The Witch

INS BOCKSHORN GEJAGT

8/10


thewitch© 2015 Universal Pictures International Germany


LAND / JAHR: USA, KANADA 2015

BUCH / REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, RALPH INESON, KATE DICKIE, HARVEY SCRIMSHAW, ELLIE GRAINGER, LUCAS DAWSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Hättet ihr gewusst, dass Neuwelthexen zwecks Levitation ihre Besen mit dem Blut ungetaufter Babys besudeln? Nach dieser ernüchternden Erkenntnis wäre Harry Potters Nimbus 2000 wohl ein Fall für den Konsumentenschutz. Und auch bei Ottfried Preußlers kleinen Hexe fragt man sich dann schon, was genau hinter dem irrlichternden Waldeszauber wohl stecken mag. Wird schwierig, all diese historischen Quellen zu sondieren. Vieles vermengt sich zu schwer aufdröselbaren Mythen, die vor allem unsere schon von Kindestagen an nicht mehr wegzudenkenden Gebrüder Grimm in militant-moralische Märchen verpackt hatten. Ich sage nur: Kinder allein im Wald oder der Apfel, der Schneewittchen im Halse stecken bleibt. Den Grimms dürfte da einiges zu Ohren gekommen sein. Auf jeden Fall aber so einige Erzählungen aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert von jenseits des Atlantiks – auf der anderen, wilden Seite eines gerade mal seit einem guten Jahrhundert bekannten Kontinents, auf welchem ganz andere Dämonen fröhliche Urstände feiern als hier in der alten Welt. Oder aber: die Dämonen haben mit der Mayflower den Sprung ans neue Festland geschafft. Dem Teufel sei da womöglich gedankt – und all den puritanischen Separatisten, die als selbsternannte Heilige weitestgehend als Pilgerväter in die amerikanische Geschichte eingegangen sind. Denn ohne den Angstfaktor Antichrist lässt sich das Fromme wohl kaum besser definieren. By the way: Wie war das nochmal mit den selbsterfüllenden Prophezeiungen? Oder dem Beelzebuben, den man an die Wand malen kann? In Robert Eggers metaphysischem Historiendrama wird die Furcht vor dem Unbekannten zu einer mythischen Abhandlung über die finsteren Komponenten einer rätselhaften Natur, die sich keinem Fanatismus unterordnen möchte.

Oder aber, anders gefragt: Was wäre, wenn all diese albtraumfördernden Erzählungen selbsternannter Zeugen tatsächlich wahr gewesen wären? Was, wenn wir uns sowieso alle täuschen, und Hexen gibt es wirklich? Fragen wir doch die Filmgruppe, die in Blair Witch das Fürchten gelehrt bekam. Mit den Hexen von Eastwick, den Girlies aus Charmed oder überhaupt mit den Schülerinnen aus Hogwarts hat das Ganze nichts mehr zu tun. Diese archaische, dunkle Magie, die in The Witch schnöde Heimsuchung betreibt, scheint tausende Jahre vor so jemandem wie Bellatrix Lestrange oder Willow aus Buffy praktiziert worden zu sein. Und so nah, wie Robert Eggers den volkstümlichen Märchen kommt, so inhärent ist auch in dieser Aussteigerfamilie das Böse von Anfang an. Zu bemerken ist dies vorerst jedoch nicht. Auf einer Lichtung im Wald beginnt eine strenggläubige Familie, nachdem diese der Kolonie den Rücken gekehrt hat, ein neues Leben, mit ihren fünf Kindern und einigen Ziegen und Hühnern. Doch das Schicksal meint es gar nicht gut: der jüngste Spross verschwindet auf unerklärliche Weise, der Mais verfault und die Nahrung wird knapp. Frust senkt sich über den Hof – und schwelt wie ein Wundbrand, als sich der Sohnemann im Wald verirrt und die älteste Tochter der Hexerei bezichtigt wird.

Wir kennen das aus Arthur Millers grandiosem Theaterstück Hexenjagd: Es folgt das Tribunal, die Hexe muss gestehen und wird verbrannt, nachdem ausgiebige Folter das entsprechende Geständnis erwirkt hat. Nicht aber bei Robert Eggers. Sein Hexenfilm ist wohl das Erwachsenste, was es in dieser Genre-Nische zu holen gibt. Haneke würde einen solchen Film ähnlich inszenieren. Denn Eggers findet in die Kunst der Reduktion und der indirekten Darstellung des Bedrohlichen wie ein Spurensucher zum erlegten Wild. Wie schon in Der Leuchtturm besticht The Witch durch seine Adaption der Optik alter Originalgrafiken und Fotografien – in einer Art Schwarzen Romantik zwischen Goya und Johann Heinrich Füssli (Nachtmahr) ruht Eggers Stil. Beeindruckend dabei: die sorgfältige Handhabung nuancierter, ikonographischer Schreckensbilder, die aus dem Zwielicht des Waldes oder einer vielgestaltigen Dunkelheit heraustreten.

The Witch ist kein Horror der üblichen Sorte, sondern versteckt sich und bleibt verlockend, aber selten invasiv. Die Psychologie hinter Eggers aufgeräumtem Hexensabbat ist die der eigenen menschlichen Unzulänglichkeit, den Horizont zu erweitern, um dem Unerklärlichen standhalten zu können.

The Witch

Ready or Not

BRAUT UND SPIELE

7/10

 

readyornot© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: TYLER GILLETT, MATT BETTINELLI-OLPIN

CAST: SAMARA WEAVING, ADAM BRODY, HENRY CZERNY, ANDIE MCDOWELL, MARK O´BRIEN U. A. 

 

Komm lieber Mai und mache – der Monat der Vermählungen ist da! Im Mai besiegeln verliebte Paare gerne die Zweisamkeit vor Gott und Gemeinde, doch den Paaren sei ans Herz gelegt: mit der Partnerin oder dem Partner heiratet man die Verwandtschaft auch gleich mit. Die sind ungefähr so wie das Kleingedruckte bei einem Mobilfunkvertrag, die sippenhaftenden AGB sind mit dabei, aber so genau will man’s eh nicht wissen, denn die heiligen Zeiten, an denen man zusammentrifft, die sind verkraftbar. Ein genaueres Auge aufs Gegenüber des Sprösslings werfen die Schwiegereltern, daher zeigt man sich von seiner besten Seite und macht mal bei jedem Blödsinn mit, auch wenn man ihn nicht für sinnvoll erachtet. In Ready Or Not will zumindest mal die Dame nicht der Spielverderber sein. Nachher aber bitte Flitterwochen, und zwar nur zu zweit. Falsch gedacht, aus dem Spiel wird ernst. Zumindest für manche. Andere, die haben nach wie vor Spaß dran, denn es geht darum, die Braut zu finden und um die Ecke zu bringen. Search and Destroy, wie es so schön heißt. Was zur Hölle ist mit dieser Sippschaft nur los? Die werden doch wohl nicht mit Mr. Livingstone aus Jumanji abstammen, der in Joe Johnstons Original genauso Jagd auf Zweibeiner macht wie es hier die ganze Familie tut – bewaffnet mit altertümlichem Killergerät von Armbrust bis Henkersbeil. Wenn die Braut also bis Sonnenaufgang überlebt, hat sie gewonnen. Nur – sie darf das aus keinen Umständen. Warum, bleibt hier ein Geheimnis.

Das alte, holzgetäfelte, mit Antiquitäten vollgestopfte Gemäuer ist ein wunderbarer Schauplatz für einen blutigen Krimi wie diesen. Erinnert ein bisschen an Knives Out, und könnte somit auch das Ambiente für einen Agatha Christie-Krimi sein. Ein bisschen so wie ihr Werk Und dann gabs keines mehr, nur dass hier alles am Kopf steht. Eine ernste Angelegenheit ist Ready or Not zum Glück nicht. Diesen Umstand verschuldet großteils eine umwerfende Samara Weaving – als die Braut, die ums Überleben kämpft, lädt sie ihr Publikum ein zum Mitfiebern, und keine Sekunde lang würde man wollen, dass dem unschuldig zum Handkuss gekommenen Freiwild etwas zustößt. Die Braut, die hat die Pole Position. Und alle anderen sind fast schon übliche Verdächtige, die auf eine gewisse Weise auch nur Opfer sind, in einer verfahrenen, äußerst pikanten Situation, die höheren Mächten unterliegt. Wer kein Blut sehen kann, muss des Öfteren – und am Ende sehr oft – kurz mal wegsehen. Kreativ gestorben wird obendrein, allerdings ist das Ganze sehr überzeichnet und amüsiert sich über ein gewisses erbschaftssteuerfreies Establishment, dass seine Langeweile mit prestigeträchtigen Sinnlosigkeiten verplempert, wie zum Beispiel die Jagd auf Großwild, um nicht in Verruf zu geraten. Der Großpapa hat´s vorgemacht. Das obligate Foto mit erlegtem Wild ist da nicht weit.

Solche Menschenjagden hat das Kino prinzipiell schon des Öfteren gesehen. Und auch demnächst soll der ungesichtete Vorab-Skandalfilm The Hunt auch zum On-Demand-Abrufen sein. Van Damme oder Ice-T sind bereits vor einer ähnlichen The Rich Kill-Gesellschaft geflohen, dieses Machtspiel zwischen den Klassen bringt jetzt nicht erst seit Parasite auch Familien an den Rand ihrer althergebrachten Existenz. Ready or Not kokettiert verhalten mit alten Mythen, mit dem gesellschaftlichem Horror freundlich erzwungener Zerstreuungsabende auf dem Spielbrett, trägt natürlich immens dick auf und ist wenig zimperlich, taugt aber für eine perfid-spannende Scherzpartie, die an ausklingenden Polterabenden auf der Fernsehcouch des Trauzeugen vielleicht ein bisschen sauer aufstoßen könnte.

Ready or Not

40 Tage in der Wüste

EIN JEDI NAMENS JESUS

5/10

 

LDD_03274.CR2© 2017 Tiberius Film

 

ORIGINAL: LAST DAYS IN THE DESERT

LAND: USA 2017

REGIE: RODRIGO GARCIA

MIT EWAN MCGREGOR, CIARÀN HINDS, AYELET ZURER, TYE SHERIDAN U. A.

 

Es wäre eine Frage für den Mikromann: Die Fastenzeit von 40 Tagen ist nun vorbei. Das entspricht Jesu Aufenthalt in der Wüste. Wie lange war der Mann aus Nazareth im Outback und was hat er dort gemacht? Die richtige Antwort möchte ich hören! Denn auf Fragen rund um die Bibel souverän zu antworten mag schwierig werden. So bibelfirm sind die Unsrigen nicht. Und obwohl die richtige Antwort ohnehin schon wie beim  Mikromann immer in der Frage versteckt liegt, ist der Vorführeffekt immer stärker als die eigene Kompetenz, in Anbetracht eines vor die Nase gehaltenen Mikros logisch zu denken. Aber auch ohne Mikro und Mann lässt sich über Jesu Aufenthalt im knochentrockenen Niemandsland zwischen Jerusalem und Nazareth nur rätseln. Dem Zimmermannssohn soll der Teufel erschienen sein. Und ihm das Königreich zu Füßen gelegt haben. Die ganze Macht der Welt. Soll ihn verführt haben zum Mammon. Wirklich mehr steht nicht in der Bibel. In Martin Scorseses kontroverser Literaturverfilmung Die letzte Versuchung Christi sehen wir den gefallenen Engel als schwarz gekleideten, adretten Mann, der den Nazarener wie ein moderner Inquisitor auf die Probe stellt. In Last Days in the Desert hat der Teufel keine eigene Gestalt, sondern erscheint einem Spiegelbild gleich als zweiter Jesus. Als dessen dunkle, unterbewusste Seite. Manchmal aber auch als alte Frau am Wegesrand. Oder als Flüstern. Der zukünftige Messias ist das alles schon durch. Satan ist nur mehr ein Quälgeist, der staubige Spuren im Sand hinterlässt. Die 40 Tage liegen in der kargen Filmmeditation des Kolumbianers Rodrigo Garcia (Albert Nobbs, Gefühle die man sieht) Gott sei´s gedankt hinter uns. Der eingedeutschte Titel 40 Tage in der Wüste ist also irreführend. Denn es sind nur die letzten Tage, um dies es hier geht. Falls es um etwas geht. Das erkannt man nicht sofort. Und man erkennt auch nicht sofort, dass wir es mit einem Religionsfilm zu tun haben. Genauso gut könnte der Anfang von Last Days in the Desert der Anfang von Kenobi: A Star Wars Story sein. Tatsächlich macht auf Youtube ein Fake-Trailer seine Runde, der die ausgiebigen Wanderszenen eines Ewan McGregor als Jedi-Sinnsuche zweckentfremdet. Von Jesus also keine Spur. Aber dennoch – dranbleiben, dann wird aus dem weltbekannten Konterfei der Trainspotting-Ikone doch noch sowas wie ein Geistlicher, wenngleich ich mir vom biblischen Bringer einer neuen Ordnung mehr erwarte als einen in Fetzen gehüllten Pilger, der versucht, es allen recht zu machen.

Ist das tatsächlich die letzte Aufgabe, die der Teufel dem Messias stellt? Denn kurz vor Verlassen seiner selbst gewählten unsäglichen Ödnis (Nein, es handelt sich dabei nicht um die Jundlandwüste von Tatooine) trifft er auf sesshaft gewordene Nomaden, genauer gesagt auf eine schrecklich unglückliche Familie. Die Mutter todkrank, der Vater in seiner Vaterrolle scheiternd, der Sohn sehnsüchtig nach Jerusalem schielend. Jesus muss nun das Beste für alle erreichen, sonst hat er seine Prüfung nicht bestanden. Also vermittelt er zwischen Eltern und Kind in therapeutischer Zurückhaltung. Ich selbst bin kurz davor, die Prüfung hinzuschmeißen. Garcia´s Film ist das richtige Programm für die Karwoche. Fürchterlich ausgedörrt, kratzig wie ungewaschenes Leinen, und selbst den Staub der Wüste scheint man als Zuseher zu schmecken anstelle des knusprigen Fladens zum Gründonnerstag. In 40 Tage in der Wüste steckt kaum was Erquickendes, einzig vielleicht der Blick ins fruchtbare Tal, das da vor den Protagonisten liegt. Und Ewan McGregor gibt sich erstaunlich unerleuchtet. Zumindest scheut sein ikonenhafter Haarwuchs und der ungestutzte Dreitagebart keine testamentarischen Vergleiche. Ich schaue mir meinen Personal Jesus also sozusagen schön und ins richtige Licht. Irgendwann ist Ben Kenobi vergessen. Das letzte Bild überzeugt dann am meisten, wenn überhaupt als einziges. 40 Tage in der Wüste ist wie der Epilog von etwas, das nie gedreht wurde. Ausnüchterung im Breitbild, der einzige Trost liegt in der Erlösung vom Leben. Kinokarwoche at it´s best.

40 Tage in der Wüste