After Midnight

DA IST WAS IM BUSCH

6/10


after-midnight© 2019 Drop Out Cinema


 

LAND: USA 2019

DREHBUCH & REGIE: JEREMY GARDNER

CAST: JEREMY GARDNER, BREA GRANT, HENRY ZEBROWKSI, JUSTIN BENSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Wie geht der Song von Jack Johnson nochmal? Sitting, Waiting, Wishing. Ummünzen lässt sich dieser Titel so ziemlich haargenau auf den phantastisch angehauchten Südstaatenstreifen des Autorenfilmers Jeremy Gardner, der After Midnight sowohl geschrieben, inszeniert und mit sich selbst in der Hauptrolle auch besetzt hat. Filmemacherherz, was willst du mehr! Was dabei herausgekommen ist? Etwas recht Kauziges und durchaus Mysteriöses. Dabei wäre das kleine Filmexperiment nicht mehr und nicht weniger die Beziehungsgeschichte einer Langzeitpartnerschaft, die kurz dafür stünde, in eine zumindest aus weiblicher Sicht lang ersehnte Vermählung überzugehen. Haus- und Barbesitzer Hank, freiheits- und naturliebend und ab und an auch Rotwild jagend, macht keinerlei Anstalten, die Zweisamkeit ins nächste Level zu heben. Ihm geht’s ja gut, er vermisst schließlich nichts. Freundin Abby allerdings schon – und verschwindet von einem auf den anderen Tag. Zumindest ein Post-it hat sie hinterlassen: Auf dass sie bald wiederkommen wird. Nur wann, ist unklar. Und seit Abby weg ist, passieren seltsame Dinge des Nächtens rund ums Haus, in dem Mann sich, weitab von dörflichen Umtrieben, ziemlich einsam vorkommt. Und gefährdet, denn da ist was im Busch, ein monströses Etwas. Und es will ins Haus, schabt an der Tür, jede Nacht. Hank, die Couch vor die Tür geschoben und bewaffnet mit einer Pumpgun, will dem Untier auf die Schliche kommen. Wie sich aber herausstellen wird, ist das monströse Etwas nichts, was in den Tierbüchern steht…

Ein Horrorfilm ist After Midnight keiner, sondern vielmehr ein lakonisches Zusammentreffen zweier Ereignisse, die erstmal, so wie es scheint, überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Denn wie könnte ein Monster schon mit Abbys Abwesenheit in Verbindung stehen? Es beginnt ein nächtliches Mysterienspiel aus Neugier, Gänsehaut und kryptozoologischen Nachforschungen, die kaum Licht in die Sache bringen. Gardner spinnt seinen müßiggängerischen Filmtraum, in dem viel getrunken, an Türen gekratzt und schönen Zeiten nachgehangen wird, zwischen den Bartflechten der Sumpfzypressen bis zu den abblätternden Türzargen eines äußerlich verfallenen Hauses, den Horrorfilmer als Bühne dankbar annehmen würden. Doch interessanterweise will Gardner sein Publikum nicht zwingend gruseln. Er will die Parameter von Liebe und Zweisamkeit in eine raubtierhafte Sommernachts-Allegorie transportieren, indem sich Ist-Zustände, die im Argen liegen, manifestieren müssen, um wahrgenommen zu werden. Kreativ zwar, keine Frage, und garantiert nur etwas für Seher, die vorbehaltlos in einen Film gehen, denn sowohl Fans des phantastischen Kinos als auch Liebhaber diverser Beziehungskisten könnten an diesem Genre-Spagat durchaus so Manches vermissen. Ein bisschen hängt After Midnight daher im Nirgendwo, mag sich nicht fügen und auch nicht erklären, bleibt fast bis zuletzt in lethargischer Ruhe vor einem Sturm, der zu erwarten wäre, jede Minute des Films. Das Unterwandern der Erwartung ist fast schon fies, irgendwie aber auch eine Provokation in einem gewohnten Miteinander aus Film und Filmfan.

After Midnight

Feuerwerk am helllichten Tage

DER WÄRMENDE MANTEL DES SCHWEIGENS

7,5/10

 

feuerwerk-hellichter-tag© 2014 Weltkino

 

LAND: CHINA, HONGKONG 2014

REGIE: DIAO YINAN

CAST: LIAO FAN, GWEI LUN MEI, XUE-BING WANG, JING-CHUN WANG, AILEI YU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN

 

Ich weiß nicht genau, was es ist, aber Chinas Filmwelt ist neben historischem Ausstattungspomp unter anderem auch ein Spezialist dafür, melancholische Kriminaldramen zu erzählen. Wie macht es das? Und vor allem: wieso funktioniert das so gut, obwohl die Tempi der Geschichten aufs Notwendigste gedrosselt werden und der Kriminalfall als solcher mehr als ungeöffnete Büchse der Pandora im Hintergrund die Zeiten überdauert, während im Vordergrund menschliche, insbesondere zwischenmenschliche Dramen von Obsession, angeknackster Psyche und autoaggressiver Treue erzählen? Das sind haargenau jene Zutaten, die einen Film Noir erst so richtig sehenswert machen. Der beste seines Genres für mich: Der dritte Mann von Carol Reed, expressionistisch und innovativ, ein Nachkriegsfilm voller ramponierter Seelen und vieler Geheimnisse.

Feuerwerk am helllichten Tage erzeugt eine ähnliche Faszination, allerdings eindeutig rezenter, weniger abstrakter, aber die Zutaten stimmen: Regisseur Dao Yinan erzählt ein tragisches, diffuses Epos mit langem Atem, der sichtbar wird, wenn der Film druch die Wintermonate trägt. Im Zentrum ein Kommissar, der in dürrenmatt´scher Obesssion wie Kommissar Bärlach in Das Versprechen (eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe) einem Mordfall auf die Spur kommen will. Anfangs scheint es nämlich so, als könnten die vielen Puzzleteile noch zueinanderfinden. Und das sind sie, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Leiche, die gefunden wird, ist zerstückelt und per Güterwaggons in alle Himmelsrichtungen der Stadt verteilt worden. Wie es das Schicksal aber will, werden wie durch Zufall all jene mundtot gemacht, die vielleicht etwas wissen könnten. Und da gibt es noch die junge Frau namens Wu, die Witwe des Ermordeten. Die aber nicht nur ihn, sondern auch schon einen anderen Liebhaber auf gewaltsame Weise verloren hat. Eine Männermörderin? Kommissar Zili geht der Sache nach – und kommt nicht mehr los von diesem unlösbaren Mysterium und genauso wenig von der aparten Schönheit, die als Verdächtige gilt.

Die Taiwanesin Kwai Lun-Mei ist eine unnahbare und gerade durch diese Attitüde faszinierende Gestalt. Liao Fan, der bereits in Asche ist reines Weiß seine Männlichkeit und seine Sicht auf die Welt eines mutigen Frauenbildes hinterfragen musste, liefert als grummeliger, obszöner und gleichzeitig leidenschaftlicher Inspektor außer Dienst, der diesen seinen Fall noch unbedingt lösen muss, eine wunderbar ergänzende, intensive Performance ab. In diesem entschleunigten Rhtythmus kann sich eine hochkomplexe, detailverliebte Geschichte wie diese bestens entfalten. Feuerwerk am helllichten Tage (ja, dieser Titel ist nicht nur so daherpoetisiert) erzählt von Mitschuld, Manie und Selbstaufgabe. Die Protagonisten sind, wie für einen Film Noir, allesamt und auf gewisse Weise traumatisiert, ein Opfer ihrer Pflicht und ihres verbissen gelebten Alltags. Identifikationen sind sie keine, dafür aber tastet sich das Genre des Kriminalfilms weg von der Plakativität des Ermittelns und Erhaschens. Hin zu einer balladenhaften Schwermütigkeit ohne eine Spur von Selbstmitleid. Dafür aber mit dem Stolz des verträumten Verlierers.

Feuerwerk am helllichten Tage

Die Weite der Nacht

I WANT TO BELIEVE

7/10

 

vastofnight© 2019 Amazon.com Inc.

 

ORIGINALTITEL: THE VAST OF NIGHT

LAND: USA 2018

REGIE: ANDREW PATTERSON

CAST: SIERRA MCCORMICK, JAKE HOROWITZ, BRUCE DAVIS, GAIL CRONAUER U. A. 

 

Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen, da waren sich Scully und Mulder ziemlich sicher. Nur: die Wahrheit lag schon da draußen, da waren die beiden selbst noch Sternenstaub. Selbige fand ihre Spielwiese in New Mexiko, genauer gesagt in Roswell, als dort angeblich ein extraterrestrisches Vehikel samt Insassen geborgen wurde, was aber mittlerweile von vielen Seiten dementiert wird. Verschwörungsgurus wollen das gar nicht hören. Aber he! Langsam wird es Zeit, sich wieder mal anderen Fakten zuzuwenden, weg von entfesselten Virengewalten aus dem Versuchslabor. Weg von Chemtrail und Flat Earth-Ideen. Vielleicht wieder mehr herumstöbern in den UFO-Annalen? Das tut weniger weh, vor allem auch, weil man dort mehr fabulieren kann.

Erst heute morgen habe ich einen Artikel gelesen über die statistische Wahrscheinlichkeit außerirdischer Zivilisationen in unserer Galaxis. Nun, es müssten rund 35 solcher Fälle geben, parallel zu unserem Fall inklusive Schwankungsbreiten von mehreren Milliarden Jahren. Wenn es sie statistisch gäbe, dann wären wir von der nächsten viel zu weit entfernt, um die Post vom anderen Ende noch zu erwarten. Dennoch, und weil sich die im Flüsterton vorgebrachte Idee an geheimnisvollen lauen Sommerabenden bestens eignet – könnten die Fremden schon längst angeklopft haben. Vielleicht in den 50er Jahren, als Radio und Funk der Hochgenuss des Entertainments waren. Wo Tonbandgeräte für Verblüffung sorgten. Und wo Kleinstädte in New Mexiko prädestiniert dafür waren, das Mysteriöse anzuziehen.

The Vast of Night, oder – in der Übersetzung – Die Weite der Nacht (eine Formulierung aus Shakespeares Der Sturm) ist ein seltsam mysteriöses, kleines Phänomen und eine in sich fremdartig grummelnde Hommage an Orson Welles Radioperformance zu H. G. Wells Klassiker Krieg der Welten, womit er 1938 ganz Amerika zum Narren hielt. Regisseur Andrew Patterson hat sich sein Regiedebüt komplett eigenfinanziert. Eine Liebhaberei, das sieht man. Aus so Liebhabereien entstehen Innovationen, entstehen Experimente für neue Ansätze, um filmische Geschichten zu erzählen. Aber zugegeben: Aller Anfang ist nicht leicht. Die Weite der Nacht pflanzt uns Zuseher vor den Eingang einer kleinstädtischen High School (Buffy lässt grüßen) und hängt die ersten 20 Minuten an den Lippen der beiden Protagonisten Everett und Fay. Die quasseln ungebremst über Leute, die wir nicht kennen, über das Triezen anderer Mitschüler und das bevorstehende Basketball-Spiel in der Turnhalle. Später schlendern sie durch die laue Sommernacht und palavern über die Zukunft der Technik, über die absurde Vorstellung, in 50 Jahren vielleicht auf kleinen Hosentaschenbildschirmen mit anderen zu kommunizieren. Oder dass eine Stimme im Auto die Fahrtrichtung vorgibt. Begeisterte Technik-Nerds, das sind sie beide, er ein Moderator im Radio, sie im Nachtdienst an der Telefonvermittlung. Kurze Zeit später aber passiert das Rätselhafte: Seltsame Funkgeräusche werden wahrgenommen, Zeugen melden sich über Telefon, indem sie offenbaren, mehr über diesen Sound zu wissen als ihnen lieb ist. Und schon ist die Stimmung perfekt, der Zuschauer gefesselt, das große, verändernde Ereignis vielleicht kurz davor einzutreten?

Was Spielberg mit seiner Unheimlichen Begegnung der dritten Art mit viel Licht und Bühnenshow formuliert hat, lässt Die Weite der Nacht in einer bedeutungsschweren Spärlichkeit aus Licht und grobkörniger Kamera, ausgewaschenen Postkarten-Kolorit von damals und knackenden Geräuschkulissen eine ganz andere Gestalt annehmen. David Lynch gelang es meist, in der Abwesenheit von etwas oder einfach nur mit der Dunkelheit selbst enormes Unwohlsein zu erzeugen – Patterson gelingt ähnliches, lässt seine entfesselte Kamera auf Kniehöhe über die leeren finsteren Straßen ziehen, dann wieder folgt Schnitt auf Schnitt, dann wieder ein Blackout und die Mysterytour wird zum Hörspiel. Der Score selbst verbucht durch seinen unberechenbaren Mix aus Sound und Instrumenten eine ganze Metaebene für sich, entwickelt aber gemeinsam mit der enorm dialoglastigen Tendenz zum Kammerspiel a la The Guilty eine atmosphärische Erstaunlichkeit, obwohl oder gar weil dem Independent-Streifen einer dieser üblichen, manchmal aber sowieso eher aufgesetzten Story-Twists fehlt. Den schüttelt Die Weite der Nacht nämlich nicht aus dem Ärmel, das kommende Geschehen ist prinzipiell mal einzuschätzen, obwohl ich auf den Richtungswechsel in der Storyline bis zuletzt gewettet hätte. Man sieht aber wieder, dass mit dem semidokumentarischen Kniff eines Pseudo-Reports und dem magischen Retro-Charme einer Twilight-Zone-Episode aus flirrenden Schwarzweiß-Fernsehröhren Erdachtes einnehmend authentisch wirken kann. Man braucht nicht viel zu sehen, nur in seinem Mix alles zu empfinden, was für eine alternative Wahrheit sprechen kann. Und das prickelt, während das rationale Denken zugunsten jugendlicher Fantasien gerne eine Pause macht.

Die Weite der Nacht