Dune

DIE GRAZIE SCHWEBENDER OBJEKTE

7/10


dune© 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: DENIS VILLENEUVE

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, REBECCA FERGUSON, OSCAR ISAAC, JOSH BROLIN, JASON MOMOA, ZENDAYA, CHARLOTTE RAMPLING, STELLAN SKARSGÅRD, DAVE BAUTISTA, JAVIER BARDEM, SHARON DUNCAN-BREWSTER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 36 MIN


Gut Ding braucht Weile. Denn je länger eine Sache auf sich warten lässt, umso besonders muss sie sein. Etwas, das pünktlich erscheint, hat nichts zu verbergen. Größe entsteht durchs Hinhalten anderer, wissen wir von so manchem Monarchen oder Medienstar. Selbst die akademische Viertelstunde zeigt, dass der, der den Begriff der Pünktlichkeit ad absurdum führt, nicht minder weise sein muss. Dieser Umstand kommt auch Denis Villeneuves neuem und eben lange erwarteten Film zugute, natürlich ohne Absicht, denn die Umstände sind schließlich allesamt bekannt. Hinzu kommt, dass der kanadische Visionär schon seit jeher als Liebling der Kritiker gilt, und hinzu kommt, dass Frank Herberts Dune – Der Wüstenplanet nebst einer großen, eingelesenen Fangemeinde auch zu den besten Science-Fiction-Romanen unserer Zeit zählt. Verfilmt von einem der besten Regisseure? Die entsprechenden Vorschusslorbeeren hatten massig Zeit, sich zu entfalten. 

Nun flimmert er also über die Leinwand, der monumentale Schinken mit der Philosophie aus den Sechzigerjahren. Und bald wird klar, dass Dune viel stärker spätere Genrefilme beeinflusst hat als ich dachte. Wenn man so will, lässt sich Herberts Epos als die Ursuppe bezeichnen, durch die George Lucas‘ Star Wars erstmal schwimmen musste. Viele Elemente lassen sich aus der einen Sternensaga in der anderen finden, angefangen von raupenähnlichen Fahrzeugen, die durch die Wüste ächzen, über von magischen Fähigkeiten beseelten Auserwählten und deren Religion bis hin zu vermummten Gestalten in kuriosen Kostümen, umgeben von in Mitleidenschaft gezogener, fremdartiger Mechanik, die ihre volle Entfaltung in der Ausstattung zuletzt in The Mandalorian gefunden hat. Der Wüstenplanet und Star Wars, das ist der Ernst des Lebens und verspielter les affaires. Villeneuve, der nimmt seine Challenge so ernst, da lächelt bis auf ein paar Ausnahmen niemand, denn diese Welt unter dem Joch eines Imperators, der die einzelnen Herzogtümer untereinander ausspielt, ist nicht die eines blitzewerfenden Palpatine, sondern eines gesichtslosen, faschistoiden Diktators. Dabei wird der Wüstenplanet Arrakis zur Spielwiese freier Mächte – nämlich dem Geschlecht der Atreides, dem Geschlecht der Harkonnen und den indigenen Fremen. Auserwählt scheint da nicht Luke Skywalker, sondern Paul Atreides zu sein, der stets von Visionen heimgesucht wird und von seiner Mutter, einer Schülerin der Bene-Gesserit, in scheinbar magischen Künsten unterwiesen wird. Die Atreides, nunmehr die administrative Gewalt über den Spice-Planeten, werden von den vertriebenen Harkonnen überfallen, und so entspinnt sich ein Krieg der drei Parteien, während Wunderkind Paul bei den blauäugigen Fremen mitten im Land der Wüstenwürmer Zuflucht sucht.

Das Buch ist natürlich eine Schwarte, da hat Villeneuve gut daran getan, den Stoff zu splitten. Er weiß, dass es darauf ankommt, nun genug Geld einzuspielen, um sein Werk überhaupt vollenden zu können. Da er keine Kosten gescheut hat, blieb auch kein Budget, um das Projekt – so wie Peter Jackson es für Herr der Ringe getan hat – gleich in einem durch abzudrehen. So allerdings bleibt das Gespenst des unvollendeten Kunstwerks stets präsent. Doch die Meter an Film, die der Visionär bereits im Kasten hat, können sich vor allem sehen – und hören lassen. Was er bereits in Arrival so geschmackvoll formuliert hat, findet in Dune sein Crescendo: es ist die Grazie des schwebenden oder fliegenden Objekts, des vorzugsweise geometrischen Körpers. Es ist die Liebe zu in Form gebrachten Rohstoffen wie Stein und Metall. Dune ist kubistische Science-Fiction, ein tonnenschwerer Expressionismus, der Physik des Weltalls oder fremder Planeten ausgesetzt, zerkratzt, abgenutzt. Der Behäbigkeit der Dinge ist nur durch das Aufheben der Gravitation zu entkommen. selbst Stellan Skarsgård als Baron der Harkonnen mutiert zur levitierenden Skulptur. Diesem Ringen der Elemente miteinander, in Linien, Formen und Kuben, schenkt Villeneuve sehr viel Zeit, die er auch dazu nutzt, seinen Formenreigen mit entsprechenden sphärischen Klangwelten zu vertonen. Das ist natürlich ein Erlebnis, wofür es Preise regnen sollte. Science-Fiction hat sich selten so sehr in seiner Bild- und Tonsprache selbst genügt. Da wirken all die vielen bekannten Gesichter in relativ verschwindend kleinen Rollen wie Teile von Villeneuves Installation, ohne ihren Charakter preiszugeben. Am meisten kämpft damit Timothée Chalamet, der wie eine griechische Gottheit mit seiner Bestimmung hadert, jedoch wenig dafür empfindet. Zum Glück steht ihm Rebecca Ferguson bei, die aus dem ganzen Ensemble wie eine Lichtgestalt hervorsticht – ihre Performance ist einzigartig und nuanciert, sie ist es auch, die Chalamet immer wieder ins Spiel holt.

Obwohl Herberts interstellares Game of Thrones als Vorreiter gilt, wirkt der prinzipiell simple, aber durch die messianische Heilskomponente recht diffuse Plot fast schon nachahmend – die Ironie auf Kosten desjenigen, der‘s erfunden hat. Da sich Villeneuve sehr viel Zeit nimmt, das ganze Epos mit all seinen Darstellern überhaupt erst anzustarten, sich dabei aber in seine erschaffenen und genialen Welt verliert, zeigt sich die Dramaturgie etwas spröde und ungelenk. Wäre Dune als Serie konzipiert, wäre die Stärke der Charakterzeichnung eine so wichtige wie das visuelle Arrangement, denn Zeit dafür wäre dann genug vorhanden. Selbst nach 2 Std. 36, die sich mitunter etwas ziehen, ist die Geschichte nicht sehr viel weiter. Wie der ganze Rest in den zweiten Teil soll, kann ich mir nicht vorstellen. Klar, Dune ist keine leichte Materie, an dem nicht nur Alejandro Jodorowsky mit seiner verrückten LSD-Version bereits scheiterte. Villeneuve hingegen hat’s geschafft. Und es gelingt ihm aufgrund seines Könnens vieles – aber nicht alles.

Dune

Malcolm & Marie

DIE KRÄNKUNG EINER NACHT

5,5/10


malcolm_marie© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

DREHBUCH UND REGIE: SAM LEVINSON

CAST: ZENDAYA, JOHN DAVID WASHINGTON

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Wie heisst das Zauberwort? Das lernt man schon im Kleinkindalter. Und eigentlich sind es zwei dieser Sorte. Bitte und Danke. Ein Basislehrgang in Sachen Respekt und Wertschätzung. Wie ist das in einer Beziehung? Muss man da auch andauernd Danke sagen? Ja, muss man. Denn nichts in einer Beziehung ist, nur weil es eine Beziehung ist, selbstverständlich. Das ist etwas, das muss Filmemacher Malcolm noch lernen. Der hat nämlich völlig vergessen, bei der Premiere seines Regiedebüts vor allem seiner besseren Hälfte jenen verbalen Tribut zu zollen, den sie verdient hätte. Meint Marie. Und schon ist die Lunte für eine hitzige Nacht aus Küssen und verbalen Schlägen gezündet. Eine knapp über hundert Minuten lange Wippschaukel an Stimmungen. Da ließe sich ja ein zweites Wer hat Angst vor Virginia Woolf? dahinter vermuten, Edward Albees Beziehungsdrama, ebenfalls an einem Abend, und vor allem einer, an dem sich beide nichts schenken.

Geschenkt haben sich Schauspielerin Zendaya (eben noch in Spiderman: Far from Home als Parkers nonkonforme Klassenkollegin – und schon im bauchfreien Abendkleid) und Tenet-Star John David Washington anlässlich dieses heimlichen Corona-Drehs erstmal ihren negativen Antigentest. Damit sie überhaupt so sehr auf Tuchfühlung gehen können, wie sie es in diesem Zwei-Personen-Drama tun. Location ist ein großzügig verglaster Bungalow irgendwo in Kalifornien, die elegante Bildsprache macht auf sophisticated Schwarzweiß und setzt obendrein noch auf eine angenehm grobkörnige Struktur der Bilder. Das ist schon mal erlesen, da kann man gut und gerne darin versinken. Dazu ein paar jazzige Musiknummern und, am Türrahmen lehnend, den Glimmstängel zwischen den Fingern. Lauren Bacall, Richard Burton, Humphrey Bogart oder wie sie alle heißen, hätten sich in diesen Rollen wohl wiedergefunden. Klar, das sind alles Stars mit unübersehbaren Egos. Malcolm und Marie haben diese auch – stolze Egos, die deren Kränkung zum Anlass nehmen, den Mittelpunkt auf sich zu lenken.

Womit sich die emotionale Teilnahme des Zusehers an diesem schicken Geplänkel mit dispkrepanten Stimmungsschwankungen in Grenzen hält. Sam Levinson hat gar nicht vor, wie ein Edward Albee wirklich ans Eingemachte zu gehen. Klar, die Vergangenheit holt sich ihre Erwähnungen, um diesen Hickhack besser zu verstehen. Die Bekümmernisse der Beiden, ihren Trotz und ihre ständige Eigenrotation, die bleiben in diesem Schloss aus Glas, finden keinen Bezugspunkt nach draußen und haben auf Dauer auch nichts wirklich Relevantes mehr zu berichten.

Annerkennung, Achtsamkeit – Zendaya unter artiger, allerdings aber professioneller Ausführung akkurater Regieanweisungen fordert dieses Verhalten ein, gibt aber nicht viel Einblick in ihre Psyche. John David Washington ebenso wenig, er ergeht sich in gut ausformulierte, aber völlig belanglose Monologe über Kritiker und Filmbiz, die den kargen Plot auf Spielfilmlänge strecken. Malcolm & Marie zelebriert eine eigene Welt, eine eigene gesellschaftliche Biosphäre, so fern von einem greifbar hemdsärmeligen Leben. Das ist das, was Sam Levinson schafft: Eine prätentiöse Blase, darin eine kunstvolle Fotoshow mit zwei hippen Stars, die noch einige Karrierestufen vor sich haben. Das ist Beziehungskiste mit Glamour.

Malcolm & Marie

Spider-Man: Far From Home

WIR MÜSSEN JETZT STARK SEIN

6,5/10

 

spidermanfarfromhome© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: JON WATTS

CAST: TOM HOLLAND, JAKE GYLLENHAL, SAMUEL L. JACKSON, JON FAVREAU, MARISA TOMEI, ZENDAYA, COBIE SMULDERS U. A.

 

Gibt es denn ein Leben nach dem Endgame? Ja, doch, das gibt es. Darüber hinwegzukommen, dass die finale Schlacht um Thanos nicht ohne Verluste blieb, geht natürlich nicht von heute auf morgen. Und auch nicht von Frühling bis Sommer, wie uns der neue Spider-Man klarmachen will. Da hilft meistens nur die Methode, Abstand von alldem zu gewinnen. Denn das sind ja keine Peanuts, wenn man auf fremden Planeten gegen einen violetten Giganten antritt, an der Außenhülle eines Raumschiffs hängt und am Ende noch seinen Mentor verliert. Das schreit nach einer Auszeit fernab jeglichen Heldengetöses, in der sich Jungs wie Peter Parker, nicht mal noch volljährig, auf die eigentlich wesentlichen Dinge des Lebens rückbesinnen können. Auf das Zwischenmenschliche sozusagen. Auf das Mädchen MJ aus Parkers Klasse, die durch ihre unkonformistische Art das Interesse des Fassadenjunkies geweckt hat. Gut, dass die ganze Klasse gemeinsam nach Europa fliegt, denn auf Reisen lässt sich einfacher Bande knüpfen als im Alltagstrott daheim, wo vielleicht ohnehin nur neue Heldentaten auf ihre Erfüllung warten. Was sie auch tun, denn Ex-S.H.I.E.L.D.-Manager Nick Fury versucht verzweifelt, den Jungspund zu erreichen.

Mit Spider-Man: Far From Home endet Phase 3 des Marvel Cinematic Universe. So wie es aussieht holt sich Phase 4 dann doch noch den einen oder anderen Protagonisten mit aufs Boot, das zu neuen Ufern aufbrechen will. Die ganz alten Haudegen dürften Geschichte sein, das lässt sich auch anhand des rührseligen Farewell-Intros des vorliegenden Abenteuers nochmal besser begreifen. Tom Holland aber dürfte noch einiges vorhaben, wie es aussieht. Und mit ihm auch Samuel L. Jackson als Nick Fury oder Jon Favreau als integrer Happy, die gute Seele des Hauses, wenn man so will. Das macht den Abschied leichter, und den Übergang in ein neues Kapitel gar nicht so sehr zu einem Abnabelungsprozess wie befürchtet. Mit Jake Gyllenhaal taucht dann noch dazu ein kompletter Neuling auf, einer, der von einer alternativen Erde stammt, und mit anpackt, wenn es heißt, die neue Bedrohung des Planeten durch die Eternals abzuwenden. Das neue Abenteuer sieht also nach einem jugendlichen Interrail-Trip quer durch Europa aus, nur ohne Interrail und zwischendurch gibt es weltbewegende Giganten, die nicht nur die Lagunenstadt demolieren.

Jon Watts beweist da einmal mehr ein Händchen fürs lockere Inszenieren, fürs unbekümmerte Zusammenspiel seines Ensembles, das sichtlich Spaß an der Sache hatte, sich aber manchmal zu sehr auf ihren kindlich-naiven Charme verlässt, der natürlich einnehmenden Unterhaltungswert hat, allerdings nicht ganz so treffsicher Show macht wie bei Spider-Man: Homecoming. Dessen Esprit war eindeutig besser, und auch Michael Keaton war ein Antagonist, der nicht ganz so sehr einer Allmachtsfantasie erlegen war wie das bei Bösewichten oft der Fall ist. Spider-Man: Far From Home scheint da diesmal gänzlich ohne handfesten Widerpart auszukommen – oder doch nicht? Zu leicht tappt man bei der Rezension des aktuellen Abenteuers ins Spoiler-Fettnäpfchen, an jeder Ecke lauern kleine, nicht immer schlüssige Story-Twists, die aber für enorme Kurzweil sorgen, und die auch richtig schön ins Geschehen katapultieren, sodass sich der Alltag wie bei einer Reise üblich mit dem Fingerschnippen ausknipsen lässt.

Das quirlige Actionspektakel mit allerhand Akrobatik hat aber zum Glück nicht vergessen, seine Story auch mit einem Quäntchen Zeitgeistkritik zu versehen. Hier dreht sich viel um Social Media, Fake News und Meinungsmache, nah am Puls technophiler Trends. Dem wird mit viel süffisanten Seitenhieben und durchaus auch aufrichtiger Skepsis begegnet, wobei das Vermächtnis des Tony Stark und all die paranormalen Gewaltakte der letzten 22 Filme sehr starken Einfluss auf Spider-Man: Far From Home haben, denn nichts bleibt ohne Folgen, schon gar nicht im MCU, weshalb hier auf Details geachtet und auf ein gutes Erinnerungsvermögen gesetzt werden muss, bis zurück an die Anfänge. Wichtig ist es auch, sitzen zu bleiben bis nach dem Abspann, und ich meine, ganz nach dem Abspann, denn die Post Credit-Szenen, die wir bei Endgame schmerzlich vermisst haben, sind wieder da – und haben es in sich, wie selten zuvor. Wobei klar wird: das Bündel, das der Junge im Stretch tragen muss, wird schwer auf seinen Schultern lasten, aber was hilft´s – wir alle müssen jetzt Stark sein 😉 Oder kann es doch nur einen geben?

Spider-Man: Far From Home

Smallfoot

ZEIGT HER EURE FÜSSE

7/10

 

smallfoot© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: KAREY KIRKPATRICK, JASON REISIG

MIT DEN STIMMEN VON: CHANNING TATUM (KOSTJA ULLMANN), GINA RODRIGUEZ, ZENDAYA, JAMES CORDEN U. A.

 

Reinhold Messner hat als Vortragender und High Society-Abenteurer wohl genug um die Ohren, um ins Kino zu gehen, aber diesen Film sollte er sich wirklich nicht entgehen lassen. Wie wir wissen, hat der Südtiroler Extrembergsteiger vor langer Zeit ja tatsächlich Stein und Bein geschworen, einem gigantischen weißen Fellknäuel, der im Volksmund Yeti genannt wird, begegnet zu sein – bis er irgendwann diese marktschreierische Lüge leider dementieren musste. Nach der Sichtung von Smallfoot könnte man ja dazu geneigt sein, Messner´s Dementi auch in einem anderen Licht zu betrachten. Und all diejenigen, die ein Faible für komödiantische Animationsfilme haben, können den vollbärtigen Brixener ruhig begleiten. Denn Smallfoot ist eine enorm liebevolle Bergtour bis jenseits der Wolken geworden. Und was Smallfoot vor allem anderen auszeichnet: die phantastische, aufwändig entworfene Schneeballschlacht von Drehbuchspezialist Karey Kirkpatrick und Jason Reisig ist zum Brüllen komisch.

Man kann den Spieß auch umdrehen und daran zweifeln, dass es den Smallfoot – in diesem Fall die Spezies Homo sapiens – in Wirklichkeit überhaupt gibt. Das lässt sich leicht machen, sofern man selbst ein Yeti ist, und als Yeti irgendwo am Berg in völliger Isolation seiner eigenen eiskalten, aber alles andere als unterkühlten Kultur frönt. Wer weiß, was Reinhold Messer alles gesehen hat – vielleicht so viel wie dieser unglückliche Bruchpilot, der vor den Toren der klirrend kalten Festung der Yetis niedergeht. Migo, der so blaulippige wie nasenlose wandelnde Bettvorleger, ist zur rechten Zeit am rechten Ort, um eines dieser mythischen Menschenwesen mit eigenen Augen zu sehen. Warum ihm danach keiner glaubt, und warum Migo verbannt wird und wieso das Oberhaupt des kleinen Reiches ein zentnerschweres Steingewand mit sich herumträgt, darüber verliere ich jetzt nicht allzu viele Worte, denn der Reiz des vorwiegend in geschmackvollen Blau-, Türkis und Lilatönen kolorierten, geistreichen Komödie liegt in den originellen inhaltlichen Details, die den Alltag der Schneemonster umreißen. Spätestens dann, wenn sich die fleischgewordenen kryptozoologischen Unikume talwärts bewegen, gibt es humoristisch gesehen kein Halten mehr.

Normalerweise sind die Drehbücher für Animationskomödien eine Aneinanderreihung schriller Slapstickszenen, die den eigentlichen Plot untergeordnet wissen. Bei Pixar ist es meist umgekehrt. Dass die Warner Animation Group Ähnliches zuwege bringen kann, erstaunt mich dann doch. Die großartigsten Momente sind nicht unbedingt die immer wiederkehrenden Gesangseinlagen, die an Frozen erinnern, die aber junges, weibliches Publikum nachhaltig an sich binden, sondern der Sichtwechsel zwischen Mensch und Yeti. Für letztere sprechen Menschen piepsendes Kauderwelsch, und für unsereins können Yetis nichts anderes als grölen und brüllen. Diese leidenschaftlich zelebrierte Differenz birgt eine Situationskomik, die ungefähr so unterhaltsam ist wie die Sicht der kalaharischen N´Xau auf die Zivilisation in Die Götter müssen verrückt sein. Das ist so charmanter wie augenzwinkernder Humor, und umrahmt sogar pädagogisch wertvolle Botschaften wie Respekt, Völkerverständigung, Toleranz und die Neugier, doch einfach mal hinter den Horizont zu blicken – wo vielleicht ein paar Antworten warten. Auf Fragen, die lange schon gestellt sind.

Ob es den Yeti gibt, ist rückblickend ganz einerlei. Es ist schon erfüllend genug, dass das augenscheinlich gutmütige Wesen in unserer Vorstellung Gestalt annimmt – und in so atemberaubend animierten Filmen wie Smallfoot seinen barfüßigen Auftritt erhält.

Smallfoot