The Samurai and the Prisoner (2026)

DIE MATHEMATIK DER HÖHEREN MÄCHTE

7/10


Masahiro Motoki als aufständischer Samurai in The Samurai and the Prisoner
© 2026 Charades


ORIGINALTITEL: KOKURÔJÔ

LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE: KIYOSHI KUROSAWA

DREHBUCH: KIYOSHI KUROSAWA, NACH DEM ROMAN VON HONOBU YONEZAWA

KAMERA: YASUYUKI SASAKI

CAST: MASAHIRO MOTOKI, MASAKI SUDA, YURIKO YOSHITAKA, MUNETAKA AOKI, TASUKU EMOTO, RYÔTA MIYADATE, JOE ODAGIRI U. A.

LÄNGE: 2 STD 27 MIN



Vorwissen ist Macht

Da war er wieder, der „Erklärbär“. Kein Slash Filmfestival ohne Olaf Möller, Professor für Filmgeschichte und -theorie, ausgeschlafener und eloquenter Experte für überhaupt eh alles, was Film betrifft. Vielleicht, so möchte ich vermuten, ist das asiatische Kino genau seins, denn schließlich lässt er es sich selten nehmen, gerade jene Werke anzukündigen, die in die Geschichte Japans eintauchen. Letztes Mal war das der mit vielen abgeschlagenen Köpfen jonglierende Kriegsschinken Kubi, diesmal ist es The Samurai and the Prisoner, im Original aber eigentlich nur: Die schwarze Festung.

Gut, dass es also Olaf Möller gibt, der wohl Stunden über die historischen Hintergründe des Films hätte rezitieren können. Das nächste Mal, so meine Empfehlung, könnte man durchaus die eine oder andere Lehrstunde in Sachen Filmgeschichte als extraordinäres Highlight ins kommende Festival integrieren, mit ihm als Mann des Wissens.

Lernen’s a bissl Geschichte

Diesmal aber haben selbst nur ein paar Minuten als fachgerechte Einführung in diesen mehr als zweistündigen Film genügt, der genauso wie Kubi oder auch Shōgun in die Epoche der streitenden Reiche fällt – Experten und Kenner nennen es Sengoku-Zeit.

Jeder kämpfte dort gegen jeden, einer fiel besonders auf, das war Oda Nobunaga, der im 16. Jahrhundert mit militärischer Härte das zersplitterte Land unter seine Regentschaft brachte. Gäbe es nicht den „Erklärbären“ Möller, gäbe es immerhin noch meine geschätzte Begleitung, die  – ich weiß nicht, wie und warum – die Geschichte japanischer Feldherren im Gedächtnis trägt wie andere vielleicht eine Ballade von Goethe aus der Schulzeit.

Weiß man, wie man handeln soll?

Auf Basis dieses Fachwissens lässt sich Kiyoshi Kurosawas formal strenger Politkrimi wunderbar in ein Szenario einbetten, das man selten zu sehen bekommt, dafür aber ganz gut vors innere Auge führt. Überall auf dieser Insel wird gekämpft, ab und an rücken Armeen an, doch Kurosawa, der nicht mit dem großen Akira verwandt ist, interessiert sich für etwas ganz anderes: für Idealismus, Pflichterfüllung und höhere Mächte, die dazu angehalten werden, Zeichen zu setzen, um das Handeln der Menschen entsprechend zu bewerten.

Weiß man denn selbst, was richtig und falsch ist? Einer wie Murashige Araki, ein abtrünniger Samurai, hat sich von Feldherr Oda Nobunaga losgesagt und hinter den Mauern der Festung Arioka verschanzt. Dort harrt er den Dingen und hofft auf die Unterstützung anderer Clans, während ein Gesandter Odas, der Stratege Kanbei Kuroda, kurzerhand in den Kerker geworfen wird.

Was will Murashige damit bezwecken? Geht e darum, ihn als Berater zu zwingen, seine Expertise kundzutun? Der Gefangene kommt wie gerufen, als eine Mordserie losbricht, die sich wie ein Logikrätsel anfühlt und so intellektuell und vertrackt daherkommt wie die Morde aus Peter Greenaways barockem Krimipuzzle Der Kontrakt des Zeichners.

Formale Strenge, klare Gedanken

Ähnlich streng handhabt auch Kurosawa seine Literaturverfilmung, indem er auf alles verzichtet, was im Kontext der Geschichte keine Notwendigkeit hat. Rüschen und Schnickschnack adé: Die Geometrie der Architektur von Festung Arioka spiegelt die Geometrie eines indizienreichen Konflikts wider, durch den sich der Samurai hindurchmanövriert, und zwar auf eine Weise, als würde Mission Impossible-Hero Ethan Hunt einen Parcours aus Lichtschranken überwinden.

Vier Kapitel, die jeweils einer Jahreszeit entsprechen, teilen den fein gesponnenen Politkrimi zumindest so auf, dass sich zwischendurch verschnaufen lässt, denn The Samurai and the Prisoner erfordert Aufmerksamkeit. Das Who’s Who ist gewaltig, andauernd fallen Namen, die man stets verwechselt. Hinzu kommen Japans fremdartige Sitten und Gebräuche wie die obsessiv gelebte Teekultur. Eine dafür gebräuchliche, kostbare Urne namens Tora-maru spielt dabei eine große Rolle. Kaum zu glauben, dass dieses Ding einen Kriegsherren zu Tränen rührt.

Männer denken, Frauen lenken

Manches ist seltsam komisch, für manche Werte und Wertvorstellungen braucht es ein Begleitheft. Die Figur des Murashige aber ist ihrer Zeit voraus, Dem Regelkorsett mag er sich entledigt haben, die Rolle der Frau aber nicht hinterfragen, bis sie sich selbst zum Thema macht.

Das ist ordentlich Stoff, da ist man ganz schön gefordert, und dennoch: In dieser sachlichen Schlichtheit, aufgrund des integren Schauspiels und mit einem ganzen Jahresbedarf an politisch-philosophischen Fragen bleibt The Samurai and the Prisoner eine faszinierende Verbeugung vor dem zeitlosen Erzählkino Akira Kurosawas. Fast könnte dieser Film von ihm sein.

The Samurai and the Prisoner (2026)

Milchkrieg in Dalsmynni

THERE WILL BE MILK

5/10

 

MilchkriegInDalsmynni© 2019 Thimfilm

 

LAND: ISLAND, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2019

REGIE: GRÍMUR HÁKORNASON

CAST: ARNDÍS HRÖNN EGILSDÓTTIR, SVEINN ÓLAFUR GUNNARSON, ÐORSTEINN BACHMANN, HINRIK OLAFSSON U. A. 

 

Ein gutes Gefühl, beim Club zu sein. Oder bei der Gewerkschaft. Oder bei sonst einer Vereinigung gleichgesinnter Wirtschafter, die sich gegenseitig in schwierigen Lagen eine Stütze sind und sich auch sonst gegenseitig unterstützen, indem sie die Produkte der anderen kaufen, die auch in diesem Club sind. Es ist ein Geben und Nehmen, und wehe du gibst aber nicht, dann stehen sie vor deiner Tür, die ausgeschickten Bluthunde, die dich zur Rechenschaft ziehen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart. Bluthunde. Muss doch nicht sein. Doch die Genossenschaft, die will Loyalität. Hat somit das Monopol und kann die Preise für systemrelevante Rohstoffe hin und her schrauben, wie es ihr passt. So ein Sicherheitsnetz will was kosten. Im Grunde ist das auch die Idee von bezirksdeckend organisierten Syndikaten, die Kleinbetrieben Schutzzölle abpressen. Naja, es wäre wegen der Sicherheit, weswegen sonst? Schnell gleicht so eine unter die Achseln greifende Hilfsgemeinschaft einem sektiererischen Ordnungsruf, der sich aber für den einzelnen wirtschaftlich gesehen kaum rentiert. Das findet auch die Milchbäuerin Inga, die ihren Gatten immerwährend dazu drängt, es doch mal mit einem anderen Futterlieferanten zu probieren, der um Eckhäuser günstiger ist. Wie soll man die Schulden für den Hof sonst zurückzahlen? So einfach ist das nicht, denkt der Gatte, denn der ist selbst so eine Art Sheriff von Nottingham in diesem System, ohne es zuzugeben. Wohin das führt, endet tragisch – und Inga steht alleine da. Ohne sich nun rechtfertigen zu müssen, spricht sie aus, was viele denken – und erklärt der Genossenschaft den Krieg.

Natürlich doch, ein isländischer Film wie dieser wäre kein solcher, wäre er nicht wieder ausnehmend lakonisch. Die da oben sind nicht unbedingt die Eddie Murphys des Planeten, was gesagt werden muss, wird gesagt, der Rest ist Schweigen. Sowas passt in die wildromantische Landschaft ehemals nordischer Gottheiten. Sowas passt, wenn’s stürmt und schneit und regnet, und es nicht mal richtig hell wird. Da bündelt man seinen Grant und wandelt ihn in den Willen zu harter Arbeit. Grímur Hákornason, der mit dem ruppigen Bruderzwist Sture Böcke schon mal einen Konflikt auf offenem Gelände austragen ließ, lässt jetzt eine verbitterte Bauersfrau den Fehdehandschuh werfen. Wobei diese Offensive nicht aus Wut geschieht. Zumindest mit nicht viel mehr Wut wie in Ken Loachs Notstands-Tragödie Ich, Daniel Blake. Hákornasons Film ähnelt im Stil tatsächlich den Sozialdramen des Iren. Entschleunigt, beobachtend, und bis zur letzten Konsequenz, die weit entfernt ist vom Abendrot eines versöhnlichen Happy Ends. Milchkrieg in Dalsmynni findet einen zutiefst nordischen Ausgang aus der abgesicherten Komfortzone einer Dienstleistung, hinaus auf die wilden, schneebedeckten Spielwiesen des Aneckens, mit hervorgerecktem Kinn und trotziger Sachbeschädigung.

Wie bei Ken Loach ist auch dieser Kampf Klein gegen Groß ein sehr nüchterner, beobachtender Film geworden, der natürlich weiß, was er sagen will und für fairen Handel wirbt, unterm Strich aber gerät Milchkrieg in Dalsmynni zu spröde, vielleicht gar zu vorhersehbar und auch zu wirtschaftspolitisch, um Bäuerin Inga voller Überzeugung anzufeuern. Klar will man, dass Inga gewinnt, doch anders als in Sture Böcke fehlt hier das Quäntchen augenzwinkernder Esprit, der so einem aufs Wesentliche heruntergebrochenen Thema sicher nicht geschadet hätte – im Gegenteil, es hätte den Film besser gemacht. Diese rationale, etwas träge Netto-Version eines Aufstands ist in ihrem Purismus für mich leider etwas zu wenig.

Milchkrieg in Dalsmynni

Angel has fallen

SCHMERZ IST WAS FÜR WEICHEIER

6/10

 

angelhasfallen© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

CAST: GERARD BUTLER, MORGAN FREEMAN, NICK NOLTE, DANNY HUSTON, JADA PINKETT SMITH, TIM BLAKE NELSON, PIPER PERABO U. A.

 

Der Actionfilm steckt ein bisschen in der Sinnkrise. Entweder behelfen sich die Macher aktuell mit den guten alten Skills der Achtziger und lassen auch entsprechend grobkantige Stereotypen wieder auferstehen – oder sie mixen plakative Kalauer mit überzeichnetem Bombast, der das klamaukige Abenteuer vertritt, am Liebsten mit Dwayne „The Rock“ Johnson, der ja an sich sehr sympathisch ist, nicht umsonst hat er die meisten Follower auf Instagram. Was das Actionkino wiederum in Fernost bietet, ist ein ganz anderes Kaliber, da wird mit härteren Bandagen gekämpft, da ist das Publikum ganz andere Prioritäten gewohnt. Wo Martial Arts zuhause ist, wird bei Sichtung von Filmen wie The Raid sonnenklar. Stirb langsam war für Übersee-Begriffe wohl die unerreichte Benchmark – und bleibt es bis heute. Daran hätte bislang nur Gerard Butler als Mike Banning im Erstling Olympus has fallen zumindest ansatzweise etwas ändern können. Antoine Fuquas Belagerung des Weißen Hauses war in seiner Konsequenz und mit all seinen Opferzahlen die Tabula Rasa-Version für den Actionfilm der 2010er Jahre. Die Nachfolger des Mike Banning-Franchise allerdings weniger. London has fallen war wieder genauso austauschbar und nichtssagend wie gefühlt mehr als die Hälfte aller Actionfilme, die momentan so produziert werden. Größte Schwachstelle: der Antagonist. Unglaubwürdige Sinneswandlungen, sarkastisches Dauergerede und undifferenzierte Boshaftigkeit, vor allem aber irgendwelche abstrusen Ideale ziehen ansatzweise gute Plots in einen Mahlstrom cineastischer Reißbrett-Verhaltensmuster. Kawumm alleine reicht schon längst nicht mehr. Im Actionkino, das für Schauwerte auf das unserer Realität inhärente Spektrum an Möglichkeiten zurückgreifen muss und sich nicht auf Phantastisches verlassen kann, muss, und das scheint wichtiger als jeder Stunt, ein plausibler Plot für Spannung sorgen können. Irgendwie geht das nicht mehr, denn alles, was das Genre in seinem Bauchladen haben kann, war schon mal da.

Überrascht hat zuletzt Luc Besson mit seinem Actionfilm Anna. Das gleiche Thema wie eh und je, aber er hat es geschafft, sein Muster zu variieren, Wieso gelingt das im gängigen Elite-Actionkino nicht? Fragen wir den Stuntman und Filmemacher Ric Roman Waugh, ob er eine Antwort weiß. Denn der hat nämlich heuer das zweite Sequel der Banning-Eskapaden verfilmt. Und ehrlich gesagt: so richtig rund fällt seine Antwort auch nicht aus. Angel has fallen ist zwar deutlich stärker als der Vorgänger, doch letzten Endes verfällt Waugh genau den gleichen Schnittmustern, denen andere Actionfilme ebenso verfallen. Doch ich muss fair bleiben – Angel has fallen macht als Bodyguard-Version von Auf der Flucht längst nicht alles falsch. Schon gar nicht in Sachen Schauspiel. Gerard Butler gibt den Actionhelden, der eigentlich keiner mehr sein will, noch kaputter und psychisch geräderter als es Bruce Willis je war. Sein Mike Banning leidet an Schlafkosigkeit, Angstzuständen, Kopf- und Rückenschmerzen – der jüngste ist er auch nicht mehr. Diese Attitüde des Desolaten macht den Film an sich kerniger, erdiger, nicht so überzeichnet heroisch. Ihm zur Seite: ein rauschebärtiger, völlig nonkonformistischer Nick Nolte – das verschrobene Highlight schlechthin. Die beiden passen gut zueinander, ihre gemeinsamen Szenen sind das Beste, was der Film hergibt, die sehe ich lieber als das ganze Projektilgewitter, dass auf den Zuseher natürlich noch hereinbrechen wird. Und Morgan Freeman? Der ist freilich auch schon älteren Semesters und wirkt wie die afroamerikanische Ausgabe des Österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen. Dabei wäre es witzig, sich den Ex-Grünenpolitiker mit Hang zu Nikotin (raucht er noch?), Hunden und politischer Zuversicht in einem Actionfilm wie diesen vorzustellen. Nun – es geht! Erstaunlich gut sogar 😉

Angel has fallen