Godland

ISLAND SEHEN… UND STERBEN?

8,5/10


godland© 2022 Jour2fête


LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK, FRANKREICH, SCHWEDEN 2022

BUCH / REGIE: HLYNUR PÁLMASON

CAST: ELLIOTT CROSSET HOVE, INGVAR EGGERT SUGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, VICTORIA CARMEN SONNE, JACOB LOHMANN, WAAGE SANDØ U. A. 

LÄNGE: 2 STD 23 MIN


Keine Ahnung, wohin die eigentliche Reise geht, aber jene durch die Nachmittagstermine der diesjährigen Viennale hat gestern ihr Ende gefunden. Es ergibt sich daraus eine schmucke kleine Landkarte, die in Südkorea begonnen hat, über die Ostküste der USA, Belgien bis nach Irland ging und von dort bis in den Norden reichte – nach Island. Weiter geht’s diesmal nicht, und besser wird es ebenso wenig werden: Godland ist mein persönliches Highlight der von mir frequentierten Wiener Festspiele und lässt das lange vergangene Abenteuerkino eines Werner Herzog genauso aufleben wie die gemeinsame Geschichte Dänemarks und Islands, die bis fast in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hineinreichte und die vulkanische, unwirtliche, aber allseits beliebte Insel, eben weil sie so besonders ist, zu einem Schauplatz werden lässt, an welchem sich das europäische Festland in Gestalt eines Verlorenen die Zähne ausbeißen wird. Das bezieht sich auf die Art des Lebens, das kompromisslose Gesetz von Wind und Wetter und die menschenverachtende Wildnis, in die sich nur eingliedern kann, wer sich ihr hingibt. Wer mit alten Dogmen hier aufkreuzt, mit einem Sinn für Werte, der hier oben weder geschärft noch eingesetzt werden kann, stößt bald an seine eigenen Grenzen. Von so einem Kommen und Sehen, so einem Scheitern und Straucheln, von diesem Dilemma der Bezwingung radikaler Urkräfte – davon berichtet Hlynur Pálmason in seiner für ihn typischen Manier des distanzierten Betrachtens tragischer Umstände, die in wechselnden Witterungen stets andere Bedeutungen erlangen.

Im Zentrum des Geschehens steht ein dänischer Priester, der im 19. Jahrhundert, als Island noch unter der Fuchtel des dänischen Königshauses stand, dafür auserwählt wird, eben dorthin zu reisen, um im gottvergessenen Südosten der Insel eine Kirche zu bauen, am besten noch vor dem Winter. Um Land und Leute kennenzulernen und sich in seine neuen göttliche Aufgabe einzufügen, nimmt er eine Reise quer durch die Insel auf sich, begleitet von einem Vollblut-Isländer namens Ragnar (Ingvar Eggert Sigurðsson, der bereits auch in Pálmasons Weißer weißer Tag die Hauptrolle spielt und in der Netflix-Mystery Katla zu sehen ist), der alles Dänische skeptisch beäugt und den verknöcherten Festland-Geistlichen bis an seine Grenzen bringen wird. Für diesen verbissenen und niemals wirklich ausgetragenen Konflikt zwischen der längst nach Autonomie lechzenden Insel und dem arroganten, immer wieder in die Einsamkeit einfallenden Dänemark stehen die beiden grundverschiedenen Männer stellvertretend im Regen, für den es in Islands Sprache unzählige Bezeichnungen gibt. Der Trip durch eine fremde Welt, konfrontiert mit unorthodoxem Gedankengut, lässt Priester Lucas den Glauben an sich selbst verlieren und ihn alles verraten, was stets für ihn von Wert war.

Wie Werner Herzog eben, bis zum Äußersten. Mit einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden lädt das im Format 4:3 gefilmte, elegische Drama zu einer faszinierenden Kurzweile ein, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Großzügig teilt Pálmason die Faszination für seine Heimat, dessen Bewohner als in sich ruhende Menschen ihre Autarkie feiern und von einer dogmatischen Person, wie Lucas sie darstellt, nichts erwarten wollen. Godland wird durch diese Prämisse zum teils nüchternen, dann wieder auf experimentelle Weise epischen Streifen, der die Fassungslosigkeit des aversiven Priesters bis zur rabiaten Wut steigert. Es ist die Nutzlosigkeit seiner Mission und die Beiläufigkeit seiner Entbehrungen, die wie Aguirre oder Fitzcarraldo den Wahnsinn bringt. Die Wucht einer in sich geschlossenen, genügsamen Welt vermittelt Pálmason in langsamen Kameraschwenks und im nüchternen Bobachten der Vergänglichkeit alles Lebens. Düstere Bilder, mystische Gleichnisse und das zündende Knirschen frischer Lava über begrüntem Boden – aus all dem entsteht ein Kino des Sich-darin-Vergessens, welches einen aus dem Auditorium holt, hinein in ein Szenario aus Entbehrung und Erkenntnis. Dinge, die eine Reise fernab von etablierter Ordnung eben mit sich bringen.

Ob dieser Film Aufnahme ins reguläre Kinoprogramm finden wird, ist fraglich. Doch wenn doch, dann sei hier diese ungewöhnlich erzählte, klassische Geschichte eines Mannes, der sich mit wimmerndem Zorn gegen ein ganzes Land stemmt, unbedingt zu empfehlen.

Godland

Beast – Jäger ohne Gnade

AUF LEISEN PFOTEN KOMMT DER TOD

5/10


beastjaegerohnegnade© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, ISLAND 2022

REGIE: BALTASAR KORMÁKUR

CAST: IDRIS ELBA, SHARLTO COPLEY, IYANA HALLEY, LEAH JEFFRIES, MARTIN MUNRO, DANIEL HADEBE U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Können Tiere so etwas wie Rache empfinden? Den Elefanten sagt man ähnliches Verhalten schon die längste Zeit nach. Elefanten – die vergessen selten etwas (im Gegensatz zu mir), schon gar nicht Zweibeiner, die Ihnen im Laufe ihres Lebens Böses angetan haben. Menschenaffen sind da schon mehr auf unserer Seite, allerdings erfolgt diese Art der Vergeltung unmittelbar, ohne von langer Hand geplant worden zu sein. Über Großkatzen indes gibt es so manche mit Vorsicht zu genießende Legenden, die den Tieren mehr Vorsatz einräumen als anderen Lebewesen, die uns Zweibeinern am nächsten stehen. Deutlich plausibler sind da schon jene Prädatoren, die, gegen ihren natürlichen Speiseplan gerichtet, auf Menschen losgehen. Als die wohl bekanntesten Vertreter dieser Unart galten die Löwen aus dem Reservat von Tsavo, die um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert Kolonialisten wie Einheimische in Angst und Schrecken versetzten. Stephen Hopkins hat mit Der Geist und die Dunkelheit daraus einen Film gemacht und Michael Douglas sowie Val Kilmer zur Flinte greifen lassen. Und ja: Sogenannte Man-Eater gab’s und gibt’s nicht nur bei den Löwen – zum Ausgleich wütete in Asien auch so mancher Tiger.

Und jetzt – jetzt ist Südafrika dran. Baltasar Kormákur, Spezialist für Themen, in denen Homo sapiens schutzlos irgendwelchen Naturgewalten ausgeliefert ist und dabei vergeblich versucht, in kompromisslos konsequenten Ereignissen doch noch als Bewältiger hervorzugehen – dieser Baltasar Kormákur wandert nun von isländischen Meeren über den Himalaya immer weiter in südliche Gefilde, um endlich mal auf Safari gehen zu können. Das macht er nicht allein, sondern mit Superstar Idris Elba an seiner Seite. Und ja – Sharlto Copley, sowieso Südafrikaner, darf hier auch noch seinen Heimvorteil genießen. Zu den beiden gesellen sich zwei halbwüchsige Mädchen, Elbas Filmtöchter, die auf den Spuren ihrer verstorbenen Mutter unterwegs sind, und einfach nicht verstehen können, warum sich Papa von ihr noch zu Lebzeiten getrennt hat. Klar braucht es diesen familiendramatischen Unterbau, denn irgendwo muss der Haussegen ja schief hängen, um im Angesicht einer blanken Katastrophe wieder geradegebogen zu werden. Und diese Katastrophe kommt dann auch, während einer Wildlifetour durch ein inoffizielles Reservat, auf vier samtleisen Pfoten angepirscht. Ein Löwe hat es auf Menschen aller Art abgesehen. Ein Löwe macht eine ganze Spezies verantwortlich dafür, dass Wilderer sein Rudel getötet, in alle vier Winde verstreut und eingefangen haben. Ein Löwe schwört jetzt Rache. Und dabei ist egal, wie sehr zum Handkuss Idris Elba unschuldigerweise kommen mag. Mensch ist Mensch, und Tier ist Tier.

Beast – Jäger ohne Gnade orientiert sich stark an einem ganz bestimmten Meisterwerk der Survival-Suspense, nämlich an Jurassic Park. Statt eines T-Rex lässt nun ein Panthera leo sein Gebrüll los, und Erwachsene wie Kinder sind in ihrem fahrbaren Untersatz, der knapp am Abgrund hängt, schutzlos ausgeliefert. Da wir ungefähr wissen, welche Schrecken uns da erwarten, mag der Faktor der Unvorhersehbarkeit ein bisschen schwinden – um dem entgegenzuwirken, lässt Kormákur seine Protagonisten Dinge tun, die bar jeder Vernunft sind. Mutig – ja – aber auch äußerst doof. Doch wie gesagt: Mensch ist Mensch, und Tier ist Tier. Dass dem Löwen dabei menschliche Emotionen angedichtet werden, mag bei Disney gang und gäbe sein – bei Kormakur hätte ich mir da schon etwas mehr Respekt vor den Tatsachen erwartet. Doch andererseits: Im Kino dürfen Legenden gerne als Tatsachen betrachtet werden, also warum sich nicht ein spielfilmlanges Duell mit wilden Mähnen liefern?

Tatsächlich macht Idris Elba seine Sache wieder mal gut, obwohl man ihm ansieht, dass Beast – Jäger ohne Gnade jetzt nicht unbedingt zu seinen Herzensprojekten zählt. Das schöne Südafrika wird es ihm wohl angetan haben – wer würde denn nicht gern dort drehen wollen und dabei alles bezahlt bekommen? Viel Geld hat man auch für die Animation des Untiers ausgegeben. Es ist nicht zu erkennen, wann der Löwe echt ist und wann er aus dem Rechner kommt. Oder ist dieser überhaupt nur animiert? Von diesen Machern hätte sich zum Beispiel Prey einige Ezzes holen können – denn der wilde Bär im Predator-Sequel lässt bewegungstechnisch zu wünschen übrig.

Was mich dann doch überrascht, ist das von manchen Kritikern als hanebüchen bezeichnete Finale im Steppensand: Um dafür wirklich aufstöhnend mit den Augen zu rollen, würde ich mich vorher lieber genau in die Verhaltensforschung von Großkatzen einlesen. So allerdings kann ich das, was da abgeht, gar nicht so ganz als Schwachsinn abtun. Beast – Jäger ohne Gnade ist somit besser als befürchtet, wenngleich gemalt nach Zahlen und die Wucht einer erbarmungslosen Natur mag diesmal an den hochgekurbelten Fenstern eines geländegängigen, aber verkehrsuntüchtigen Fahrzeugs abprallen wie die blutigen Tatzen eines amoklaufenden Simba.

Beast – Jäger ohne Gnade

The Northman

DAS LIED VON BLUT UND FEUER

7/10


northman© 2022 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: ALEXANDER SKARSGÅRD, ANYA TAYLOR-JOY, CLAES BANG, NICOLE KIDMAN, ETHAN HAWKE, GUSTAV LINDH, WILLEM DAFOE, RALPH INESON, BJÖRK, KATE DICKIE, INGVAR SIGURDSSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Ob Meerjungfrauen, Hexen oder die illustre Welt nordischer Gottheiten: Robert Eggers ist der neue Mythen-Mentor unter den Filmemachern, und ich bin wahnsinnig gespannt darauf, was als nächstes kommen wird. Obwohl ich diesen seinen brandneuen Testosteron-Burner erst noch verdauen muss. Nicht falsch verstehen, das meine ich nicht in negativem Sinne, dafür bietet The Northman einfach zu viele Komponente, um das Werk über einen Kamm zu scheren. Wenn ich mich hier im Kinosaal umsehe, würde ich wohl kaum auf jemanden stoßen, der die Erfolgsserie Vikings noch nicht gesehen hat. Ich werde mitunter auf LARPer und Fans mittelalterlicher Feierlichkeiten treffen, oder einfach auf jene, die Anya Taylor-Joy zu faszinierend finden, um einen Film mit ihr auszulassen. Das findet Robert Eggers auch, seit er sie in The Witch mit uralter Waldesmagie in Berührung gebracht hat. Hier, im neunten Jahrhundert nach Christi, spielt die außergewöhnliche junge Dame eine slawische Sklavin aus dem Gebiet der Rus, entführt von einer Horde Berserker, die fix davon überzeugt sind, als wilde Bären die Palisaden zu erstürmen. Es schillern die regennassen, nackten Oberkörper wie den Witterungen ausgesetzte Schüttbilder von Hermann Nitsch – erd- und blutbesudelt, breitschultrig und immer wieder mal den rasenden Sohlengänger imitierend. Unter ihnen: Skarsgård-Spross Alexander, dereinst als Tarzan mit den Affen schwingend, gibt er sich jetzt das Wikingerschwert. Dabei vergisst er völlig, was er eigentlich längst hätte tun sollen: Rache nehmen. Nämlich so, wie es einige Jahrhunderte später Prinz Hamlet aus der Feder William Shakespeares tun wird. Denn auf diese altdänische Sage geht der Bühnenklassiker schließlich zurück. Und dort, unter wolkenverhangenem Himmel und am Fuße spuckender Vulkane Islands, treffen sich der Filmemacher und der halskrausige Vielschreiber, um sich auf ein paar inhaltliche Fixpunkte zu einigen, die beide Geschichten verbindet. Und natürlich: Skarsgårds Figur nennt sich Amleth. Kenner wissen, was folgt.

Die, dies nicht mehr so genau wissen – darunter ich selbst: Fjölnir, der Bruder von Aurvandil, König von Jütland, tötet diesen und setzt sich selbst und Witwe Gudrun die Krone auf. Sohnemann Amleth muss untertauchen – über Jahrzehnte hinweg. Findet sich als Krieger unter Kriegern wieder und bekommt dank Björk in Gestalt einer augenlosen Seherin (augenlos sind sie anscheinend immer, auch in Vikings) den Reminder, endlich die Sache mit der Rache anzugehen. Fast hätte Amleth es vergessen – er muss nach Island, dort hat sich Fjölnir samt Hofstaat zurückgezogen, da Jütland wieder jemand anders eingenommen hat. Egal, die Rache gilt dem Onkel, also tut Amleth so, als wäre er ein Sklave und schifft sich auf die Insel aus, mitsamt der gachblonden Taylor-Joy, die bald zu Amleths Vertrauter wird. Die Götter sind mit ihm, die Walküren reiten gen Himmel und wieder zurück, und selbst der Narr des ermordeten Königs meldet sich aus dem Jenseits. Magie ist dort, wo der Glaube an Odin und Konsorten erblüht wie nie zuvor.

Was den Leuten aber auf Island blühen wird – da können sich zartbesaitete schon prophylaktisch die Hand vorhalten: Robert Eggers hat nämlich die Bühne frei für eine Wagnerianische Oper Deluxe, einem mit Blut- und Beuschel garnierten Männerdrama um niedere Instinkte und maskuline Eitelkeiten, die sich dann Bahn brechen, wenn muskelgestählte Kriegsmaschinen um die Wette brüllen, dabei geifern und mit dem Schwert wütend aufs Schild klopfen. Ein feuchter Männertraum wird wahr, in The Northman. Da freut sich das wilde Kind in uns Y-Chromosomträgern, wenn einer, der Conan den Met halten lässt, seinen inneren Bären entfesselt. Um dieses profane Brusttrommeln errichtet Eggers aber das, wofür man ihn bewundern kann: ein mythisches Universum aus verregneten Wikingergehöften und lodernden Flammen vor entsättigtem, beinahe schwarzweiß gehaltenem Dämmerlicht. Es schneit, es donnert, es ist ringsherum finster, wenn das magische Schwert seinen Bluthunger stillt. Klar erinnert The Northman an die unkonventionellsten Momente in Vikings, doch Eggers setzt noch eins drauf und scheint dabei manchmal zu viel zu wollen. Die epische Wucht, die einen förmlich niederdrückt, ist aber genau das, was der Visionär aber nicht unbedingt am besten kann. Womit er brilliert, sind die Szenen, die weder real noch Imagination sind, sondern irgendwo dazwischen. Ikonische Gestalten, die scheinbar wirres Zeug faseln, im höhlenartigen Halbdunkel einer Psyche, die es zerreißt zwischen Pflichterfüllung und Friedenfindung.

The Northman ist Naturalismus pur, ein wilder Ritt und eine Sensation fürs unempfindliche Auge. Wenngleich der Überschuss an Raserei manchmal in selbiges geht.

The Northman

Against The Ice

DAS GLÜCK IST EIN GEFÄHRTE

6/10


againsttheice© 2022 Netflix


LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK 2022

REGIE: PETER FLINTH

CAST: NIKOLAJ COSTER-WALDAU, JOE COLE, HEIDA REED, ED SPEELERS, CHARLES DANCE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Eben erst auf der Berlinale, und schon auf Netflix im Angebot: Against the Ice, eines dieser Abenteuer aus der umtriebigen Zeit der Polarentdecker und Pioniere, der technisch optimierten Horizonterweiterung und neu verhandelter Weltordnungen. Die Skandinavier haben ein Faible für dieses Genre. Vielleicht auch, weil in entsprechender Epoche so einige aus diesen Breiten in den unwirtlichen Regionen dieser Welt unterwegs gewesen waren. Zu diesem Streben nach draußen hat damals auch die Vermessung und Erforschung Grönlands gehört, auf dessen Territorien nicht nur Dänemark Anspruch erhoben, sondern auch die Vereinigten Staaten ihren Willen zur Einverleibung kundgetan hatten, zumindest Nordgrönlands – sofern dieser Teil der Insel durch einen Kanal von der übrigen Landmasse getrennt gewesen wäre. Das ließ sich damals natürlich nicht so leicht sagen, weil Eis und Schnee dort jedwede Topographie verschleiern.

Wir schreiben also 1909. Um Grönland nicht an die Amerikaner zu verlieren, müssen dänische Expeditionen die Fakten liefern. Dumm nur, dass die letzte des Forschers Mylius-Erichsen insofern schiefging, da die Besatzung der Danmark verschollen bleibt. Der Segler Alabama unter Kapitän Mikkelsen (unterm Bart vergraben: Nikolaj Coster-Waldau) wassert nach und findet Erichsens Tagebuch – mit Angaben, die zu den wertvollen Aufzeichnungen führen sollen. Mikkelsen selbst und der Ingenieur Iver Iversen, der einzige Freiwillige, machen sich auf den Weg – in der Hoffnung, im Sommer des Jahres wieder beim Schiff zu sein, um in die Heimat zu segeln.

Natürlich geht das schief, Grönland fordert seinen Tribut an seelischer Gesundheit und Hundeleben, an Nahrung und Zuversicht. In wahrlich beeindruckenden Landschaftsaufnahmen zwischen niedrigem Sonnenstand, Gletscherspalten und windverblasenen Schneeebenen, die jeder Universum-Dokumentation das Wasser reichen können, rekonstruiert Regisseur Peter Flinth (u. a. Arn – Der Kreuzritter) eine für viele wohl eher unbekannte Episode aus den Annalen europäischer Entdecker. Dabei hat der Däne, der sich Mikkelsens Aufzeichnungen zur Brust genommen hat und somit alle Informationen, die er benötigt, auf einen Schlag zusammentragen konnte, anfangs einige Startschwierigkeiten. Ohne viel Umschweife fällt Flinth mit der Tür ins Haus – eine Einleitung gibt es nicht. So, als hätte man die ersten zwanzig Minuten des Films verpasst, ohne die Chance, Zeit, geographische Lage und die dramatis personae zu sondieren. Da fällt es schwer, ein Gespür für den Film zu bekommen. Da fällt es schwer, anfangs irgendeinen erzählerischen Rhythmus zu erkennen. Schöne Bilder, ja natürlich. Historisch akkurate Ausstattung, pelzige Outfits. Begrüßend kommt hinzu, dass Flinth vor Ort gedreht hat. Man spürt die Kälte, den Wind, die Präsenz des animierten Eisbären, der als Naturgewalt auf vier Beinen todbringend mit den Tatzen rudert. Doch Timing gibt es keines.

Nicht weiter tragisch, man kompensiert das mangelnde Mitgefühl mit den Schauwerten – um dann in der zweiten Hälfte des Films nun doch etwas mehr hineingerissen zu werden in ein banges Ausharren am Ende der Welt, wo Wahn und Hoffnung zur knisternden Schellack-Arie aus dem Koffer-Grammophon ein Tänzchen wagen. Die Zweisamkeit Coster-Waldaus mit Partner Joe Cole erinnert im Kern an die Hobbits Frodo und Sam, die auf dem Weg nach Mordor froh waren, einander gehabt zu haben. Statt Feuer und Asche ist es diesmal Eis und Schnee. Das Glück, den richtigen Gefährten an seiner Seite zu haben, ist allerdings ein und dasselbe.

Against The Ice

Lamb

SCHAFE IM NEBEL

6/10


lamb© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: ISLAND, SCHWEDEN, POLEN 2021

BUCH / REGIE: VALDIMAR JÓHANNSSON

CAST: NOOMI RAPACE, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJÖRN HLYNUR HARALDSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Kleiner Tipp: Wenn man mal genug hat vom Einheitsbrei bei vorwiegend US-amerikanischen Filmen, lässt sich mit so einigen europäischen Produktionen auch des letzten Jahres frischen Wind durchs Oberstübchen blasen. Da sind innovative Arbeiten dabei, und falls aber keine Lust dazu besteht, das Filmschaffen akribisch zu durchforsten, braucht man nur übers Meer nach Norden schielen, auf eine bei Touristen sehr beliebten, unwirtlichen und von vulkanischen Aktivitäten überbeanspruchten Insel – nämlich Island. Von dort kommen garantiert und in regelmäßigen Abständen Filme, deren Inhalt und Machart zum Glück und bewusst nicht in Auftrag gegebenen Zuschaueranalysen unterliegen, sondern gegen den Strich und quergebürstet sind. Sie wollen weder gefällig sein noch ihre Geschichten auf Biegen und Brechen auserzählen. Es sind Filme, die über unerschlossenes Terrain querfeldein gehen, um auf andere Dinge zu stoßen. Dafür muss man neugierig genug sein. Und neugierig genug wird man auch bei Lamb, einem rustikalen Mysterydrama, das Mensch und Natur gegeneinander ausspielt.

Viel passiert nicht, hier irgendwo im Nirgendwo der Insel, an den Hängen schroffer Gebirgszüge – dort, wo sich stets der Nebel sammelt und man keine Handbreit weit sehen kann. Dort leben die Schafzüchter Maria und Ingvar in trauter und trostloser Zweisamkeit, gemeinsam mit einer Herde an blökendem Nutztier, denen am Weihnachtsabend Seltsames widerfährt. Eines Tages im Frühling, als das große Werfen beginnt, kommt ein Jungtier zur Welt, dass anders aussieht als alle anderen. Es ist halb Mensch, halb Schaf – ein kniehoher Mini-Minotaurus ohne Hörner und mit viel Schlafbedürfnis. Das Ehepaar sieht in diesem Wunder einen Segen und betrachtet das Wesen fortan als Teil der Familie. Pétur, der Bruder des Ziehvaters, der eines Tages antanzt, traut seinen Augen nicht und interveniert zugunsten der Vernunft.

Letztes Jahr lief Lamb im Rahmen des Slash Filmfestivals in Wien – nun, endlich, ist dieser von mir heiß ersehnte Streifen auch an den regulären Kinos gestartet. Was man erwarten darf, ist höchst lakonisches Kino aus dem Norden. Viel gesprochen wird nicht, dafür umso mehr haben die Schafe und Lämmer das Sagen, während das irritierende Wunderwesen meist nur einzelne Laute von sich gibt. Ein bisschen Eraserhead, ein bisschen Jan Svankmajer schwingt mit – mit Midsommar gibt’s bis auf den Blumenkranz auf Adas Haupt (so der Name des Lamms) keine Gemeinsamkeiten. Noomi Rapace gibt eine zurückhaltende Performance, und irgendwie ist jeder aufgrund der landschaftlichen Einschicht nicht ganz auf der Höhe. Um diese Atmosphäre des Weltfremden, aber Naturverbundenen zu erzeugen, lässt sich Valdimar Jóhannsson jede Menge Zeit. Zumindest Anfangs. Der Plot seiner Geschichte ist im Grunde faszinierend, ambivalent und bizarr. Klar lässt sich da jede Menge rausholen und auf die Metaebene wuchten, die das Verhältnis des Menschen zur Natur grimmig beleuchtet. Das Mischwesen als zerrissener Weltenvermittler wäre eine wunderbare Allegorie auf unser Verständnis für den blauen Planeten – jedoch fällt dem Filmemacher das Potenzial nicht gerade in den Schoß. Er weiß zwar, wohin der rote Faden seiner Fabel führt, folgt ihm aber zeitweise nur ungern, sondern holt sich dramaturgisch erprobte Lückenfüller, welche die Story aber nicht voranbringen, sondern vielmehr aufweichen. Es ist wie das Warten auf den großen Knall, der vielleicht dieses auf folkloristischen Mythen basierende Mysterium lüften kann. Meiner Erfahrung nach braucht man im Kino Islands auf so etwas nicht hinfiebern. Wie in der stilistisch verwandten Netflix-Serie Katla ist das Metaphysische in dieser Welt einfach da und stets plausibel. Mehr muss man nicht wissen. Was man bei Lamb jedenfalls erfährt, ist eine kuriose Situation des Unnatürlichen, die den Besuch im Kino erstmal lohnt, sich aber viel zu lange ziert, auf Konfrontation zu gehen.

Lamb

Die Königin des Nordens

GAME OF THRONES IN ECHT

8,5/10

 

koenigindesnordens© 2021 Zuzana Panská / SF Studios

 

LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN, DÄNEMARK, ISLAND, TSCHECHIEN 2021

REGIE: CHARLOTTE SIELING

CAST: TRINE DYRHOLM, MORTEN HEE ANDERSEN, SØREN MALLING, JAKOB OFTEBRO, BJORN FLOBERG, THOMAS W. GABRIELSSON, AGNES WESTERLUND RASE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Nein, bei dieser Königin des Nordens handelt es sich nicht um Sansa Stark – Kenner und Freunde der High-Fantasy-Reihe von George R. R. Martin wissen, wen ich damit meine. Doch man braucht längst keine entrückten Welten mehr, will man ähnliche Charaktere in der europäischen Geschichte finden. Natürlich sind historische Persönlichkeiten, noch dazu aus dem dunklen Mittelalters, nur fragmentarisch umschrieben. Also werden die Lücken gefüllt – wie bei der Restauration eines altertümlichen Artefakts, mit der Billigung künstlerischer Freiheit.

Statt Sansa Stark behauptet sich also Margarethe I. über große Teile Skandinaviens – es ist dies die Kalmarer Union, bestehend aus Dänemark, Schweden und Norwegen. Jemals was von Margarethe I. gehört? Ich jedenfalls nicht, und umso dringender schien es mir, mein Allgemeinwissen in Sachen europäischer und dezentraler Geschichte aufzufüllen. Es ist zwar ungefähr klar, was zu dieser Zeit rund um Deutschland und Österreich alles passiert ist – der Norden hingegen stand zumindest bei vielen Gelegenheiten nicht am Programm. Die charismatische Erscheinung der Königin – einnehmend, differenziert und in ihrem Verhalten vollkommen nachvollziehbar dargestellt von Trine Dyrholm – hinterlässt also beim nordischen Adel einen gehörigen Eindruck. Und selbst die Briten denken darüber nach, einer Heirat mit Thronfolgerin Philippa und Margarethes Adoptivsohn Erik zuzustimmen. Als das Bündnis zwischen Briten und der Kalmarer Union kurz davor steht, besiegelt zu werden, taucht plötzlich ein Mann auf, der steif und fest behauptet, Margarethes tatsächlicher Sohn Olav zu sein. Dieses scheinbar inszenierte Schicksal wird die gesamte nordische Politik durcheinanderbringen, während der deutsche Orden bereits die Zähne fletscht.

Ridley Scott hat mit seinem ungewöhnlichen Mittelalterdrama The Last Duel schon alles richtig gemacht. Die Dänin Charlotte Sieling kann das sogar noch besser: Ihr historischer Politthriller könnte bereits jetzt schon eines der filmischen Highlights dieses Jahres sein und sich einen Platz in meinen Bestenlisten gesichert haben. In seiner Düsternis, seiner Intensität und in der Entwicklung der Charaktere, für die es normalerweise ganze Serienstaffeln braucht, Sieling dies aber innerhalb von zwei Stunden lückenlos hinbekommt, ist Die Königin des Nordens eines der besten historischen Dramen der letzten Jahre. Warum? Es gibt zuerst mal einen dicken, roten Faden – das ist die Charakterstudie der Margarethe, die zwischen Familiensinn und dem Wohl der Union so sehr zerrissen scheint, dass sie gar im stürmischen Regen gegen die tosenden Wellen anbrüllen muss. Es ist der etwas dünnere, aber sich ebenfalls durchziehende zweite rote Faden über König Erik – auch er kein Böser und kein Guter, eine gekränkte, aber ehrliche Persönlichkeit. Morten Hee Anderson bietet ganze Breitseiten an inneren und äußeren Konflikten. Um die beiden herum das Geflecht aus Intrigen und Feindseligkeiten, das Zerreißen politischer Lager und unvorstellbarste Konsequenzen, die eine Mutter nur ziehen kann. Unterlegt mit einem wohldosierten dramatischen Score gerät der Norden Europas zu einem unwirtlichen zweiten Westeros, zu einer shakespear’schen Bühne, auf deren Boden Opfer gebracht werden müssen, ohne die Politik anscheinend niemals funktionieren kann.

Die Königin des Nordens

Von Menschen und Pferden

WITH A LITTLE HELP FROM MY HORSE

6/10


vonmenschenundpferden© 2014 Bodega Films


LAND / JAHR: ISLAND, NORWEGEN, DEUTSCHLAND 2013

BUCH / REGIE: BENEDIKT ERLINGSSON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, CHARLOTTE BØVING, STEINN ÁRMANN MAGNÚSSON, HELGI BJÖRNSSON, JUAN CAMILLO ROMAN ESTRADA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Ist der Hund für uns Festlandeuropäer der beste Freund des Menschen, sehen die Isländer, wie in so vielen Dingen, die Sachlage etwas anders. Dort ist es das Pferd, und es bringt den Insulaner dort oben nicht nur über rein landschaftlich betrachtet unwegsames Gelände, sondern begleitet diesen auch durch das Dick und Dünn eines Alltags mit Gegenwind. Der kann ganz schön liebestoll sein, jähzornig oder volltrunken. Stets ist das Pferd mit dabei, und stets macht das Pferd das, was es am besten kann: dem Menschen nutzbar sein. Dabei ist die Liebe des Isländers zum hufetragenden Warmblüter eine, die aus einem erfüllten Zweck heraus entsteht. Ist das nicht gegeben, gibt man Pferden ab und an den Gnadenschuss.

Bezugnehmend auf diese oftmals von Schmerzen erlösende Tötungsmethode ist Benedict Erlingssons Episodenfilm Von Menschen und Pferden Liebhabern von letzterem nur bedingt ans Herz zu legen. Kann sein, dass die eine oder andere Szene verstörend auf jene wirken kann, die am liebsten rund um die Uhr ihr Lieblingspferd schniegeln und ihre eigenen vier Wände mit Pferde-Devotionalien aller Art dekoriert haben. Genauso wenig wäre Hundeliebhabern Alejandro Gonzales Innaritus Amores Perros zu empfehlen. In des Oscarpreisträgers mexikanischer Hunde-Anthologie haben die Pfotengänger ebenso wenig das Paradies auf Erden untergejubelt bekommen wie die Pferde in Erlingssons so verschrobenen wie makabren Miniaturen.

Da gibt es einen Mann namens Kolbeinn (Ingvar Eggert Sigurðsson, u. a. in Weißer weißer Tag oder aktuell in der Netflix-Serie Katla zu sehen), welcher eines Tages der Witwe Solveig auf berittene Weise Avancen macht. Da gibt es einen Trunkenbold, welcher der Bezeichnung Seepferd neue Bedeutung verleiht. Oder einen lateinamerikanischen Touristen, dessen bizarres Schicksal Star Wars-Kenner an eine ganz bestimmte Szene aus Das Imperium schlägt zurück erinnern wird. In all diesen Geschichten, die allesamt in einem Tal spielen und wo jeder jeden episodenübergeifend kennt, ist das Verhalten engstirniger Landeier in den großen, glasigen Augen der Pferde ein höchst seltsames. Stumm nehmen die Tiere es hin, wenn sie die Defizite menschlichen Handelns mehr passiv als aktiv ausgleichen müssen. Wobei ich nicht sagen will, dass die Isländer nichts für ihre Pferde empfinden – sie sind einfach da, sie sind Teil ihres Schicksals. Sie würden sie auf untröstliche Weise vermissen, würde man sie aus diesem gesellschaftlichen Mikrokosmos aus Freud und Leid ganz einfach entfernen.

Von Menschen und Pferden

Weißer weißer Tag

OPA IST DER BESTE

6/10


weisserweissertag© 2020 Arsenal Filmverleih


LAND: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2019

REGIE: HLYNUR PALMASON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJORN INGI HILMARSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Das isländische Kino ist nicht gerade dafür bekannt, die Kinosäle zu füllen – dafür aber füllt es die Nischen des Arthouse, und zwar auf innovative Art und Weise. Was das isländische Kino so erzählt, das sind mitunter sehr schwarzhumorige Geschichten voller Lakonik, voller Exzentrik, langen Nächten und den unwirtlichen Landschaften zwischen Gletscher und stürmischer Meeresküste. So ungewöhnlich auch die Filme aus dem hohen Norden begrüßenswerterweise sind – dieser hier von Hlynur Palmason setzt allem bisher Dagewesenen die Krone auf. Selbst dem irren Außenseiterdrama Noi Albinoi. Der hatte noch genug makabren Humor, um darin noch eine gewisse Verbundenheit zu anderen lokalen Werken zu erkennen. Bei Weißer weißer Tag ist alles anders, und alles nicht so, wie man es gewohnt ist. Das irritiert, verstört gar ein bisschen, und strapaziert die Geduld.

Nur so als Beispiel: Ein Haus, irgendwo im Nirgendwo, im Hintergrund Islands Bergwelt. Dann vergeht die Zeit, Tag für Tag, im Zeitraffer. Tage werden zu Wochen, Monaten. Schnee, Sonne, Nebel, Regen. Vormittag, Nachmittag, Abend, unzählige Stimmungen. Die Kamera bleibt dabei statisch. Eine Szene wie aus dem Wetterpanorama aus Reykjaviks Umland. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, geht’s endlich zur Sache. Wir sehen einen älteren Mann, einen Witwer, gleichzeitig Großvater einer neunjährigen Enkelin, die ihren Opa über alles liebt. Opa, der ist der Beste. Doch dann, beim Sichten von Omas Nachlass, wird der alte Mann stutzig. Hatte seine Frau eine Affäre? Diese Sache lässt den Alten nicht los und er forscht nach. Aus der Nachforschung wird Obsession, Aggression, Zweifel. Was darunter leidet, das ist die Beziehung zu seiner Enkelin, die ihren Opa plötzlich mit anderen Augen sieht. Was nicht unbedingt gut ist. Und was zu vermeiden gewesen wäre.

Weißer weißer Tag – das sind die Nebeltage Islands, wo man kaum mehr die Hand vor Augen sehen kann. An so einem Nebeltag ist Opa Ingimundurs Frau mit dem Auto verunglückt. Und an solch einem Tag wird sich die verquere Situation so ziemlich zuspitzen. Bis dahin allerdings ist Palmasons Film ein Patchwork an unterschiedlichen Filmstilen, an arrangierten Stillleben, Nahaufnahmen, scheinbar aus dem Kontext gerissenen Szenen einer Fernsehshow, die abgefilmt werden. So unterschiedlich und so assoziativ all diese Szenen auch wirken, es liegt ihnen dennoch eine Gemeinsamkeit zugrunde: die Thematik des Trauerns und Überwindens von Kränkung. Kein leichter Stoff? Mit Sicherheit nicht. Auf Weißer weißer Tag muss man sich einlassen, und damit rechnen, manchmal ratlos das Gesehene oder Geschehene hinzunehmen. Interessanterweise aber findet diese raue, manchmal statische und dann plötzlich wieder ungestüme, unorthodoxe Drama einen Weg des geringeren Widerstands für den Betrachter, versöhnt ihn mit seiner provokanten Erzählweise, indem es am Ende direkt berührende, erlösende Momente findet. Tja, Trauer geht manchmal seltsame Wege.

Weißer weißer Tag

Walhalla – Die Legende von Thor

MYTHEN IM BAUMARKT

5/10

 

walhalla© 2019 Koch Films

 

LAND: DÄNEMARK, NORWEGEN, SCHWEDEN, ISLAND 2019

REGIE: FENAR AHMAD

CAST: ROLAND MØLLER, DULFI AL-JABOURI, CECILIA LOFFREDO, SAXO MOLTKE-LETH, STINE FISCHER CHRISTENSEN U. A. 

 

Wo der Hammer hängt, weiß einzig und allein der, dem wir unbewusst allwöchentlich gedenken, und zwar immer Donnerstags: Thor, der Sohn Odins und der Gott des akustischen Gewitters, der nichts ist ohne seinen Hammer, damit aber ein harter Brocken unter den Ewiglebenden, obwohl sich selbst Thor in dieser sehr erdverbundenen Mär rund um alte Wikingermythen den einen oder anderen Schiefer einzieht. Da hilft kein tätowierter Bizeps, da hilft kein Utensil aus dem transzendenten Werkzeugkasten. Da hilft vielleicht nur ein junges Mädchen, das der Versuchung nicht widerstehen kann, Asgard einen Besuch abzustatten. Aber wie kommts? Wie kommt ein Menschenkind in die Hallen der Götter? Dafür müssen Thor und sein Bruder Loki (ganz anders als Tom Hiddelston, aber auch ganz nett angelegt) erstmal einen Stopover an einem skandinavischen Bauernhof einlegen, und Loki daselbst kann es naturgegeben nicht lassen, die Menschleins mit seinen Intrigen zu manipulieren. Natürlich haben die dann den Salat: die Zugziegen Thors können nicht mehr weiter, der Hammergott zürnt und lässt sich maximal damit zufriedenstellen, den Bauerssohn als Wiedergutmachung mitzunehmen – als Mundschenk oder ähnliches, Verwendung wird sich schon finden. Schwesterchen Røskva, von Natur aus neugierig, will ebenfalls mit – und schummelt sich auf Thors Karren. Die armen Eltern, die plötzlich kinderlos dastehen. Aber was solls, ist doch alles Bestimmung – das Mädel wird noch wichtig werden, wenns darum geht, den wildgewordenen Fenriswolf (wir erinnern uns an Thor: Tag der Entscheidung) wieder einzufangen und die Riesen aus Udgard, die nicht viel größer sind als der Rest der Bewohner jenseits des Bifröst, an die Kandare zu nehmen.

Dänische Fantasy, wie sie stets gerne sein möchte: erdig, düster, unprätentiös und ein wenig mit der phantastisch-literarischen Welt einer Astrid Lindgren kokettierend. Die Erdlinge, so wild und zerzaust wie seinerseits Ronja Räubertochter. Die nordischen Gottheiten: Roland Møller (u. a. Unter dem Sand) als Thor wurde auf Werkeinstellung runtergefahren – ein bärbeißiger Handwerker im Vikings-Stil. Loki birgt Geheimnisse unter seiner Kapuze und Odin erinnert an so manch zauseligen Eremiten aus den Monty Python-Filmen. Ob die unfreiwillige Komik hier deplatziert ist, müssen wir den Regisseur Fenar Ahmad fragen, der unter anderem Darkland inszeniert hat. Überhaupt könnte die Darstellung von Asgard jeden Altwikinger ansatzweise vor den Kopf stoßen, so hinterwäldlerisch kommt das von allen Kriegern so angestrebte Walhalla daher. Ja, schöne Landschaften sind das allemal, aber die gibts in Midgard auch. Und wo die Menschenkinder ausharren müssen, da ist der nächste Heuschober nicht weit. Udgard hingegen gebiert Finsterlinge, die an die Schergen des Immortan Joe aus Mad Max: Fury Road erinnern. Alles in allem ganz schön ein Griff in das Säckchen Torfmull, das gerade mal zur Hand war.

Der lederwamsige Reigen mag ja optisch im Laufe des Abenteuers durchaus gefallen, im Gegensatz zu Marvels funkelndem Asgard hat diese Adresse hier schon bessere Zeiten erlebt. Die Story allerdings auch. Mag ja sein, dass Walhalla von allen Seiten bedrängt wird – doch das Konzept einer auserwählten Minderjährigen ist nichts, was hinter dem Opfertisch für die Asen hervorholt. Vorhersehbar wie schon lange nicht wechseln wir von einem zu überwindenden Level zum nächsten, wohlwissend, wie es enden wird. Das ist recht lieblos zusammenmontiert, birgt relativ wenig Magie und weckt, je mehr das Ende naht, immer weniger Interesse. Zu gewollt anders als Marvel, das Ganze. Zu wenig mythisch, da hilft der ganze Nebel nichts.

Walhalla – Die Legende von Thor

Milchkrieg in Dalsmynni

THERE WILL BE MILK

5/10

 

MilchkriegInDalsmynni© 2019 Thimfilm

 

LAND: ISLAND, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2019

REGIE: GRÍMUR HÁKORNASON

CAST: ARNDÍS HRÖNN EGILSDÓTTIR, SVEINN ÓLAFUR GUNNARSON, ÐORSTEINN BACHMANN, HINRIK OLAFSSON U. A. 

 

Ein gutes Gefühl, beim Club zu sein. Oder bei der Gewerkschaft. Oder bei sonst einer Vereinigung gleichgesinnter Wirtschafter, die sich gegenseitig in schwierigen Lagen eine Stütze sind und sich auch sonst gegenseitig unterstützen, indem sie die Produkte der anderen kaufen, die auch in diesem Club sind. Es ist ein Geben und Nehmen, und wehe du gibst aber nicht, dann stehen sie vor deiner Tür, die ausgeschickten Bluthunde, die dich zur Rechenschaft ziehen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart. Bluthunde. Muss doch nicht sein. Doch die Genossenschaft, die will Loyalität. Hat somit das Monopol und kann die Preise für systemrelevante Rohstoffe hin und her schrauben, wie es ihr passt. So ein Sicherheitsnetz will was kosten. Im Grunde ist das auch die Idee von bezirksdeckend organisierten Syndikaten, die Kleinbetrieben Schutzzölle abpressen. Naja, es wäre wegen der Sicherheit, weswegen sonst? Schnell gleicht so eine unter die Achseln greifende Hilfsgemeinschaft einem sektiererischen Ordnungsruf, der sich aber für den einzelnen wirtschaftlich gesehen kaum rentiert. Das findet auch die Milchbäuerin Inga, die ihren Gatten immerwährend dazu drängt, es doch mal mit einem anderen Futterlieferanten zu probieren, der um Eckhäuser günstiger ist. Wie soll man die Schulden für den Hof sonst zurückzahlen? So einfach ist das nicht, denkt der Gatte, denn der ist selbst so eine Art Sheriff von Nottingham in diesem System, ohne es zuzugeben. Wohin das führt, endet tragisch – und Inga steht alleine da. Ohne sich nun rechtfertigen zu müssen, spricht sie aus, was viele denken – und erklärt der Genossenschaft den Krieg.

Natürlich doch, ein isländischer Film wie dieser wäre kein solcher, wäre er nicht wieder ausnehmend lakonisch. Die da oben sind nicht unbedingt die Eddie Murphys des Planeten, was gesagt werden muss, wird gesagt, der Rest ist Schweigen. Sowas passt in die wildromantische Landschaft ehemals nordischer Gottheiten. Sowas passt, wenn’s stürmt und schneit und regnet, und es nicht mal richtig hell wird. Da bündelt man seinen Grant und wandelt ihn in den Willen zu harter Arbeit. Grímur Hákornason, der mit dem ruppigen Bruderzwist Sture Böcke schon mal einen Konflikt auf offenem Gelände austragen ließ, lässt jetzt eine verbitterte Bauersfrau den Fehdehandschuh werfen. Wobei diese Offensive nicht aus Wut geschieht. Zumindest mit nicht viel mehr Wut wie in Ken Loachs Notstands-Tragödie Ich, Daniel Blake. Hákornasons Film ähnelt im Stil tatsächlich den Sozialdramen des Iren. Entschleunigt, beobachtend, und bis zur letzten Konsequenz, die weit entfernt ist vom Abendrot eines versöhnlichen Happy Ends. Milchkrieg in Dalsmynni findet einen zutiefst nordischen Ausgang aus der abgesicherten Komfortzone einer Dienstleistung, hinaus auf die wilden, schneebedeckten Spielwiesen des Aneckens, mit hervorgerecktem Kinn und trotziger Sachbeschädigung.

Wie bei Ken Loach ist auch dieser Kampf Klein gegen Groß ein sehr nüchterner, beobachtender Film geworden, der natürlich weiß, was er sagen will und für fairen Handel wirbt, unterm Strich aber gerät Milchkrieg in Dalsmynni zu spröde, vielleicht gar zu vorhersehbar und auch zu wirtschaftspolitisch, um Bäuerin Inga voller Überzeugung anzufeuern. Klar will man, dass Inga gewinnt, doch anders als in Sture Böcke fehlt hier das Quäntchen augenzwinkernder Esprit, der so einem aufs Wesentliche heruntergebrochenen Thema sicher nicht geschadet hätte – im Gegenteil, es hätte den Film besser gemacht. Diese rationale, etwas träge Netto-Version eines Aufstands ist in ihrem Purismus für mich leider etwas zu wenig.

Milchkrieg in Dalsmynni