New Order – Die neue Weltordnung (2020)

GRÜN IST DIE FARBE DES UMBRUCHS

7,5/10


Naián González Norvind inmitten der Aufstände in New Order
© 2020 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: NUEVO ORDEN

REGIE / DREHBUCH: MICHEL FRANCO

KAMERA: YVES CAPE

CAST: NAIÁN GONZÁLES NORVIND, MÓNICA DEL CARMEN, DIEGO BONETA, FERNANDO CUALETLE, ELIGIO MELÉNDEZ, DARIO YAZBEK BERNAL, AVIER SEPULVEDA, ROBERTO MEDINA, SEBASTIAN SILVETI, GUSTAVO SÁNCHEZ PARRA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN



Der Mexikaner Michel Franco hat seine ganz eigenen Visionen, um daraus Filme zu machen. Er schert sich wenig um altbekannte Erzählweisen, orientiert sich auch nicht an den Eliten in Hollywood oder Europa. Es kann passieren, dass ganz andere Pioniere in Francos Art und Weise des Filmemachens genug Inspiration sehen, um in sein Fahrwasser zu schippern – warum auch nicht. Gut übernommen ist halb gewonnen – für andere.

Die Kunst des Weglassens

In seinem Mysterydrama Sundown – Geheimnisse in Acapulco gibt Tim Roth einen rätselhaften Aussteiger, der in der Strandpromenade titelgebender Stadt herumhängt. Was relativ langweilig klingt, entwickelt sich zu einem vertrackten Psychogramm, in dem nur nach und nach das ganze seltsame Verhalten des isolierten Mannes Sinn ergibt. Ein Vexierspiel also mit nichts außer Tim Roth, viel Acapulco und einem Existenzialismus, der an Albert Camus erinnert.

Dabei zeigt sein erster abendfüllender Spielfilm, der Polit- und Gesellschaftsthriller New Order, bereits Francos Kunst des Weglassens und Nicht-Erzählens. Im Grunde sind es Bruchstücke, die er aneinander montiert, doch die sind gerade groß oder klein genug, um nicht fragmentarisch zu wirken. Nur Fragmente wären recht plump, doch so, wie Franco es macht – diese erzählerische Brut-Art, die nicht klotzig erscheint, sondern klug auf- und aneinandergelegt wird – das zeugt von einer eigenen intuitiven Vision. Und in dieser einen, ersten Vision, geht die ganze kaputte neureiche Elite von Mexiko-Stadt den Bach runter.

Die Reichen werden nicht erfreut sein

Reichtum ist im größten urbanen Moloch Mittelamerikas, um die Phrase nochmal zu dreschen, mehr als nur eine Schande. Wie so oft in Ländern wie diesem haben nur wenige alles, und alle anderen wenig. Eine Ungerechtigkeit, deren Konsequenzen man in den Geschichtsbüchern Europas lesen kann. Zum Beispiel im Kapitel über die Französische Revolution. Guillotine im Dauereinsatz. Köpfen, was das Zeug hält, die Vernichtung des Adels – und letztlich nur der vorübergehende Aufschwung des Proletariats, bevor kaisergleiche Anführer ihren Allerwertesten wieder auf den Thron geschoben haben werden.

In Mexiko erscheint dieser Umbruch als niederschmetternde, semidokumentarische Zukunftsvision, die schon in den ersten Minuten für Unbehagen sorgt. Eine feine Hochzeitsgesellschaft gibt sich die Ehre, die Wohlhabenden versammeln sich, während ein gewaltiger Demo-Zug der Unzufriedenen und Übervorteilten im ganzen Stadtkreis revolutionäre Züge annimmt.

Von Chaos und Ordnung

Und dann schwappt der Wahnsinn über – mit grüner Farbe, in Rage und mit Mordlust in den Augen, um die Diskrepanz zwischen den Klassen ein für alle Mal auszubügeln. Da kann es schon passieren, dass sich ehemalige Angestellte der feinen Familie zum Lynchmord an ihre Brotgeber hinreißen lassen.

Wer glaubt, damit wäre in dem ohnehin knappen 80-Minüter das Fass schon zum Überlaufen gebracht worden, der irrt. In weiterer Folge erzählt Franco das Schicksal von Braut Marianne. Wer das aushält, ist entweder gerade mit Unmengen an Resilienz gesegnet oder abgehärtet wie ein Krisenreporter.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn sie stirbt…

New Order ist schlichtweg harter Tobak. Ein Film, der verstört und lange nachhallt. Was objektiv wie das Erstarken einer Militärdiktatur ganz und gar nicht nach düsterem Zukunftsszenario klingt, da Südamerika diesen Wahnsinn bereits mehrmals über sich ergehen lassen musste, ist im Detail abgrundtief nihilistisch, destruktiv und hoffnungslos. Wer glaubt, im Kino gäbe es immer und überall noch die Gunst des Schicksals für das Gute und Aufrichtige, der irrt spätestens hier, wo es keine Werte mehr gibt – nur Unterdrückung, Macht- und Raffgier.

Definitiv nichts für schwache Nerven, kann New Order niemanden gefallen. Allerdings ist die Chronik einer enthumanisierten Gesellschaft, die man sich garantiert kein zweites Mal ansehen will, es sei denn, es geht uns zu gut, auf erschütternde Weise fabelhaft gelungen und wirkt wie Flugangst ohne beruhigendes Händchenhalten.

New Order – Die neue Weltordnung (2020)

H wie Habicht (2025)

FEDERN VOR DEM LEBEN

6/10


Claire Foy als Helen mit ihrem Habicht Mabel im Film H wie Habicht
© 2026 Panda Lichtspiele


ORIGNALTITEL: H IS FOR HAWK

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA, SINGAPUR 2025

REGIE: PHILIPPA LOWTHORPE

DREHBUCH: PHILIPPA LOWTHORPE, EMMA DONOGHUE, NACH DEM AUTOBIOGRAFISCHEN BUCH VON HELEN MCDONALD

KAMERA: CHARLOTTE BRUUS CHRISTENSEN

CAST: CLAIRE FOY, BRENDAN GLEESON, LINDSAY DUNCAN, DENISE GOUGH, SAM SPRUELL, EMMA CUNNIFFE, JOSH DYLAN, EDEN HAMILTON, ARTY FROUSHAN, ANGUS COOPER U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Kommt ein Vöglein geflogen

Dieses Vöglein hat allerdings kein Briefchen im Schnabel, sondern eher ein erlegtes Kaninchen. Doch was will man machen, das ist die Natur der Sache bei einem Habicht, der als Beutegreifer und Raubvogel das Töten anderer Lebewesen sowieso nicht bewerten kann, wo es doch in der Natur selbst kein Gut und Böse gibt, keine Moral und keinen Anstand. Die Natur verlangt den Zweck, sie selektiert, lässt überleben, wer sich geschickter anstellt, und sterben, wer nicht das Zeug dazu hat, die Challenge mit dem Titel „Survival of the Fittest“ zu stemmen.

Tut uns das Kaninchen denn nicht leid?

Der Vorwurf einer gewissen Zuhörerschaft im Film H wie Habicht, den sich Cambridge-Dozentin Helen McDonald gefallen lassen muss, nämlich, dass sie den Tod anderer Tiere in Kauf nimmt, fußt wohl auf einer gewissen Ahnungslosigkeit oder fehlenden Bereitschaft, sich mit Natur, Biologie und Verhaltensforschung jemals auseinandergesetzt zu haben oder auseinandersetzen zu wollen. Am liebsten würde man, sitzend im dunklen Auditorium, diesen woken Besserwisser des Saales verweisen. Während man Helen dabei zusieht, wie sehr sie die Notwendigkeit verteidigen muss, tut sie einem leid. Dass ein Habicht eben sein Habichtverhalten an den Tag legen muss, ist essentiell – sonst wäre er in dieser Welt fehl am Platz.

Ein Todesfall verleiht Flügel

Genauso fehl am Platz fühlt sich Helen McDonald, auf deren Autobiografie dieser Film hier beruht. Sie wird vollends aus ihrem geregelten Leben geworfen, aus ihrem Habitat sozusagen, als ihr über alles geliebter Vater an Herzversagen stirbt. Mit ihm konnte sie schließlich alles teilen: Die Begeisterung für die Welt, das Birdwatching, den Humor – und den steten Drang, immer ganze Berge bewegen zu wollen und nie stillzuhalten. Dieses Stillhalten muss die trauernde Tochter aber lernen, als sie sich im Zuge einer Kurzschlussreaktion oder aber durch Überkompensation ihrer emotionalen Notlage einen Greifvogel anschafft.

Jetzt wohnt dieses freiheitsliebende Tier in ihrer Wohnung, darf anfangs nur diese blickdichte Haube tragen, die Falkner den Tieren so gerne überstülpen, damit sie ruhig bleiben. Dann aber begegnen sich beide von Angesicht zu Angesicht. Und es scheint, als würde Helen plötzlich so sein wollen wie dieser Vogel, der, sofern man ihn lässt, weiß, wie er leben und was er tun muss.

Ein Mensch weiß das nicht, der ist stets Produkt seiner Umwelt und seiner Emotionen, die lange nachhallen und nicht verschwinden wollen. Auch Tiere können depressiv werden, auch Tiere können trauern, doch immer wieder erlangt sich das Überleben die höchste Priorität zurück. Wie soll das also Helen schaffen, die immer mehr sich selbst verliert, oder besser gesagt: in diesem Tier, das plötzlich alles für sie ist. Freiheit, Triumph, Ordnung, Klarheit.

Des widerspenstigen Vogels Zähmung

Die Britin Philippa Lowthorpe, bekannt für ihre Arbeit an Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution – muss hier nun trotz einer überschaubaren, recht handlungsarmen Geschichte ein Psychogramm erstellen, in dem es hauptsächlich um Empfindungen geht, die sich zumindest im Verhalten des Vogels widerspiegelt. Daher setzt sie auch unmissverständlich den Fokus auf die Zähmung eines widerspenstigen gefiederten Freundes, der als Metapher dafür steht, wie gut oder wie schlecht man sein innerstes Ich steuern kann.

Von der Recherche im Internet bis zur innigen Freundschaft zwischen Mensch und Tier sehen wir alle Zwischenstufen eines Falkner-Lebens, zwischendurch mutet H wie Habicht wie eine Dokumentation an, während der aber immer wieder die Überlegung aufkommt, ob die Bindung eines freiheitsliebenden Tieres wie ein Greifvogel an einen Menschen nicht doch ein bisschen so etwas wie Tierquälerei sein kann. Kein Lebewesen entzieht sich gerne seinem Sehsinn. Da lässt sich doch nur vermuten, dass sich ein Vogel durch diese Falknerhaube sicherer fühlt – wissen kann man es nicht.

Doch sei es wie es sei – das Tier ist prachtvoll, man wünscht ihm, es könnte entfliehen, und man wünscht Helen die Eingebung, dass sie doch dieses Tier endlich loslassen soll.

Wie habt ihr es mit Falknerei?

Muss man sich für Falknerei also interessieren? Nun, bis zu einem gewissen Grad schon, und tut man es nicht, geht doch einiges verloren. Was man gewonnen hat, ist Claire Foys Schauspiel – sie ist phänomenal, macht es sich niemals einfach, indem sie im Selbstmitleid versinkt, sondern entwickelt ihre Verhaltens-Transformation fast schon beiläufig, sich selbst etwas vormachend, nur langsam reflektierend, was sie hier tut. Dafür ist H wie Habicht wirklich sehenswert, obendrauf gibt es natürlich Brendan Gleeson, den man, obwohl man ihn nie als Vater hatte, wirklich auch zu vermissen beginnt.

Es ist nun mal eine True Story

Lowthorpes Psychodrama ist fasziniert von seinem Habicht, ist fasziniert von Claire Foy, doch führt für meine Begriffe die Lebensgeschichte nicht zu einem konsequenten, vielleicht auch radikalen Ende. Diese Diskrepanz zwischen Wildheit und gesellschaftlicher Norm, die hätte das Zeug gehabt, sich freizukämpfen und weiterzuentwickeln. Sie hätte über ihren narrativen Schatten springen können, das wäre eine Wucht gewesen. So aber muss H wie Habicht der True Story gerecht werden. Manchmal ist das Leben durchaus auch weniger spektakulär als die Fiktion. Reales kann man nicht erfinden? Doch, diese Geschichte schon.

H wie Habicht (2025)

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)

EMANZIPIEREN GEHT ÜBER STUDIEREN

5/10

 

Haley Bennett will in Virginia Woolf's Night & Day einfach nur studieren
© 2026 Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, IRLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: TINA GHARAVI

DREHBUCH: JUSTINE WADDELL, NACH DEM ROMAN VON VIRGINIA WOOLF

KAMERA: SEBASTIAN EDSCHMIED

CAST: HALEY BENNETT, ELYAS M’BAREK, LILY ALLEN, TIMOTHY SPALL, JENNIFER SAUNDERS, JACK WHITEHALL, MISIA BUTLER, SALLY PHILLIPS, SIMON PHILLIPS, CAMILLA BORGHESANI, ERIKA LINDER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Wenn ein Trailer den Film erzählt

Es gibt keinen anderen Film, von welchem ich in den letzten drei Monaten im Kino nicht öfters den Trailer ansehen habe müssen als für diesen hier: Virginia Woolf’s Night & Day. Haley Bennett, die, des Nächtens im Wasser schwimmend, zu den Sternen blickt und sich bei diesen Lichtjahre entfernten Himmelskörpern erkundigt, ob diese ihr nicht zublinzeln. Immer und immer wieder, es ist, als hätte man den Film bereits gesehen, da der Gusto machende Zusammenschnitt sogar das zu erwartende Ende vorwegnimmt. Da will ich schließlich auch wissen, ob der Film selbst dann mehr bietet als nur Sterne, Blinzeln, Heiratsanträge und ein griesgrämiger alter Patriarch namens Timothy Spall, der seine Tochter anhält, gefälligst Mutter und Ehefrau zu sein.

Drängende Themen bis heute

Virginia Woolf war da immer schon eine Avantgardistin in Sachen Frauenrecht und Selbstbestimmung. Ihr zweiter, 1919 erschienener Roman Night and Day erzählt von einer resoluten jungen Frau, die nicht daran denkt, sich mit ihrem Sandkastenfreund zu verloben, nachdem der ihr einen mehr oder weniger unbeholfenen Antrag macht. Katharine, so nennt sich Bennetts Figur, will studieren, das Universum erforschen, und ganz im Speziellen herausfinden, was es zu bedeuten hat, wenn manche Gestirne heller scheinen als andere. Dafür büffelt und erforscht sie im Obergeschoss einer Fabrik, die nebenbei noch den Suffragetten als Basislager dient. Mit anderen Worten: Eine Kämpferin wie Katherine können all die Frauenrechtlerinnen (und Frauenrechtler) gut gebrauchen.

Nur nichts ausprobieren!

Was nicht zu erwarten war: Elyas M’Barek, Zugpferd des Deutschen Kinos, darf sich hier im England des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts als immigrierter Lektor versuchen – bei einem unaufgeregten Film wie diesen gelingt ihm das formidabel, und natürlich kann man, was die Professionalität des ganzen Ensembles angeht, nicht wirklich meckern. Doch obwohl Virginia Woolf’s Night & Day naturgemäß für eine gute Sache einsteht, oder besser gesagt: von den Anfängen weiblicher Emanzipation berichtet (worüber man nie zu viel bringen kann), plätschert der ganze Streifen ohne Wendungen recht gediegen und von vornherein schon durch seine thematische Ansage gesättigt vor sich hin – und kann tatsächlich kaum viel mehr beitragen als bereits schon im Trailer veröffentlicht. Dort ist tatsächlich alles schon gesagt, im Film dann vom selben noch viel mehr, was Virginia Woolf’s Night & Day eine Beschaulichkeit angedeihen lässt, die jedwede gesellschaftliche Aufbruchs- und Ausbruchsstimmung einfach nicht empfinden kann.

Was läuft denn zu den Feiertagen?

Tina Gharavis Arbeit hat den Verve eines für die Weihnachtsfeiertage angefertigten BBC-Fernsehfilms, der sich mehr hat kosten lassen als womöglich andere Projekte, der aber in seiner konventionell erzählten Simplifikation der Geschichte jeden fernsehenden Haushalt weitestgehend zufriedenstellen wird. Ist ja nett anzusehen, dieses Drama, es regt nicht auf, es schert nicht aus, es bedient den Glanz der Festtage mit gefällig aufbereiteter Literatur.

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)