicht unsympathische Außenseiter, die aber außer sich selbst nicht viel brauchen. Naja, vielleicht eine bessere Hälfte, aber sonst wollen sie alle reich und in Frieden leben.

In den vorzeitigen Ruhestand will auch Matthew McConaughey alias Mickey Pierson, der Pate unter den Marihuana-Produzenten. Eigentlich ein Monopolist mit 12 getarnten Fabriken, High Tech-Ausstattung und jeder Menge Personal, vom Schlägertyp bis zum Mädchen für alles (Charlie Hunnam mit mediävalem Rauschebärtchen und einer Vorliebe für Steaks). Dass er sein Königreich vermachen will, das sind Good News, die sämtliche Interessenten anlocken, die aber leider denken, sie sind etwas Besseres als Pierson. Außerdem gibt’s da noch einen Reporter, der seinen ganz eigenen Stück vom Kuchen will, das wandelnde Klischee eines wohlhabenden Juden, Chinesen und aufgeschreckte Querschläger, die sich auf den Schlips getreten fühlen oder beim Paten in der Schuld stehen.

Abwarten und Tee trinken. Klingt langweilig? Ist es aber ganz und gar nicht. Guy Ritchie zelebriert englische Gepflogenheiten, ganz gentlemenlike. Alles sieht aus wie bei Miss Marple oder Sherlock Holmes. Gediegene Räumlichkeiten, Tässchen werden mit abgespreiztem kleinen Finger zum Mund geführt, unterwegs ist man mit Käppchen und in besagtem Tweed, bei Colin Farrell von Kopf bis Fuß, das ist fast schon eine liebevolle Parodie auf den Lebensstil der Brexit-Inselbewohner, natürlich noch mit Turnschuh, um agiler zu bleiben. Ritchie kreuzt das Ganze mit dem Lebensgefühl der Rapperszene und weniger Begüterten, die sich im aktuellen Medienzeitalter das große Glück erhoffen. Großartig, was Madonnas Ex hier für eine verschmitzte, kluge Gangsterpistole konstruiert hat. Allein schon die Idee, die ganze Situation mit einem genial windigen Hugh Grant als Storyteller sukzessive aufzudröseln, zeugt von narrativem Talent und der Fähigkeit, klassische Unterweltkrimis von der Maschekseite anzugehen. Guy Ritchie liebt sein Land, liebt den Joint, Schweine und gerechte Konsequenzen für böse Buben. Klar, sein Film ist eine Komödie, aber eine mit Stil, mit Understatement und skurrilen Situationen, die einfach so passieren können. Für mich ist The Gentlemen Guy Ritchies bester Film, eine sagenhaft coole Socke von einem Mantel- und Hanf-Thriller, zwischen lakonisch lässig und wütend theatralisch. Doch immer mit Etikette.

Noch etwas Tee?

The Gentlemen

Paddington 2

PRISON BREAK MIT BÄREN

7/10

 

PADDINGTON 2© 2017 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: PAUL KING

CAST: BEN WISHAW (Stimme), BRENDAN GLEESON, SALLY HAWKINS, HUGH GRANT, HUGH BONNEVILLE, JIM BROADBENT U. A.

 

Es muss nicht immer Winnie Puuh sein, der Honigbär im knappen, roten T-Shirt. Es könnte auch sein entfernter Verwandter sein, der im peruanischen Dschungel unter der Obhut von Tante und Onkel aufwuchs und später sein Glück tausende Kilometer weiter nordostwärts versucht. Der stets, oder sagen wir meistens, seinen blauen Dufflecoat und den roten Schlapphut trägt. Der aber Orangenmarmelade nicht weniger liebt als Christopher Robins lebendig gewordenes Stofftier den Honig. Allerdings ist der Paddington-Bär manchem Vorschul-Feedback zufolge seit 5 Jahren eher unerwünscht. Wieso das? Nun, 2014 hatte der pelzige Troubleshooter sein erstes Live Act-Kinoabenteuer, und war wohl für das Publikum jüngeren Alters relativ ungeeignet, und das, obwohl Paddington in den Medien durchaus als kindertauglich durchgegangen war. Natürlich lässt sich so eine Einschätzung nicht komplett über einen Kamm scheren. Da gibt es Kinder, die stecken thrillerartige Spannung augenscheinlich weg wie nichts. Und dann gibt es andere, denen geht eine giftspritzende Nicole Kidman doch etwas an die Nieren. Paddington 2 also, das durfte ich mir alleine ansehen, und zwar ganz freiwillig. Einfach, weil ich selbst Filme für jüngeres Publikum sehr schätze und das Sequel von Paul King durch die Kritikerbank lobend erwähnt wurde. Und nicht zuletzt deshalb, weil der von mir verehrte Brandon Gleeson die pikante Rolle eines Knastkochs übernommen hat. Das musste ich sehen – und auch Hugh Grant, der, mal abgesehen von Bridget Jones, in letzter Zeit nur mehr selten auf der Leinwand zu sehen war.

Und es stimmt – Paddington 2 ist gelungen. Ist noch dazu um Längen besser als der Erstling und verzichtet auch auf unbequemen Suspense, der nicht auf Biegen und Brechen auch den begleitenden Elternteil fesseln muss. Das geht auch anders. Das geht mit viel mehr komödiantischen Zutaten. Und mit einer pfiffigen Story rund um einen sorgsam gehüteten Goldschatz, dessen Aufenthaltsort in einem antiquarischen Pop-Up-Buch verzeichnet worden ist. Von diesem Kleinod und dessen verstecktem Mehrwert erfährt dann auch die abgehalfterte Ex-Theatergröße Phoenix Buchanan (Hugh Grant) – und so macht sich der Verwandlungskünstler in einer Nacht- und Nebelaktion auf, das bibliophile Werk, das eigentlich als Geschenk für Paddingtons Tante gedacht war, aus dem Antiquitätenladen zu entwenden. Wie es der unglücklich konstruierte Zufall will, darf der knuffige Paddington dafür belangt werden – und der wird trotz Unschuldsbeteuerung ins Gefängnis gesperrt.

Spätestens dann, wenn der arme Kuschel-Häftling im Streifenanzug den Knast-Wäschedienst mit roter Horror-Socke zu einem nachhaltig rosaroten Erlebnis werden lässt, hat Paddington 2 seine besten Momente gefunden. Die Gefängnisszenen alleine sind das Schrulligste an diesem kauzigen Fabelkrimi, der zwischen Miss Marple und buntem Disney-Realismus Marke Mary Poppins den kleinen Helden trotz aller Fettnäpfchen, in die er tritt, stets zum Gewinner werden lässt. Dem Waisenbären gelingt im Endeffekt alles, das müssen letzten Endes dann auch die jüngsten Seher überzuckern – und fürchten braucht sich hier wirklich keiner mehr. Das liegt aber auch an einem sagenhaft spielfreudigen Hugh Grant, den man so noch nicht gesehen hat. Der als so sinisterer wie durchgeknallter Theaterschnösel in slapstickhafter Überzeichnung Mimiken an den Tag legt, die alleine schon schmunzeln lassen. Dass der sonst relativ steife Brit-Darsteller wirklich so aus sich herausgehen kann, ist eine willkommene Überraschung. Und auch Brendan Gleeson, der, anfangs schlachtgelaunt und brummig, den Bären später als Küchenmuse akquiriert, zeigt treffsicheres komödiantisches Talent. Man muss also wissen, wie Filme wie diese zu besetzen sind. Das war bei Nicole Kidman leider ein Fehlgriff. Hier stimmt aber das gesamte Ensemble, genießt die Zusammenarbeit und hat Spaß an einer liebenswürdigen Diebeshatz, das sich niemals in plumpem Klamauk verliert, sondern situationskomischen Slapstick mit Understatement für Klischeeparodien erster Güte nutzt. Paddington, der mag etwas schlauer sein als Winnie Puuh, allerdings nicht weniger ungeschickt, naiv und herzensgut. Ein Film also, der ähnlichen Zugang zu seinem Publikum findet wie Christopher Robin, dabei aber noch mehr zu Scherzen aufgelegt ist als der oft ins Melancholische abgleitende Familienfilm aus dem Hause Disney. Familienkino mit Stil also, und ganz vielen Marmeladetoasts.

Paddington 2

Florence Foster Jenkins

MUSIK IST, WENN MAN TROTZDEM SINGT

6,5/10

 

fosterjenkins© 2016 Constantin Film / Quelle: hollywoodreporter.com

 

LAND: USA 2016

REGIE: STEPHEN FREARS

MIT MERYL STREEP, HUGH GRANT, SIMON HELBERG U. A.

 

Meryl Streep hat es nach Mamma Mia wieder getan. Sie hat sich abermals dem Gesang hingegeben. Doch diesmal nicht in blauer Latzhose und Lockenmähne, sondern in aufgerüschten Blusen und jeder Menge Schmuckbehang. Denn Meryl Streep – nach wie vor womöglich einer der besten amerikanischen Schauspielerinnen und in keinster Weise überbewertet – ist Madame Florence Foster Jenkins. Ihres Zeichens die wohl beliebteste schlechteste Sängerin, die jemals von sich Reden gemacht hat. Und tatsächlich gibt es eine einzige Schallplatte, die ihr „alternatives“ Gesangstalent für die Ewigkeit konserviert hat. Denn hat man es nicht gehört, kann man es kaum glauben.

Die leidenschaftliche, gutherzige und an Syphilis erkrankte Dame lebte und starb für die Musik. Nicht unbedingt zwingend für ihre, aber generell für den gespielten und gesungenen Ton, bevorzugt aus der Klassik. Was in Anbetracht ihres gesellschaftlichen Stands nicht außer Acht gelassen werden sollte, ist, dass Florence steinreich war. Ihr Musikverein zog Tonkünstler aller Klassen an. Alle wollten sie Geld. Unterstützung für ihr Projekt. Für das Ideal, die Idee, der großen Kunst. Da kann jemand wie die sozial engagierte, ältere Dame kaum widerstehen. Als Dankeschön, und um den musischen Goldesel bei Laune zu halten, winkt die Anerkennung für ihren Gesang, obwohl eben dieser grottenschlecht ist. Eine traurige, bittere Konstellation. Die heile Welt von Florence Foster Jenkins – zum Großteil eine Lüge. Diese Lüge und den Vertrauensmissbrauch eines zwar naiven, aber unendlich großherzigen Menschen hat schon Catherine Frot alias Madame Marguerite um ihre schiefen Töne gebracht. Die 2015 entstandene französische Produktion hat die Lebens- und Leidensgeschichte der Florence Foster Jenkins als lose Vorlage für ein ähnlich gestaltetes Drama hergenommen. Dieses ist mit Abstand zynischer, schwermütiger und beklemmender geworden. Ein sehenswerter Film, keine Frage.

Die ziemlich nah an Foster Jenkins´ Biografie angelehnte Verfilmung von Stephen Frears ist betulicher, liebevoller und versöhnlicher. Allerdings auch langatmiger. Frears hat das Jahrzehnt des großen Schaffens irgendwie hinter sich gelassen. Von der Intensität seiner Gefährlichen Liebschaften oder Hero ist kaum mehr etwas über. Seit The Queen mit Helen Mirren, der meines Erachtens völlig überbewertet wurde (nicht aber Helen Mirren´s schauspielerische Leistung), ist der irische Regisseur ein Garant für in sich stimmige, aber zähe Unterhaltung, die sich in stets flüchtigem Plauderton in die Länge zieht. Das ist teilweise auch bei Florence Foster Jenkins der Fall, obwohl es auch hier darstellerisch überhaupt nichts zu meckern gibt. Die Streep ist wie immer souverän und auf fast schon routinierte Weise grandios. Selbst Hugh Grant blüht in diesem kostüm- und requisitenorientierten Requiem auf eine Muse ohne Talent zur Höchstform auf und präsentiert den zweigleisig fahrenden Ehemann an Florences Seite als aufrichtige Altersrolle. Nicht zuletzt begeistert Big Bang-Ingenieur Simon Helberg als verschrobener, aber herzenstreuer Pianist an der Seite der Grand Dame mit skurril-sympathischen Momenten.

Florence Foster Jenkins ist Schauspielerkino mit leicht enervierenden Klangerlebnissen und einem Faible für Schmuck, Mode und Bühnenpräsenz. Ähnlich einer mittelmäßigen Oper, deren Arien in Erinnerung bleiben, die ausgesessenen Intermezzi aber, bis auf die Kulissen, klanglos verhallen.

Florence Foster Jenkins