Gelbe Briefe (2026)

DIE MACHBARKEIT DER IDEALE

7,5/10


Özgü Namal und Tansu Biçer in Gelbe briefe von İlker Çatak
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, TÜRKEI 2026

REGIE: İLKER ÇATAK

DREHBUCH: İLKER ÇATAK, AYDA MERYEM ÇATAK, ENIS KÖSTEPEN

KAMERA: JUDITH KAUFMANN

CAST: ÖZGÜ NAMAL, TANSU BIÇER, LEYLA SMYRNA CABAS, İPEK BILGIN, AYDIN ISIK, AZIZ ÇAPKURT, ŞIIR ELOGLU, YUSUF AKGÜN, UYGAR TAMER, JALE ARIKAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



İlker Catak macht es sich nicht einfach. Warum denn auch, denn das kann schließlich ein jeder. Sich selbst mit dem Unbequemen und Komplexen auseinandersetzen – in welchem Dunstkreis lässt sich das am besten und gleichzeitig auch am Schwierigsten bewerkstelligen? Natürlich in der zivilisierten Gesellschaft. Dort verhält es sich, als hätte man ein eigenes Universum entdeckt, mit all der dunklen und der erfassbaren Materie. Mit Gravitation und Masse, mit Masse und Macht. Und letztere, die schafft an, weil sie die Existenzen der Individuen, die danach streben, sorglos zu existieren, in jede Richtung steuern kann.

Wie politische Macht wirkt

Wir kennen aus Film, Fernsehen und allen anderen möglichen Medien, wie Machtinstrumente funktionieren und wer dahinter die Strippen zieht. Wie funktioniert so ein Uhrwerk, wer lässt den anderen machen und wer stellt sich quer? Zuletzt hat Olivier Assayas versucht, mit Der Magier im Kreml das System Russland von der Maschekseite aufzudröseln. Mit beachtlichem Erfolg. Doch diese Seite – wie gesagt – die hat das Publikum schon sehr oft sehr ausgiebig erfahren und erleben müssen. Ändern kann es daran doch nichts.

Mit dem oder gegen das System?

Wie aber sieht es von der anderen Seite aus? Hier, in diesem FIlm, geht es weg von den Mächtigen, weg von der Politik hin zu den greifbaren, fassbaren, auf unserer Augenhöhe befindlichen Menschen, zu den normalen Bürgerinnen und Bürgern, die von diesem Machtgefüge namens Staat leben müssen. Doch ist das so? Müssen sie das? Woher und wie lassen sich die Ressourcen dafür nehmen, einer den eigenen Idealen zuwiderlaufenden Ist-Situation entgegenzutreten wie Don Quixote den Windmühlen. Wie Sam Lowry aus Brazil dem kafkaesken Totalitarismus? Oder – um in der realen Geschichte verankert zu bleiben: Sophie Scholl oder Franz Jägerstätter (Ein verborgenes Leben) gegen den Nationalsozialismus?

Die Praktikabilität des Idealismus

Dem Idealismus wird im Kino stets ehrfurchtsvoll begegnet, man verbeugt sich vor der Opferbereitschaft einzelner Personen, die sich selbst, die Ihre Existenz aufgeben für ein großes Ganzes, für all die anderen, die es später vielleicht irgendwann besser haben sollen. Diese Selbstvergessenheit und Opferbereitschaft ist aber nicht die Norm. Diese ist nämlich auf gesunde Weise und am besten in einer Familie, in einer Partnerschaft zu finden, in der es Verantwortung gegenüber anderen gibt, in der es aber auch eine Liebe oder eine Leidenschaft zum eigenen Leben gibt. Wie zum Beispiel bei Derya und Aziz.

Berlin darf Ankara werden!

Die beiden leben in Ankara – als die Hauptstadt der Türkei fungiert Berlin, Hamburg wird dabei zu Istanbul. Ein kluger, simpler Schachzug, denn eine Staatsform wie unter Erdoğan – da kann man gar nicht so schnell anders wählen, schon ist sie da. Mit anderen Worten: Ankara kann überall sein.

Und so sind Derya und Aziz – sie Schauspielerin, er Schriftsteller – mit dem Big Brother-Regime überhaupt nicht einverstanden und vermitteln ihre Meinungen lautstark in den sozialen Medien. Doch der Machtapparat schläft nicht, nirgends, überall hat er seine Augen, die alles sehen und weitertragen. So kommen die Gelben Briefe ins Spiel – existenzgefährdende Schreiben, die der Staat als Mobbing einsetzt, um Leute wie eben Derya und Aziz mundtot zu machen.

Aziz, der an der Uni einen Lehrstuhl für Literatur hat, verliert seinen Job, Derya kann nicht mehr auftreten, denn das gemeinsam erarbeitete Stück wird gecancelt. Das Geld wird knapp, und dummerweise gibt es da noch zwei Kinder, die ihr Leben erst leben müssen. Was also tun in so einer Situation, in so einer akuten Existenzkrise? Den Idealen weiter folgen und sich dabei selbst vernichten – oder die familiäre Verantwortung wahrnehmen und ein Arrangement mit dem Staat annehmen?

Ein Grundsatzdiskurs als Film

Gelbe Briefe ist filmgewordene Diskussion – aber kein puristisches Dialogkino. Çatak passiert dabei ebenso wenig das Ungeschick, seinen Film zu verkopftem Arthouse zu transformieren. Das Gesellschaftsdrama, das diesmal keine Lust dazu hat, das politische Gefüge näher zu analysieren, bleibt am Boden, und zwar auf jenem, auf dem wir selbst wandeln – der uns bekannt vorkommt, den wir fühlen können. Umso spürbarer wird dann das Dilemma. Und mit Dilemmas kennt sich Çatak aus.

Sein hochgelobter Erfolg Das Lehrerzimmer sucht ebenfalls den Konflikt, die Unlösbarkeit eines Problems; die Schwere der Entscheidung zwischen Ideal und Achtsamkeit anderen gegenüber. Da fällt es schwer, zu sagen, was das richtige Verhalten wäre. Doch anders als im Lehrerzimmer, in welchem Çatak selbst am Ende nicht so ganz weiß, wie er einen Konsens finden kann, bleiben die Gelben Briefe nicht unbeantwortet.

Um dort hinzugelangen, wo am Ende die Quadratur des Kreises entsteht, geht der Filmemacher in die Tiefe – da hin, wo die Nerven liegen. Er löst da Dilemma mit verbaler Konfliktbereitschaft und narrativen Eckpunkten, die das Existenzdrama vorantreiben und lenken – von der öffentlichen Demonstration über den Willen zur Selbstverwirklichung, dem Umgehen des Selbstverrats bis hin zum Kompromiss. Das große Ganze wird dabei zum Gefüge einer Familie und nicht zu einem ganzen Volk.

Mit den eigenen Werten diplomatisch umgehen

Zwischen Ego, Liebe und der Pflicht des Widerstands setzt Çatak sein Ensemble glaubhaft in Szene – vorallem Özgu Namal trägt den Film mit schauspielerischer Kraft und der Ruhe einer kühlen Denkerin, die ihren Bedürfnissen weniger Raum lässt als Ehemann Tansu Biçer es tut. Letztlich finden sich selbst hier Betrachtungen der Geschlechterrollen und ihre Position in einem aufgeklärten Umfeld, das droht, in einer autoritären Gegenreformation zu ersticken.

Çatak holt aber Luft, bis zuletzt. Ob der Strohhalm, durch den am Ende alle atmen, der richtige ist, mag nicht von der Moral jener beurteilt werden, die, gut behütet, diesen Film sehen können.

Gelbe Briefe (2026)

Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)

DUNKLE MATERIE IN DER ZWEISAMKEIT

6/10


Zendaya und Robert Pattinson im Film Das Drama von Kristoffer Borgli
© 2026 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

KAMERA: ARSENI KHACHATURAN

CAST: ROBERT PATTINSON, ZENDAYA, ALANA HAIM, MAMOUDOU ATHIE, MICHAEL ABBOTT JR., YAYA GOSSELIN, SYDNEY LEMMON, HAILEY GATES U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Kristoffer Borgli setzt sich nun schon zum dritten Mal mit den Paradoxien des urbanen Miteinanders auseinander. Sick of Myself, sein erster Film, handelt von den Auswüchsen der Geltungssucht und der Aufmerksamkeit, die man anderen Menschen schenkt, wodurch manche versehentlich ihren Selbstwert definieren. Ein seltsam analytischer, aber treffsicherer Film. Dream Scenario geht da einen Schritt weiter ins Mysteriöse, gar Surreale: Good old Nicholas Cage ist dort der Traummann für alle, und zwar deswegen, weil er des Nächtens wie einst Freddy Kruger zwar nicht auf destruktive, aber dennoch auf eskalierende Weise in den Köpfen der Menschen herumspukt. Die Rechnung geht nicht unbedingt auf, natürlich nimmt sich Borgli auch hier wieder diverse Gesellschaftsphänomene zur Brust, formgerecht zugeschnitten auf das Zeitalter der Sozialen Medien.

Das offene Buch hat geheime Seiten

Jetzt hat Borgli die omnipräsente Schauspielerin und Sängerin Zendaya sowie Ex-Vampir Robert Pattinson vor die Kamera geholt – um klar Schiff zu machen, wenn es darum geht, als Liebespaar nur auf Basis enthüllter Geheimnisse reüssieren zu können. Man muss sich einander schließlich alles sagen – oder nicht? Wer man gewesen ist, wie man sich entwickelt hat; all die Fehlleistungen, all die Abzweigungen im Leben, die einen dorthin geführt haben, wo man sich lieb hat. Auch all die dunkle Materie. Denn wie sonst könnte man sein Gegenüber wirklich kennen, wüsste man nicht auch dies?

Also nutzen Charlie und Emma, glücklich liiert und kurz davor, pompös zu heiraten, die Gunst der Stunde, um mit ihren Treuzeuginnen und – zeugen diese dunkle Materie auszugraben. Als Emma an die Reihe kommt, bleibt allen der Mund offen stehen ob dieses psychopathischen Ansatzes. Charlie (Pattinson) ist wie die anderen auch völlig vor den Kopf gestoßen. Wie kann denn die Liebe seines Lebens jemals so viel Sünde sein?

Die Sache nicht auf sich beruhen lassen

Nüchtern betrachtet folgt auf so viel Offenbarung das Gespräch und die Lösung des Konflikts. Weiters die Akzeptanz, dass die Person, die man liebt, aus ihren Fehlern gelernt hat und nun ein anderer Mensch ist. Die bessere Hälfte legt die Sache ad acta, kommt es doch auf das Vertrauen an. Bei Kristoffer Borgli geht der Reigen aber weiter. Nach zwanzig Minuten Problembewältigung stellt sich die Frage: Wie? Der Konflikt scheint bereinigt, die Sache vom Tisch, nur der Film will nicht enden. Was hat Borgli in seinem analytischen Psychodrama Das Drama – Noch einmal auf Anfang denn noch vor?

Fingerzeigen tut man nicht

Er schenkt uns einen zerrütteten Robert Pattinson, der mit skurrilen Visionen hadert und seine große Liebe plötzlich nicht mehr zu kennen glaubt. Er schenkt uns eine recht ratlose Zendaya, die anders denkt als ihr Zukünftiger, und so auch nicht wahnsinnig viel zum Fortlauf der Geschichte beiträgt. Die Bühne gehört dem hadernden Bräutigam in spe, der sich im Selbstmitleid suhlt und damit alles nur nicht schlimmer macht.

Doch ist es nur das, nur diese Unaufbringbarkeit von Akzeptanz und Vertrauen? Borgli will mehr, er widmet sich der Toxizität der Cancel Culture – also mehr oder weniger der kollektiven Verurteilung durch jene, die ihre dunkle Materie niemals haben zeigen müssen. Da fühlt man sich gleich als besserer Mensch, hat man den oder die andere am Pranger und nicht sich selbst.

Die schale Wirkung des Selbstmitleids

Das Drama – Nochmal einmal auf Anfang hat mit diesen Betrachtungen eine clevere Prämisse und bringt bewegend viel Stoff für Diskussionen nach dem Kino. Mag sein, dass man danach diesen Spaß auch selber praktiziert und die Lebensbeichte schlechthin ablegt – unter der Voraussetzung, sich zweimal zu überlegen, wie man mit den neugewonnenen Informationen umgeht. Auserzählt hätte Borgli seinen Film aber schon viel früher, er reichert ihn daher an mit repetitiven Szenen an, die im sachlichen Setting einer schmucklosen Inszenierung wie verwässerter Wein erscheinen.

Nicht vollmundig, sondern schal eskaliert das Drama im Drama zu einem offensichtlichen Höhepunkt hin, der die Freiheit des peinlichen Scheiterns genießt. Das alles ist etwas selbstverliebt und trägt vor allem bei Zendaya das Bewusstsein zur Schau, dass es einfach reicht, sie selbst zu sein, ohne viel dafür tun zu müssen. Damit hat Pattinson Raum genug, um sich künstlich reinzusteigern, doch auch das ist nicht mehr als halbwegs solide.

Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)