Ghost in the Cell (2026)

DIE AURA BEIM TANZEN

7,5/10


Das Ensemble sucht Gelassenheit in Ghost in the Cell
© 2026 Come and See Pictures


LAND / JAHR: INDONESIEN 2026

REGIE / DREHBUCH: JOKO ANWAR

KAMERA: ICAL TANJUNG

CAST: ABIMANA ARYASATYA, ENDY ARFIAN, BRONT PALARAE, MORGAN OEY, LUKMAN SARDI, DANANG SURYONEGORO U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Schon allein der Titel dieses mutigen Genremixes beweist, wie weit Joko Anwar zu gehen bereit war, um eine Groteske zu erzählen, die ohne expliziten Horror genauso wenig funktionieren kann wie ohne Humor. Ertragen lässt sich die Schlachtplatte nur mit Augenzwinkern, doch Anwar geht weit über diese Anforderung hinaus.

Hier zwinkert nichts, sondern gebärdet sich gleich mit ganzem Körpereinsatz. Denn die Gefangenen in einem Knast irgendwo in Jakarta, die ohnehin mit all den üblichen Machtspielchen klarkommen müssen, sehen sich mit einer Entität konfrontiert, die wohl bei einem Metzger in die Lehre gegangen sein muss. Menschlichen Ursprungs sind diese Gewaltakte alle nicht mehr. Blut und Beuschel werden zur Kunst, die die leiderprobte Gemeinde vor Herausforderungen stellt, die nur mit Methoden zu bewältigen sind, die ganz und gar nicht in das Alltagsbild eines Männergefängnisses passen.

Zeig mir, wie du dich fühlst

Eine der Methoden ist der Tanz. Ich will dabei nicht zu viel verraten, doch eines muss ich erklären: Um des Schreckens Herr zu werden, bedarf es einer Herangehensweise, die wohl jeden Finsterling völlig vor den Kopf stoßen würde. Dabei ist diese Monstrosität, dieser Geist oder der Dämon in den Zellen selbst mehr oder weniger abhängig davon, wie sich ihre Insassen fühlen.

Da gibt es Wahnsinnige, Gewaltbereite, Resignierende oder Kollaborierende, die ihr Fähnlein nach dem Wind flattern lassen. Da gibt es Opfer und Täter, ungewählte Mafiapaten und deren Türsteher. Dieses Biotop kennen wir aus vielen anderen Filmen dieser Art – doch was Joko Anwar damit macht, beweist diebische Freude am Experiment.

Da ist was faul im Inselstaat

Anwar ist in Indonesien längst eine große Nummer. Das Land, oder besser den Inselstaat, kenne ich selbst recht gut, war ich dort doch immer mal wieder unterwegs, um zu fotografieren. Ich kenne die Mentalität der Bevölkerung, ihre Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Ich habe auch gesehen, wie viel Kahlschlag die Insel Borneo ertragen muss, um einen Profit zu garantieren, der vom Staat selbst gebilligt wird, nur um ordentlich abzukassieren.

Dabei geht es diesmal gar nicht um Palmöl, sondern um das wertvolle Metall Nickel. Diesen Raubbau macht Joko Anwar zum Thema, begleitet von einer unverhohlenen Kritik an einem korrupten Regierungssystem, das Menschenleben und Natur gerne mal dafür opfert, um den Staatshaushalt zu sanieren. All das – all dieser Missstand und die Begebenheiten in diesem Gefängnis, das als Bühne für den Staat im Kleinen steht – gibt dem Fantastischen in diesem Film genug Stoff, um ein Gleichnis zu schaffen.

Wie kann der Horror nur so lustig sein?

Anwar bleibt konsequent kritisch, hat Mut zur Anklage, aber auch Mut, sich über die Willfährigkeit und die Unterwerfung seines Volkes lustig zu machen. Ghost in the Cell ist eine satirische Groteske vom Feinsten, deftig und brutal in ihrer Ausdrucksweise, liebevoll und geradezu zärtlich in ihrem Witz sowie narrenfrei und selbstbewusst agierend, ohne dabei irgendeine der Figuren zum Kasper zu machen, über den man lacht.

Wenn man nach dem Grauen dann aber doch noch lachen kann, dann kann man nicht anders. Es nicht zu tun wäre wohl dem Umstand geschuldet, kein Blut sehen zu können. Lässt sich der rabiate Bodyhorror aber in den Kontext der ganzen Geschichte setzen, wird man feststellen, dass Anwar ein großer Komödiant ist. Einer, der die Situationskomik so sehr beherrscht wie seinerzeit Blake Edwards. Die Rechnung würde nur halb aufgehen, wenn sich das Ensemble zu schade dafür wäre, seine Rollenbilder aufzudröseln und konterzukarieren. Dabei ist die Methode des Tanzes eine im tatsächlichen Umgang mit Arrestierten erfolgreich erprobte. Die nimmt Anwar sich zu Herzen, um zu zeigen, wie Wut, Hass, Aggression und Resignation ein Schreckgespenst beschwören, das nur zerstören will.

Ghost in the Cell ist ein Präventiv- und Rundumschlag gegen maligne Energien, gegen ein manipulatives System und eine den starren gesellschaftlichen Mustern unterworfene Haltung. Es wäre nicht Anwar, würde er dabei nicht auch noch für dermaßen gute Laune sorgen. Da braucht man selbst nicht mal mehr zu tanzen. Es sei denn, man spürt den Drang dazu. Um abzuschütteln, was uns kaputtmacht.

Ghost in the Cell (2026)

Gundala

MISTER BLITZABLEITER

5,5/10

 

gundala© 2019 Koch Media

 

LAND: INDONESIEN 2019

REGIE: JOKO ANWAR

CAST: ABIMANA ARYASTYA. TARA BASRO, ARIO BAYU, BRONT PALARAE, LUKMAN SARDI U. A.

 

Was das Entertainment im Westen so hervorbringt, scheint Indonesien zu gefallen. Am liebsten Marke Event – bunt und laut und wohlgefällig. Was eignet sich da nicht besser als Hollywoods Comic-Universen? Superhelden gehen immer. Aber müssen es wirklich immer nur die Avengers oder die Justice League sein? Gibt’s da nicht auch noch andere Helden? Nicht zwingend aus der zweiten Reihe, aber aus einer ganz anderen Hemisphäre. Siehe da, Indonesien hat sowas auch (wer hat die eigentlich nicht – ich warte eigentlich schon auf Österreichs Verfilmung von ASH). Erschaffen wurde einer dieser Charaktere vor wirklich schon langer Zeit, und zwar Ende der 60er Jahre, von einem Autor namens Harya „Hasmi“ Suraminata: Gundala. So heißt der gute Mann, und der hat fast schon eine ähnliche schicksalhafte Kindheit wie unser wohlbekannter Batman. Gundala also muss zusehen, wie sein Papa stirbt und wird dann auch noch von Mama alleingelassen. Den Reichtum eines Bruce Wayne hat der Knabe freilich nicht, also läuft er weg, irgendwo hin, und sieht dabei zu, dass er nicht in ein Gewitter kommt, was in der Regenzeit in Jakarta des Öfteren mal passiert. Die Blitze nämlich, die scheinen es auf den Kleinen abgesehen zu haben.

Dieses Jakarta, das ist wie Gotham City. Es herrscht Unfrieden zwischen dem Proletariat und den Arbeitgebern, Menschen- und Arbeitsrechte sind Mangelware, das Volk protestiert, wo’s nur geht. Irgendwo in diesem Moloch treibt so mancher zu Unrecht entstellter Antagonist sein Unwesen, mit sämtlichen anderen Finsterlingen im Schlepptau. Es folgt – wie kann es anders sein – für Gundala die große Stunde der Erkenntnis, für etwas ganz anderes bestimmt worden zu sein als nur für ein normales Leben, das geprägt ist von Wunschträumen nach der Heimkehr seiner Mutter.

Natürlich hat Gundala später auch sein eigenes Outfit, das ein bisschen aussieht wie das von Wolverine aus den Comics und Deadpool zusammen. Ein Superheld braucht sowas, und er braucht auch übermenschliche Kräfte, um den Bösen ordentlich den Hintern zu versohlen. Joko Anwar beginnt sein Origin-Movie nebst ordentlich Dramatik mit beeindruckenden Bildern, die manchmal an David Finchers grünstichig-verregnete Optik erinnern. Technisch gesehen gibts da wirklich nichts auszusetzen, Effekte und alles andere sind State of the Art, da müsste Hollywood anerkennend nicken. Aber wie das bei Origin-Stories eben mal so ist, kann auch Indonesien nicht anders, als im Grunde die immer gleiche Geschichte zu erzählen. Vom gekränkten Finsterling und vom selbstlosen Volksvertreter. Vor allem im Mittelteil hat Gundala schön fotografierte, aber satte Längen, die dem Genre der Comicverfilmung nicht viel Neues abgewinnen.

Die südostasiatische Antwort auf Marvel und Co ist nicht volltönend, aber grundsolide, durchaus sympathisch und für ein bereits verwöhntes Publikum gefällig genug, um seine Fans zu finden. Selbst den Teaser für eine mögliche Fortsetzung kann sich das Heldenkino Indonesiens nicht verkneifen. Die Comics um Gundala und Co wird man hierzulande aber vergeblich suchen – es sei denn, dieses DVD-Release entwickelt sich zu einem erfolgreichen Selbstläufer, was ich dann aufgrund des bereits gesättigten Marktes aber kaum glauben kann.

Gundala