Kajillionaire

MEINE RABENELTERN, IHRE TOCHTER UND ICH

8,5/10


kajillionaire© 2020 Universal Pictures International GmbH Germany

LAND: USA 2020

DREHBUCH & REGIE: MIRANDA JULY

CAST: EVAN RACHEL WOOD, DEBRA WINGER, RICHARD JENKINS, GINA RODRIGUEZ, MARK IVANIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Miranda July ist eine Allroundkünstlerin. Filmemachen ist da nur ein Teilbereich ihrer Tätigkeit. Zugegeben, bislang hatte ich noch kein einziges ihrer Werke gesichtet, obwohl ich natürlich wusste, dass die US-Multimediakünstlerin, die sich in ihren Filmen auch bislang immer selbst besetzt, ziemlich abgehobene, verschrobene Tagträumereien entworfen hat. Wäre längst einen Blick wert gewesen, wie ich finde. Nun – Kaijillionaire, ihre neueste und auch erstmals recht prominent besetzte Arbeit gilt hier endlich mal als Einstand – und ist, ohne zu übertreiben, eine Entdeckung. Und zwar deshalb, weil July so sehr gegen Konventionen und Schablonen inszeniert und kreiert, wie es normalerweise nur das asiatische Kino zuwege bringt.

Für ihre Außenseiterballade hat sie mit Evan Rachel Wood (u. a. Dreizehn, Westworld) wohl einen Volltreffer gelandet. Interessant und gleichsam verblüffend auch, nach langer Zeit und erst nach mehreren Blicken Debra Winger hinter der Fassade einer streunenden Tagediebin hinter wallender grauer Mähne zu entdecken. Gemeinsam mit Richard Jenkins sind die drei eine sagen wir mal obdachlose Familie, die sich in einem leerstehenden Büroraum neben einer Seifenfabrik eingenistet hat und dort so lange bleiben darf, solange sie den dort austretenden Schaum wegputzt. Eine irre Idee zum einen, surreale Bilder zum anderen, wenn die weißrosa Wolken den reizlosen Raum wie durch ein entrücktes Wunder scheinbar aufrüschen. Die Familie also, die wohnt hier, und schlägt sich tagtäglich mit Diebstählen herum – auf der Post, im Supermarkt, eigentlich überall. Tochter Old Dolio, benannt nach einem Obdachlosen, macht da mit, weil sie nichts anderes kennt. Sie kennt aber auch keine Kindheit, keine Zärtlichkeiten, keine liebevollen Worte und keine Identität. Old Dolio, die ist das Werkzeug ihrer Eltern, soziophob, gehemmt und depressiv. Ihren Eltern ist das egal, sie setzen auf Profit, das Töchterchen ist eben mit dabei. Bis bei einer Betrugsnummer am Flughafen die aufgeweckte Melanie, die ihnen zufällig über den Weg läuft, alles ändert. Zumindest fast alles für Old Dolio.

Ich habe selten einen Film über Einsamkeit und Sehnsucht nach Nähe gesehen, der gleichzeitig so sensibel, humorvoll und bezaubernd sein kann. Julys seltsame Figuren kaspern durch ein wirtschaftsorientiertes Amerika aus Industrie, Geld und Shoppingvergnügen und übersehen das Wesentliche. Eine liebevolle Kindheit ist in Zeiten wie diesen aus Ich-AG, Bequemlichkeit und Lebenstraum um jeden Preis nichts Selbstverständliches mehr – und war es auch nie. Wie sehr man als Elternschaft allerdings versagen kann, das hebt July geradezu auf ein neues Level. Die Konsequenz: eine zomboid vor sich hin trottende Evan Rachel Wood, mit Haarvorhang und Grunge-Klamotten. Ihr Weg zur eigenen Identität und zu einem Ja für Zärtlichkeit wird zur erfrischend anderen, urbanen Therapie zwischen sensorischer Integration und Erwachsenwerden. Wood flößt dabei ihrer psychologisch tiefgründigen Figur soviel Wahrhaftigkeit ein, als würde man die Schauspielerin erst neu entdecken. Diese Kunst der Tarnung eines Stars funktioniert ganz ohne Maske, die Performance ist dabei preisverdächtig, auch dank all den anderen recht hingebungsvollen Charakteren, die entweder nicht aus ihrer Haut können oder jemand anderen dazu motivieren, sich selbst zu motivieren. Vielleicht mit einem Tanz. Oder im Zeitraffer-Recap des eigenen Aufwachsens.

Die psychosozialen Parameter einer Familie scheuen sich nicht davor, in Kaijillionaire genau beobachtet zu werden – und die Motivation zur Veränderung wächst in dem, der sie am dringendsten nötig hat. Dieses Conclusio lässt sich in dieser konsistenten und enorm erfreulichen Filmkunst gerne entdecken.

Kajillionaire

Ein ganz gewöhnlicher Held

EINMAL GANDHI ZUM MITNEHMEN

7/10


ganzgewoehnlicherheld© 2019 Koch Films


LAND: USA 2018

BUCH & REGIE: EMILIO ESTEVEZ

CAST: EMILIO ESTEVEZ, ALEC BALDWIN, JEFFREY WRIGHT, CHRISTIAN SLATER, TAYLOR SCHILLING, JENA MALONE, MICHAEL K. WILLIAMS, GABRIELLE UNION U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Die Zeit des karitativen Bewusstseins hat längst wieder Einzug gehalten bei denen, die es sich leisten können, anderen zumindest kurzfristig die Existenznot zu nehmen. Kick-off dieses Bewusstseins: der 11. November, Martinstag. Besagter Martin hat ja bekanntlich seinen Mantel geteilt, um einem armen Schlucker vor dem Erfrieren zu bewahren. Nun, so lange das Geben und Teilen nicht den Vorschriften widerspricht, ist ja alles schön und gut. Sobald aber Zeichen gesetzt werden, die Verordnungen zuwiderlaufen, haben Menschenrechte das Nachsehen. So gesehen in vorliegendem Film von Emilio Estevez, der auch schon lange Zeit nichts mehr von sich hören ließ. Sein letzter Film war glaube ich jener über den Jakobsweg, in der Hauptrolle sein eigener Altvorderer Martin Sheen. Jetzt hockt der ehemalige Breakfast-Clubber zwischen den vollbeschlichteten Buchregalen einer städtischen Bibliothek, gemeinsam mit einer ganzen Schar Obdachloser, die vor einer Forstnacht Zuflucht suchen. Das ist der Stoff, aus dem besinnliche Filme über Nächstenliebe gemacht sind. Ich könnte mir ganz gut Jimmy Stewart in dem ganzen Szenario vorstellen. Aber Estevez in seiner Rolle als einer, der, selbst mal ohne Dach über dem Kopf, nun die Nöte der zusammengewürfelten Gruppe wohl am besten versteht, weiß die Begrifflichkeit der Menschenwürde nicht zu einem pathetischem Gloria zu überhöhen.

Worum es also geht: Estevez gibt den Bibliothekar Stuart, der in winterlichen Zeiten wie diesen wärmesuchenden Obdachlosen zu den Geschäftszeiten Tür und Tor öffnet. Das ändert sich bald, als es nämlich noch kälter wird und so gut wie alle karitativen Einrichtungen bereits zum Bersten voll sind. Wohin also mit den Bedürftigen? Natürlich hierbleiben, egal ob die Pforten schließen. Das ist gegen das Gesetz, und sogleich rückt die Polizei und auch die lokale Politik an, um diese Aktion zu unterbinden. Denn wie eine Aktion scheint das Ganze zu sein. Völlig gewaltfrei entschließen sich Stuart und die anderen zu einem Sit-in, zu einem gewaltfreien Protest, auch wenn diese verrückte, aber zutiefst menschliche Idee manchen den Job kosten wird.

Ein ganz gewöhnlicher Held, im Original nur schlicht und einfach The Public, hat zwar anfangs so seine Schwierigkeiten, all die angefangenen Erzählstränge effizient miteinander zu verknüpfen, doch sobald allesamt an einem Ort versammelt sind, kann die simple und demonstrative Mär eigentlich losgehen. Das dauert zwar, aber bis dahin erfreut man sich selten gesehener Gesichter wie jenes von Christian Slater, der allerdings einen recht schablonenhaften Kotzbrocken von Möchtegern-Bürgermeister gibt. Alec Baldwin als Chef-Verhandler bei Geiselnahmen sucht seinen ebenfalls obdachlosen Sohn und Jeffrey Wright gibt sich vorerst ganz zugeknöpft, bevor er langsam auftaut. Kein Wunder bei so einem herzerwärmenden Film wie diesen. Da geht’s um astreinen Altruismus, da würde der Heilige Martin wohlwollend nicken. Wäre hier nicht der Song I can see clearly now von Jimmy Cliff im Rahmen einer wirklich beeindruckenden und berührenden Schlussszene zu hören, könnte man auch gut und gerne das Weihnachtslied von König Wenzel dazu summen. Doch ein Weihnachtsfilm ist Ein ganz gewöhnlicher Held nicht. Eher ein zeitloses Statement für ein Miteinander, für das man sich erst mal durchringen muss. Doch dann, dann sieht man klarer.

Ein ganz gewöhnlicher Held