Spider-Man: Brand New Day (2026)

DU ENTSCHULDIGE ICH KENN‘ DICH …

7/10


Tom Holland entdeckt neue Fähigkeiten an sich selbst in Spider-Man: Brand New Day
© 2026 TMG / MARVEL


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

DREHBUCH: CHRIS MCKENNA, ERIK SOMMERS, JUSTIN KURITZKES

KAMERA: BRETT PAWLAK

CAST: TOM HOLLAND, ZENDAYA, JACOB BATALON, SADIE SINK, JON BERNTHAL, MARK RUFFALO, TRAMELL TILLMAN, LIZA COLÓN-ZAYAS, FLORENCE PUGH, MICHAEL MANDO, MARISA TOMEI, OLIVIA BOOTH-FORD U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Kevin Feige im Kabelsalat

Diese Multiversum-Saga hat keinen roten Faden mehr, obwohl das neueste Abenteuer der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft immer noch dazugehört. Du meine Güte, wie haben sich Disney und Marvel, genauer genommen Kevin Feige hier nicht verheddert wie man sich sonst nur in einem Kabelsalat verheddern kann, der hinter dem Schreibtisch vor sich hinstaubt.

Zu Beginn war noch alles relativ strikt und stringent erzählt, bevor all die neuen Gesichter, Protagonisten und Antagonisten überhandnahmen, zwischendurch mal auftauchten, dann wieder gekippt wurden und gar nicht mehr weitergeführt, da es schier unmöglich schien, an all diesen Sidestorys, Nebenplots und sonstigen Abenteuern dranzubleiben. Die Multiversum-Saga hat irgendwann, vielleicht nach der letzten Folge der Serie Loki, ihren Geist aufgegeben. Die ganze Phase des MCU nennt sich vermutlich nur proforma so, damit das ungeliebte Kind einen Namen hat.

Bingewatching mit den Kinofilmen

Filme und Serien wurden seltener, die Abstände zwischen den Releases so enorm, dass wohl kaum jemand mehr den Konnex zu einem der älteren Filme herstellen würde. The Fantastic Four? Stimmt, da war doch was. Die sollten angeblich die Phase 6 des MCU einläuten, und nicht, wie es logischer wäre, die Thunderbolts* aka New Avengers. Die Fantastic Four: First Steps mit Pedro Pascal und Vanessa Kirby schwammen letztes Jahr irgendwo im Sommerkino mit, erzählten so nebenbei ein Abenteuer über und mit dem gigantomanischen Galactus, bevor das Alternative-Universum-Abenteuer wieder sang und klanglos aus dem Gedächtnis verschwand. In Avengers: Doomsday sollen sie dann erneut antanzen. Vermisst hat man sie nicht. Vielleicht aber einen wie Spider-Man mit Tom Holland in seiner Paraderolle – was spätestens seit der Odyssee klar wird. Statt Telemachos lieber Peter Parker.

Mister Anonym im Großstadtdschungel

Und der schließt mehr oder weniger nahtlos (5 Jahre später) an einen noch weiter zurückliegenden Film an, nämlich Spider Man: No Way Home. Dieses Abenteuer hat so seine Spuren hinterlassen, mitunter auch jene der anderen beiden Spider-Man-Darsteller: Toby Maguire und Andrew Garfield. So wurden die Sony-Filme in die MCU-Timeline aufgenommen, Stiefkind bleibt dabei nach wie vor Venom.

Aber gut: Dieser neue alte Peter Parker hat doch, um die Menschheit und seine Geliebte MJ (Zendaya) zu retten, seine Identität aus allen Gedächtnissen auf diesem Planeten gelöscht. Spider-Man: Brand New Day trifft es also ziemlich gut: Ein Neuanfang steht ins Haus, Business as usual, möchte man fast meinen – wozu auch gehört, einigen Mittelklasse-Bösewichten wie dem Skorpion (Michael Mando, Better Call Saul) das Handwerk zu legen.

Natürlich behält Peter seine ehemaligen Freunde weiter im Auge und wartet auf den Moment, um neu anzudocken, als kleiner großer Unbekannter. Währenddessen aber macht sich eine schwer zu fassende Präsenz in New York breit: eine, die man nicht sehen kann und nur in den Köpfen der Leute steckt. Ein telepathischer Unhold treibt sein Unwesen, und diese Bedrohung kommt natürlich gerade dann, wenn sich Spideys Spinnen-Gene entschließen, ein organisches Upgrade durchzuführen.

Alleine kann er diese ganzen Herausforderungen nicht stemmen, da braucht es einen alten Bekannten. Ist es Hulk? Ja, der auch, aber nur peripher. Vorrangig ist es der Punisher, die wohl brutalste und gnadenloseste Figur von Marvel, absolut nicht jugendfrei, moralisch zweifelhaft, aber im Ganzen als urbaner Berserker unwiderstehlich.

Der Harte und der Zarte

Tom Hollands Freund Jon Bernthal schafft doch irgendwie das Kunststück, vom brutalen Selbstjustiz-Killer, umhüllt von trostloser Trauer, zur einer immer noch martialischen, aber aufgeweckten und weniger grimmigeren Kampfmaschine zu wechseln. Das heisst nicht, dass sein Charakter, so wie ihn seine Fans bislang kannten, dadurch korrumpiert wird – einzig der Fokus ist ein anderer. Und der Punisher kann durchaus auch mal Licht am Ende des Tunnels sehen, vor allem, wenn er es mit Spider-Man zu tun hat, mit dem er auf Staten Island irgendein Ding gedreht hat und der bei ihm schließlich etwas gut hat.

So haben wir in Brand New Day doch einige bekannte Gesichter, ein überraschendes Cameo – und eine ganz neue Figur, über die ich hier natürlich nichts verrate. Diese Figur aber bemüht sich genauso wie Spider-Man selbst, die Brücke zu schlagen vom letzten Marvel-Film bis zum großen Opus Magnum im Dezember – Avengers: Doomsday.

Ein Superheldenfilm wie damals?

Was Destin Daniel Cretton dabei gelingt: Die Erinnerung an die phänomenale Infinity-Saga zu wecken. Schließlich waren aus diesem Handlungsbogen wohl die besten Superheldenfilme hervorgegangen, die es je gegeben hat und die es womöglich jemals geben wird. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Zusammensetzung war Marvel da am Zenit seiner Kunst.

Cretton kann sich noch daran erinnern, schließlich zählt sein Film Shang Chi and the Legend of the Ten Rings zu einem der besseren Episoden der Post-Infinity-Ära. Cretton weiß, und auch Holland weiß es, wie Spider-Man tickt; was er erlebt hat, und wie sich der Charakter weiterentwickeln könnte. Das fängt er gut ein, und hat auch nicht vor, hier seinen individuellen Stempel aufzudrücken, sondern begnügt sich damit, den Marvel-Kosmos weiter zu atmen.

Mit dem Auftritt von Hulk ist es dann fast so, als säße man wieder in den Avengers-Filmen von damals. Richtig nostalgisch und warm ums Herz wird einem da – auch wenn Spider-Man: Brand New Day wirklich nicht zu jenen Filmen zählt, die die größten Schauwerte und die spektakulärsten Erlebnisse bereithalten.

Es geht um Emotionen

Crettons neue Episode ist wie eine Serien-Staffel in kompakter Form. Sehr viel Freundschaft, sehr viele Begegnungen, dazwischen ordentliche Handgemenge und jede Menge Details, die Kenner der Materie mit Verzückung inhalieren. Auf fast schon bescheidene Weise, die mehr Geschichte erzählen will als wirklich zu beeindrucken, bleibt der Spider-Man: Brand New Day ein entspanntes Young-Adult-Abenteuer, das sich an vieles erinnert, was in diesem Universum schon so passiert ist, das wir als Fans vielleicht schon vergessen haben und das am Ende die Lust auf mehr weckt, auf noch mehr bewährtes Storytelling. Und auf eine Fusion, die manche schon lange herbeisehnen.

Spider-Man: Brand New Day (2026)

Die Odyssee (2026)

DIE PRAKTISCHE WUCHT DER MYTHEN

7/10

 

Matt Damon als Odysseus in Christopher Nolans Die Odyssee© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

DREHBUCH: CHRISTOPHER NOLAN, NACH DEM EPOS VON HOMER

KAMERA: HOYTE VAN HOYTEMA

CAST: MATT DAMON, TOM HOLLAND, ANNE HATHAWAY, ROBERT PATTINSON, HIMESH PATEL, CHARLIZE THERON, ZENDAYA, BENNY SAFDIE, LUPITA NYONG’O, JON BERNTHAL, JOHN LEGUIZAMO, ELLIOT PAGE, SAMANTHA MORTON, MIA GOTH, RYAN HURST, COREY HAWKINS, ANDREW HOWARD, JAMES REMAR, BILL IRWIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 52 MIN



Das Warten hat ein Ende – nicht nur für Penelope. Endlich ist er da, der neue Film von Christopher Nolan, der Hit des Sommers und der wohl am heißesten erwartete Film des Jahres, bevor noch die Avengers den Doomsday einläuten.

Dabei aber ist eines klar: Nolan ist niemand, der sein Publikum in erster Linie in den Eskapismus führen will. Seine Filme haben stets Gewicht – sind sie nun intellektuell herausfordernd wie Inception oder Tenet – oder historisch und gleichzeitig gegenwartsrelevant wie Oppenheimer oder Dunkirk.

Fast schon intim und doch riesengroß

Eines macht Nolan nicht, und zwar niemals: Blockbuster. Eventfilme. All das im herkömmlichen Sinn, durch Studios fremdbestimmt und durch die letzten Worte schlecht aufgelegter Sanktusgeber verwässert. Nolan ist ein Independent- oder gar ein Autorenfilmer. Sein neuestes Werk, Die Odyssee, frei nach Homers Epos, ist genau das: Arthouse – mit dem einzigen Unterschied zu anderen unabhängigen Arthouse-Filmen, dass diesmal ordentlich Budget zur Verfügung stand, und Nolan nicht daran denken musste, groß zu improvisieren, um Defizite wettzumachen.

Nolan kann sich zurücklehnen. Für seine Vision bekommt er, was er verlangt. Warum das so funktioniert, ist eine andere Frage. Fakt ist: Hier kehrt das Kino zu einer reaktionären und zugleich progressiven Art von „New Wave“ zurück – zu einem Neo-Neo-Realismus, der so wenig wie möglich mit den Bequemlichkeiten und der fehlenden Echtheit von Studioproduktionen zu tun haben will.

Ein Stoff, von dem wir alle was haben

Um das zu bekommen, mussten Nolan und sein Team wohl einen Stoff vorlegen, der diesen „New Wave“-Weg eigentlich erst rechtfertigt. Das funktioniert am besten mit alten Geschichten, die uns alle verbinden. Mit einem Epos, das in einer Zeit spielt, in der die Geschichte Amerikas lange noch in Europa liegt – wie eine Art Wiege, eine magische Identität, die die USA sonst vergeblich suchen würde und dabei in den Junk-Food-Beglückungen eines Percy Jackson-Abenteuers landen muss, in denen die griechische Götterwelt längst aus Europa auswandern und ins Exil hat müssen und der Olymp womöglich in New York liegt.

Und irgendwann bleib i dann dort…

Die Odyssee gibt einiges her. Gerade im Sommer, wenn das Schippern diverser Stars auf dem Mittelmeer Lust auf Griechenlandurlaub entfachen soll. So manche werden hoffen, dass sie, wenn sie schon nicht dort sind, zumindest ein paar Culture-Vibes aus dem Kinosaal als Souvenir mitnehmen können.

Den Wunsch erfüllt Nolans Version jedoch weniger. Keine exotische, liebliche, abenteuerlustige Mittelmeerkreuzfahrt. Sondern ein Apocalypse Now aus einer Zeit, die längst schon verklärt genug ist, um Schlachten wie die um Troja zu romantisieren.

Lieferengpass für Lotusblüten

Die ganze verdammte Reise des Odysseus, die in mosaikartiger Anordnung ähnlich wie in Homers Vorlage in das kollektive Gedächtnis des Publikums sickert und letztlich auch in den durch Kalypsos Lotusblüten umnebelten Geist des Protagonisten, lehnt den Tonus der feisten Helden-Apotheose strikt ab und schenkt dem listig-kreativen Krieger, dem Troja auch selbiges Pferd zu verdanken hat, einen psychologischen Irrweg der Reue und der Schmach.

Verfolgt von den Bildern eines brennenden und hingemetzelten Königreichs, treibt es ihn und seine Männer an wenig gastfreundliche Gestade – vom Zyklopen Polyphem über die kannibalischen Laistrygonen und der Zauberin Circe, die in einer völlig irren Body-Horror-Sequenz Odysseus‘ Kameraden in Schweine verwandelt, bis hin auf die Insel des Sonnengottes und seiner Kuhherde, an der sich kein Sterblicher vergreifen darf.

Einmal straffen und kürzen, bitte!

Nolan, der Homers Epos in der aktualisierten Version von Emily Wilson als Grundlage verwendet hat, nimmt sich so einige Freiheiten, die nicht dem klassischen Stoff, so wie wir ihn kennen, entsprechen möchten.

Zum Beispiel hier: Polyphem führt niemals einen Dialog mit Odysseus (schade um „Mein Name ist Niemand“). Circe wird im Grunde auf völlig andere Weise bezwungen und ein Floß, wie einst Tom Hanks in Castaway, baut Odysseus eigentlich auch nicht. Vielmehr stößt dieser nach seinem siebenjährigen Aufenthalt auf Kalypsos Insel auf Prinzessin Nausikaa, die ihn am Ende auch nach Ithaka bringt.

Zugegeben, Die Odyssee ist ordentlich Stoff, irgendwo muss Nolan auch kürzen, und irgendwo muss auch er seinen Schwerpunkt setzen, der beim Krieg, beim Verrat und bei einer abenteuerlich konnotierten Katharsis liegt. Da hat das Geplänkel mit dem Zyklopen keinen Platz, da ist Augenzwinkern nicht gefragt, da darf es durchaus bleischwer übers Meer gehen, denn auch die Antike war nichts, wohin man sich wünschen sollte, weil es da womöglich illustrer war.

Die Pflicht, Odysseus‘ Abenteuer abzuhaken

Mit dem Fokus auf den Krieg – am Ende, in einer schauspielerisch grandiosen, weil ruhigen und ausnahmsweise mal nicht wummernden Szene lässt Matt Damon, noch immer verkleidet als Bettler, vor Penelope die Schande mit dem Pferd nochmal Revue passieren – nimmt sich Nolan allerdings kaum Zeit, Odysseus‘ Abenteuer lustvoller zu feiern.

Diese werden, bis auf Kalypso (idealbesetzt: Charlize Theron) chronologisch geordnet, mehr abgehakt als ausgefochten. Kaum sind die Laistrygonen dran, sind sie auch schon weg. Viel mehr will sich Nolan mit Telemachos (blass: Tom Holland) auseinandersetzen, was ihm wieder die Wucht seiner Mythologie nimmt. Stattdessen poppt ab und an Zendaya als angebliche Athene auf – oder als begleitendes schlechtes Gewissen. Doch auch sie bleibt überraschend unscheinbar und maximal eine Fußnote.

Ein Filmdreh als Europareise

Weniger Querverweis, sondern der eigentliche Grund, warum man Nolans Odyssee sehen sollte, ist das streng auferlegte Credo der Authentizität und der exzessive Wille, alles, was nur möglich wäre, „on location“ gedreht zu haben.

Natürliches Licht, echtes Salzwasser, echte Schiffe; ein fast schon echter Polyphem und ein nahezu echtes Troja – Handwerk macht auch in der Welt des Films einen Unterschied. Schließlich fühlt es sich anders an, rauer, physischer, vom Ensemble einfach empfundener. Wenn mehrere Dutzend Statisten ein echtes trojanisches Pferd über den Strand ziehen, so ist das – mit all der Muskelraft, dem Schweiß und dem Sand – einfach geschehen.

Wenn Circes Schweine echte Schweine sind, das Wasser im Gesicht von Matt Damon tatsächlich das Mittelmeer, der dunkle Lavastrand, der den Hades markiert, auch wirklich Lava – so ist das epischer, auf spezielle Weise berührender Realismus, dem virtuell Erstelltes niemals entgegentreten kann. Der Unterschied ist schwer zu artikulieren, und daher eigentlich nur zu erfahren.

Audiovisuelle Stärken

Die Wucht der Bilder entsteht dann aus dieser Anforderung heraus: Wenn Zyklop Polyphem als gespenstischer Golem wie aus einer Zeichnung von Alfred Kubin im Gegenlicht des Höhleneingangs erscheint, wenn nur die Flammen des Feuers ihn erleuchten, dann sind das visuelle Interpretationen, die man so noch nicht gesehen hat. Mitunter ist diese Szene etwas ganz Besonderes, auch der Hades mit all den Toten oder Circes Zauber: düster und gespenstisch zwar, aber, ergänzt durch Ludwig Göranssons kreativem Score als Stimmungsmultiplikator, wegweisend gefilmt.

Gebändigte Impulsivität

So steht der visuelle Reiz gegen eine verpeilte Dramaturgie, die gerne impulsiver wäre, als sie eigentlich ist, stattdessen verblüffend rational und ernüchtert Odysseus Herausforderungen annimmt. Die Odyssee wirkt fast schon kontemplativ, weniger leidenschaftlich, obwohl die Bilder diese Leidenschaft ausleben möchten, es aufgrund einer verbissenen narrativen Vision aber einfach nicht können.

Matt Damon tut da sein bestes, er selbst verschwindet irgendwann hinter der Figur des Odysseus – und das, obwohl Matt Damon jeder kennt. Ist dieser Wendepunkt erreicht, ist das hohe Kunst. Auch Anne Hathaway ist stark, Robert Pattinson, fies wie noch niemals zuvor, ebenso. Und Elliot Page als Sinon muss wohl die bedauernswerteste Figur des ganzen Epos verkörpern.

Es lebe der praktische Realismus!

Was bleibt, unterm Strich? Nicht zwingend massentaugliches Independentkino mit Riesenbudget und großem ökologischem Fußabdruck, den Nolans Vision rechtfertigen will. Eine erstaunliche Optik, viele reise- und kriegsmüde Männer und ein Manifest auf den praktischen Realismus, der den computertechnologischen Bequemlichkeiten den Kampf ansagt. Bleibt nur die Frage, ob sich Die Odyssee vorrangig durch ihre Absichten und Ambitionen identifizieren will. Abgekoppelt von seiner Entstehung, ist der Film dann immer noch ein Meisterwerk?

Die Odyssee (2026)

Uncharted

KOMM, WIR FINDEN EINEN SCHATZ!

7,5/10


uncharted© 2022 Sony Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: RUBEN FLEISCHER

CAST: TOM HOLLAND, MARK WAHLBERG, ANTONIO BANDERAS, SOPHIA ALI, TATI GABRIELLE, STEVEN WADDINGTON, MANUEL DE BLAS, RUDY PANKOW U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Hätte es das Zeitalter der Piraten nie gegeben, wäre die Welt um erquickende Challenges zum allgemeinen Zeitvertreib ärmer. Schade eigentlich. Wir hätten auch keine Schatzinsel nach Robert Louis Stevenson. Wir hätten auch keine Mythen von vergrabenen Kisten irgendwo an küstennahen Orten unbewohnter Inseln. Diese Piraten, vielleicht gar mit Freibrief der britischen oder spanischen Krone, sogenannte Freibeuter, sind bis heute der Inbegriff für Verwegenheit, Abenteuerlust und einer gewissen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ähnlichen Unternehmern, die vom frühen 16. Jahrhundert an in ihren schwankenden Galeonen die Weltmeere unsicher und die Daheimgebliebenen um Geschichten reicher gemacht hatten. Disney, gemeinsam mit dem schrägen Helden Jack Sparrow, hat das exotische Abenteuer ins 21. Jahrhundert gerettet. Videospiele sind da mitgezogen, wenngleich nicht mehr im Kontext historischer Begebenheiten. Eines davon: Uncharted (was so viel heißt wie; unerforscht, nicht verzeichnet). Spielfigur Nathan Drake, dessen Vorfahr womöglich der berühmt-berüchtigte Sir Francis Drake gewesen sein soll, weckt bei Spielern, und jetzt auch im Kino, das kindliche Entdecker-Gen aus früheren Zeiten, als es im Rahmen des Kindergeburtstags von den Eltern inszenierte Schnitzeljagden gab. Später dann, war der Nachwuchs schon älter, stand Geocaching auf dem Plan. In Uncharted werden Motive der guten alten Piraten aus der moralischen Grauzone mit der spitzbübischen Freude am Schatzsuchen verbunden. Ein bisschen Black Pearl, ganz viel die große weite Welt. Und der Thrill, schneller als die anderen das Rätsel der Schatzkarte lösen zu müssen.

Dazu braucht es Artefakte, gierige Antagonisten und ein Buddy-Team, das einander genauso wenig vertraut wie es Piraten getan haben, die sich zum Entern vereint haben. Kenner des Spiels wissen: Drake ist eine Waise, sein Bruder Sam verschollen. Aus dem Nichts taucht der charismatische Abenteurer Victor Sullivan, genannt Sully auf, erzählt dem Mittzwanziger von seinem Bruder und von der Sache mit Magellans Schatz, dem dieser gemeinsam mit ihm auf der Spur war. Jetzt braucht es Drakes Hilfe, um den Weg zum großen Reichtum zu ebnen, der irgendwo in der Bandasee nahe den Philippinen sein muss, denn Magellan – das weiß man – hat’s damals, 1521, nicht mehr bis ganz nach Hause geschafft. Der ominöse Schatz womöglich auch nicht, welcher aber eigentlich der (fiktiven) Familie Moncada zustehen müsste – damals Geldgeber des berühmten Entdeckers und nun, mit Antonio Banderas als jüngstem Spross, drauf und dran, ihr Recht zu beanspruchen. Was folgt, ist ein Tricksen und Austricksen, mal mit Erfolg, mal so richtig in die Hose gehend. Tom Holland und Mark Wahlberg tragen es mit Fassung, wahren stets einen Seitenhieb für den jeweils anderen auf ihren Lippen und machen auch noch die Rechnung ohne der mysteriösen Chloe, die eine eigene Vorstellung davon hat, wie der Coup laufen soll.

Seit Fluch der Karibik von Gore Verbinski und Janoschs Komm, wir finden einen Schatz! waren Schnitzeljagden quer durch fernwehweckende Territorien nicht mehr so launig und abenteuerlustig wie in Ruben Fleischers Verfilmung des Gaming-Kults. Holland und Wahlberg haben Spaß an der Sache. Sie sind zwar niemals jemand anderer als sie selbst, doch auch bei ihnen wird’s das Flashback aus der eigenen Kindheit gegeben haben, in der man sich aufgeschürfte Knie holt oder mit nassen Klamotten zurück ins Haus läuft. Uncharted hat keinerlei Längen, bringt seinen Plot auf den Punkt und lässt seine romantisierten Neuzeit-Piraten bei gutem Wind perfiden Bolzenfallen ausweichen und über tropische Gewässer schippern. Dabei verbeugt sich Fleischer vor dem Nonplusultra des augenzwinkernden Abenteuers, nämlich der Indiana Jones-Franchise, die in Uncharted garantiert die zeitgemäßere Version seiner selbst erkennen und wohlwollend abnicken wird.  

Zum Glück gerät Uncharted nicht zu einem High-Tech-Spektakel, sondern erdet sich mit rustikalen Freizeitpark-Schauwerten, die Parcours-Action satt bieten und den Escape Room-Hype genauso feiern wie Jump and Run-Sequenzen von der Konsole. Fleischer (u. a. Zombieland) gelingt ein erstaunlich aufgeweckter Einstand, der die Physik des verwegenen Abenteuers bedient, die zwar wenig mit der Realität zu tun hat, ohne die aber ein Genre wie dieses gar nicht existieren kann, würde man sympathischen Burschen wie Nathan Drake den Pfad ins Ungewisse nicht in die Gunst namhafter Ahnen stellen.

Uncharted

Spider-Man: No Way Home

DIE SPINNE MUSS NACHSITZEN

7,5/10


spidermannowayhome©2021 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2021 MARVEL


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JON WATTS

CAST: TOM HOLLAND, ZENDAYA, JACOB BATALON, JON FAVREAU, MARISA TOMEI, BENEDICT CUMBERBATCH, ALFRED MOLINA, JAMIE FOXX, WILLEM DAFOE, ANDREW GARFIELD, TOBEY MAGUIRE, J. K. SIMMONS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Da kann selbst Dune nicht mithalten: Spider-Man: No Way Home ist wohl der am heißesten ersehnte Film-Blockbuster des Jahres, und das trotz keinerlei Verzögerung durch Corona, denn so ziemlich punktgenau zum vorübergehenden Ende des letzten Lockdowns darf der gelenke Kletterer diesmal so gut wie alles durcheinanderbringen. Kein Wunder, ist der Knabe doch noch relativ grün hinter den Ohren, erschreckend naiv und idealistisch. Da hätte er während der Zeit bei den Avengers doch lieber von den alten Hasen noch anderes lernen sollen als nur: wie bediene ich ein Nanotech-Suit. Da fehlt es Peter Parker leider noch an Erfahrung und gesunder Distanz. Manchmal muss man aber auch nicht ganz so populäre Entscheidungen treffen – eine Lektion, der selbst Politiker gerne aus dem Weg gehen. Diesmal ist Spider-Man dran, sich genau diese Erkenntnis hinter die Ohren zu schreiben. Und der Preis dafür wird hoch sein. So wie die Erwartungshaltung des Publikums.

Denn wir wissen ja: Spidey wird mit Dr. Strange gefährliche Sachen machen, die das Raum-Zeit-Kontinuum und überhaupt die Multiversum-Theorie einem Praxislehrgang unterziehen. Wer da nicht die Vorgeschichten zu diesem nun kommenden Spektakel kennt, wird sich relativ schwertun, den Überblick zu bewahren oder auch nur nachzuempfinden, welche Ausmaße das Ganze hat. Um Spider-Man: No Way Home richtig und schrankenlos genießen zu können, bedarf es profunder Kenntnis diverser Episoden, die noch vor der Gründung des Marvel Cinematic Universe zurückreichen und nämlich dort ansetzen, wo Sam Raimi seinerzeit mit dem populären Netzstrumpfhelden begonnen hat: Nämlich 2002, sechs Jahre vor dem MCU-Einstand mit Iron Man. Eigentlich müsste man wirklich interessierten Sehern, die diese ersten Spider-Man-Filme nicht kennen, dringend ans Herz legen, die Sichtung selbiger nachzuholen. Und nicht nur das: abgesehen von der Kino-Chronik aller Filme sind selbst die auf Disney+ erschienen Serien durchaus hilfreich, wenn man sie gesehen hat, insbesondere was die zweite Post-Credit-Scene betrifft (sitzenbleiben!). Hilfreich wäre auch, bereits Bekanntschaft mit Venom gemacht zu haben. Man sieht: alles kommt zusammen wie das Bündel Spinnenfaden, die Spider-Man so gerne und oft verschießt, um sich durch die Gegend zu schwingen.

Was wohl viele kennen werden, ist der letzte Auftritt von Tom Holland in Spider-Man: Far From Home. Da hatte er alle Hände voll mit Mysterio zu tun, der es wiederum geschafft hat, am Ende des Films die Identität des Superhelden alle Welt wissen zu lassen. Das wäre jetzt für (fast) alle anderen Kostümträger im MCU gar kein Problem, ist deren Klarname doch ohnehin allen bekannt. Fragt sich natürlich: warum muss gerade Spider-Man inkognito bleiben? Dem nachzugehen würde das Comic-Erbe hinterfragen und das kausale Grundgerüst zum Wackeln bringen, also nehmen wir die Tatsache einfach hin. So kommt es, dass alle Welt vergessen hat, dass auch Spider-Man im Infinity-War seinen Beitrag geleistet und die Welt vor Thanos gerettet hat. Dass einer wie Mysterio mehr Vertrauen genießt als die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, bleibt ein weiteres Plot-Rätsel.

Peter Parker geht der Status Quo nun gehörig gegen den Strich, und so sucht er Dr. Strange auf, der ihm bitte schön helfen soll, Spider-Mans Identität erneut zu verschleiern. Der Zauber geht schief und der Magier muss das Ritual abbrechen – nichts ahnend, dass dadurch das Multiversum anklopft, aus welchem dimensionsfremde Superschurken über unsere eigene herfallen wollen. Strange und Spidey müssen diese Indifferenz wieder ins Lot bringen. Während Strange aber den Gesetzen der dimensionalen Logik folgen will und muss, ereifert sich Parker, all die Bösewichte eines Besseren belehren zu wollen, bevor er sie wieder „geheilt“ zurückschickt. 

Das Gute tun um jeden Preis: kann nicht funktionieren. Allen Menschen recht getan? Eine Kunst, die niemand kann. Mit Spider-Man: No Way Home hinterfragt Jon Watts die Reife junger Superhelden und lässt sie an ihrem Gutmenschen-Credo gnadenlos scheitern. Das Abenteuer schildert die Chronik eines  gut gemeinten Misserfolgs und gestaltet sich zu einer Parabel auf Selbstüberschätzung und eine aus idealistischer Verklärung entstandenen Dummheit. Dabei ist es nur gut und recht, Spidey dabei zuzusehen, wie er alles wieder gradebiegen will. Menschen und Superhelden machen gleichermaßen Fehler – das Universum in ihren Gesetzmäßigkeiten allerdings nicht. Und so entsteht ein spektakuläres Gerangel zwischen Inkompetenz und Metaphysik, mit Action satt, einem humorvollen, aber etwas zu verplauderten Triple-Feature und ganz viel Drama, dass sich manchmal selbst zu sehr leidtut. Alles in allem aber ist der dritte Soloauftritt von Tom Holland ein spezielles Guilty Pleasure für Kenner und Fortgeschrittene – alle anderen werden nur halb so viel Spaß haben. Doch auch dieses Quantum würde reichen, um sich gut unterhalten zu fühlen.

Spider-Man: No Way Home

Chaos Walking

SAG MIR, WAS DU DENKST…

5,5/10


chaoswalking© 2021 Studiocanal


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: DOUG LIMAN

CAST: TOM HOLLAND, DAISY RIDLEY, MADS MIKKELSEN, DEMIÁN BICHIR, CYNTHIA ERIVO, NICK JONAS, DAVID OYELOWO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Wer im deutschsprachigen Raum kennt diesen Klassiker nicht, in welchem Connie & Peter, mit dem Tretboot auf welchem See auch immer kreisend, dieses charmante Duett schmettern. Da fordert doch glatt der liebe Peter sein Herzblatt dazu auf, zu sagen, was sie denkt. Darauf das Mädel: Möchtest du das wissen? Darauf er: Du, ich weiß es längst. Sie: Meinst du etwa küssen…? und so weiter und so fort. In Chaos Walking geht’s genauso zu, nur wird dort der Spies umgedreht, und Daisy Ridley könnte dem erschreckend naiven Jungmann glatt seine Gedanken entlocken. Allerdings: das muss sie gar nicht. Denn auf diesem, der Erde fernen Planeten namens New World herrscht eine ganz eigenwillige biologisch-neurologische Anomalie vor: die Gedanken aller Männer sind hörbar. Allerdings nur die unkontrollierten, wild ausufernden Fetzen stiller Überlegungen. Manchmal sogar manifestieren sich diese gleich eines Hologramms. Mit so einer Besonderheit kann man aber leben, dachten sich die ersten menschlichen Siedler. Blöd nur, dass im Gegensatz dazu weibliche Gedanken zollfrei blieben. Blamieren mussten sich folglich nur die Männer. Bis zu jenem Tag, als die Siedlung, in der Tom Holland aka Todd Hewitt (dieser Name fällt durchaus des Öfteren) aufwuchs, ihres Frauenanteils beraubt wurde, und zwar durch die Hand der hundsgemeinen indigenen Bevölkerung. Wie durch Zufall aber fällt eines Tages die Raumkapsel mit Daisy Ridley vom Himmel. Sie nun die einzige weibliche Protagonistin, die allerdings bald auf der Flucht ist, weil der despotische Bürgermeister (routiniert: Mads Mikkelsen) sie als Köder für das im Orbit kreisende Mutterschiff benutzen will. Die kann von Glück sagen, dass Todd Hewitt nur ihr Bestes will (und noch viel mehr). Da nimmt man die enervierenden, recht banalen und klarerweise jugendfreien Gedanken des fahrigen Mittzwanziger als Dauerbeschallung gerne in Kauf.

Bei diesem Science-Fiction-Abenteuer hat sich das Beraterteam der beteiligten Produktionsfirmen wohl anfangs die entscheidende Frage gestellt: soll aus diesem wirklich innovativen Stoff ein Film- oder eine Serie werden? Die Daumen mal Pi-Regel, die sich bereits seit geraumer Zeit bewährt hat, lautet: da dieser Streifen natürlich auf einer Romantrilogie von Patrick Ness (u. a. Sieben Minuten nach Mitternacht) beruht, wäre eine Serie wohl der gerechtere Weg, die Sache mit ihrer gebührenden Sorgfalt und entsprechend der Vorlage auszugestalten. Ein Kinofilm hat da stets zu wenig Spiel- und Zeitraum zur Verfügung. Romane lassen sich also eher schlecht in einen Kinofilm quetschen – Kurzgeschichten hingegen schon. Die Romanregel bestätigt sich auch in Chaos Walking. Die Idee ist auffallend originell – tatsächlich gibt es immer noch genügend Ansätze im Kino des Phantastischen, die im Grunde komplett neu sind. Der adaptierte Plot allerdings gerät viel zu durchgetaktet und gehetzt, um auch nur irgendwie ein Gefühl für seine Materie zu bekommen.

Das mit den Gedankenwolken, auch als Lärm bezeichnet, gibt dem ganzen Szenario als Bonus einen speziellen augenzwinkernden Kick im ironischen Spiel mit den Geschlechterrollen. Stereotypische Klischees – wie zum Beispiel: der Mann denkt nur an das eine, und aus einer Frau wird man nicht schlau – werden hier mitunter augenzwinkernd und ganz dezent karikiert. Was hier Vorrang hat, ist aber das im Stile eines Western konzipierte Abenteuer um einen mehr oder minder missglückten interstellaren Kolonialversuch. Von der Gedankenwelt mal abgesehen, bietet Doug Limans Science-Fiction allerdings wenig Überraschendes oder gar Unvorhersehbares. Daisy Ridley hat in ihrem rollenbedingten Stress kaum Zeit, sich schauspielerisch zu entfalten. Tom Holland gibt gar etwas übertrieben den blauäugigen Helden – obwohl – angesichts der Umstände scheint sein Verhalten plausibler als wäre er der toughe Einzelkämpfer.  

Da es sich um eine Trilogie handelt, könnte es sein, dass, wenn die Kassa stimmt, es eine Fortsetzung geben könnte. Dann lässt sich hoffen, dass die fremdartigen indigenen Wesen, Spackles genannt, folglich nicht mehr so sträflich vernachlässigt werden wie hier.

Chaos Walking

Cherry

I GOT GUNS IN MY HEAD AND THEY WON´T GO

6,5/10


cherry© 2021 Apple+


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: TOM HOLLAND, CIARA BRAVO, JACK REYNOR, MICHAEL RISPOLI, JEFF WAHLBERG, FORREST GOODLUCK, MICHAEL GANDOLFINI U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN


Nur ein freundlicher Junge aus der Nachbarschaft? Mitnichten. Marvel-Shootingstar Tom Holland hat sich ja bereits schon mit der düsteren Ballade The Devil all the Time weit genug von seinem Spiderman-Image wegbewegt. Aber es geht noch weiter. Und zwar mit der Verfilmung eines Romans von Nico Walker, die vom Heldenmythos überhaupt nichts mehr wissen will und seinen Protagonisten in ein Wechselbad schlimmer Erfahrungen wirft, aus dem sich eigentlich kein Normalsterblicher herauswinden würde können. Dabei – und da würde Alanis Morisette zu ihrem Lied Ironic vielleicht noch eine Strophe hinzufügen ­– hängt in dieser überlangen Straße der Verdammnis das Schicksal des jungen Mannes namens Cherry von einem einzigen Umstand ab: und zwar vom Umstand von so etwas augenscheinlich Banalem wie Liebeskummer.

An dieser schmerzlichen Erfahrung ist Uni-Liebe Emily schuld. Nachdem die Beziehung längst schon nach etwas Fixem aussieht, entschließt sich die junge Dame, nach Montreal auszuwandern und mit Cherry Schluss zu machen. Wie denn jetzt? Spidey fällt aus allen Wolken, weiß nicht mehr, wo oben noch unten ist und beschließt aus einem Impuls heraus, die autoaggressive Selbstgeisselung in der Army zu suchen. Das Dumme aber: Emily macht einen Rückzieher, bleibt doch hier, will auch nicht Schluss machen, und kurz bevor Cherry in den Nahen Osten ausrückt, wird noch geheiratet. Völlig klar, dass die Gräuel des Krieges den jungen Mann zumindest psychisch komplett durch den Fleischwolf drehen. Wieder zurück in sicherer Heimat, geht´s nur noch bergab. Und zwar mit Drogen, soweit das blutunterlaufene Auge reicht.

Um zu zeigen, dass die Brüder Russo nicht nur Meister darin sind, im Superhelden- und Actiongenre die roten Fäden ihrer Plots fest in ihren Händen zu belassen, darf’s diesmal etwas Dramatisches sein. Und ja, sie verzetteln sich trotz dieser Fülle an Aspekten auch hier nicht. Ein überstilisierter und satter Abgesang auf den amerikanischen Traum ist ihr Film geworden, ein Abgesang auf Ruhm und Ehre beim Militär; auf die enden wollenden Kapazitäten einer menschlichen Psyche, die beileibe nicht alles aushält, schon gar nicht das von den Waffenlobbys angeheizte Abschlachten unter fremdem Himmel. Die Drogen sind da nur ein Symptom für eine soziale Dysfunktionalität und ein Vorbeiwirtschaften an der Volksgesundheit. Die literarische Vorlage ist mit Sicherheit ein galliges Werk – der Film der Russos zögert hier nicht, diesem Adjektiv nachzueifern, wenngleich hier sehr viele optische Stile ausprobiert werden, hinter denen aber kein System zu stecken scheint und die einfach gar willkürlich variiert werden. Natürlich, das lockert die straffe Abwärtsspirale etwas auf, macht sie nicht träge und larmoyant, sondern gibt ihr eine gewisse sarkastische Note. Zur Groteske ist es nicht mehr weit, und auch gegen Ende hin, wenn alle Stricke reißen, suhlt sich Cherry im heftigen Spiel von Tom Holland. Der hat´s wirklich drauf, vor allem in Szenen wie diese, in der er sich mit der Heroinnadel malträtiert und dabei den Frust seines Daseins gegen die Windschutzscheibe seines Autos brüllt. Direkt peinlich berührt will man da wegsehen, aber es wäre nicht Tom Holland, wenn in seiner Figur nicht noch ein Funken Überlebenswillen wäre. Ein Funke, der immer wieder durchkommt und den Film dann auch trotz seiner intensiven Szenen, die an Aaron Pauls Rolle in Breaking Bad erinnern, erträglich macht.

Erstaunlich einsam sind die beiden Liebenden und halb Sterbenden in diesem großzügigen Mix aus Kriegs-, Drogen- und Liebsdrama. Auf nichts scheint hier Verlass, weder auf Familie noch auf den Staat noch auf irgendeine helfende Hand. Aus dem Dreck, da muss man sich selber ziehen. Ganz allein.

Cherry

The Devil All the Time

IN EINER KLEINEN STADT

7/10


the-devil-all-the-time© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: ANTÓNIO CAMPOS

CAST: TOM HOLLAND, BILL SKARSGÅRD, HALEY BENNETT, ROBERT PATTINSON, SEBASTIAN STAN, JASON CLARKE, RILEY KEOUGH, HARRY MELLING, MIA WASIKOWSKA, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Der größte und gemeinste Trick des Teufels ist doch der, all die armen sterblichen Sünder glauben zu lassen, es gäbe ihn überhaupt nicht. Wenn diese Rechnung aufgeht, dann wäre der Antichrist wohl schon sehr zufrieden mit sich und der Welt. Doch es geht noch perfider: was, wenn der arme sterbliche Sünder versucht, zu Gott zu finden, und dabei die Fährte des Teufels gerät? Und gar nicht mitbekommt, dass er sich in seiner Gier nach dem göttlichen Fingerzeig weiter vor der Herrlichkeit wegbewegt als ihm lieb wäre. In Knockemstiff, einem Kaff in Ohio, bewegt sich so ziemlich alles von Gott weg, während es offenkundig auf Knien zu ihm hin rutscht. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits ist es Frömmelei, andererseits Macht, andererseits das Hoffen auf Wunder durch Dauerbeten. Knockemstiff, der Geburtsort von Autor Donald Ray Pollock, muss diesem nicht sonderlich gut in Erinnerung geblieben sein. Heute ist dieses Kaff eine Geisterstadt, damals womöglich war diese von Albträumen geplagt. Fast wie eine Art Twin Peaks, sogar ein bisschen von Stephen Kings Derry geistert da mit. Ein Fass ohne Boden also für Geschichten, die den Fluch aufs Leben beschreibt.

In The Devil All the Time – nach Pollocks Roman Das Handwerk des Teufels – ist die zentrale Figur ein Junge namens Arvin (Tom Holland, gänzlich jenseits von Spiderman), der dem religiösen Extremismus seines Vaters Willard (Bill „Pennywise“Skarsgård) beiwohnen muss, beide Eltern verliert und später bei seiner Großmutter aufwächst, gemeinsam mit einer anderen Vollwaise namens Lenora, die bald zu einer guten Schwester wird, die er um alles in der Welt beschützen will. Doch der Teufel, der ist immer da, die ganze Zeit, und der verzerrende Fanatismus für einen Glauben ist, so könnte man sagen, die Quelle seiner Kraft. Es wird bald klar, dass alles, was hier in diesem Film passiert, den Bach runtergeht.

Viele namhafte Schauspielgrößen, die hier allesamt ihr Können unter Beweis stellen, treiben im wahrsten Sinne des Wortes ihr Unwesen. Und sie alle haben ihren ausgesuchten Platz in diesem kreisenden Perpetuum Mobile abwärts. Pollocks Vorlage für einen Film zu adaptieren, das war sicherlich eine Challenge. Regisseur António Campos war bei dieser Sache aber ganz der Profi und hat weder überhastet noch prätentiös all diese vielen kleinen Szenen in ein Arrangement gepackt, geradezu entknäuelt und so angeordnet, dass man beim Zusehen ein Gefühl dafür bekommt, wie sehr und wo all diese Schicksale miteinander vernetzt sind. Fast scheint es, als wäre The Devil all the Time ein ineinander verkeilter Episodenfilm, vielleicht ist er das ja auch, doch im Endeffekt ist es ein großes Ganzes, ein Bündel an menschlichen Schwächen und gestörten Empfindungen. Wäre The Devil all the Time ein Song, dann hätte diese Ballade womöglich Nick Cave geschrieben. So dunkel, entschleunigt und schwer sickern diese Schicksale durch die Straßen dieser Kleinstadt. Doch statt Nick Caves Songs unterlegt Campos seinen Film mit beschwingten Country-Klassikern und konterkariert den American Way of Life in seiner zynischsten Form.

Zynisch, das ist das richtige Adverb für dieses epische Thrillerdrama, das ein großes Gespür sowohl für seine finsteren als auch für seine verblendeten Charaktere hat, die aber alle unter einem Glassturz stehen, als wären sie Teil eines isolierten Experiments. Man ahnt, wie die Dinge sich entwickeln könnten, meistens tun sie es dann auch genau in diese Richtung, durch diese Vorsehung erhält man als Zuseher eine wissende Distanz. Und der Löffel mit der bitteren Medizin geht zum Glück an einem selbst vorbei.

The Devil All the Time

Edison – Ein Leben voller Licht

HELL IN DER BIRNE

5/10

 

DSC03764.ARW© 2020 Filmladen Filmverleih

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, RUSSLAND 2017

REGIE: ALFONSO GOMEZ-REJON

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, MICHAEL SHANNON, TOM HOLLAND, NICHOLAS HOULT, KATHERINE WATERSTON, OLIVER POWELL, NANCY CRANE U. A.

 

Koryphäen der Wissenschaft – so könnte man den Trend rund um Geistesriesen des Industriezeitalters bezeichnen, welchen das Kino derzeit mit etwas mehr Nachdruck als sonst verfolgt. Marie Curie – Elemente des Lebens läuft derzeit auch in unseren Lichtspielhäusern, später dann soll noch Tesla mit Ethan Hawke folgen. Und das waren sicher nicht die letzten. Thomas Alva Edison war auch so ein Anstupser des menschlichen Fortschritts, einer mit ordentlich Grips in der Birne und mit ganz viel Licht in selbiger, allerdings auf dem Prinzip des Gleichstroms. Man braucht nicht glauben, dass zur damaligen Zeit nur Edison alleine der Heilsbringer für den technologischen Boom des Menschen war, da gab’s auch noch andere. Der eben erwähnte Futurist Nikola Tesla zum Beispiel, der allerlei Visionen hatte, und der Industrielle George Westinghouse, der das Prinzip der Glühbirne weiterführte, allerdings mit Wechselstrom hantierte und somit auch größere Gebiete der vereinigten Staaten mit Licht von der Leitung versorgen konnte. Edison sieht sich natürlich seiner Ideen beraubt und zieht gegen seinen Konkurrenten zu Felde – allerdings wird ihm das nicht viel bringen. Womit Edison im Eigentlichen zu Weltruhm gelangte, das sei seinem ausgeprägten Sinn für Marketing zu verdanken, und einem Hang zur Volksnähe, den all die anderen nie wirklich entwickeln konnten, am Allerwenigsten Tesla, ein blitzgescheiter, aber nerdiger schräger Kauz, der fast schon als Vorbild für Sheldon Cooper aus der Big Bang Theory gelten kann, zumindest was die Interpretation Nicholas Hoults in Alfonso Gomez-Rejons Film betrifft. Ihm gegenüber: Benedict Cumberbatch als derjenige, der bei Assoziativfragen zur Elektrizität womöglich als erster fällt: Thomas Alva Edison. Strenger Denker, ruheloser Erfinder, Superhirn, Geschäftsmann. Im privaten Schlepptau: zwei Kinder, eine Frau. Um Edison selbst handelt der Spielfilm, der bereits 2017 abgedreht wurde und aufgrund von Studiofusionierungen längere Zeit in der Schublade verschwand, nur peripher. Es ist die Geschichte eines Triumvirats von Amerikas technisch-utopischer Elite, die weder miteinander noch ohneeinander konnte.

Die frei nach geschichtlichen Eckpunkten zusammengetragene Dreifach-Biopic (obwohl Tesla entschieden zu kurz kommt, Westinghouse aber die meiste Spielzeit hat) will prinzipiell mal gar keine Studie über Edison himself sein – im Original trägt der Film den Titel The Current War. Kurz: der Stromkrieg – wofür Gomes-Rejon denn knallroten Teppich für die Creme de la Creme des Ausstattungskino ausrollt. Edison – Ein Leben voller Licht besticht weniger durch die reichlich trockene Angelegenheit von Industriegeschichte, sondern viel mehr durch einen üppigen Bilderreigen an Interieur und Kostümen. Mit krassen Weitwinkel-Takes, die an Terrence Malick oder Stanley Kubrick erinnern, fängt der Geschichtsfilm Popup-Bilder ein, die feines Schauvergnügen versprechen. Ein Who is Who namhafter Stars findet sich ebenfalls ein, um dem Stromkrieg ordentlich Volt zu verpassen. Die Energie allerdings macht sich aber maximal erst auf der quartalsmäßigen Stromrechnung bemerkbar. Das Schlammcatchen dreier Fachgenies fällt erstens viel handzahmer aus als gedacht, da kann man noch so viel dramaturgischen Füllstoff dazu erfinden, und zweitens sind die vielen Treffen fein gekleideter Herren in Fabriken, Salons und tapezierten Waggons irgendwann ermüdend. Cumberbatch variiert seinen Charakter nur selten, auch Michael Shannon bleibt ein geschmackvolles Gemälde inmitten der noblen Atmosphäre eines technischen Museums mit allerlei Dingen, die man zuhause nicht hat und für die man gerne in den öffentlichen Schauraum geht. Die interessanteste und auch relevanteste Anekdote ist wohl die über die Entstehung des elektrischen Stuhls als „humane“ Tötungsmethode. Sonst aber freut man sich im Nachhinein, seine Volkshochschulkenntnisse über Elektrotechnik nochmal aufgefrischt zu haben – viel mehr bleibt allerdings nicht.

Edison – Ein Leben voller Licht

Spione Undercover

LIEBER DIE TAUBE AUF DEM DACH

6,5/10

 

spioneundercover© 2019 Twentieth Century Fox Deutschland

 

ORIGINALTITEL: SPIES IN DISGUISE

LAND: USA 2019

REGIE: NICK BRUNO, TROY QUANE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): WILL SMITH, TOM HOLLAND, BEN MENDELSOHN, RASHIDA JONES, KAREN GILLAN U. A.

 

Eine gute Bekannte meinerseits darf momentan Zeuge des mütterlichen Instinkts einer Taube werden, denn die nistet gerade auf ihrem Balkon. Wer weiß, was sie sonst noch im Schilde führt. Vielleicht ist es ja gar keine Taube, vielleicht, und das sage ich nur im Flüsterton hinter vorgehaltener Hand, ist sie eine Agentin, die nur so tut, als ob. Klingt nach Unsinn? Prinzipiell ist es das ja auch, was aber nicht für den parodistischen Agentenspaß gilt, der Ende letzten Jahres in unseren Kinos zu sehen war. Dort ist ja bekanntlich alles möglich, also auch die Cartoon-Version des Ex-Men in Black Will Smith, der mit Cornetto-Torso und eng sitzendem Anzug überzeichneten Finsterlingen das Handwerk legt. Anschließend wird der Gute auch entsprechend umjubelt, allein dieser lebenden Legende die Hand zu schütteln macht aus einem schmachtenden Fan bereits einen Placebo-Spion, der es mit der ganzen Welt aufnehmen könnte. In diesen heiligen Hallen der Undercover-Ermittlung und Weltenrettung gibt’s natürlich auch sogenannte „Q“s in allen Altersklassen. Erfahrene Erfinder und Ferialpraktikanten. Anfänger und alte Sprengkopf-Hasen. Einer von ihnen ist der Jungspund Walter Beckett, ein etwas zerstreuter, aber genialer Tüftler, der die perfekte Tarnung hinbekommen will. Schnösel Lance Sterling, also eben Will Smith im Kantenprofil, lässt als Antwort darauf ordentlich viel Arroganz raushängen, doch wenig später muss er sich mit der halben Portion, die aber ganz schön viel im Köpfchen hat, zusammentun, um Schlimmes zu verhindern.

Im Original heißt der kunterbunte Streifen Spies in Disguise – ein netter Reim, der natürlich in der Übersetzung untergeht. Was nicht untergeht, ist die teils brüllend komische Situationskomik, die daraus resultiert, dass Agent Sterling versucht, um alles in der Welt als Taube Haltung zu bewahren – was natürlich nicht gelingt, denn dieser bekommt als urbanes Federvieh zwar die perfekte Tarnung, vom Heldenimage bleibt aber dank umstandsbedingter Peinlichkeiten nicht viel übrig. Vor allem in diesen Momenten ist der von Fox/Disney produzierte und auch liebevoll ausgearbeitete Animationsfilm ein Lachgarant für Jung und Alt. Zugange sind stets sympathische Figuren, die sich irgendwie durchwursteln und bei völliger Überforderung im Einzelnen nur gemeinsam dem Antagonisten das Handwerk legen können. So ein Konzept kennen wir natürlich zur Genüge. Alles, was James Bond ausmacht, darf familiengerecht durch den Kakao gezogen werden. Richtig kreativ wird’s dann im sogenannten Showdown, wenn zum Beispiel das Kindchenschema eines süßen Kätzchens beim gewaltbereiten Gegner entwaffnende Emotionen hervorlockt. Bis dahin aber gibt’s auch so Slapstick genug, wobei Tauben, wie wir am Ende feststellen werden, nicht wirklich zu den attraktivsten Geschöpfen des Universums zählen. Trotz Ekelfaktor, zumindest bei manchen Exemplaren, sind die oft verpönten „Ratten der Lüfte“ gerade im Kontext eines actionreichen Family-Events einen zweiten Blick wert – und leicht kann es passieren, dass man die Taube auf dem Dach dem Spatzen in der Hand vorzieht.

Spione Undercover

Onward: Keine halben Sachen

(FAST) GANZ DER PAPA

8/10

 

ONWARD© 2019 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2020

BUCH & REGIE: DAN SCANLON

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): TOM HOLLAND, CHRIS PRATT, OCTAVIA SPENCER, JULIA-LOUISE DREYFUS U. A. 

 

Nicht dass sich Pixar jetzt auf seinen Oscar-Lorbeeren für Toy Story 4 auszuruhen gedenkt – mitnichten. Onward: Keine halben Sachen ist gleich das nächste Werk, und qualitativ auf Augenhöhe mit bereits etablierten Klassikern des Genres. Die abenteuerliche Fantasykomödie, die in einer von zwei Monden beleuchteten Welt mitsamt aller phantastischen Kreaturen aus der europäischen Sagenwelt und jener Tolkiens spielt, ist tatsächlich ein weiteres Vorzeigemodell dafür, wie kluges, knallbuntes Entertainment mit Niveau funktionieren kann, ohne knapp oberhalb der Gürtellinie zu kalauern und nur das Auge zu bedienen. Onward ist die Überraschung nach dem Preisregen, und aus mehreren Gründen einer der besten Filme aus dem Repertoire.

Zu Beginn erinnert das Szenario ein bisschen an Shrek. Märchenfiguren durch den Kakao gezogen? Das findet sich auch hier. Die mediävale Welt von damals, mit Zauberern, Rittern, Drachen und dergleichen, die ist am Fortschritt genauso wenig vorbeigekommen wie die unsrige. Das Heute sieht genauso aus, wie wir es kennen. Nur streiten obdachlose Einhörer um weggeworfene Speisen oder hat so mancher Mantikor lieber ein Fastfood-Franchise übernommen als sich auf seine traditionellen Werte zu besinnen. Smartphones hat ein jeder, und der Alltag ist frei von Abenteuern jeglicher Art, für die solche Wunderwesen wie hier eigentlich bestimmt sind. Den Elfenbrüdern Ian und Barley geht’s genauso – Schule, lernen, Schikanen von unliebsamen Kollegen, pubertäre Schüchternheit. Kein Wunder, Ian ist ohne Vater aufgewachsen, die Sehnsucht nach einem Papa als Leitfigur und Halt im leben ist groß. Aber wie durch ein Wunder ergibt es sich, dass der Vermisste für einen Tag greifbar werden könnte – durch einen Zauber. Der aber im wahrsten Sinne des Wortes nur halb gelingt. Papa erscheint nur bis zum Hosenbund. Wollen Vater-Sohn-Gespräche geführt werden, muss auch der Rest her, also auf durchs Zauberland zur Problemlösung, denn nach 24 Stunden ist Papa wieder fort – so will es das Jenseits.

Leben, Tod und Älterwerden: Themen, die bei Pixar immer wieder auftauchen. Begegnungen damit verlaufen ungewöhnlich leichtfertig. Zugegeben, phrasische Gewichtigkeit wie Familie und Zusammenhalt und Glaub an dich und wie sie alle heißen sind mittlerweile bei vielen Filmen aus diesem Genre auch nur mehr Schablone, um Situationskomik zu transportieren. Und ja, auch Onward begibt sich zumindest ansatzweise auf diese Pfade, doch wie gewohnt bei den kreativen Köpfen dahinter lässt sich das turbulente, auf Zeitdruck gambelnde Buddy-Movie auch von anderen Eindrücken inspirieren: Es ist die Beziehung unter Brüdern, ist es die Verantwortung füreinander, die entdeckt und erklärt werden will. Da entspinnt sich eine unglaublich fein gezeichnete Doppelconference, ein warmherziges Miteinander, niemals Gegeneinander. Zwischen den beiden: eine halbe Vaterfigur, irgendwie nur noch die Idee einer Verantwortung, eines Kümmerns und Behütens. Und der Imperativ, an einem Strang zu ziehen.

Obwohl Onward deutlich schriller ist als andere Pixar-Filme, obwohl hier vermehrt auf die grellen Eskapaden von Illuminations geschielt wird, behält der Film dennoch seine narrative Sicherheit und verkommt in seinen Szenen nie zum Selbstzweck einer visuellen, turbulenten Attraktion. Vorrangig sind Konzept und Story. Der Rest, so fühlt es sich zumindest an, kommt einfach von selbst. Selbsterkenntnisse drehen auf kuriosen Metaphern und manch kultverdächtigen Slapstickeinlagen ihre Kreise zum Anfang einer mitreissenden, szenenweise wirklich spannenden Geschichte hin. Kurioserweise wird Onward gar gegen Ende, eben weil hier die Zeit als Knüppel zwischen den Beinen vieles zum Straucheln bringt, zum richtigen Nägelbeißer. Die Reise ins Unbekannte hat oftmals nicht unbedingt das zum Ziel, was man vorhat. Auch das ist ein schöner, tröstender Gedanke wider ein durchgeplantes Leben, das so nicht funktionieren will. Das ist brillant herausgearbeitet, die Message hat Drive und bleibt mit all seinem Fingerspitzengefühl des Erzählens ganz weit vorne. Onward eben.

Onward: Keine halben Sachen