The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter (2024)

ANGST VORM SCHWARZEN MANN

6/10


© 2024 Film Factory Entertainment


ORIGINALTITEL: EL ILANTO

LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN, FRANKREICH 2024

REGIE: PEDRO MARTÍN-CALERA

DREHBUCH: PEDRO MARTÍN-CALERA, ISABEL PEÑA

KAMERA: CONSTANZA SANDOVAL

CAST: ESTER EXPÓSITO, MATHILDE OLLIVIER, MALENA VILLA, ÀLEX MONNER, SONIA ALMARCHA, TOMÁS DEL ESTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Stellt Euch folgende schaurige Szene vor: Da plaudert man per Videocall mit seinem gegenüber, meldet sich dieses mit einer Frage zu Wort, wer denn bei einem selbst auf Besuch sei. Warum, würde man antworten, sei man doch ganz alleine zuhause. Doch wer genau steht denn da in der Tür? Der Schauer läuft bei dieser Entgegnung mit Riesenschritten den Rücken hoch und setzt sich in den Nacken, wir drehen uns um und sehen natürlich nichts, doch da ist eine Präsenz, unser Gegenüber am Display des Computers sieht es ganz genau.

Solche paranormalen Vorkommnisse passieren im argentinischen Paranoia-Horror The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter – und ja, alles beginnt mit einem Schluchzen und Jammern, das die Protagonistinnen dieses Films wahrnehmen, dieses aber nicht verorten können, zumindest nicht sofort. Und dann passiert das, eingangs erwähnte Szene, die dunkle Silhouette einer Gestalt ist vage auszumachen, obwohl eigentlich niemand hier sein dürfte, in der Wohnung von Studentin Andrea. Noch schenkt sie diesen Vorkommnissen wenig Aufmerksamkeit, auch wenn ihre Freunde darauf beharren, dass jemand anderes in ihrer Wohnung war. Dieses andere entpuppt sich bald als finstere Entität, als ein personifizierter Fluch, als eine Bedrohung, die sich nur auf digitalen Medien manifestiert, sonst aber unsichtbar bleibt.

Toxischer Verfolger durch die Zeit

Wäre das die ganze Geschichte, hätten wir es mit einem relativ geradlinigen Dämonen- oder Geisterhorror zu tun, in welchem es darum geht, den oder die andersdimensionalen Verfolger abzuschütteln, vielleicht versehen mit einer tiefergehenden Symbolik, die sich in David Robert Mitchells beeindruckender Vergänglichkeits-Allegorie It Follows vorfinden lässt. Doch der Spanier Pedro Martín-Calero hat anderes, hat mehr im Sinn. Nicht der Tod und das Unausweichliche eines Lebensende, das die Existenz im Diesseits stets zum Tanz verführt, ist in The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter vorrangig. Schließlich gibt es in Caleros Film noch eine zweite Zeitebene – diese ist zwanzig Jahre vor den Geschehnissen in Südamerika angesiedelt, und zwar in Spanien. Dort stalkt die junge Filmstudentin Camilla im Rahmen ihres Kurzfilmprojektes eine junge Frau namens Marie, die natürlich nicht weiß, wie ihr geschieht. Dabei entdeckt sie auf den Videoaufnahmen diesen alten, blassen Mann in Schwarz, der vielleicht gar den Tod symbolisiert. Oder ist er ein Geist, ein Verstorbener, der Teufel? Im Laufe des Films wird zwar nicht alles deutlicher und klarer, doch dass es hier um epigenetisch übertragene Traumata geht, die von Generation zu Generation tief verwurzelt bleiben und derer sich niemand entledigen kann, wird wohl eher zutreffen als lediglich eine simple Bedrohung, mit denen vielleicht das Ehepaar Warren aus dem Conjuring-Universum klarkommen hätten können. Ich fürchte, bei dieser scheinbar zeit- und raumlos existierenden Macht sind selbst diese beiden mit ihrem Latein am Ende.

Nur vage Vermutungen

The Wailing trägt trotz all seiner punktgenau gesetzten, schaurigen Horrormomente, die für Unwohlsein sorgen, wohl mehr die Charakteristika eines feministischen Mysterydramas um ertragenes Leid ganze Lebensspannen hinweg. Mascha Schilinski hat sich mit In die Sonne schauen Ähnliches zu dieser Thematik überlegt, nur ganz woanders angesetzt. Martín-Calero legt die Ereignisse weniger episch an und reduziert das einwirkende Böse auf einen toxisch-männlichen Aggressor.

Die Dinge auflösen will Calero dabei nicht, vieles bleibt unerklärt, im Dunklen und im Diffusen. Man kann nur erahnen, was es mit diesen Vorkommnissen auf sich hat. Einen Reim darauf, der nicht hundertprozentig schlüssig ist, aber in Frage kommt – den kann man sich dennoch machen. Ob das letztlich die Neugier befriedigt? In jedem Fall bleibt diese obskure Story am Ende jegliche Gefälligkeit ihrem Publikum gegenüber schuldig. Eine Wende mag gerade noch ihren Weg ins Drehbuch gefunden haben, ganz klar ist die Conclusio da aber auch noch nicht.

The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter (2024)

Das Omen (1976)

DER TEUFEL MIT IM SPIEL

6/10


DasOmen© 1976 Twentieth Century Fox


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 1976

REGIE: RICHARD DONNER

DREHBUCH: DAVID SELTZER

CAST: GREGORY PECK, LEE REMICK, DAVID WARNER, BILLIE WHITELAW, HARVEY STEPHENS, LEO MCKERN, PATRICK TROUGHTON, MARTIN BENSON, ROBERT RIETTI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Der beste Trick des Teufels ist doch bekanntlich der, die Menschheit im Glauben zu lassen, es gäbe ihn gar nicht. In Richard Donners Klassiker aus den 70er Jahren, den ich anlässlich des brandneuen Prequels Das erste Omen einer Erstsichtung unterzog, schenkt der Beelzebub diesem Leitsatz wenig Beachtung. Warum, so würde ich den Teufel fragen, kannst du denn nicht im Körper eines Dreikäsehochs so lange im Verborgenen bleiben, bis der Zeitpunkt gekommen ist, um das Ende der Menschheit einzuläuten? Warum benötigt der Knirps denn nebst eines furchterregenden Höllenhundes, der hechelnd an seiner Seite kauert, eine mehr als dubiose Amme, die gleich an die große Kirchenglocke (Allmächtiger behüte!) hängt, dass mit ihr so einiges nicht stimmt? Gute Miene zum bösen Spiel ist etwas für Feingeister, und wieder hole ich mir als bekennender Star Wars-Fan Referenzen aus der weit entfernten Galaxis, um auf die Diabolik eines Imperators Palpatine hinzuweisen, der jahrzehntelang eine ganze Republik in dem Glauben ließ, die Sith gäbe es gar nicht. Bei Richard Donner ist der Teufel allerdings einer, der dem allzu menschlichen Drang folgt, unbedingt im Mittelpunkt zu stehen.

So gut hätte er es haben können, der Leibhaftige. All die Menschleins mit ihren niederen Bedürfnissen in die Versuchung zu stürzen lief doch bisher so gut – warum dieses Outing? Weil der Horror eines verhaltensauffälligen Nachwuchses fürs Kino gerade richtig schien. Wenn die Kleinen sich winden und jammern, sie sich selbst als den Mittelpunkt des Universums verstehen und sich in gellender Hysterie aufbäumen, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, möchte man als Elternteil in der Hitze des Alltags durchaus eine diabolische Metaebene vermuten. In Das Omen erhärtet sich der Verdacht: Damien, der Satansbraten, ist das Kind des Teufels, wobei das Teuflische eher mehr von seiner Entourage ausgeht als von ihm selbst. Der Kleine tut, was Kinder eben tun, und niemand hätte je vermutet, was der Knabe einmal werden will, wäre Lucifer nicht so ein Stümper. Und wäre er nicht so ein Stümper, gäbe es keinen Film. Doch da sind wir jetzt, im Anwesen des US-Botschafters Robert Thorne, gespielt von Gregory Peck, der als alter Hase des schillernden Hollywood Donners Film ohne Frage veredelt. Doch wie sieht es mit dem Rest aus? Hat der Klassiker des Dämonenkinos all die Jahrzehnte überstanden, ohne Abnutzungserscheinungen davonzutragen?

Seit damals, 1976, hat sich im Subgenre des okkulten Horrors so einiges getan. An Richard Donners Pädagogenhorror hat dabei längst der Zahn der Zeit genagt, dem filmtechnischen und dramaturgischen Geist der Gegenwart entspricht der adrette Thriller leider längst nicht mehr. Vielleicht liegt meine nicht unkritische Wahrnehmung auch daran, dass die Handlungsweisen einzelner Personen, darunter eben auch die des Ehepaars Thorne, nicht ganz nachvollziehbar sind. Da Damien im Fokus der Handlung steht, Geistliche bereits flehentlich darum baten, ihre Prophezeiungen ernst zu nehmen und der Knirps gerne mal seine Mama ins Krankenhaus befördert, verwundert es umso mehr, dass die Obhut des Kleinen gerade dann, wenn alles bereits darauf hindeutet, es mit Absonderlichem zu tun zu haben, weiter einer Amme obliegt, die offensichtlich Böses im Schilde führt. Während Lee Remick alias Katherine Thorne ihre Verletzungen kuriert, forscht Gregory Peck im südlichen Europa nach den Hintergründen von Damiens Existenz. Ums Kind selbst kümmert sich keiner, der noch bei Verstand ist. Und das ist ein offensichtlicher Fehler.

Bizarre Todesfälle befördern jeden, der den teuflischen Plänen gefährlich werden könnte, ins Jenseits. Die Idee mit den auf Fotografien festgehaltenen Manifestationen nahenden Unheils hat zugegeben etwas Gespenstisches und erinnert an Roman Polanskis Herangehensweise in Rosemarys Baby. Vieles andere scheint jedoch zu simpel gestrickt, um auch noch so viele Jahre später subtiles Grauen zu erzeugen. Das Mysterium des Okkulten weicht in Das Omen vor zu viel Unschärfe in den Indizien zurück. Sie geben dem Zuseher Gewissheit für etwas, dass, wäre es nur im Bereich des Möglichen geblieben, viel mehr Wirkung erzielt hätte.

Man könnte Das Omen neben seiner filmgeschichtlichen Bedeutung als phantastischen Gruselthriller auch als die hundsgemeine Nihilisten-Version von Mary Poppins betrachten, die Rabeneltern im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt und die potenzielle Gefahr, die vom Einfluss wildfremder Personen ausgeht, in blutigen Lettern auf den Haussegen pinselt. Es ist ein Film über Familie und Verantwortung und die Ohnmacht der Eltern darüber, dass das Kind irgendwann mal den Erwartungen nicht entsprechen könnte. Das mag funktionieren, und zwar besser als in der Funktion, die To-do-Liste des Leibhaftigen abzuarbeiten. Denn dafür wirkt Das Omen mittlerweile so angestaubt wie die jahrzehntelang unberührte Verlassenschaft eines ehrgeizigen Vatikan-Exorzisten.

Das Omen (1976)