Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)

DUNKLE MATERIE IN DER ZWEISAMKEIT

6/10


Zendaya und Robert Pattinson im Film Das Drama von Kristoffer Borgli
© 2026 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

KAMERA: ARSENI KHACHATURAN

CAST: ROBERT PATTINSON, ZENDAYA, ALANA HAIM, MAMOUDOU ATHIE, MICHAEL ABBOTT JR., YAYA GOSSELIN, SYDNEY LEMMON, HAILEY GATES U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Kristoffer Borgli setzt sich nun schon zum dritten Mal mit den Paradoxien des urbanen Miteinanders auseinander. Sick of Myself, sein erster Film, handelt von den Auswüchsen der Geltungssucht und der Aufmerksamkeit, die man anderen Menschen schenkt, wodurch manche versehentlich ihren Selbstwert definieren. Ein seltsam analytischer, aber treffsicherer Film. Dream Scenario geht da einen Schritt weiter ins Mysteriöse, gar Surreale: Good old Nicholas Cage ist dort der Traummann für alle, und zwar deswegen, weil er des Nächtens wie einst Freddy Kruger zwar nicht auf destruktive, aber dennoch auf eskalierende Weise in den Köpfen der Menschen herumspukt. Die Rechnung geht nicht unbedingt auf, natürlich nimmt sich Borgli auch hier wieder diverse Gesellschaftsphänomene zur Brust, formgerecht zugeschnitten auf das Zeitalter der Sozialen Medien.

Das offene Buch hat geheime Seiten

Jetzt hat Borgli die omnipräsente Schauspielerin und Sängerin Zendaya sowie Ex-Vampir Robert Pattinson vor die Kamera geholt – um klar Schiff zu machen, wenn es darum geht, als Liebespaar nur auf Basis enthüllter Geheimnisse reüssieren zu können. Man muss sich einander schließlich alles sagen – oder nicht? Wer man gewesen ist, wie man sich entwickelt hat; all die Fehlleistungen, all die Abzweigungen im Leben, die einen dorthin geführt haben, wo man sich lieb hat. Auch all die dunkle Materie. Denn wie sonst könnte man sein Gegenüber wirklich kennen, wüsste man nicht auch dies?

Also nutzen Charlie und Emma, glücklich liiert und kurz davor, pompös zu heiraten, die Gunst der Stunde, um mit ihren Treuzeuginnen und – zeugen diese dunkle Materie auszugraben. Als Emma an die Reihe kommt, bleibt allen der Mund offen stehen ob dieses psychopathischen Ansatzes. Charlie (Pattinson) ist wie die anderen auch völlig vor den Kopf gestoßen. Wie kann denn die Liebe seines Lebens jemals so viel Sünde sein?

Die Sache nicht auf sich beruhen lassen

Nüchtern betrachtet folgt auf so viel Offenbarung das Gespräch und die Lösung des Konflikts. Weiters die Akzeptanz, dass die Person, die man liebt, aus ihren Fehlern gelernt hat und nun ein anderer Mensch ist. Die bessere Hälfte legt die Sache ad acta, kommt es doch auf das Vertrauen an. Bei Kristoffer Borgli geht der Reigen aber weiter. Nach zwanzig Minuten Problembewältigung stellt sich die Frage: Wie? Der Konflikt scheint bereinigt, die Sache vom Tisch, nur der Film will nicht enden. Was hat Borgli in seinem analytischen Psychodrama Das Drama – Noch einmal auf Anfang denn noch vor?

Fingerzeigen tut man nicht

Er schenkt uns einen zerrütteten Robert Pattinson, der mit skurrilen Visionen hadert und seine große Liebe plötzlich nicht mehr zu kennen glaubt. Er schenkt uns eine recht ratlose Zendaya, die anders denkt als ihr Zukünftiger, und so auch nicht wahnsinnig viel zum Fortlauf der Geschichte beiträgt. Die Bühne gehört dem hadernden Bräutigam in spe, der sich im Selbstmitleid suhlt und damit alles nur nicht schlimmer macht.

Doch ist es nur das, nur diese Unaufbringbarkeit von Akzeptanz und Vertrauen? Borgli will mehr, er widmet sich der Toxizität der Cancel Culture – also mehr oder weniger der kollektiven Verurteilung durch jene, die ihre dunkle Materie niemals haben zeigen müssen. Da fühlt man sich gleich als besserer Mensch, hat man den oder die andere am Pranger und nicht sich selbst.

Die schale Wirkung des Selbstmitleids

Das Drama – Nochmal einmal auf Anfang hat mit diesen Betrachtungen eine clevere Prämisse und bringt bewegend viel Stoff für Diskussionen nach dem Kino. Mag sein, dass man danach diesen Spaß auch selber praktiziert und die Lebensbeichte schlechthin ablegt – unter der Voraussetzung, sich zweimal zu überlegen, wie man mit den neugewonnenen Informationen umgeht. Auserzählt hätte Borgli seinen Film aber schon viel früher, er reichert ihn daher an mit repetitiven Szenen an, die im sachlichen Setting einer schmucklosen Inszenierung wie verwässerter Wein erscheinen.

Nicht vollmundig, sondern schal eskaliert das Drama im Drama zu einem offensichtlichen Höhepunkt hin, der die Freiheit des peinlichen Scheiterns genießt. Das alles ist etwas selbstverliebt und trägt vor allem bei Zendaya das Bewusstsein zur Schau, dass es einfach reicht, sie selbst zu sein, ohne viel dafür tun zu müssen. Damit hat Pattinson Raum genug, um sich künstlich reinzusteigern, doch auch das ist nicht mehr als halbwegs solide.

Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)

Dream Scenario (2023)

ÜBER NACHT ZUM STAR

7/10


dreamscenraio© 2023 Metropolitan FilmExport


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

CAST: NICOLAS CAGE, JULIANNE NICHOLSON, JESSICA CLEMENT, MICHAEL CERA, STAR SLADE, PAULA BOUDREAU, KALEB HORN, LILY BIRD, TIM MEADOWS, LIZ ADJEI U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In der längst zum popkulturellen Erbe zählenden Fantasy-Serie Buffy – Im Bann der Dämonen gibt es eine Episode, da träumen Sarah Michelle Gellar und ihre Clique jeweils eigene, schicksalsspezifische Träume, die eines gemeinsam haben: Einen Mann, der Käse serviert. Niemals wird aufgeklärt werden, wer das gewesen sein mag, und ungefähr ähnlich wird es wohl der breiten Masse in Kristoffer Borglis reflektierender Satire Dream Scenario ergehen, die, sie wissen nicht warum, plötzlich von einem Mann mit Bart, Glatze und langweiligem Casual Outfit träumen, der, egal wie geartet der jeweilige Traum auch sein mag, in diesen mehr oder weniger zufällig vorbeikommt und nichts tut außer das: einfach die Szenerie ergänzen, vielleicht mit ein paar Worten auf den Lippen, Laub kehrend oder an fremdartigen Pilzen schnuppernd. Kaum jemand – bis auf jene, die Paul Matthews, seines Zeichens Biologieprofessor an der Uni, persönlich kennen – würden jemals herausfinden, was es mit diesem fremden Mann auf sich hat. Und niemand würde sich als Teil einer großen Gemeinschaft ansehen, die dasselbe träumen, gäbe es nicht das Wunder der weltumspannenden Medien, die aus diesem Mysterium schnell einen Hype kreieren. Paul Matthews, Vater zweier Kinder und glücklich verheiratet, wird im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht berühmt. Diese Berühmtheit beginnt im Kleinen. Erst tauschen sich nur ein paar der Leute aus, die Teil dieses Phänomens sind, dann sind es plötzlich mehrere und dann ganz viele und dann, ja dann riechen jene den Braten, die das große Geld scheffeln wollen, sind es nun Zuschauerquoten, Likes oder Produkte, die Paul Matthews dank seiner Bekanntheit gegen gutes Geld bewerben könnte. Er wird zum größten Influencer aller Zeiten, weil er als Pionier eine Bühne betritt, die noch keiner für sich und seine Zwecke erschlossen hat. Mit dem Unterschied: Matthews will das gar nicht, Er tut nichts und wird trotzdem zum Star. Doch wie lange? Und wie sehr kann er beeinflussen, dass der Spuk vorbeigeht? Gar nicht, denn letzten Endes kommt es anders, und schlimmer, als man glauben will.

In Woody Allens zum Schenkelklopfen humoristischem Episodenfilm To Rome with Love widerfährt in einer der kuriosen Geschichten Roberto Benigni ein ähnliches Schicksal: Zuvor noch ein Niemand, der die Anonymität der Großstadt genießt, wird er eines Tages zum wohl begehrtesten Menschen auf Gottes Erden. Warum, weiß keiner. Das genaue Gegenteil bietet die französische Psycho-Dystopie Vincent Must Die. Hier passiert ähnliches, von einem Moment auf den anderen, und besagter Normalbürger muss um sein Leben rennen, egal wo er auftaucht. Hype und Shitstorm, Hofierung und Verbannung: Dream Szenario bringt beides zusammen und beobachtet dabei genau die Eigendynamik, die dabei entsteht, wenn die breite Masse die Macht hat, Personen des öffentlichen Lebens zu dem werden zu lassen, was ihren Befindlichkeiten entspricht, ohne Rücksicht auf Verluste oder kollaterale Schäden, die das Pushen und Schmähen mit sich bringen.

Soziale Anomalien waren für Kristofer Borgli schon Stoff genug für sein bizarres Drama Sick of Myself, welches die Gier nach Aufmerksamkeit zum Thema hatte. In dieser nicht minder klugen Tragikomödie wie Dream Scenario fügt sich eine mit schwachem Selbstwert ausgestattete junge Frau körperliche Schäden zu, um diese als sonderbare Krankheit zu verkaufen und in den Medien bekannt zu werden. Während hier der Drang zum Ruhm pathologische Züge annimmt, ist in Dream Scenario der Ruhm ein ungewollter Zustand, der sich nicht mal kanalisieren lässt, weil von der Masse bestimmt wird, wie er aussehen soll. In dieser Ohnmacht rudert Nicolas Cage haltsuchend mit den Armen, seine Performance ist wohlüberlegt und fern seiner üblichen Manierismen. Er gefällt sich in diesem seinem Stereotyp zuwiderlaufenden Normalo, dabei packt ihn, dem Verlauf der Geschichte entsprechend, auf skurrile Weise die Verzweiflung eines Menschen, der den Meinungen der anderen ausgesetzt ist wie ein Zebra den Raubtieren fern seiner Herde.

Zwischen gespenstischen Traumsequenzen und einer mysteriösen Wirklichkeit, in der das Unerklärliche zum Spiegel der Gesellschaft wird, hebt Dream Scenario am Ende gar an zu einer Science-Fiction-Vision – eine Richtung, die der Film gar nicht nötig gehabt hätte. Die Welt der Träume ist schon Nährboden genug, um Reales mit dem Irrealen einen Ringkampf austragen zu lassen, der klar macht, wie die Welt von der Schwemme an falschen Wahrheiten manipuliert wird. Leidtragender ist nur ein Einzelner, verursacht durch viele, die sich, ihren Impulsen folgend, davor hüten, ihren Opportunismus zu hinterfragen.

Dream Scenario (2023)

Sick of Myself (2022)

DIE SYMPTOME DER GELTUNGSSUCHT

6/10


sickofmyself© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN 2022

BUCH / REGIE: KRISTOFFER BORGLI

CAST: KRISTINE KUJATH THORP, EIRIK SÆTHER, FANNY VAAGER, FREDRIK STENBERG DITLEV-SIMONS, SARAH FRANCESCA BRÆNNE, INGRID VOLLAN, STEINAR KLOUMAN HALLERT, ANDREA BRAEIN HOVIG U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


So mancher und so manchem wird dieses Gefühl vielleicht fremd sein – ich selbst aber kenne das von früher, als ich noch nicht wusste, worum es im Leben eigentlich gehen sollte: Das Gefühl einer selbstwertgefährdenden Niederlage, die daraus resultiert, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Alles dafür getan zu haben, aber doch nicht wichtig genug zu sein. In einer Gesellschaft, in der man den Wert des Menschen eigentlich nur über seine Leistung definiert, und wenn nicht darüber, dann über das Geld, sollte man sich selbst genug sein. Das schützt vor so mancher Schmach oder dem Umstand, dass einem beim Versuch, alle Blicke auf sich zu ziehen, die Puste ausgeht. Andere wollen um jeden Preis – und wirklich um jeden Preis – die Aufmerksamkeit aller. Wollen bewundert, und wenn nicht bewundert, dann bemitleidet werden, weil sie ein Opfer bringen oder Opfer von irgend etwas anderem geworden sind. Das ist schon pathologisch. Und diese Art krankhafte Geltungssucht, die hat nun ein Gesicht. Und zwar ein entstelltes.

In der norwegischen Psychosatire Sick of Myself kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn klar wird, dass dieser betriebene Exzess zugunsten eines zweifelhaften Ruhms durchaus realistisch sein kann. Im Mittelpunkt – und dieser wird ihr den ganzen Film hindurch nicht genommen – steht eine junge Frau namens Signe, die mit ihrem Freund zusammenlebt, der in der Kunstszene schon zu einigem Renommee gekommen ist. Das schmeckt Signe, die „nur“ in einer Bäckerei arbeitet und sonst kaum Hobbys hat, gar nicht. Auch sie will gesehen, gehört und bewundert werden, so wie ihr Freund. Und sobald sich alles um ihn dreht, findet sie Mittel und Wege, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das beginnt noch mit kleinen, perfiden Spielereien, wie zum Beispiel dem Vortäuschen einer Lebensmittelallergie. Als das auch nicht mehr zieht, beschafft sie sich auf illegalem Wege obskure russische Medikamente, die bei kontinuierlicher Einnahme zu horrenden körperlichen Schäden führen. Sprich: Der Weg zum Quasimodo ist geebnet, Signe macht sich, wie der Titel schon prophezeit, selbst krank und tut so, als käme diese Pein aus heiterem Himmel. Ihr Gesicht ist vernarbt, der Körper voller Flecken. Der Freundeskreis ist, so wie wir im Publikum, abgestoßen und fasziniert zugleich. Zeigt Mitleid und Bewunderung, wie Signe es meistert, damit umzugehen. Bald schon erscheint ein Artikel in der Zeitung, doch das ist unserer „Patientin“ nicht genug. Sie will noch mehr Aufmerksamkeit. Sie will den Ruhm und die Wichtigkeit, die andere haben, nur nicht sie. Wohin das führt? Zur Frau im Essigkrug.

Die Idee des bei den letztjährigen Cannes Filmfestspielen in der Kategorie Un Certain Regard gezeigten Werks des Autorenfilmers Kristoffer Borgli ist eine, deren filmische Umsetzung recht reizvoll erscheint, ist doch das Thema eines, das den Zeitgeist trifft und das Phänomen Social Media auf seine Grundmotivationen herunterbricht. Die Freakshow um einen Minderwertigkeitskomplex und seine Folgen zieht in seinen Bann, man kann nicht wegschauen, man kann nur verblüfft staunen, wie sehr ein flüchtiger Wert wie Ruhm ein Leben ruinieren kann. Und dennoch ist Sick of Myself etwas einseitig geraten. Wir beobachten Signes selbstkreierten Leidensweg lediglich aus ihrer Sicht, ihr Lebensentwurf ist der einzige, der im Film zur Verfügung steht. Somit sucht die Satire keinen Diskurs, sondern wirkt selbst wie ein Beipackzettel für ein Medikament, dass hochgradig suchtgefährdend ist. Auf die Dauer wird die Chronik der Ereignisse redundant, und nur vereinzelt gibt es erhellende Spitzen. Im ähnlich positionierten Satiredrama Not Okay von Quinn Shephard mit Zoey Deutch als Lügenbaronesse findet der moralische Konflikt viel effizienter statt, während Sick of Myself kaum Wert auf ein Echo legt. In Not Okay gibt eine alternative Weltsicht kontra und lädt zur vehementen Auseinandersetzung mit den Prioritäten des Lebens. Das mag vielleicht gefälliger sein, dafür aber eingängiger. In der norwegischen Groteske allerdings entbehrt die Gesellschaft keine helfende Hand, und auch den Unterschied zwischen Realität und Fiktion muss man erst erlernen, führt die Mixtur aus beiden anfangs zu einiger Konfusion. Später hat man den Dreh raus, nur Signe nicht. Für Erkenntnis bleibt kein Platz, doch immerhin hat der Freak seine Blase gefunden.

Sick of Myself (2022)