Iron Sky: The Coming Race

DER MENSCHEN HOHLE NUSS

4/10

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA© 2019 Einhorn Film

 

LAND: FINNLAND, DEUTSCHLAND, BELGIEN 2019

REGIE: TIMO VUORENSOLA

CAST: LARA ROSSI, VLADIMIR BURLAKOW, UDO KIER, KIT DALE, TOM GREEN, JULIA DIETZE U. A.

 

Der Mann ist sich für nichts zu schade. Seine Motivation, auch dem größten Müll auf der Leinwand seine hypnotisch stierende Aura zu verleihen , mittlerweile legendäre Methode. Die Rede ist von Udo Kier, der in fast allen Filmen von Lars von Trier zu finden ist, bei Gus van Sant, Wim Wenders oder in den Fernsehserien von David Schalko. Der aber auch für ärgsten Trash wie Hexen bis aufs Blut gequält, Spermula, Dracula 3000 oder Far Cry seine Gage kassiert hat. Und ja, natürlich auch für Filme wie Iron Sky. Und da gibt es 7 Jahre später den zweiten Aufguss. Warum erst so spät? Nun, selbst C-Movies wie dieser wollen was kosten, das glaubt man gar nicht, wie viele Millionen hier verschlungen wurden, nämlich satte 20, und selbst das ist noch gering, wenn man Iron Sky: The Coming Race mit Blockbustern des selben Genres vergleicht. 20 Millionen also, für einen Unsinn wie diesen? Immerhin ein Unsinn, der seine Fangemeinde hat. Der aber sein Budget auch nicht aus dem Ärmel schüttelt. Daher Crowdfunding, der salonfähige Spenden-Call unter Liebhabern und Freunden. Und das braucht seine Zeit, soll doch der Look des Sequels dem des Originals um nichts nachstehen. Was er dann auch nicht tut. Denn Iron Sky: The Coming Race ist, trotz seiner Etikette als Low Budget Produktion, visuell ansprechender als so mancher Sharknado- und Jurassic-Galaxy-Quark. Da hat das Team rund um den Finnen Timo Vuorensola eigentlich alles richtig gemacht – mitunter das Hakenkreuz am Mond und sämtliche Versuche, die Steampunk-Dystopie weniger wie Mondbasis Alpha erscheinen zu lassen, sondern eher wie die rostigen Grunge-Eingeweide unter ausgedienten Industrieanlagen.

Dabei kommt die Idee zu diesem Iron Sky-Irrsinn nicht von irgendwoher. Die gab’s schon viel früher, natürlich nicht genauso, natürlich schon ganz anders, aber diese verzerrten Visionen einer Vril-Gesellschaft hatte schon der Engländer Edward Bulwer-Lytton in seiner tatsächlich auch so betitelten Romanausgabe The Coming Race, die von unterirdisch agierenden Übermenschen mit paranormalen Fähigkeiten, den Vril-Kräften, handelt. Diese Vision war dann bald ein Selbstläufer, und tatsächlich auch hellhörigen Medien nach für den Aufstieg der Nazis verantwortlich. Vuorensola kombiniert diese krude Paranoia mit einer anderen esoterischen Richtung – nämlich der Unterwanderung unserer Zivilisation durch Echsenmenschen, die ja tatsächlich auch von den Dogon Malis feierlich in Empfang genommen wurden. Jedenfalls ist beides sehr an den aufgestellten Nackenhaaren herangezogen, bietet aber Stoff für ein Szenario, dass nur als Groteske funktioniert und sich um nichts wirklich zu scheren braucht, weder um Logik noch um die wüste Verzerrung weltbekannter VIPs und die Verkasperung eines totalitären Horrors aus dem letzten Jahrhundert. Iron Sky: The Coming Race erlaubt sich vieles, lässt Steve Jobs Menschen fressen und Sarah Palin als Nachtisch für die schuppigen Ausgaben von Kim Jong-un, Margarete Thatcher oder Adolf Hitler herhalten. Wie der Film holzfällerartig über Ikonen der Neuzeit herfällt, ist so derb und grobmotorisch über den Kamm geschoren wie Hinterhofcatchen auf einer Boulevardbühne. Satire ist das keine mehr. Parodie? Auch nicht, stattdessen streckenweise von vielleicht unfreiwillig aufrichtiger Geschäftigkeit, wie in all den alten und mittlerweile lächerlich wirkenden Science-Fiction-Abenteuern aus den 50er Jahren mit ihren sperrigen Alien-Kostümen und mittlerweile wieder als Retrocharme gerechtfertigten Pappmaché-Planeten. Iron Sky: The Coming Race hat keine Pappmaché-Planeten, mehr schlecht als recht gelungene Alien-Masken, und lässt seine Pro- und Antagonisten eher handzahm und fast zu wenig selbstironisch agieren. Wiederum aber sind sie von einer laienhaften Orientierungslosigkeit übermannt, wie das bei Filmen dieser Art vielleicht so üblich sein mag.

Man kann von Iron Sky: The Coming Race halten, was man will – ein gewisses Konzept ist dahinter, und dieses Konzept löst einen gewissen autoagressiven Reiz aus, der im Dino-Wagenrennen inmitten einer terrestrischen Hohlwelt oder überhaupt im von Udo Kier berittenen T-Rex namens Blondie sein längst schon überdruckbelastetes Ventil findet.

Iron Sky: The Coming Race

Jurassic World: Das gefallene Königreich

DINOS UNCHAINED

7/10

 

jurassicworld2© 2017 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: J. A. BAYONA

MIT BRYCE DALLAS HOWARD, CHRIS PRATT, JAMES CROMWELL, JEFF GOLDBLUM, TED LEVINE, TOBY JONES, GERALDINE CHAPLIN U. A.

 

Ich wünschte, der Vulkan auf Isla Nublar wäre um einige Jahre früher ausgebrochen. Zumindest vor 2015. Denn da durfte nämlich Universal seinen brandneuen Beitrag rund um T.Rex und Konsorten vom Stapel gelassen. Wäre der Vulkan 2014 ausgebrochen, wäre mir die wirklich misslungene Kopie von Steven Spielberg´s Original erspart geblieben. Nichts gegen all jene Raptoren und Sauropoden, auch nichts gegen all die Karnivoren und sonstigen Vogelbecken- und Echsenbeckensaurier. Ich liebe sie alle heiß, und das soweit ich zurückdenken kann. Was mich nicht davon abgehalten hat, Jurassic World kopfschüttelnd Daumen runter zu diagnostizieren. Das lag vor allem an den unsympathisch affektierten Schauspielern, und am erschreckend einfallslosen Plot. Der künstliche Supersaurier Indominus rex hat dem ganzen dann noch die Krone der verzichtbaren Trümpfe aufgesetzt. Als würden sich die sowieso schon genetisch modifizierten Spezies von damals nicht längst anders verhalten. Und als wäre die Ehrfurcht vor der ganzen prähistorischen Artenvielfalt nicht ohnehin schon das höchste der Gefühle. Da ich aber wie schon erwähnt all die leicht- und schwergewichtigen, gefiederten und gepanzerten Kreucher und Fleucher wahnsinnig gerne nicht verpassen will, stand Jurassic World: Das gefallene Königreich aben auf meiner Watchlist. Auch weil der Trailer so richtig Schmackes hatte und mit seinem Einblick in animierte Naturgewalten zumindest so getan hat, als würde er mir das Graue vom aschebewölkten Himmel versprechen. Pyroklastische Ströme inbegriffen.

Also knotze ich auch diesmal mit kesser 3D-Brille bestenfalls Mitte Mitte im Kinosaal, habe relativ niedrige Erwartungen, freue mich aber auf die da kommenden hereinbrechenden Schauwerte. Wie eine Insel explodiert, das sieht man nicht alle Tage. Und bei Krakatau anno 1883 war ich auch nicht live dabei. Obwohl dessen Folgen über Jahrzehnte hinweg sichtbar gewesen wären. Davon ist bei Jurassic World 2 nichts zu sehen. Auch ist diee Größe der Isla Nublar einem unberechenbaren JoJo-Effekt unterworfen. Hat Michael Crichton diese Insel in seinem Buch noch relativ überschaubar angelegt, ist sie im Film mal von regenwaldgrünen Schluchten durchzogen, und mal wieder so groß wie ein Vulkankegel. Natürlich bleibt bei letztgenannten Parametern von der Insel nicht viel übrig, wenn mal der Magmaschlot nicht mehr kann. Andererseits aber gäbe es theoretisch genug Rückzugsmöglichkeiten für zumindest einige Exemplare unserer geliebten Retorten-Dinos. Da hätte auch Chaostheoretiker Ian Malcolm zugestimmt, ohne wieder einmal gottspielend eingreifen zu müssen. Das hat er ja schon anno 1993 kritisch beäugt. Und ist knapp mit dem Leben davongekommen. Jeff Goldblum´s Anhörungs-Cameo ist dann schon eine liebevolle Reminiszenz. Ich wünschte er hätte mehr Sendezeit bekommen. Doch wo hätte das hingeführt? Er hätte Bryce Dallas Howard und „Star Lord“ Chris Pratt ohnehin die Show gestohlen. So sehr sich die beiden auch im 5. Abenteuer zusammenreißen. Und ich muss ihnen zugute halten – sie bemühen sich diesmal wirklich, weder als kreischender Kathleen Turner-Verschnitt noch als tumber Möchtegern-Grzimek die Show zu vermasseln. Nein, diesmal engagieren sie sich auf der richtigen Seite. Und das liegt vermutlich am dramaturgisch geschickten Händchen von J. A. Bayona, der sich ja prinzipiell mit Naturkatastrophen bestens auskennt (The Impossible) und auch Dramatisches mit Irrealem gut verbinden kann (Sieben Minuten nach Mitternacht, Das Waisenhaus). Klar erkennbar, der Mann weiß, welche Richtung das Franchise wieder einschlagen muss. Auf seinem Spickzettel: Plotmäßig bitte nichts mehr von Bewährtem, dafür aber gerne mehr aus der alten Spielberg-Schule und wenn wir schon so weit sind, tackern wir die evolutionäre Möbius-Schleife an einer Stelle zusammen, an der es kein Zurück mehr gibt. Und denken wir doch einfach die Perversion eines kolossalen Rippenbruchs in Sachen Genetik zu Ende. Natürlich so, wie sich das der kleine Max vorzustellen hat. Nichts kognitiv wirklich Herausforderndes, Fortschrittskritik von seiner simpelsten Sorte. Aber wer braucht schon wissenschaftliche Genauigkeiten, das Ganze ist ohnehin schon so absurd. Ein bühnentaugliches Gedankenspiel mit erhobenem Zeigefinder, den wir zum Takt feuchtfröhlicher Kataklysmen tanzen lassen. Zuzusehen, wie das Königreich zerfällt, macht somit tatsächlich Spaß und gefällt unerwartet gut.

Bayona setzt vielmehr auf Suspense als sein Vorgänger und hat sich sichtlich an Steven Spielberg´s Methoden erinnert. In Jurassic World: Das gefallene Königreich gibt es keine einstürzenden Hochschaubahnen mehr, aus dem Ruder läuft aber so gut wie alles. Das taktisch kluge Drehbuch von Colin Trevorrow und Derek Connolly zieht dort die Zügel an, wo sich mehr Spannung aufbauen lässt und grenzt seine Spielwiesen räumlich ab. Bot die Isla Nublar noch so viele Fluchtmöglichkeiten wie eine brennheiße Herdplatte im Nirgendwo, verwüsten die Radaubrüder aus dem Jura in Folge ein herrschaftliches Gemäuer, das aus einem Haunted House-Grusler entsprungen sein könnte. Wenn der hochgezüchtete wie blitzgescheite Indoraptor einem Nosferatu gleich im Blitzlicht eines tosenden Gewitters bedrohliche Schatten auf die Wände des Kinderzimmers wirft, wenn ein aufgestachelter Pachycephalus im Alleingang ein Auditorium raffgieriger Dino-Verschacherer aufmischt, hat Jurassic World: Das gefallene Königreich seine besten Momente. Der grundtriviale Spaß nimmt sich niemals wirklich ernst und setzt charakterlich auf harte Kontraste, schlägt aber manchmal auch übermütig über die Stränge Richtung Klamauk. Die Attraktion fest im Griff hat der Film aber trotzdem und führt seine durchaus spannende und kurzweilige Saurier-Entfesselung konsequent zu einem vorläufigen Ende. Entfesselung trifft es übrigens ziemlich genau, dabei könnte ich mir fast vorstellen, wie es wäre, würde Tarantino mal die Natural Born Monsters aus der Sklaverei befreien. Viel fehlt nicht mehr, Blut spritzt ohnehin schon in diesem schadenfrohen Epos rund um gequirlte Erdgeschichte, Katastrophen und der Neuordnung sämtlicher Nahrungsketten.

Jurassic World: Das gefallene Königreich