H wie Habicht (2025)

FEDERN VOR DEM LEBEN

6/10


Claire Foy als Helen mit ihrem Habicht Mabel im Film H wie Habicht
© 2026 Panda Lichtspiele


ORIGNALTITEL: H IS FOR HAWK

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA, SINGAPUR 2025

REGIE: PHILIPPA LOWTHORPE

DREHBUCH: PHILIPPA LOWTHORPE, EMMA DONOGHUE, NACH DEM AUTOBIOGRAFISCHEN BUCH VON HELEN MCDONALD

KAMERA: CHARLOTTE BRUUS CHRISTENSEN

CAST: CLAIRE FOY, BRENDAN GLEESON, LINDSAY DUNCAN, DENISE GOUGH, SAM SPRUELL, EMMA CUNNIFFE, JOSH DYLAN, EDEN HAMILTON, ARTY FROUSHAN, ANGUS COOPER U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Kommt ein Vöglein geflogen

Dieses Vöglein hat allerdings kein Briefchen im Schnabel, sondern eher ein erlegtes Kaninchen. Doch was will man machen, das ist die Natur der Sache bei einem Habicht, der als Beutegreifer und Raubvogel das Töten anderer Lebewesen sowieso nicht bewerten kann, wo es doch in der Natur selbst kein Gut und Böse gibt, keine Moral und keinen Anstand. Die Natur verlangt den Zweck, sie selektiert, lässt überleben, wer sich geschickter anstellt, und sterben, wer nicht das Zeug dazu hat, die Challenge mit dem Titel „Survival of the Fittest“ zu stemmen.

Tut uns das Kaninchen denn nicht leid?

Der Vorwurf einer gewissen Zuhörerschaft im Film H wie Habicht, den sich Cambridge-Dozentin Helen McDonald gefallen lassen muss, nämlich, dass sie den Tod anderer Tiere in Kauf nimmt, fußt wohl auf einer gewissen Ahnungslosigkeit oder fehlenden Bereitschaft, sich mit Natur, Biologie und Verhaltensforschung jemals auseinandergesetzt zu haben oder auseinandersetzen zu wollen. Am liebsten würde man, sitzend im dunklen Auditorium, diesen woken Besserwisser des Saales verweisen. Während man Helen dabei zusieht, wie sehr sie die Notwendigkeit verteidigen muss, tut sie einem leid. Dass ein Habicht eben sein Habichtverhalten an den Tag legen muss, ist essentiell – sonst wäre er in dieser Welt fehl am Platz.

Ein Todesfall verleiht Flügel

Genauso fehl am Platz fühlt sich Helen McDonald, auf deren Autobiografie dieser Film hier beruht. Sie wird vollends aus ihrem geregelten Leben geworfen, aus ihrem Habitat sozusagen, als ihr über alles geliebter Vater an Herzversagen stirbt. Mit ihm konnte sie schließlich alles teilen: Die Begeisterung für die Welt, das Birdwatching, den Humor – und den steten Drang, immer ganze Berge bewegen zu wollen und nie stillzuhalten. Dieses Stillhalten muss die trauernde Tochter aber lernen, als sie sich im Zuge einer Kurzschlussreaktion oder aber durch Überkompensation ihrer emotionalen Notlage einen Greifvogel anschafft.

Jetzt wohnt dieses freiheitsliebende Tier in ihrer Wohnung, darf anfangs nur diese blickdichte Haube tragen, die Falkner den Tieren so gerne überstülpen, damit sie ruhig bleiben. Dann aber begegnen sich beide von Angesicht zu Angesicht. Und es scheint, als würde Helen plötzlich so sein wollen wie dieser Vogel, der, sofern man ihn lässt, weiß, wie er leben und was er tun muss.

Ein Mensch weiß das nicht, der ist stets Produkt seiner Umwelt und seiner Emotionen, die lange nachhallen und nicht verschwinden wollen. Auch Tiere können depressiv werden, auch Tiere können trauern, doch immer wieder erlangt sich das Überleben die höchste Priorität zurück. Wie soll das also Helen schaffen, die immer mehr sich selbst verliert, oder besser gesagt: in diesem Tier, das plötzlich alles für sie ist. Freiheit, Triumph, Ordnung, Klarheit.

Des widerspenstigen Vogels Zähmung

Die Britin Philippa Lowthorpe, bekannt für ihre Arbeit an Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution – muss hier nun trotz einer überschaubaren, recht handlungsarmen Geschichte ein Psychogramm erstellen, in dem es hauptsächlich um Empfindungen geht, die sich zumindest im Verhalten des Vogels widerspiegelt. Daher setzt sie auch unmissverständlich den Fokus auf die Zähmung eines widerspenstigen gefiederten Freundes, der als Metapher dafür steht, wie gut oder wie schlecht man sein innerstes Ich steuern kann.

Von der Recherche im Internet bis zur innigen Freundschaft zwischen Mensch und Tier sehen wir alle Zwischenstufen eines Falkner-Lebens, zwischendurch mutet H wie Habicht wie eine Dokumentation an, während der aber immer wieder die Überlegung aufkommt, ob die Bindung eines freiheitsliebenden Tieres wie ein Greifvogel an einen Menschen nicht doch ein bisschen so etwas wie Tierquälerei sein kann. Kein Lebewesen entzieht sich gerne seinem Sehsinn. Da lässt sich doch nur vermuten, dass sich ein Vogel durch diese Falknerhaube sicherer fühlt – wissen kann man es nicht.

Doch sei es wie es sei – das Tier ist prachtvoll, man wünscht ihm, es könnte entfliehen, und man wünscht Helen die Eingebung, dass sie doch dieses Tier endlich loslassen soll.

Wie habt ihr es mit Falknerei?

Muss man sich für Falknerei also interessieren? Nun, bis zu einem gewissen Grad schon, und tut man es nicht, geht doch einiges verloren. Was man gewonnen hat, ist Claire Foys Schauspiel – sie ist phänomenal, macht es sich niemals einfach, indem sie im Selbstmitleid versinkt, sondern entwickelt ihre Verhaltens-Transformation fast schon beiläufig, sich selbst etwas vormachend, nur langsam reflektierend, was sie hier tut. Dafür ist H wie Habicht wirklich sehenswert, obendrauf gibt es natürlich Brendan Gleeson, den man, obwohl man ihn nie als Vater hatte, wirklich auch zu vermissen beginnt.

Es ist nun mal eine True Story

Lowthorpes Psychodrama ist fasziniert von seinem Habicht, ist fasziniert von Claire Foy, doch führt für meine Begriffe die Lebensgeschichte nicht zu einem konsequenten, vielleicht auch radikalen Ende. Diese Diskrepanz zwischen Wildheit und gesellschaftlicher Norm, die hätte das Zeug gehabt, sich freizukämpfen und weiterzuentwickeln. Sie hätte über ihren narrativen Schatten springen können, das wäre eine Wucht gewesen. So aber muss H wie Habicht der True Story gerecht werden. Manchmal ist das Leben durchaus auch weniger spektakulär als die Fiktion. Reales kann man nicht erfinden? Doch, diese Geschichte schon.

H wie Habicht (2025)

Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution

WAS FRAUEN WOLLEN

7/10


misswahl© 2020 eOne Germany


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, IRLAND, AUSTRALIEN 2020

REGIE: PHILIPPA LOWTHORPE

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, JESSIE BUCKLEY, GUGU MBATHA-RAW, GREG KINNEAR, RHYS IFANS, LESLEY MANVILLE, SUKI WATERHOUSE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Wer ist die Schönste im ganzen Land? Diesen Umstand im Rahmen einer Gala fürs Establishment zu zelebrieren, ist nicht das eigentliche Problem. Schönheit, so subjektiv sie auch sein mag, muss sich nicht verstecken. Das wirkliche Problem, mit dem die Frauenrechtlerinnen Anfang der Siebziger Jahre und auch heute noch zu kämpfen haben, ist der Umstand, dass diese Frauen eben nur als das gesehen werden: als reizvolle Objekte mit den richtigen Maßen und Kurven. Das, finden diese anderen Frauen, ist einfach zu wenig. Ist vielleicht gut, aber zu wenig. Gleiche Chance für das weibliche Geschlecht in Beruf, Bildung und Karriere wäre wichtiger: da lässt sich selbst heute noch ordentlich dran feilen – wie prekär muss die Lage  wohl vor 50 Jahren gewesen sein? Da hieß es: nichts wie raus auf die Straße und demonstrieren. Aufstehen für etwas, das endlich mal Sinn macht.

Das britische BBC Entertainment, das ja stets eifrig dabei ist, historische Biographien und ebensolche Wendepunkte kinematographisch aufzubereiten, um so Unterhaltung und Allgemeinwissen für das filmaffine Volk zu kombinieren, nimmt sich mit Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution (besserer Titel wie so oft im Original: Misbehaviour) den Aktionismus medienwirksamen Ungehorsams zur Brust, indem Regisseurin Philippa Lowthorpe jene Ereignisse nacherzählt, die dem wütenden Zwischenfall bei der Miss World Zeremonie 1970 vorausgegangen waren (Keine Sorge: das Happening selbst bekommt sehr wohl auch seine Sendezeit). Die Misswahl beobachtet auf mehreren Fronten gleichzeitig – insgesamt sind es vier. Da wäre die Storyline rund um Entertainer Bob Hope (großartig herablassend und gleichzeitig charmant: Greg Kinnear), der letzten Endes auf der Showbühne die meiste Häme kassiert. Da wäre die Storyline rund um den Miss World-Organisator Eric Morley, gespielt von Notting-Hill-Faktotum Rhys Ifans als geschäftiger Allrounder. Da wäre die Storyline rund um Gugu Mbatha-Raw als Grenadas Schönheitsgöttin und eben jene um Keira Knightley sowie die draufgängerische Jessie Buckley, die anfangs das eine und das andere Ende der Frauenbewegung bilden, letzten Endes aber an einem Strang ziehen, wenn die Katze aus dem Sack soll. Ein klug gecastetes Ensemble vereint sich um ein straffes Script, dessen Szenen richtig getimt und genau da sind, wo sie hingehören 

Die Misswahl überlässt als zeitgeschichtliche Chronik natürlich nichts dem Zufall – wie denn auch. Die Fakten stehen geschrieben, das ist es nur gut und recht, ihnen auch emotional und wohlrecherchiert gerecht zu werden – künstlerische Freiheiten außen vorgelassen, die müssen sein, sonst wär´s recht trocken. Was Die Misswahl sicher nicht ist. Vielmehr ein kluges Panoptikum aus eigenwilligen Patriarchen, dem schillernden Showbiz und nachhaltigen Mutmacherinnen.

Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution