No Sudden Move

DIE PAPIERE, BITTE!

6/10


no-sudden-move© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. / Claudette Barius

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: STEVEN SODERBERGH

CAST: DON CHEADLE, BENICIO DEL TORO, KIERAN CULKIN, DAVID HARBOUR, AMY SEIMETZ, BRENDAN FRASER, RAY LIOTTA, JON HAMM, NOAH JUPE, BILL DUKE, MATT DAMON

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Wenn Steven Soderbergh wieder mal eine völlig anders geartete Idee als bisher im Kopf hat und dafür einen Cast zusammenstellen will, dann stehen sie allesamt Schlange. Das ist fast schon so wie bei Wes Anderson mit seinen penibel arrangierten Tableaus – die Liste der Stars findet erst spät sein Ende. In No Sudden Move ist allein das Who is Who schon sehenswert. Und man entdeckt Schauspieler wieder, die schon länger von der Bildfläche verschwunden waren und noch nicht von einem wie Tarantino wieder aus der Versenkung geholt wurden. Wie zum Beispiel Brendan Fraser. Der hat zumindest wieder ein Engagement in der Superheldenserie Doom Patrol, allerdings erkennt ihn da keiner. Oder Steingesicht Ray Liotta, der abseits von Scorsese wohl auch eher selten zu sehen ist. Dabei haben beide durchaus so einiges am Kasten, ganz so wie die übrigen Namen auf der Besetzungsliste. Darunter „War Machine“ Don Cheadle oder Benicio del Toro.

Die beiden sind das eigentliche Gespann des gefühlt waschechten Film Noir ohne Femme Fatale. Beide sind Kriminelle, die gut und gerne für die unterschiedlichsten Parteien des organisierten Verbrechens arbeiten, außer zurzeit für Frank. Nur nicht für Frank. Einer ihrer Aufträge klingt gar nicht mal so schwierig: sie müssen den Buchhalter von General Motors dazu bringen, Unterlagen aus dem Tresor seines Chefs zu entwenden, die heiß begehrten Inhalts sind. Cheadle und Del Toro nehmen derweil die Familie des Genötigten als Geisel, während ein Dritter mit ihm ins Büro fährt. Während des Coups stellt sich heraus, dass viel mehr Parteien an diesen Papieren interessiert sind als nur der eine Auftraggeber. Natürlich ist Frank mit im Spiel, aber auch die Gegenseite unter der Führung des schwarzen Unterweltlers Watkins. Bei so viel Nachfrage und so wenig Angebot heißt es nun, eigenmächtig den Preis zu erhöhen – und alle gegeneinander auszuspielen.

Wir wissen, dass Soderbergh es gerne vertrackt mag. Mit vielen weitergesponnenen, parallel laufenden Fäden, die jeweils zu einem Dutzend anderer Namen gehören, denen aber eine gemeinsame Basis zugrunde liegt, die irgendwann nur noch fahle Erinnerung bleibt. Bei No Sudden Move (Drehbuch: Ed Solomon, verantwortlich für Die Unfassbaren) arbeitet sich die Geschichte vor wie ein Sprung im Glas, der sich weiter verzweigt. Vom Tage übermüdet sollte man nicht sein, ein erfrischtes Hirn und ein ausgeprägtes Namensgedächtnis wären ratsam, denn sonst könnte es ab der Hälfte des Films ein bisschen konfus werden. Cheadle und del Toro bleiben aber stets auf der Spur, telefonieren oder kauern sinnierend irgendwo herum, um ihre Gier für den ganz großen Deal so gut es geht ohne Verluste mit Machbarem zu kompensieren. So viele Gegner versprechen allerdings auch sehr viele Zufälligkeiten, die als Variable durch den Krimiplot geistern.

No Sudden Move ist eine verkopfte Fast-Gaunerkomödie ohne viel Schwermut. Was Soderbergh dabei so eigen ist, und er damit zumindest emotional das Publikum kaum abholt, ist die fehlende Charakterentwicklung seiner Figuren, die wie festgelegte Online-Rollenbilder ein eloquentes Drehbuch tragen. Gut, das nimmt einen zwar nicht mit, ist aber auch kein großer Fehler, denn was sich immerhin weiterentwickelt, ist die Anzahl der Beteiligten, die, wie schon in Logan Lucky, für zwei süffisante Krimistunden sorgen. Sofern man den Überblick behält.

No Sudden Move

Avengers: Endgame

THOSE WERE THE DAYS MY FRIEND…

6/10

 

avengers_endgame© 2019 Marvel Studios

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: ROBERT DOWNEY JR., CHRIS EVANS, SCARLETT JOHANSSON, CHRIS HEMSWORTH, JOSH BROLIN, PAUL RUDD, MARK RUFFALO U. V. A.

 

Unser Universum ist vermutlich unendlich. Ein anderes ist es nicht – und lotet gerade seine Grenzen aus. Wir sind da mit dabei, die Geeks des Comic- und Popkultur-Kosmos, die Serienjunkies und Freunde fiktiver Welten. Die Rede ist vom Marvel Cinematic Universe. Sein Ereignishorizont – zum Greifen nah. Jenseits davon eine nicht sichtbare, da alles Licht verschluckende Singularität, ein Nichtwissen, wie es überhaupt weitergehen soll. Darüber sollten wir uns aber noch nicht den Kopf zerbrechen. Kommt Zeit, kommt Rat. Apropos Zeit – die ist für viele der liebgewonnenen Helden, die sich bis zum zehnten Jahr mit sämtlichem Gesocks der irdischen und interstellaren Welt herumschlagen mussten, abgelaufen gewesen. Im wohl besten Film des ganzen MCU – in Avengers: Infinity War – wurde die Marvel-Gemeinde mit einem völlig unerwarteten und vom Hocker fegenden Ende konfrontiert. Rund ein Jahr blieb also Zeit, diesen vorläufigen Status Quo überhaupt mal zu realisieren. Und um die Gewissheit zu erlangen, dass hier längst noch nicht aller Tage Abend sein kann. Denn – laut Christian Morgenstern – „kann nichts sein was nicht sein darf“. Also grübel und studier: was könnte das Schicksal denn noch nachträglich abwenden? Leerlauf genug, um sich seine eigenen Theorien zu schmieden. Wohl die meisten würden auf den gemeinsamen Nenner kommen, der irgendwie mit Zeit zu tun hat. Und spätestens nach Ant-Man and the Wasp war es beschlossene Sache – Marty McFly wird in irgendeiner Form grüßen lassen. Wenn schon nicht mit einem fliegenden De Lorean, dann zumindest mit dem profunden technischen Wissen eines Tony Stark oder Bruce Banner. Die Papas werden´s schon richten. Mit guter Hoffnung geht also das Finale Grande in die Zielgerade. Und hat den Ziellauf eigentlich schon hinter sich. Was bleibt: schön sachte auslaufen, nicht sofort stehenbleiben, den Jubel genießen. Wie das bei einem Marathon eben so ist, nämlich dass die körperliche Anspannung von rund 42 Kilometern oder 11 Jahren nicht einfach so ausgepustet werden kann.

Was ich damit sagen will – Avengers: Endgame ist wie das, was folgt, wenn das Zielbanner durchlaufen ist. Die letzten Meter Sprint, die hatten wir letztes Jahr. Das war anfeuern, bangen, mitfiebern, da war alles drin. Und das haben Anthony und Joe Russo genauso konzipiert. Mit voller Konzentration, um aufzuholen, niederzuringen, den Trumpf auszuspielen, den man noch in den Muskeln und im Equipment hat. Avengers: Infinity War ist ein Meisterwerk, weit besser als der oscarnominierte Black Panther, und von einer dramaturgischen Fingerfertigkeit, die anbetracht dieser monumentalen Riege an Stars und Sternchen punktgenau akzentuiert und erzählt wird. Das braucht schon Hirn- und Koordinationsschmalz – eine große Leistung. Hätte man Infinity War und Endgame zu einem fünfstündigen Epos zusammengeschmiedet, hätte sich das Regie-Duo sicher irgendwann verheddert. Oder wäre über ihren eigenen Perfektionismus gestolpert. Doch auch wenn – so wie de facto – Avenger: Endgame als eigenständiger Schlussakkord auf die Leinwand gewuchtet wurde, um dem Verheddern zu entgehen: dieser Stolperfalle entkommt er dann doch nicht. Mit dem Timing des Auf- und Abtretens der Charaktere stimmt so einiges nicht. Aus gewohnt geschmeidigem Rhythmus erklingen Misstöne, die gleichmäßig lodernde Fackel des Widerstands vor dem Endgegner flackert, und das durchaus kritisch. Da helfen zeitnah und akribisch eingeführte Asse im Ärmel als Standalone enttäuschend wenig – und machen ihren Platz in der bisherigen Anthologie der Superhelden ernüchternd irrelevant. Und der Antagonist selbst: der darf, damit das Drama funktioniert, frei wählen, wie stark er ist. Zum Leidwesen einer dem ohnehin Phantastischen inhärenten Logik.

Die To-Do-Liste bei den Avengers ist lang. Also Ärmel aufkrempeln, ran an die Arbeit, und am besten gestern. Multitasking, Kleingruppen und erhöhte Belastbarkeit. Das Ganze klingt wie das Bewerbungsprofil eines mittelgroßen Konzerns, der mit der Challenge am Markt mithalten will. Daraus entwickelt Avengers: Endgame den Anspruch, mehr als nur ein Film sein zu wollen. Vielleicht gleich zwei zusammen. Oder besser eine Miniserie, wie derzeit Game of Thrones. Die Westeros-Saga ist ja großes Kino im Fernsehen und funktioniert. Endgame ist aber großes Fernsehen im Kino – und setzt auf die inszenatorischen wie dramaturgischen Mechanismen einer Show, deren letzter, deutlich fahriger Akt in viele kleine zersplittert und auf einen orchestralen Tusch hinsteuert, der dann sein Publikum wohlkalkuliert in die Sitze drücken soll. Doch, mitunter tut er das ja auch. Aber so richtig packend ist etwas anderes. Und dafür gibt es zwei Gründe, nebst den bereits genannten.

Abgesehen davon, dass mir wirklich keiner – und das wage ich zu behaupten – erklären kann, wie das alles technisch funktionieren soll, und noch dazu in so kurzer Zeit, ist erstens die Wahl der Mittel zur Lösung aller Probleme eine, die Tür und Tor öffnet für die willkürliche Abänderbarkeit gegebener Umstände. Wie das Zurückblättern in einem Spielbuch darf zurechtgerückt werden, bis alles passt. Und das nimmt dem Drama etwas die Würze, schwerwiegenden Entscheidungen die zu ertragenden Konsequenzen. Und zweitens? Avengers: Endgame rekapituliert drei Stunden lang zehn Jahre MCU auf eine Weise, die alle Nichtkenner und sei es auch nur von einzelnen Episoden das eine oder andere Mal sicherlich verwirrt zurücklässt. Endgame ist also nichts, was aus dem Infinity-Kontext gerissen werden kann (Wer sich das aber trotzdem antut, dem wird vieles entgehen). Was wir sehen, ist eine Retrospektive von Iron Man bis Captain Marvel, betreten scheinbar interaktiv viele der Filme, die uns zu Recht begeistert haben – und sehen sich eigentlich nicht wirklich Neuem gegenüber. Das Neue ist das überraschend Alte, kleinteilig verwoben in einem einzig nur wählbaren, und daher auch erwartbaren Fortgang einer Geschichte, deren Dynamik seit eh und je in den Details steckt. Was mitunter gut ist, und wo Widersehen auch Freude macht. Doch die Kompromisslosigkeit von Avengers: Infinity War ist fort, die theatralische Dichte einem augenzwinkernden Heist-Movie gewichen, das durchaus großes Vergnügen macht, aber in fast rührender Wehmut vor sich hinplätschert, mit ganz viel Dialog, langen ruhigen Sequenzen und zwischendurch einigen dramatischen Spitzen, die wie schon erwähnt so typisch Serie sind, dass sich im Kino am Stück seltsame Längen einschleichen. Sind die überwunden, kommt das Ende vom Ende, kolossal wie Herr der Ringe und so bunt und angeräumt wie die Vitrine in einem Comicbuchladen. Was zu erwarten war, so wie der unvermeidliche Appendix eines rührseligen Pathos, leider ganz typisch Hollywood. Wenn die großen Gameplayer der Unterhaltung etwas beenden, dann nicht ohne Zapfenstreich. Der ist also jetzt verklungen, und das Ende ist ein neuer Anfang. Ich liebe Marvel, und all die Kritik hier ist aus einer wohlmeinenden Affinität heraus notiert, die eine ganz bestimmte Hoffnung niemals zerstreuen könnte. Nämlich jene, dass das MCU vielleicht doch unendlich ist.

Avengers: Endgame